Saturday, 25. June 2016
18.08.2014
 
 

Die Akte Wikipedia – die Sabotagequelle

Janne Jörg Kipp

Wikipedia ist die wohl beliebteste Informationsquelle weltweit geworden. Die so genannte freie Enzyklopädie verdrängte sogar das 244 Jahre alte Standardwerk Encyclopædia Britannica, und das innerhalb von nur zehn Jahren. Aufklärungsjournalist Michael Brückner deckt in seinem neuen Buch nun auf, wie skrupellose Propagandisten Wikipedia zur systematischen Fehlinformation nutzen – und wie gefährlich diese Quelle inzwischen geworden ist.

 

Michael Brückner blickt auf eine reiche Erfahrung als Autor, Wirtschaftsjournalist und Kommunikationsberater zurück. Aus mehreren Dutzend Büchern zu Finanz-, Europa- und Marketingthemen ragen Warnungen wie Vorsicht Währungsreform! und Mahnungen wie die weitverbreitete Politische Korrektheit sicher heraus. Nun widmete sich der vielzitierte Autor der Informationsquelle des Journalismus schlechthin, Wikipedia, der freien Enzyklopädie. Sein Werk Die Akte Wikipedia – Falsche Informationen und Propaganda in der Online-Enzyklopädie legt kurz und bündig auf 128 Seiten dar, wie Wikipedia inzwischen von Meinungsmachern ausgenutzt wird und welchen Gefahren wir uns alle mit diesem Nachschlagewerk aussetzen.

 

Das Buch ist derart kurzweilig und einprägsam geschrieben, dass ich es in wenigen Stunden ohne Unterbrechung lesen »musste«.

 

Daher darf ich es Ihnen heute vorstellen. Wikipedia umfasst heute, so erfahren wir, 27 Millionen Artikel in gut 280 Sprachen. In Deutschland nutzen mehr als 70 Prozent aller Männer und Frauen das Medium zumindest zur gelegentlichen Informationsaufnahme. Sogar Richter verweisen nach den Recherchen Brückners auf Wikipedia-Artikel. Erstaunlich, denn eine »freie Enzyklopädie« ist

eben frei und an sich nicht kontrollierbar.

 

 

So gibt es auf diesem Markt offenbar spezialisierte Agenturen, die Wikipedia-Inhalte gestalten. Und zwar so geschickt, dass Nutzer dies nicht merken. Autoren sind, teilt Brückner mit, oft Studenten, Lehrer sowie (Früh-)Rentner, also Personen, die viel Zeit mitbringen.

 

Die Vermischung unterschiedlicher Interessen und die Konzentration der Autorenschaft auf bestimmte Bevölkerungsgruppen wiederum lässt aus Wikipedia eine Sabotagequelle werden – und zwar ausdrücklich ohne Wikipedia unter Generalverdacht zu stellen, wie Michael Brückner betont.

 

So arbeiten die Agenturen

 

Diesen Hinweis unterfüttert Brückner mit markanten Beispielen und nennt einen Vorgang, den zunächst die britische Tageszeitung The Independent aufdeckte und für einen Riesenskandal sorgte. Lassen Sie sich überraschen.

 

Damit konterkarieren die Agenturen den angeblichen Vorteil von Wikipedia, die so genannte »Schwarmintelligenz«, das Wissen vieler, das die Qualität heben soll. Doch selbst das Wissen der Masse, erfahren wir von Michael Brückner, verringert nicht die kollektiven Fehler. Wenn die Herde in die falsche Richtung läuft, spielt die Zahl der Rindviecher keine Rolle mehr, könnte man übersetzen. Und so entstehen bereits in den ersten Lektüreminuten Fragen zur einfachen Nutzung von Wikipedia. Untersuchungen zeigen zudem, dass »bei rund 40 Prozent der Artikel (…) Hinweise auf tendenziöse Darstellungen festzustellen gewesen seien… in den meisten Fällen nach links«, zitiert der Autor verstärkend.

 

Das Kernproblem sind jedoch nicht die Falschdarstellungen, die offensichtlich gezielt auftauchen, sondern Journalisten, die einfach »abschreiben«. Journalisten verbreiten aufgabenbedingt die falschen Informationen rund um die Welt – und sind auf diese Weise Helfershelfer derjenigen, die Wikipedia als Sabotagequelle und Propagandainstrument missbrauchen wollen.

 

Wikipedia, schließt Brückner aus seinen Untersuchungen und Belegen, »nimmt massiv Einfluss auf die veröffentlichte Meinung«, unterstellt dies auch der Wissenschaft und fragt schließlich: »Kann es wirklich sein, dass eines nicht mehr allzu fernen Tages diejenigen, die Wikipedia kontrollieren, auch unser Weltwissen zu steuern und nach Belieben zu manipulieren vermögen?«


Meinungsmacher manipulieren die Wirklichkeit

 

Aber wer könnte ein Interesse daran haben? Wie funktioniert die Propaganda? Brückner weiß Antwort: Autoren, die ihre Texte einstellen – bis hin zum Ziel, Wikipedia als Werbeplattform zu missbrauchen –, bis zu Textarbeitern, die vorhandene Texte umschreiben, ergänzen oder löschen. Wir lernen Fallbeispiele über U-Boote bei Daimler kennen, die »Söhne Mannheims« oder über israelische Siedlerorganisationen.

 

All diese Fehlinformationen verbreiten sich ohne wesentliche Kontrolle, und so überrascht es den anfangs irritierten Leser schon nicht mehr, wenn Brückner belegt, dass die CIA, US-Abgeordnete oder der Vatikan zu den besonders eifrigen Autoren bei Wikipedia zählen. Auch Unternehmen aus dem Dax oder anderen deutschen Börsenindizes lassen die Einträge in der »freien Enzyklopädie« einfach bearbeiten.

 

Dabei scheint das Instrument Wikipedia im Vergleich zur traditionellen Konkurrenz einen weiteren Vorteil zu haben: Die Informationen sind leicht verdaulich, beschreibt Michael Brückner –»Fast Food des Wissens« – und zeigt die Mechanismen, mit denen wir als Nutzer in die Falle gelockt werden. Dies sind keine freien Erfindungen, sondern in aller Öffentlichkeit belegte Vorgehensweisen, die der Autor anhand von Fernsehberichten eindrucksvoll bebildert. Selbst die scheinbar durchdachte Organisationsform mit mehrstufigen Nutzerrechten scheint nicht zu helfen.

 

So erfahren wir von einfachen Nutzern, von »Sichtern« bis hin zu einem Schiedsgericht oder »Stewards«, die projektübergreifend die Qualität sichern helfen sollen. Allein: Die Organisationsform erinnert an den Aufbau von Sekten – und dementsprechend unattraktiv ist Wikipedia nach Meinung des Autors auch für neue, qualifizierte Autoren. Die Zahl der Autoren, arbeitet Michael Brückner heraus, ist seit 2007 um etwa ein Drittel geschrumpft. Die Leiterin des Unternehmens (oder der tragenden Stiftung), Lila Tretikov, gab zu, selbst noch nie für Wikipedia geschrieben zu haben.


Mit anderen Worten: Wikipedia ist inzwischen eine faktisch verschworene Gemeinde mit eigenen Regeln und gewieften PR-Schreibern sowie auf diese Weise effektives Element der Manipulation.

 

Das, was Brückner hier untersuchte, ist genau der Vorwurf, den immer mehr Wikipedia-Kritiker der »freien Enzyklopädie« tatsächlich machen. Die gegenseitige Kontrolle, von der dieses Medium an sich leben soll, funktioniert schlicht nicht. 1,7 Millionen Artikel, die auf 4,6 Millionen Seiten alleine im deutschsprachigen Raum verbreitet werden, lassen sich selbst bei gutem Willen kaum kontrollieren.


Informationstsunami nicht mehr zu kontrollieren

 

Und so arbeitet sich der Buchautor schnell zur alles entscheidenden Frage vor: Wenn das Gründungsvorhaben von Wikipedia, der freie Zugang zu allen relevanten Informationen, gescheitert ist – wer hat überhaupt noch ein Interesse an dem Unternehmen?

 

Wer finanziert Wikipedia? Fünf-, sechs- und siebenstellige Summen fließen aus der US-Großindustrie in die »Foundation«, also die Stiftung. Darunter sehr bekannte Spendernamen. Goldman Sachs, die US-Großbank mit engen Beziehungen zur Fed, der US-Zentralbank, zählt dazu. Große Softwareunternehmen, Autokonzerne, hier erfahren Sie alle Fakten.

 

Dies ist ein Werk von Jimmy Wales, dem Gründer von Wikipedia. Er hat offenbar eine Plattform geschaffen, die sich für die Großspender aus der Industrie lohnt. Seit 2008 hat sich das Aufkommen gleich mehr als verdreifacht, schätzt Michael Brückner und leuchtet das Geschäftsgebaren weiter aus.

 

Wikipedia, einstmals als Weltretter angetreten, hat inzwischen eine ganze Wiki-Familie gegründet. Unter anderem eine Bibliothek aus Lehr-, Sach- und Fachbüchern. Damit übernehmen nicht mehr Verlage mit üblicherweise bezahlten Redaktionen und Lektoren die Aufgabe, das vorhandene Wissen zu speichern, neu aufzubereiten und zu verbreiten, sondern unkontrollierbare freie Autorengemeinschaften, PR-Agenturen sowie die genannten Finanziers aus der Großindustrie. Das Ergebnis ist fatal, wie professionelle, seriöse Journalisten schon längst wissen. Michael Brückner blättert weit zurück und zitiert mit Stacy Schiff eine Pulitzer-Preisträgerin (also so etwas wie eine Oscar-Preisträgerin aus dem Filmgeschäft) aus dem Jahr 2006:

 

Wikipedia »verkörpert unsere neue, lässige Beziehung zur Wahrheit«.

 

Die Wahrheit ordnet sich einem »Kartell der Meinungsmacher« unter, wie Brückner anhand aufregender journalistischer Fallbeispiele noch einmal nachweist. So wundert es nicht, dass »60 Prozent aller Beiträge über Unternehmen« schlicht fehlerhaft sind.

 

Datenschutzskandale rund um das Unternehmen

 

Doch damit noch nicht genug. Noch nicht einmal der Datenschutz kommt in diesem so basisdemokratischen Medium zu seinem Recht. Der wohl unverdächtige Berliner Datenschutzbeauftragte Alexander Dix lässt sich zitieren. Er hält den von »Wikipedia gebotenen Datenschutz (für) ungenügend«. Schlechter geht es nicht mehr.

 

Selbst Korruption scheint nach den Forschungsaktivitäten von Michael Brückner bei Wikipedia inzwischen ein ernsthaftes Problem. Und so lege ich dieses Buch all denjenigen an die Hand, die sich eine zweite Meinung über die »freie Enzyklopädie« bilden wollen. Wohlgemerkt, dem Autor geht es nicht darum, Wikipedia grundsätzlich zu verteufeln, sondern lediglich darum, die zahlreichen Fehlentwicklungen und Manipulationstechniken aufzudecken.

 

Eine sehr wichtige, lesenswerte, nützliche und sogar unterhaltsame Lektüre. Noch ein Hinweis für Ihre Praxis: Wer mehr über die Qualität von Wikipedia-Seiten erfahren möchte, erhält schließlich ein wertvolles »Tool«, mit dem sich Inhalte prüfen lassen.

 

 

 

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Leser-Kommentare (15) zu diesem Artikel

18.08.2014 | 22:09

WachtamRheinbeiRhöndorf

Vom gut beschriebenen Propagandaeffekt abgesehen: "Fast Food des Wissens". Bingo! Wer sich ohne bildungsbürgerlichen Hintergrund auf diese politisch gefärbte, fachlich unwissenschaftliche gehaltene und sprachlich unstrukturierte sowie informativ aufgeblähte, dafür außerordentlich zeitgeist-kohärenten Spielwiese begibt, kann wohl Information erhalten. Schlauer, geschweige denn, gebildeter, wird er nicht werden. Die Verquickung von (selektierten) Fakten und Meinung ist...

Vom gut beschriebenen Propagandaeffekt abgesehen: "Fast Food des Wissens". Bingo! Wer sich ohne bildungsbürgerlichen Hintergrund auf diese politisch gefärbte, fachlich unwissenschaftliche gehaltene und sprachlich unstrukturierte sowie informativ aufgeblähte, dafür außerordentlich zeitgeist-kohärenten Spielwiese begibt, kann wohl Information erhalten. Schlauer, geschweige denn, gebildeter, wird er nicht werden. Die Verquickung von (selektierten) Fakten und Meinung ist lexikalisch völlig unhaltbar. In dem steigenden Maße, wie großen Suchmaschinen zunehmend noch auf diese virtuelle(scheinbare) Enzyklopädie verweisen, werden sie sich als seriöse Plattform abschaffen. Der Quellenverweis auf diese Internetquelle sollte staatlichen, institutionellen und Bildungseinrichtungen ohne Angabe der Sekundärliteratur verboten werden.


18.08.2014 | 17:51

geneigter Leser

Liebe Redaktion. Eure Zensurmaschinerie geht mir langsam gewaltig auf den S_a_c_k! Könntet Ihr mir mal erklären, was Euch stört, wenn ich den ersten Satz zusammenhängend schreibe? Danke im Vorraus


18.08.2014 | 17:51

geneigter Leser

7-Dann habe ich auf den einzelnen Seiten "Vernichtungslager" die dort angegebenen Zahlen summiert. Dabei kamen etwas über 4 Mio raus. Daraufhin habe ich auf der Diskusionsseite gefragt, wo den die restlichen 2 Mio hin sind und ob man die irgendwo finden kann. Keine 24 h war sogar die Frage wieder herausgelöscht worden. Irgendwie fand ich, daß das doch für sich spricht!


18.08.2014 | 17:49

geneigter Leser

6-berühmten sechs Mio Toten gestossen.


18.08.2014 | 17:47

geneigter Leser

5- und bin dabei auf die


18.08.2014 | 17:46

geneigter Leser

4 Holocaust informiert.

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