Montag, 5. Dezember 2016
15.12.2015
 
 

ARD-Flüchtlingstalk: Die unverbesserliche Claudia Roth im Realitätscheck

Markus Mähler

Plasbergs Jahresrückblick ist explodiert. Stattdessen lief ein chaotisches Geschrei zum Dauerreizthema Flüchtlinge. Dabei grummelte und pöbelte sich eine beleidigte Claudia Roth einsam um den Verstand. Integrationspflicht, Kapazitätsgrenze? Alles »der falsche Weg« und: »Zahlen mag ich nicht«. Sogar ihr Duz-Freund Serdar Somuncu schämte sich für Roths grüne Gutmenschen-Parade. Die musste er mit »Schönfärberei« kommentieren und lieferte dabei den Satz des Abends: »Wir können auch mal böse Deutsche sein, das ist nicht so schlimm.«

 

2015 ist wirklich kein Jahr zum Vergessen: Euro kaputt, Volkswagen kaputt, Beckenbauers WM-Märchen kaputt. Dazu macht grenzenloser Terror in Paris auch noch unsere Freiheit kaputt. Interessiert hat das am Montagabend keinen. Plasbergs ARD-Talk Hart aber fair sollte ein Rückblick werden. Doch die Gäste pfiffen drauf und widmeten sich mit viel Geschrei wieder ganz dem Wesentlichen – unserem Flüchtlingschaos.

Aus ganz aktuellem Anlass: Nur Minuten vor der Sendung hatte sich die CDU den letzten Rest Kritik an ihrer »Wir-schaffen-das!«-Kanzlerin weggeklatscht. Mit einem Dauerapplaus von neun Minuten. Grenzenloser Jubel für eine alternativlose Angela Merkel auf dem Karlsruher Parteitag.

 

Weiter so! Ohne Obergrenze, ohne Grenzkontrollen. Die angekündigte Basisrevolte hatte sich von selbst verflüchtigt. Bloß ein einsamer Partei-Indianer wollte vor den Kameras überhaupt noch etwas gegen Merkel sagen. Dabei blickte sich Wolfgang Bosbach suchend um. Seine Bundesgenossen waren gerade wieder in den Mauselöchern verschwunden, also fiepste Bosbach kleinlaut am Rande: »Man muss doch gerade in einer großen Volkspartei lebendig über das Thema diskutieren können, das ja auch in einer gesellschaftlichen Debatte stattfindet.« Nein, muss man nicht. Flüchtlinge sind heilig. Sakralpolitik. Basta!

 

Kanzler-Basta: Den Asyl-Bankrott darf es in Deutschland nicht geben

 

Eigentlich steht Deutschland kurz vor dem Asyl-Bankrott, aber seine Demokraten schaffen lieber die Demokratie ab. Indem sie sich zu 100 Prozent hinter eine Kanzlerin stellen, hinter der das Volk nicht mehr steht. Im Plasberg-Talk nahm ausgerechnet die Opposition Merkels Große Koalition dafür in Schutz. Gegen – ja gegen wen eigentlich noch? Etwa gegen geknebelte Bürger? Die grüne Bundestagsvorsitzende Claudia Roth sagte: »Für viele Dinge, die Merkel heute gesagt hat, hätte sie auch bei uns Applaus bekommen. Ich bin froh, dass sie ihre Linie gehalten hat.« Das gab einen verstörenden Vorgeschmack auf den weiteren Verlauf in der Talkrunde.

 

Es sollte ein Wortchaos werden, das so richtig zum Flüchtlingschaos passt: Keiner hat dem anderen noch was zu sagen, weil Merkel sowieso macht, was sie will. Aber gut, dass wir drüber rumgebrüllt haben. Ausgerechnet der bayrische CSU-Ehrenvorsitzende Edmund Stoiber nahm dabei die Europa-Perspektive ein. Das ist nicht ganz frei von Ironie – vor allem, weil eine Politikerin wie Claudia Roth in der Runde saß, die eigentlich auf Europa dauerabonniert ist. Doch die Grünen verschließen im Moment ihre Augen vor Europa. Das zeigt in der Flüchtlingskrise seine wahre Fratze: Der Kontinent ist egoistisch, pragmatisch, die Union fällt auseinander.

 

Europa lässt uns mit den Flüchtlingen allein

 

Cicero-Chefredakteur Christoph Schwennicke brachte das auf den Punkt: »Der Strom reißt nicht ab. Die Menschen werden weiter nach Deutschland kommen. Länder wie Schweden, die sich bisher sehr kulant gezeigt haben, sagen: Schluss, Ende, wir können nicht mehr. Andere europäische Länder zeigen Merkel, zeigen Deutschland die kalte Schulter.« Unschöne Nachrichten gab es in der Sendung zuhauf. Serdar Somuncu bilanzierte etwa das grüne Märchen von der erhofften Mega-Integration kaputt: »Es sind eine Million gekommen, aber 700 000 verlassen Deutschland auch wieder.«

 

Diese Rechnung ihres Duz-Freundes passte Roth gar nicht. Sie reagierte aufbrausend, wollte ihren Duz-Freund sogar zum Schweigen bringen, zog wie ein beleidigtes Kindergartenkind an Somuncus Hand: »Jetzt bin ich dran. Nein, nein, nein.«

 

Claudia Roth will das sommerliche Flüchtlingsmärchen konservieren

 

So viel ernüchternde Realität störte die Grüne, die offenbar ganz woanders war – auf einer Gutmenschen-Parade zum Fremdschämen: »Da ist nach wie vor eine so riesengroße Bereitschaft der Menschen, zu helfen…« Schon gut, wir haben verstanden.

 

Claudia Roth möchte ohne Rücksicht auf die Kosten an den vielen Menschen festhalten, die gerade gekommen sind. Wir müssen sie integrieren, »weil sie morgen nicht nach Syrien zurück« können.

 

Warum müssen wir das eigentlich? Irgendwann wird es auch in Syrien wieder schön. Dafür braucht es dort aber Menschen. Trotzdem soll Deutschland ohne Blaupause Massen-integrieren, weil sich Claudia Roth am Sommermärchen der fantastischen Deutschen festklammert. In dem so viele das Gute in sich entdeckt haben. Unser grünes Erweckungserlebnis. Halleluja. Inzwischen wird es aber kalt und die Flüchtlinge frieren.

 

Obergrenze? »Ich mag keine Zahlen, sowas mag ich nicht.«

 

Die andere Seite der Realität sieht also so aus: Eine sonderbare Fraktion im Land besäuft sich an der eigenen Moral, träumt von den schönen Seiten des Sommers, nimmt alle in Meinungshaft, schwadroniert und rührt ansonsten kaum einen Finger. Obwohl eine gigantische Flüchtlingswelle vor allem viel harte, unangenehme, deprimierende und am Ende vielleicht fruchtlose Arbeit bedeutet. Aber wozu gibt es Steuern, Bürger, Behörden und Kommunen. Irgendjemand wird den Scherbenhaufen aus buntem Bruchglas schon aufkehren. Muss ja, oder? Diese nicht mehr so schöne Wahrheit gibt es auch und sie wird totgeschwiegen.

 

Entlarvend dazu lieferte Roth hohle Sätzchen wie dieses: »Wir schalten jetzt den Integrationsturbo an.« Und wie sieht der genau aus? Weiß sie nicht so genau. Zu einer Obergrenze sagte die Grüne bloß: »Ich mag keine Zahlen, sowas mag ich nicht.« Das in der CDU diskutierte Integrationsgesetz – Flüchtlinge sollen eine Art Integrationscheckliste mit ihrer Unterschrift besiegeln – bügelte sie ebenfalls nieder: »Das ist für mich keine Willkommenskultur.« Tja, und wie schaffen wir es nun? Einfach, indem wir mit guter Laune und gutem Willen auf stur schalten. So kann man Roths Integrations-»Politik« auf einen erschreckend schmalen Nenner bringen.

 

»Wir können auch mal böse Deutsche sein, das ist nicht so schlimm.«

 

Dazu lieferte Integrations-Komiker Somuncu eine Anekdote, die »total übertrieben und euphorisch« ist. Sie passte aber wie die Faust aufs blaue Auge: Die Anekdote vom befreundeten Arzt, der zwar in München lebt, aber wegen seiner indischen Herkunft eben irgendwie fremd aussieht. Am Tag, als eine ekstatische Masse am Bahnhof die ankommenden Flüchtlinge abfeierte, wurde auch er zum Opfer. Überrollt von Gutmenschen, die hysterischen Elends-Tourismus vor der eigenen Haustür betreiben. Abends stand der Münchner Arzt mit zwei Teddybären in der Hand völlig verstört in seiner Wohnung und fragte sich, was mit den Leuten in diesem Land passiert ist.

 

Eine Flüchtlingskrise löst sich nicht mit Teddybären auf, die man schuldbewusst entsorgt. Auch nicht mit mal kurz rausgehen und am ankommenden Elend schnuppern. Hinterher geht’s zurück in die warme Wohnung. Mutti wird das schon irgendwie schaukeln. Wird sie nicht, auch wenn dieser kollektive Irrsinn noch zu viele Deutsche ergriffen hat: Was jetzt begonnen hat, wird Jahrzehnte dauern. Das schafft sich nicht von selbst mit »Schönfärberei«. So bezeichnete Somuncu den bizarren Auftritt von Claudia Roth.

 

Ausgerechnet der Integrations-Komiker lieferte auch die Erkenntnis des Abends. Was das Land lernen muss, wenn die aufgezwungene Integration nicht bereits am Anfang scheitern soll. Harte Konsequenz, mit sich selbst, mit den Flüchtlingen: »Wir können auch mal böse Deutsche sein, das ist nicht so schlimm.«

 

 

 

 

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