Montag, 21. August 2017
31.03.2016
 
 

Internes Spiegel-Papier: Heimliche Selbstkritik eines »selbstherrlichen« Magazins

Markus Gärtner

Ein internes Papier des Spiegel übt herbe Selbstkritik – Kritik, wie sie entrüstet zurückgewiesen wird, wenn sie gegen Deutschlands Leitmedien von außen kommt. Lügenmedien? Neeein, wir doch nicht! Alles rechte Hetze, eine pauschale Behauptung, die von PEGIDA kommt und schon deswegen abstrus sein muss.

 

Noch immer will es die große Mehrheit der Massenmedien nicht wahrhaben, dass sie ein riesiges Problem hat, das selbst verschuldet ist. Doch die Ausnahmen nehmen zu. In Blättern wie der Welt kann man inzwischen gelegentlich selbstkritische Forderungen wie diese lesen: »Die halbe Wahrheit zur Flüchtlingskrise ist zu wenig.« Oder der Hinweis von Handelsblatt-Chef Gabor Steingart, das Meinungsspektrum in diesem Land sei auf Schießschartengröße verengt worden.

 

Die meisten Mainstream-Blätter können, dürfen oder wollen sich nicht so weit aus dem Fenster lehnen, oder so tief in den Beichtstuhl begeben, je nachdem, wie man es betrachtet. Das gilt auch für Medien-Webseiten wie die zur Verlagsgruppe Handelsblatt gehörende Meedia.

 

Dort wird Medienkritik mit haarsträubender Unehrlichkeit geübt. Zum Beispiel wenn von Stefan Winterbauer ein Buch des ehemaligen Ko-Chefredakteurs der Bild, Peter Bartels, das jetzt bei Kopp erscheint, als »Hass-Kommentar in Buchform« diskreditiert und als eine »bräunlich-klebrige Soße aus Ressentiments und Selbst-Verklärung« mies gemacht wird, ohne auf die zentralen Kritikpunkte des Autors in dem Buch überhaupt im Detail einzugehen.

 

Der attackierte Autor, Peter Bartels, hat in seinem Buch heftige Kritik an strategischen Fehlern von Bild-Chefredakteur Kai Diekmann und den Mainstream-Medien in Deutschland geübt. Solche Kritik ist aber nur dann eine bräunliche Soße, wenn sie von unliebsamer Seite kommt.

 

Wenn dann ein unveröffentlichtes Papier des Spiegel auftaucht, das SWR-Mitarbeiter ausgegraben oder zugespielt bekommen haben, dann ist es ein »schonungsloser interner Report«, auch wenn das Papier viele der von Bartels gegen Bild und die eigene Zunft erhobenen Vorwürfe bekräftigt, darunter Selbstherrlichkeit, falsche Prioritäten, schöngeredete Probleme, Arroganz und verlorene Alleinstellungsmerkmale.

 

Man braucht als aufmerksamer Zeitungsleser gar keinen internen Report aus dem Spiegel, um diesen Befund zu teilen. Zahlreiche Beispiele der vergangenen Monate belegen Arroganz, Fehlleistungen, üble Verdrehungen und Beleidigungen des Publikums, dessen Flucht man nun in Hamburg in der Zentrale des Magazins zu analysieren scheint.

 

Beispiel 1: Am 10. Oktober bezeichnete Spiegel Online die Demonstration von bis zu einer Viertelmillion Menschen in Berlin gegen das Handelsabkommen TTIP als »Schauermärchen vom rechten Rand«, obwohl Gewerkschafter, Umweltverbände und Globalisierungsgegner prominent mitmarschiert waren und sich zu Wort gemeldet hatten. Sogar die taz warf dem Spiegel in diesem Zusammenhang Manipulation vor: »Vertreter der Bundesregierung, aber auch Wirtschaftsorganisationen wie der BDI und Medien wie Spiegel Online hatten im Vorfeld versucht, die Demonstranten als schlecht informiert darzustellen und ihnen Panikmache oder Antiamerikanismus vorgeworfen.«

 

Beispiel 2: Oder dieses Beispiel aus Spiegel Online vom 15. Januar 2015. Nach dem Anschlag gegen die Redaktion von Charlie Hebdo in Paris schreibt Jakob Augstein eine Kolumne über »Das Islam-Missverständnis«. Seine steile These: »Wir erzeugen uns den ›Islam‹, vor dem wir uns fürchten, selbst.« Reine Einbildung also. Doch schon auf dem Cover des Spiegel 13/2007 hatte das Magazin das Brandenburger Tor unter der islamischen Mondsichel mit dem fünfzackigen Stern und der Schlagzeile »Mekka Deutschland – die stille Islamisierung« gezeigt. Im Leitartikel vom 26. März 2007 wurde unter Hinweis auf »strengreligiöse muslimische Migranten« geschrieben:

»Die Fundamentalisten zeugen viele Kinder, den Männern und Frauen der Vergangenheit könnte sehr wohl ein erheblicher Teil der Zukunft gehören – auch den Muslimen in Deutschland. Deren Zahl wird sich nach einer Studie der Universität Tübingen schon 2030 deutlich mehr als verdoppelt haben.«

Wenn Demonstranten in Dresden heute derartige Sorgen über eine Verschiebung ihres kulturellen Koordinatensystems äußern, sind sie jedoch Rechtspopulisten und islamophobe »Angstbürger«. So viel zum Thema Verlogenheit.

 

Beispiel 3: Die Beleidigung des eigenen Publikums. Als sich im März 2015 viele Deutsche darüber ärgerten, dass der SPD-Politiker Sebastian Edathy im Kinderporno-Skandal straffrei davonkam, bescheinigte Jakob Augstein in einer Kolumne den Deutschen ein »ungesundes Volksempfinden«.

 

Beispiel 4: Wer auf den medienkritischen NachDenkseiten in der Suchzeile »Spiegel« eingibt, findet gleich eine ganze Reihe drastischer Beispiele über Verdrehungen, Propaganda und »ideologischen Journalismus« in einem Magazin, dessen »goldene Zeiten schon längst vorbei« sind. Darunter »schöner manipulieren mit Christoph Sydow auf Spiegel Online«; oder die ungeprüfte Verbreitung von Pressemeldungen der ukrainischen Regierung.

 

Beispiel 5: Der Spiegel 42 vom Oktober 2015 über einen »zynisch« und »skrupellos« in den Syrienkrieg eingreifenden russischen Präsidenten mit der Titelzeile »Russlands Weltmachtspiele: Putin greift an«. In der Propagandaschau beschrieb eine Leserin, die wegen dieser Ausgabe ihr Spiegel-Abo beendete, welchen Eindruck sie hatte, als sie auf dem Cover den Kampfbomber Putin im Cockpit eines Militärjets zu allem entschlossen auf sich zurasen sah:

»Hier sitzt ein martialisch blickender russischer Präsident in einem Kampfflugzeug, das wie in einem Computerspiel auf den Zuschauer zuzustürzen scheint, und soll anscheinend die Bereitschaft der russischen Regierung vorspiegeln, die deutsche Leserschaft anzugreifen. Dem entspricht auch der Tenor der Artikel. (Ich habe sie lediglich in meinem Zeitungskiosk überflogen, denn solche Hetze bin ich nicht bereit, finanziell zu unterstützen!) Da wird ernsthaft suggeriert, eine aggressiv hegemonial auftretende russische Regierung sei bereit, die ganze Welt kriegerisch zu erobern und ›der Westen‹ müsse hierauf massiv kriegerisch reagieren, schaue aber sträflicherweise passiv zu – wie einst die zu lange wartende und innerlich zerstrittene Anti-Hitler-Koalition.«

 

 

 

 

 

 

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