Thursday, 29. September 2016
13.03.2016
 
 

Komplizen-Journalismus: Die Angst des Spiegel vor schlechten Nachrichten

Markus Gärtner

Es ist eine Mischung aus Komplizen-Journalismus, schwarzem Kanal und Alzheimer, was der Spiegel seinen Lesern derzeit zum Thema Armut und soziale Benachteiligung in Deutschland zumutet. Eine wichtige Nachricht – grassierende Ungleichheit und soziale Ausgrenzung im Lande von Frau Merkel – wird mal als unpassende und gefährliche Munition für die AfD dargestellt, mal als wirklicher Skandal. Ganz abhängig davon, was die Autoren aus der zugrunde liegenden Information gerade stricken wollen.

 

Hier kommt die Beweisführung in Zitaten:

 

Spiegel Online am 23. Februar 2016. Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat gerade seinen neuen Armutsbericht vorgelegt. Die Schlagzeile im Spiegel: »Der gefährliche Blues vom bitterarmen Deutschland«. Im Vorspann heißt es dazu: »Ausgegrenzt und abgedrängt: Glaubt man dem Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, dann sieht es düster aus in Deutschland. Doch solche Schwarzmalerei ist gefährlich – gerade in Zeiten der Flüchtlingskrise.«

 

Die Begründung für diese Behauptung: »Unterstützung für AfD und Co«. Wer dem Verband »seine Botschaft einfach so abkauft« und »die Mär vom bitterarmen Deutschland verkünde«, so fürchtet der Spiegel, »den kann schnell die Wut packen – auf ein System, das die eigenen Bürger angeblich in Armut vegetieren lässt«.

 

Das soll heißen: Nachrichten sind nur dann Nachrichten, wenn sie nicht der »falschen« Seite in der öffentlichen Debatte Vorschub leisten. Hat das etwas mit Willkür, Bevormundung und Erziehungs-Journalismus zu tun? Natürlich nicht. Der Spiegel würde so etwas weit von sich weisen.

 

Aber blättern wir doch einfach die neue Ausgabe von diesem Samstag auf, den Spiegel Nr. 11/2016 vom 12. März.

 

Die Schlagzeile auf dem Titelblatt beklagt eine »geteilte Nation«, ein Land, in dem Reiche reicher werden und Arme arm bleiben, ein Land also, in dem nur wenigen der Aufstieg aus der Unterschicht gelingt und die soziale Spaltung »Wachstum und Wohlstand gefährdet«.

 

Der Spiegel bringt »erschütternde Belege« für eine Zweiteilung der deutschen Gesellschaft, in der die ärmere Hälfte der Bevölkerung »so gut wie nichts« besitzt oder Schulden hat, in dem die Verdienste der unteren 40 Prozent seit 20 Jahren schrumpfen, in der eine Unterschicht regelrecht herangezogen wird und in der »viele Niedriglöhner nicht mehr an den Aufstieg glauben«.

 

Allein innerhalb des Bezirks Berlin-Mitte unternehme man, so der Spiegel, mit einer zehnminütigen S-Bahn-Fahrt »eine Reise in eine andere Welt«, quasi »von der Machtelite ins Elend«.

 

Was hat den Spiegel wohl bewogen, binnen drei Wochen einen so mächtigen Schwenk zu machen und einmal vor »Schwarzmalerei« über die Armut im Land zu warnen, weil sie Wind in den Segeln der »Rechten« erzeugen könnte, und das andere Mal eine Kluft zwischen Arm und Reich zu beklagen, die das Wachstum des ganzen Landes ausbremse?

 

Der neue Spiegel mit der krassen Botschaft vom Sozial-Gulag der unteren Schichten und der Sklavenbootsituation, in der die Malocher im Ruderdeck angekettet bleiben, während es sich die Einpeitscher gut gehen lassen, kommt einen Tag vor den Landtagswahlen am 13. März heraus. Er liest sich fast wie eine erste Begründung dafür, warum die bürgerliche Mitte die Kartellparteien in Berlin mit ihrem Wahlzettel in Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt und Rheinland-Pfalz mächtig in den Hintern tritt.

 

Kommen Nachrichten also, wann es gerade passt? Und nicht, wenn sie entstehen und dem Publikum unverzüglich weitergereicht werden sollen?

 

Vielleicht sollten wir einen Blick in frühere Ausgaben des Magazins werfen, um zu sehen, ob Armutsberichte von Sozialverbänden früher auch schon als falsche Nachricht zum falschen Zeitpunkt betrachtet und als »gefährlicher Blues« eingestuft wurden, den man der Öffentlichkeit lieber vorenthalten oder nachrichtlich bereinigt servieren sollte.

 

Als der Paritätische Wohlfahrtsverband im Mai 2009 in einem Bericht warnte, Deutschland falle beim Lebensstandard immer weiter auseinander, da schrieb der Spiegel im Vorspann des Berichts am 18. Mai von einer »alarmierenden Armutsstudie«. Wenn jetzt nicht entschieden gegengesteuert werde, so gab das Magazin den Bericht vor sechs Jahren wieder, »drohe im Zuge der Krise ein weiterer massiver Anstieg der Armut und eine »Verödung ganzer Landstriche«.

 

Das war Deutschland am sozialen Abgrund. Aber von Schwarzmalerei oder Rückenwind für rechte Parteien keine Rede. Über die AfD sprach ja noch keiner.

 

Am 28. November 2012 kritisierte der Spiegel den frisch publizierten Armutsbericht der Bundesregierung und erhob einen schweren Vorwurf: »Regierung tilgte kritische Passagen aus Armutsbericht«. Es seien »Passagen über die wachsende Ungleichheit in Deutschland geglättet« worden. Der DGB wurde mit dem Vorwurf zitiert: »Die Bundesregierung will entscheidende Aussagen des Berichts verwässern, verschleiern und beschönigen.«

 

Auch am 11. März 2013 spielte sich das Blatt als Anwalt der Schwachen, Ausgegrenzten und Entrechteten auf, kritisierte die »soziale Misere im Land« und erklärte die Ära der sozialen Marktwirtschaft für »beendet«. Eine große Enteignung habe stattgefunden, aber nicht bei den Reichen, sondern im Volk.

 

Das Fazit damals: »Fast acht Millionen Menschen in Deutschland arbeiten für Niedriglöhne. Etwa zwölf Millionen leben an oder unter der Armutsgrenze. 25 Prozent der Beschäftigten in Deutschland haben sogenannte prekäre Jobs.« Ziel der Kritik war der Armutsbericht der Bundesregierung, der als »Armutszeugnis für Deutschland« bezeichnet wurde.

 

An seiner erschütterndsten Stelle, so schrieb das Magazin damals, zeige der Armutsbericht, »wie wenig Illusionen sich die Menschen über die deutsche Wirklichkeit machen«.

 

Jetzt, an diesem Wahlwochenende, machen sich die Deutschen wieder wenige Illusionen. Sie ahnen, dass sie dem Parteienkartell in Berlin zwar einen Denkzettel verpassen, aber nicht die Politik verändern können. Trotzdem ist die Angst in der politischen Kaste groß. Im Medien-Mainstream, der sich weitgehend zum Erziehungsministerium von Angela Merkel gewandelt hat, ebenso.

 

Das ist der Grund, warum der Spiegel plötzlich Angst davor hat, schlechte Nachrichten ungefiltert an das Publikum weiterzureichen, auch wenn seine Leser 4,60 Euro für jede Ausgabe hinblättern müssen.

 

 

 

 

 

 

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