Friday, 27. May 2016
23.11.2015
 
 

Mainstream-Kritik: Die Welt der Kanzlerin oder die Welt der Leser?

Markus Gärtner

Sind es veränderte Lesegewohnheiten? Oder ist die Mainstream-Presse wirklich so schlecht geworden, dass viele von uns kaum noch gedruckte Zeitungen lesen? Am vergangenen Samstag (21.11.) kaufte ich zum ersten Mal seit Monaten wieder eine Zeitung am Kiosk. Doch schon beim Blättern der ersten Seiten der Welt wurde mir klar, dass ich mir die 2,60 Euro auch hätte sparen können. Seite für Seite vermisste ich den Mehrwert. So scheint es ja einem erklecklichen Teil der Leser auch zu gehen. Der Welt kamen in den zwölf Monaten bis September 2015 rund 10 000 Abonnenten abhanden. Inklusive Welt Kompakt verlor das Blatt bei Abos und Einzelverkauf 14,5 Prozent.

 

Ist es ein Wunder? Nein. Das Blatt machte am Samstag mit einer Bildergalerie auf, die Angela Merkel – am Sonntag war zehntes Kanzlerjubiläum –  bei ihren Neujahrsansprachen seit 2005 zeigt. »Kanzlerin geht mit der Zeit« hieß der größere Text zwischen den Momentaufnahmen einer zunehmend düster dreinblickenden Merkel.

Keine Rede von einer Frau, die gerade mit ihrer Flüchtlingspolitik das Land spaltet, die europäischen Nachbarn zur Verzweiflung treibt, geltendes Recht aushebelt und Deutschland weit zurückwirft.

 

Im Kommentar auf Seite 1 wurde im Lichte der jüngsten Terroranschläge die »Rückkehr des Staates« thematisiert. Die blutigen Attacken in Paris und in Mali wurden erwähnt, dazu der Bombenanschlag auf die russische Verkehrsmaschine, die vor wenigen Tagen über dem Sinai abstürzte.

 

Und Hannover? Der Versuch von Terroristen, auch in einem deutschen Stadion zuzuschlagen, war schon keine Erwähnung mehr wert. Ganz im Sinne der politischen Kaste, die Deutschen nicht zu sehr zu verschrecken. Sie könnten ja verunsichert sein und gegen die »alternativlose« Flüchtlingspolitik aufbegehren. Eine Verbindung zwischen Flüchtlingsstrom und Terroristen? Pfui Deifel, sagt die deutsche Propaganda. Das ist Zeug für Rechtspopulisten und Verschwörungsmenschen. Und es heizt bloß auf.

 

Hier spinnt sich der Faden fast des kompletten Mainstreams auch in der Welt fort. Man darf den Lesern nur sagen, was sie nach Einschätzung ihres Deutungs-Adels verdauen können, ohne sich zu radikalisieren und gegen die Berliner Blockparteien zu revoltieren. Hier wird das Publikum wie ein Haufen unmündiger Pappnasen behandelt, die Aufklärung und Information nur in einem Umfang bekommen, der sie nicht auf die Barrikaden treibt.

 

Und ganz im Stil von Angela Merkel wird wiederholt: »Es genügt nicht, die Grenzen dichtzumachen.« Die Deutschen müssten sich zu Hause »an mehr Kontrollen gewöhnen«, und zwar permanent. Dass es auch eine Alternative gibt, nämlich die Kanzlerin aus dem Amt zu jagen und auf die Berliner Kartell-Parteien Druck auszuüben, damit sie wieder mehr Politik für ihre Wähler machen, das wird hier nicht erwähnt. Den Deutschen wird stattdessen nahegelegt, eine angeblich alternativlose Politik zu akzeptieren.

 

Auf den Folgeseiten: Altbekanntes, Beschwichtigungen, harmlose Nachrichten. Einigkeit falle in der EU nach den Anschlägen schwer, heißt es auf der Seite 4. Dass diese EU bereits am Kliff steht, weil wichtige Vereinbarungen von Dublin bis Schengen wackeln oder bereits außer Kraft gesetzt sind – und überall in Europa Zäune in den angeblich rosigen Himmel wachsen –, das traut sich das Blatt hier nicht herauszuarbeiten. In Wirklichkeit sind wir von Einigkeit in der EU so weit entfernt wie die Alpen vom Himalaya.

 

Immerhin wird im unteren Teil der Seite übersichtlich ein brisanter Bericht verstaut, der schildert, wie die Pariser Verkehrsbetriebe seit Jahren »Ärger mit muslimischen Angestellten« haben, »die sich radikalisieren«. Autsch! Bloß nicht zu hoch aufhängen, diesen Volks-Aufreger.

 

Auf der Doppelseite 6/7 wird dann Bilanz von zehn Jahren Merkel gezogen. Bewusst habe Merkel in diesen Jahren »den Souverän vor den Stürmen der Zeit abgeschirmt«. Dass sie den von der politischen Kaste immer häufiger ignorierten Souverän gerade in den größten Sturm seit dem Zweiten Weltkrieg zieht und nicht auf ihre Basis hören will, das steht nicht im groß gedruckten Teaser zu diesem Beitrag.

 

Dort heißt es weiter: Merkel fordere jetzt die Deutschen »alternativlos auf, mit Altbewährtem zu brechen«. Merkel ist hier die Weitsichtige, die das Land in die beste denkbare – und daher alternativlose – Zukunft ziehen will, die Deutschen zaudern und zögern und sind im Gestern gefangen.

 

Keine Rede davon, dass Millionen Deutsche gegen Merkels Flüchtlingspolitik sind und die Kanzlerin des gefährlichsten Roulette-Spiels bezichtigen, dem je ein Kanzler diese Republik unterzogen hat. Nun stehe sie »recht ungeschützt mitten im Publikum« heißt es in dem Artikel. Nein, liebe Welt, Merkel steht inzwischen am Rande. Nur trauen sich bisher nicht genügend Politiker der Union, sie über das politische Kliff zu stoßen und zu entsorgen.

 

Der Wirtschaftsteil dieser Ausgabe »glänzt« durch zwei Aufmacher, die herzlich wenig Nachrichtenwert haben und für aufmerksame Beobachter absehbar und von Analysten vorhergesagt worden waren: Die »Nachfrage nach Sicherheit steigt«, lautet die Schlagzeile des Aufmachers im Wirtschaftsteil, weil Veranstalter aller Art nach den Terroranschlägen der vergangenen Tage private Wachdienste buchen wie selten zuvor.

 

Und »Volkswagen kappt wegen ›Dieselgate‹ die Investitionen«. Davor, liebe Welt, haben seit Bekanntwerden des Abgasskandals schon wochenlang verunsicherte Zulieferer gewarnt und VW-Manager davon gesprochen. Viel spannender – und für die Leser richtiger Mehrwert – wäre es gewesen, auf der ersten Wirtschaftsseite mehr über die zu erwartende Delle für unsere Konjunktur zu schreiben, die durch rückläufige Investitionen und gebremsten Konsum bei ohnehin miserablen BIP-Zuwächsen nach den jüngsten Anschlägen dem nächsten Stresstest ausgesetzt wird.

 

Oder die Beobachtung, die man bei Autohändlern dieser Tage hört, dass VW bei Weitem keine so großen Absatzprobleme nach dem Skandal hat wie zunächst befürchtet. Oder vielleicht auch die immer noch drängende Frage, welcher Hersteller als Nächstes beim Abgasbetrug erwischt wird. Auch hier können Händler einiges erzählen. Nur: Kaputtgesparte Mainstream-Redaktionen haben nicht mehr die Manpower und die Korrespondenten, so viel Exklusives an der News-Front einzusammeln.

 

Dafür werden die Welt-Leser auf den Wirtschaftsseiten 10/11 dieser Ausgabe mit der Prognose von BDI-Hauptgeschäftsführer Markus Kerber gelangweilt, dass jeder Staat in der EU »mal seinen Bail-out nötig« hat – oder dass London die »Hauptstadt des dreckigen Geldes« geworden ist.

 

Viel lieber wäre uns Lesern ein Bericht über den nächsten Angriff von EZB-Präsident Mario Draghi auf unser Geld gewesen. Aber halt: Den Draghi-Bericht brachte die Welt tatsächlich, und zwar auf der ersten Finanzseite. Doch dort lesen wir eher eine Lobeshymne über einen ungewählten Geldmanager, der »als experimentierfreudig« gilt und »nie davor zurückschreckt, neue Wege zu gehen«.


Nach diesen einführenden Worten darf Draghi in dem Bericht quasi selbst übernehmen und unwidersprochen per Zitat behaupten: »Die Geldpolitik der EZB hat eindeutig funktioniert« und die Zinsen für Bankkredite an Firmen seien so stark gesunken, als hätte die EZB die Leitzinsen um einen vollen Prozentpunkt gesenkt.

 

Dass das in einer von schwachen Investitionen geprägten Konjunktur – und in Zeiten gebremsten Konsums in der Euro-Zone – nicht viel hilft, außer die Preise von Wertpapieren und Immobilien aufzublähen, das wird hier auch nicht kritisch thematisiert.

 

Stattdessen darf Draghi einfach wiederholen, dass seiner Ansicht nach Beschäftigung und Löhne positiv beeinflusst worden seien. Welche Konjunktur er wohl meint? Die Konjunktur in der Euro-Zone bestätigt lediglich, dass wir nahe an der völligen Stagnation dahindümpeln. In dieser Phase verlieren Europas Sparer im Euro-Raum dank rekordniedriger Zinsen jedes Jahr einen zwei- bis dreistelligen Milliardenbetrag an entgangenen Zinsen, geringeren Lebensversicherungs-Erträgen und Wertverlust beim Euro.

 

 

 

 

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