Sunday, 26. June 2016
10.12.2015
 
 

Angie schafft es doch noch: Muttis Heiligenschein kommt aus den USA

Markus Mähler

»Wir schaffen das!« ist das epochale Spätwerk unserer selbstlosen Kanzlerin. Bedankt haben sich bei der Mutter aller Flüchtlinge bisher nur die Syrer. Jetzt kommt aber noch ein unangekündigter Import über den Atlantik angeschwommen: Muttis Heiligenschein, Made in the USA. Das Time-Magazin kürt Angela Merkel zur Person des Jahres 2015: »Weil sie mehr von ihrem Land verlangt als die meisten Politiker wagen würden.« Sie habe in jede Krise eingegriffen, die Europa bewältigen müsse. Dabei hat sie zwar alles schlimmer gemacht – aber das mit gutem Willen.

 

Weihnachten kommt noch, die transatlantische Bescherung gibt es schon jetzt: Mutti ist ab sofort Königin von Europa. Angela Dorothea Merkel trägt den Titel »Chancellor of the free world«. Das ehrwürdige New Yorker Nachrichtenmagazin Time kürte sie zur »Person des Jahres 2015«. Endlich hat die Auserwählte ihren Platz in den Geschichtsbüchern, von dem sie schon so lange träumt. Erst vier deutsche Kanzler schafften das, der erste war 1938 ausgerechnet Adolf Hitler. Barack Obama wurde 2012 noch mit einem »Yes, we can« zur »Person des Jahres«. Damals hieß es, er sei der »Führer der freien Welt«. Diesmal gibt es von Time aus speziell deutschen Gründen bloß die »Kanzlerin der freien Welt«.

Trotzdem, eine große Ehre. Merkel hat sie mit dem geklauten Obama-Slogan »Wir schaffen das!« und minimalem eigenen Einsatz erreicht. Die Kollateralschäden der Flüchtlingskrise kehren immer noch Millionen Deutsche verzweifelt auf, die über Nacht und gegen ihren Willen in einem anderen Land aufwachten.

 

Warum eigentlich?

 

Gerade durch dieses Lager der Gebeutelten ging gestern ein verwunderter Schreckensruf: Warum! Warum wird ausgerechnet Merkel »Person des Jahres«? Unsere alternativlose Bundeskanzlerin hat jenseits des Atlantiks eine Menge Verehrer. Was wir aus der Nähe mit Schrecken sehen, betrachtet man dort begeistert aus der Ferne.

 

»Europas mächtigste Führungsfigur ist ein Flüchtling aus einer Zeit und von einem Ort, wo ihre Macht unvorstellbar gewesen wäre«, schreibt Time über den Ost-Export aus Hamburg-Barmbek, der als DDR-Reimport zur ewigen Kanzlerin wurde und inzwischen Europas dienstälteste Regierungschefin ist. Eine Politikerin, deren politischer Stil es ist, keinen zu haben, schwärmt das Nachrichtenmagazin. Wir wissen es besser: Eine Frau ohne Eigenschaften ist auch ohne German Angst, ohne Obergrenze, ohne Alternative, ohne Achtung vor dem Asylrecht oder dem Dublin-Abkommen.

 

Eine Physikerin wird für die angewandte Chaostheorie ausgezeichnet

 

Selbst das berühmt gewordene Leak-Papier hoher deutscher Sicherheitsbeamter hat es bis in den Lobartikel der Time geschafft. Man weiß in New York also, dass der Verfassungsschutz, das Bundeskriminalamt, der BND und die Bundespolizei Deutschland auf dem Weg ins Chaos sehen. Dank dem Lockruf unserer globalen »Person des Jahres 2015« an alle Flüchtlinge. Diese nette Geste setzte eine unaufhaltsame und chaotische Masseneinwanderung in Gang. Die Menschen kamen, überschritten nicht nur alle Grenzen, sondern überwanden auch alle Gesetze. Ganz Europa hat den Strom bis nach Deutschland durchgewunken. Selbst Sicherheitsexperten lässt Muttis epochales Spätwerk ratlos und anonym zurück:

 

»Wir produzieren durch diese Zuwanderung Extremisten, die bürgerliche Mitte radikalisiert sich, weil sie diese Zuwanderung mehrheitlich nicht will und ihr dies von der politischen Elite aufgezwungen wird. […] Wir werden eine Abkehr vieler Menschen von diesem Verfassungsstaat erleben.«

 

Sie verlangt von den Deutschen mehr ab, »als die meisten Politiker wagen«

 

In New York ist all das bloß German Angst und ganz weit weg. Die Time-Chefredakteurin Nancy Gibbs schreibt: Merkel verdient diese Auszeichnung, »weil sie mehr von ihrem Land verlangt als die meisten Politiker wagen würden, wie sie sich der Tyrannei entgegenstellt und weil sie moralische Führung gibt ‒ in einer Welt, in der es daran mangelt«. Dass all das auf dem Rücken und zu Lasten der Deutschen geschieht, steht dort nicht. Es wirkt wie die Ego-Show einer verehrten aber nicht geliebten Primaballerina. Die – frustriert von einer ausweglosen Euro-Dauerkrise – doch noch alle Herzen erobern wollte. Mit einer kleinen, überschaubaren Flüchtlingskrise. Die verzweifelte Suche einer grauen Frau nach einem bunten Lebenswerk.

 

Time sieht das anders: Wann immer Europa von einer Krise erschüttert worden sei, habe Merkel eingegriffen. Wir kennen das durchschlagende Ergebnis: EU-Krise, Euro-Krise, Griechen-Krise, Ukraine-Krise, Flüchtlings-Krise, Integrations-Krise, Nachwuchs-Krise, Renten-Krise, IS-Krise. Irgendeine Krise oder islamistische Terrormiliz vergessen? Das sind alles offene Dauerbaustellen, bei denen das Ende noch auf sich warten lässt. Jede Gefahr schwebt für sich genommen wie ein Damoklesschwert über unseren Köpfen: Noch sind wir reich, können aber nichts mehr davon genießen.

 

Diese Frau »geht nicht den einfachen Weg« und hat Europa im Schlepptau

 

Das Durchmerkeln in Krisenzeiten wird unter Deutschen bereits zum geflügelten Wort. Sowas gilt als todsicherer Ritterschlag zum Titel »Unperson des Jahres«. In den USA erklärt Time-Chefredakteurin Gibbs unsere Kanzlerin hingegen zur Heldin: »Man kann ihr zustimmen oder auch nicht. Aber sie geht nicht den einfachen Weg.« Was macht eine alternativlose Mutti jenseits der Grenze zur Verbohrtheit für die US-Amerikaner eigentlich so interessant? Die wahre Antwort ist hier drin versteckt:

 

»Bei Merkel schwang ein anderer Wertekanon – Menschlichkeit, Güte, Toleranz – mit, um zu zeigen, wie die große Stärke Deutschlands zum Retten statt zum Zerstören genutzt werden kann. Es ist selten, einem Anführer bei dem Prozess zuzusehen, eine alte und quälende nationale Identität abzulegen.«

 

Warum Merkel den transatlantischen Heiligenschein wirklich bekommt

 

Das große europäische Einigungsprojekt fördern die USA vor allem, weil damit auch seine vielen Facetten abgebaut – oder besser: zerstört werden. Die Quelle der kulturellen, wirtschaftlichen, politischen und wissenschaftlichen Vormacht unseres Kontinents war aber immer auch seine Vielfalt auf engstem Raum, die in harter Konkurrenz zueinander stand.

 

Europa, das ist eine einmalige Mischung aus Synergie und Widersprüchlichkeit. Mit diesem Motivationsturbo konnte der Kontinent über Jahrhunderte die eine Hälfte des Erdballs beherrschen und die andere besiedeln – unter anderem auch Nordamerika. Auch, wenn das in den Geschichtsbüchern mittlerweile verurteilt wird: Alle wirklich wichtigen Ideen der Moderne erblickten bei uns das Licht der Welt. Die guten und die bösen.

 

Jetzt soll vorbei sein, was von der großen Vergangenheit des kleinen Kontinents noch übrig ist. Europas Platz im asiatischen Jahrhundert haben die USA am Reißbrett skizziert: Wir sind nur noch ein gleichförmiger Brückenkopf, gefüllt mit transatlantischen Werten auf dem eurasischen Superkontinent – weil für Washington das Verhandeln mit den vielen widersprüchlichen Europäern einfach zu anstrengend, zu ineffizient ist.

 

Merkel hat den Terror-Kalifen besiegt, zumindest in der Time-Liste

 

In diesem großen Spiel hat Angela Merkel wirklich den Titel »Person des Jahres 2015« verdient. Sie blieb auch in der Dauerkrise der stoische Garant für das europäische Großprojekt. Nüchtern betrachtet wäre das Kartenhaus im Sturm der Dauerkrisen längst auseinandergefallen, wenn Deutschland nicht mit hastig eingebauten Stützpfeilern Pfusch am Bau betrieben hätte. Die Hütte steht zwar noch, aber auf Sand. Das ominöse europäische Fundament fehlt deutlicher als je zuvor.

 

Entweder wird der Betonkopf Merkel in der Europa- und Flüchtlingskrise von der Geschichte einmal belohnt – oder sie hat den Sargnagel in das alte Europa getrieben. Aus dem könnte ein neues Europa auferstehen, das sich wieder auf die Stärke seiner vielen Identitäten besinnt. Bleibt nur zu fragen: Hoffentlich war es das wert, Frau Kanzlerin. Der erste Platz in einer transatlantischen Liste, auf der die Nummer zwei bereits Abu Bakr al-Baghdadi heißt, der Terror-Kalif des Islamischen Staates. Auf Platz drei schmollt Donald Trump. Der US-Präsidentschaftsbewerber fühlt sich um den Sieg betrogen: »Sie haben die Person gewählt, die Deutschland ruiniert.« Die Time-Hitliste liest sich wirklich wie das Who-is-Who der internationalen Bösewichter.

 

 

 

 

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