Wednesday, 28. September 2016
17.11.2015
 
 

Der Drehtüreffekt: Das Netzwerk zwischen Journalisten und Regierung

Markus Mähler

Man braucht sie nicht einarbeiten, denn sie wissen, wie der Hase läuft: Journalisten wechseln auf die Regierungsbank, machen einen Abstecher in die Wirtschaft oder zur Werbung – und dann geht es wieder zurück in die Medien. Nebenbei erzählen sie ihrem Leser: »Keiner kann mich kaufen.« Eine Lüge, wie der Drehtüreffekt zeigt.

 

Der Springer-Journalist Jörg Eigendorf hatte schon immer ein ganz besonders wundersames Verhältnis zum Publikum. Mitten in der NSA-BND-Abhöraffäre erklärte er den Zuschauern beim hauseigenen Springer-Sender N24, dass es doch jetzt mal gut ist mit der öffentlichen Aufklärung: »Geheimdienste müssen geheim arbeiten können.« Auch ein US-Geheimdienst sollte beim Feind – hier übrigens das befreundete Deutschland – mit »illegalen Methoden« arbeiten dürfen.

 

Der Zuschauer-Verein »Ständige Publikumskonferenz« brachte Eigendorfs Frau Katrin Eigendorf in die Schusslinie.

 

Sie ist ZDF-Reporterin und Ukraine-Korrespondentin und hatte dank des Vereins zwei Programmbeschwerden am Hals, mit denen sich das ZDF herumschlagen musste.

 

Aber die Journalisten-Familie schlug zurück: Jörg Eigendorf ist Investigativ-Chef beim Springer-Blatt Welt und missbrauchte seine Macht für »kleinliche Rachegelüste«, schreibt das Onlinemagazin Telepolis: Er setzte sein ganzes Reporter-Team auf den Verein der aufgebrachten Zuschauer an – besonders auf seine Sprecherin Maren Müller. Die sollte mit ausgegrabenen Stasi-Vorwürfen am Pranger landen.

 

»Und wenn das dann auch noch gut bezahlt wird – umso besser«

 

Wohl auch zum Glück für etliche Zuschauer wird der Springer-Journalist Eigendorf sich in Zukunft nicht mehr mit Zuschauern befassen. Er wechselt – jetzt offiziell – die Seiten und ist ab sofort Kommunikationschef der Deutschen Bank. Dem Wirtschaftsjournalist gab er ein Interview über den vorläufigen Abschied bei Springer – und bewies noch einmal Janusköpfigkeit oder ein Gedächtnis wie ein Schweizer Käse.

 

Eigendorf versprach: »Keiner kann mich kaufen.« Ein paar Zeilen drüber sah das aber noch ganz anders aus. Dort schwärmte er über seine neue Mission als PR-Chef der Deutschen Bank: »Und wenn das dann auch noch gut bezahlt wird – umso besser.«

 

Journalisten lassen sich nicht kaufen, sondern nur gerne gut bezahlen – egal, von wem. Dafür wechseln sie die Seiten und auch wieder zurück. Die Branche nennt es den »Drehtüreffekt«. Eigendorf ist dafür nur das prominenteste Beispiel seit Steffen Seibert. Der sprang vom heute journal des CDU-nahen ZDF eben mal kurz auf die Regierungsbank. Dort flüstert Seibert als Regierungssprecher anderen Journalisten Merkels Politik ein.

 

Der Absprung gehört bei Medienprofis in den Lebenslauf

 

So sieht der ganz normale Wechsel-Wahnsinn im Parteienkarussell aus. Bei der Bundespressekonferenz am 9. November stellte Seibert den neuesten Zugang aus dem Journalistenlager vor: Sibylle Quenett war eben noch stellvertretende Chefredakteurin der Mitteldeutschen Zeitung, jetzt ist sie Sprecherin des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

 

Es klingt irrwitzig, aber der Seitenwechsel ist keine fragwürdige Ehre für Star-Journalisten. Abspringen gehört mittlerweile in jeden Lebenslauf.

 

Bei der Konferenz stellte Quenett ihren Werdegang im Schnelldurchlauf vor: Vom Chemiekonzern BASF kam sie zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dort stieg die Politikjournalistin ins Bundesumweltministerium auf und war Vize-Pressesprecherin – erst für Klaus Töpfer, später für Angela Merkel. Von dort ging es als Chefredakteurin wieder zurück in den Journalismus. Und jetzt? Wieder mal hochgewechselt; als Pressesprecherin ins Bildungsministerium.

 

Mit bestechenden Informationen zur gefälligen Berichterstattung

 

Was passiert dabei eigentlich in den Köpfen der Journalisten? Es ist der Wandel vom Anwalt der Wahrheit zum Erfüllungsgehilfen der Wirklichkeitsverschleierung. Nichts anderes ist PR: Sie sorgt mit bestechenden Informationen für gefällige Berichterstattung, damit ihr Brötchengeber besser wegkommt, als er eigentlich ist.

 

Dieser grenzenlose Wechsel, das Hin und Her, funktioniert eigentlich nur dann, wenn Journalisten sich selbst und ihre Rolle nicht mehr ernst nehmen, wenn sie alle Ideale aufgeben: überparteilich, unabhängig und frei von Vorurteilen sein oder im Dienst ihrer Leser aufklären. All das verkommt zur Worthülse.

 

»Wer vertraut uns noch?«

 

Dieser Drehtüreffekt fährt den Journalismus immer tiefer in die Krise, obwohl der ohnehin schon genügend andere Probleme hat. Wenn Zeit-Journalisten wie im Juni 2015 fragen: »Wer vertraut uns noch?«, denken immer mehr Leser auch an Journalisten wie Jörg Eigendorf.

 

Der erklärte gerade auf Facebook: »Manch einer wird mir nun sagen, dass ich auf der anderen Seite nicht glücklich werden kann. Vielleicht stimmt das. Sollte es so sein, werde ich anschließend hoffentlich ein besserer Journalist sein.« Das verrät eher absolute Beliebigkeit, die für nichts steht. Sollen Leser tatsächlich glauben, dass Journalisten besser werden, wenn sie nur oft genug ihr Gewissen wechseln?

 

 

.

Ergänzende Beiträge zu diesem Thema

Zukunftsprognose: FAZ, SZ, Spiegel und Zeit verschwinden in der Nische

Markus Mähler

Die Medienforscher Michel Clement und Christian-Mathias Wellbrock haben 13 Thesen zur Zukunft der gedruckten Medien veröffentlicht. Zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften werden langfristig nicht überleben. Selbst die großen Journalismus-Marken sind »binnen zehn Jahren ein Nischenprodukt«. Wer wird ihren Platz einnehmen?  mehr …

Staatsjournalist behauptet: Die »Lügenpresse« lügt wirklich nicht

Markus Mähler

Marco Bertolaso ist Nachrichtenchef beim Deutschlandfunk – durch den Segen der Zwangsgebühr ein Staatsfunk-Paradies, wo der Journalismus seine Krise aussitzen darf. Ausgerechnet aus diesem Biotop heraus erklärt der Staatsjournalist seinem Publikum, warum die »Lügenpresse« nicht lügt, jedenfalls »nie absichtlich«. Das seien stets nur »handwerkliche  mehr …

Frontal 21: Das Schüsschen gegen den Kopp Verlag wird zum Rohrkrepierer

Markus Mähler

Kampagnenjournalismus aus dem Zwangsgebühren-Biotop. Frontal 21 will den Kopp Verlag an den Pranger nageln: »Verschwörungstheoretiker sahnen ab. Das Geschäft mit der Angst.« Dabei geben wir nur Menschen mit berechtigten Sorgen eine Stimme in der Flüchtlingskrise. Das wäre zwar die Aufgabe von ARD und ZDF, dort ist man aber aus der Realität längst  mehr …

Wer diesen Artikel gelesen hat, hat sich auch für diese Beiträge interessiert:

Putin: Islamischer Staat wird aus 40 Ländern finanziert

Redaktion

Der russische Präsident Wladimir Putin erklärt, er habe während des G20-Gipfels am Wochenende in Antalya die anderen Staats- und Regierungschefs über seine nachrichtendienstlichen Erkenntnisse zur Finanzierung des Islamischen Staates (IS) informiert. Laut diesen Erkenntnissen wird der IS aus über 40 Ländern, darunter auch mehreren  mehr …

Mysteriöse Bälle stürzen vom Himmel: Gebiet zunächst unter Quarantäne

Andreas von Rétyi

In den vergangenen Tagen fielen seltsame Dinge vom Himmel: Am 13. November verglühte ein unbekannter Flugkörper über dem Indischen Ozean, während in Spanien und an der Schwarzmeerküste in letzter Zeit mehrere mysteriöse dunkle Kugeln niedergingen. Absturzstellen in Spanien wurden unter Quarantäne gestellt.  mehr …

Enthüllt: 24 Stunden »Hotline« für angehende Terroristen

Udo Ulfkotte

Aus der Sicht der Hintermänner des islamischen Terrors sind junge Terroristen auch nur Menschen. Und manch einer der Nachwuchsterroristen benötigt Hilfe, weil er beispielsweise beim Bombenbau technische Probleme hat und mit den Anschlagsvorbereitungen nicht weiter kommt. Dafür gibt es jetzt ein Hilfsportal. Unterdessen fordern Geheimdienste  mehr …

Sinai-Flugzeugabsturz: Putin kündigt Vergeltung für den Terroranschlag an

Redaktion

Jetzt ist es auch von russischer Seite amtlich: Der Absturz der Airbus-Maschine mit 224 Menschen an Bord vor ein paar Tagen über der Sinai-Halbinsel war ein Anschlag von Terroristen. Der russische Präsident Wladimir Putin hat heute früh Vergeltung dafür angekündigt. Putin stützt sich auf Erkenntnisse seines Inlands-Geheimdienstes FSB.  mehr …

Werbung

Lügenpresse

Eine schonungslose Abrechnung mit unseren Massenmedien

Den deutschen Leitmedien laufen die Leser davon. Hohe Auflagenverluste, Anzeigeneinbrüche und massive Kritik aus der Leserschaft - das sind die Symptome einer Medienlandschaft, die völlig versagt. Journalisten sind nicht nur gekauft, sie verhalten sich ihren Lesern gegenüber auch wie Oberlehrer. Anstatt ihre Leser objektiv zu informieren, versuchen sie diese durch Fälschen, Verdrehen und Verschweigen politisch korrekt zu erziehen und zu manipulieren.

mehr ...

Newsletter-
anmeldung!
Hier erhalten Sie aktuelle Nachrichten und brisante Hintergrundanalysen
(Abmeldung jederzeit möglich)

KOPP EXKLUSIV – Jetzt bestellen

Brisante Hintergrundanalysen wöchentlich exklusiv nur bei uns.

Katalog – Jetzt kostenlos bestellen

Bestellen Sie unseren Katalog kostenlos und unverbindlich.