Samstag, 10. Dezember 2016
19.10.2014
 
 

Freier Fall an den Finanzmärkten – Kommt am Montag der Crash?

Markus Gärtner

An diesem Sonntag jährt sich zum 27. Mal der 19. Oktober 1987. Damals war das ein Montag, der berüchtigte »Black Monday«. Der Dow Jones Index verlor fast ein Viertel seines Wertes. Es war für die meisten Menschen ein finanzieller Erdrutsch, wie sie ihn nie zuvor in ihrem Leben gesehen hatten. Der Crash fühlte sich an, wie man den Riss eines Aufzug-Kabels im 67. Stock empfinden würde: Ein mächtiger Ruck, und dann nur noch freier Fall mit dem bangen Warten auf den alles vernichtenden Aufschlag am Boden. Ich erlebte diesen Tag als kleiner Praktikant in einem Abgeordnetenbüro im US-Parlament.

 

Als ich am frühen Nachmittag in die Kongress-Bibliothek ging, um ein paar Unterlagen zu holen, sah ich Trauben von Menschen mit ernsten Mienen und langen Gesichtern. Sie alle starrten ungläubig in einen TV-Bildschirm, als wäre gerade der Tod ihrer Eltern verkündet worden. Für das, was um sie herum geschah, hatten sie keinen Blick mehr. Sie waren fixiert auf den Fernseher mit tiefroten Zahlen und den rasant einbrechenden Kurstafeln. Ein rotes Meer des Untergangs.

 

Die vergangene Börsenwoche hat sich für Millionen von Anlegern ähnlich angefühlt. Acht Tage lang fielen bis zum Donnerstag die Kurse. Ein Aktienvermögen im Umfang von 3.300 Milliarden Dollar wurde vernichtet. Wir sahen Einbrüche beim Dow Jones von über 400 Punkten in einer einzigen Sitzung.

 

Dazu kollabierende Renditen bei den Anleihen, weil sich ganze Heerscharen von Anlegern und Investoren in die Bonds stürzen, um Sicherheit zu kaufen – Sicherheit vor einem dunklen Zeitalter ohne Wachstum und mit Deflation, jener verheerenden Spirale, bei der nacheinander Konsum, Preise, Investitionen und Jobs in einem brachialen Kreislauf abstürzen.

 

Die Furcht vor dieser Spirale bildet sich derzeit am besten im Ölpreis ab. Er beschleunigte in den vergangenen Tagen seinen Absturz, der in zwei Monaten fast 30 Prozent Einbruch bescherte. Wieder roch es nach Untergang, wie am 19. Oktober 1987, bis am Freitag die US-Notenbank gezielt Spekulationen in Umlauf setzte, sie könne die Zinswende nach oben, an der die fragile Weltwirtschaft zerbrechen würde – verschieben. Das hat uns allen am Freitag vorübergehend Ruhe verschafft.

 

Dass die Beruhigungspille länger wirkt, ist jedoch äußerst fraglich. Denn die Börsen haben ein schockartiges Aha-Erlebnis hinter sich, das sie so schnell nicht vergessen werden. Nach einer kurzen Beruhigung kann die Verschnaufpause in einen großen, weltweiten Finanz-Erdrutsch übergehen. Denn keines der Probleme, die zu den erneuten Turbulenzen beitrugen, hat sich plötzlich in Luft aufgelöst.

 

Das schroffe Erwachen an den Kapitalmärkten dauerte sechs Jahre seit der jüngsten Finanzkrise. Immer neue Geldschübe der fanatisch pumpenden Zentralbanken verdeckten in dieser Zeit die Tatsache, dass allen »Erholungs«-Versprechen zum Trotz unsere Volkswirtschaften sozial weiter auseinanderdriften, die massive Geldflutung den Reichen genutzt und den kleinen Sparern geschadet hat, die Reallöhne stagnieren, die Rechnungen weiter steigen und die Zahl der regionale Krisen rund um den Globus ständig zunimmt.

 

Bis vor ein paar Tagen schien es, als könne all dies den Börsen nichts anhaben. Sie wurden gestützt von biblischen Geldfluten, »Erholungs«-Propaganda und den tausendfach wiederholten Versprechen, die US-Konjunktur stehe besser da als von den meisten erkannt. Die Notenbanken verhielten sich in der Zwischenzeit wie Druglords in den Slums großer US-Städte, die für einen stetigen Fluss an Drogen sorgen, bis alle abhängig sind und sich darauf verlassen, dass sie ihre Probleme mit immer neuen Spritzen für alle Zeiten wegschießen können.

 

Doch jetzt fallen selbst die hartnäckigsten Optimisten der Wall Street vom Glauben ab. Es brauchte eine rapide abbremsende Weltwirtschaft, einen neuen Krieg im Nahen Osten (gegen den Islamischen Staat), dazu die Angst vor einer internationalen Ebola-Epidemie und die erneut verschärfte Dauerkrise in der Euro-Zone, um den vom Adrenalin der Notenbanken getriebenen Kapitalmärkten klarzumachen, dass wir auf eine massive Krise zuschlittern. Die Notenbanken haben mit Billionen von Dollar kräftig den Blick auf die Wand, gegen die wir fahren, vernebelt. Sie haben uns den Blick dafür verstellt, dass Billionen von Dollar, die seit 2009 in den Kreislauf gepumpt wurden, die Dauermisere nicht zu beenden vermochten.

 

Im Gegenteil: Das viele Geld hat lediglich die Preise für Immobilien, Wertpapiere, Energie und Nahrung aufgebläht, was die Kosten unserer Lebenshaltung treibt. Währenddessen haben uns die Notenbanken mit Minizinsen unterhalb der Inflation schleichend ausgeraubt. Das billige Geld hat die Regierungen der Euro-Zone, aber auch in Washington und Asien gelähmt. Es war für die Finanzminister einfacher, neue Schulden aufzunehmen, als Reformen zu beginnen.

 

Und das rächt sich jetzt bitter. Die gefährliche Illusion, dass wir uns den Weg aus der Dauermisere extremer Schulden, ausgezehrter Verbraucher und einer von der Finanz-Lobby korrumpierten Politik durch immer neue Geld-Tsunamis bahnen können, ist in den vergangenen Tagen geplatzt. Sie wurde so nachhaltig zerstört, dass selbst die US-Notenbank, die seit Monaten den Fuß vom Gaspedal nimmt, wieder mit einer beschleunigten Geldschöpfung liebäugelt.

 

Und das ist kaum überraschend. Denn die Euro-Zone rutscht tiefer in eine Depression. China bremst weiter ab. Japan hat den ökonomischen Rückwärtsgang eingelegt. Die großen Schwellenländer lahmen. Und die US-Wirtschaft ist zu zerbrechlich, um alle anderen aus dem Morast zu ziehen. Selbst Deutschland droht eine weitere Rezession. Nichts anderes als diese deprimierende Bestandsaufnahme steckt in den implodierenden Ölpreisen, den taumelnden Börsenkursen und den langen Gesichtern der vergangenen Woche.

 

Dass sich dieses Umfeld in Wohlgefallen auflöst, kann man über Jahre hinaus nicht erwarten. Wir werden neue Tiefen auslotsen. Denn die Notenbanken haben ihr Pulver weitgehend verschossen. Die Regierungen in Washington, Rom, Paris und anderen Hauptstädten haben kaum Geld, um jetzt ihre Konjunkturen kräftig anzuschieben. Und sie kämpfen gegen das strikte »Njet« der Austeritäts-Päpstin in Berlin an.

 

Schlimmer noch: Die Weltwirtschaft steht heute schlechter da als beim Ausbruch der letzten Finanzkrise. Sie ist nur einen weiteren Schock von einer zerstörerischen deflationären Spirale entfernt. Das ist der Grund, warum man selbst an der Wall Street jetzt fürchtet, dass das Ebola-Virus auch Aktien anstecken könnte. Auf diesen Gedanken wäre noch vor ein paar Wochen niemand gekommen.

 

Im Anflug auf die nächste Finanzkrise hat sich die Welt noch mehr verschuldet, als sie es 2008 schon war. Die Spekulation auf Pump an den Kapitalmärkten hat seitdem um 50 Prozent auf 150 Billionen Dollar zugenommen. Nur vier große Banken halten laut dem Office of the Comptroller of the Currency in den USA 93 Prozent von 236 Billionen Dollar an Derivaten. Das ist ein Arsenal finanzieller Massenvernichtungswaffen, das der Wirtschaftsleistung von Deutschland in 69 Jahren entspricht. Ein kleiner Funke in diesem Monster-Depot kann eine weltumspannende Kettenreaktion auslösen. In deren Verlauf würde das gesamte Bankensystem umkippen.

 

Vor nur zwei Monaten hat die US-Notenbank die Testamente der großen Banken für einen solchen Fall – sie sollen einen Weg aus einer Bankenkrise ohne Bailout durch die Steuerzahler weisen – als völlig unzureichend bezeichnet. In der industrialisierten Welt hat der gesamte Schuldenstand jetzt 275 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt erreicht, 175 Prozent in den Schwellenländern. Das sind in beiden Fällen 20 Prozentpunkte mehr als zum Ausbruch der jüngsten Finanzkrise. Von einer Wiederholung sind wir selbst laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich nur ein Haarbreit entfernt.

 

 

 

 

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Leser-Kommentare (23) zu diesem Artikel

21.10.2014 | 06:33

reiner hohn

Die Krise kommt bei mir auch immer zum Monatsende ,erschwerend kommt hinzu das mein Apfelbaum von irgendwelchen Geld Juden kahlgefressen wurde.


21.10.2014 | 05:24

Karsten

@Olli oder der Euro war und ist nur ein großer Feldversuch und die DM nie wirklich aus dem Kassensystem gelöscht.


21.10.2014 | 03:56

Kermit der Frosch

Wenn wird dieses System kontrolliert zusammen brechen zugunsten der Großkapitalisten...


20.10.2014 | 19:58

No. Harms

In diesem Zusammenhang sollten einige Begriffe geklärt werden. Notleidender Kredit im EU-Bankensystem=Geld das ein süditalienischer Mafiosi von einer registrierten Bank erhalten hat mit der Absicht niemals zurückzuzahlen. Deutsche Krankenschwester=Steuerzahlerin oft von rotgrünroten PolitikerInnen mit authentisch geröteten Backen und Aussicht auf Ministerposten zitiert in Talkshows. Zusammenhang? Mafiosi war erster Lover der Krankenschwester. Deswegen keine politische Relevanz....

In diesem Zusammenhang sollten einige Begriffe geklärt werden. Notleidender Kredit im EU-Bankensystem=Geld das ein süditalienischer Mafiosi von einer registrierten Bank erhalten hat mit der Absicht niemals zurückzuzahlen. Deutsche Krankenschwester=Steuerzahlerin oft von rotgrünroten PolitikerInnen mit authentisch geröteten Backen und Aussicht auf Ministerposten zitiert in Talkshows. Zusammenhang? Mafiosi war erster Lover der Krankenschwester. Deswegen keine politische Relevanz. Wer bezahlt in letzter Konsequenz? Der von der Krankenschwester geschiedene deutsche Facharbeiter über kalte Steuerprogression und inflationäre Entwertung seiner Altersversorgung.


20.10.2014 | 19:52

Deus ex Machina

ACH DU SCH**SSE --- CRASH!!!!! - Okay, jetzt am Montag, den 20.10.2014 um 19.55 Uhr: Falscher Alarm! Aber irgendwann, die Götter werden wissen, wann, wird es keinen falschen Alarm geben. In diesem Sinne: Bonam noctem et vale!


20.10.2014 | 17:14

Olli

es ist zwar heute nichts passiert. Aber ich habe heute im Real Markt Blankenburg Harz ein Gespräch mitgehört von einer Kassierin und einem Kunden. Die Kasse von Real hat seit 1 Woche genau die DM wieder im System. Die Kassiererin führte es sogar vor. Wenn man irgendwo 2 mal drauf drückt kommt anstatt Euro ..ein DM Betrag umgerechnet. Die Angestellten sind genervt weil sie nun 2 mal hinschauen müssen beim wechselgeld rausgeben. Das ist schon sehr eigenartig.

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