Friday, 1. July 2016
04.12.2015
 
 

Der irre Überlebensplan der Leitmedien: Mit einer Schrumpfkur wachsen

Markus Mähler

Das klingt doch nach (k)einem Konzept: Spiegel, FAZ und Gruner + Jahr (Stern) setzen ihre Journalisten jetzt massenhaft vor die Tür. Es geht um hunderte Stellen und eine Schrumpfkur über viele Millionen Euro. Weniger Schreibsklaven sollen mehr Geld aus absaufenden Zeitungen und Magazinen herausquetschen. Das Kaputtsparen geht an der Speerspitze vorbei: Die Spiegel-Alphas kleben ihr Sitzfleisch mit Patex auf die Sessel und genießen weiter sahnige Privilegien. Die fasste das Magazin einmal so zusammen: »Wir sind wir, und der Rest sind Friseure.«

 

Dahinter stehen immer weniger kluge Köpfe: Die Frankfurter Allgemeine Zeitung streicht 200 der 900 Stellen im Verlag, darunter 40 Journalisten. Sie will so 20 Millionen Euro bis 2017 einsparen. Gruner + Jahr möchte gleich 75 Millionen weniger ausgeben und baut dafür 400 Jobs bis 2017 ab – immerhin jede sechste Stelle in Deutschland. Bei dieser Gelegenheit wrackt der Verlag sein Flaggschiff Stern ein bisschen ab und schiebt dort 60 Menschen auf die Straße. Beim legendären Hamburger Journalisten-Sanatorium Spiegel wird der große Kahlschlag gleich als schrödereske »Agenda 2018« verkauft: In den kommenden beiden Jahren werden 149 der 727 Stellen gestrichen, darunter 35 Journalisten. Damit lassen sich gerade einmal 16 Millionen sparen.

 

Die Mehrheit unserer Leitmedien macht zwar immer noch Gewinne, aber die schwarzen Zahlen schrumpfen dort in schwindelerregendem Tempo. Von 2007 bis 2014 brach der Gewinn beim Spiegel um 48 Prozent auf zuletzt 25 Millionen Euro ein.

 

Bei Gruner + Jahr sank er allein 2014 von 105 auf 80 Millionen, die FAZ macht bereits seit 2011 Verluste. Die klassischen Massenmedien erreichen im digitalen Zeitalter einfach immer weniger Masse. Sind die Generalisten am Ende?

 

Auf zum Mondflug: Weil der Boden der Tatsachen kaputt ist

 

Zumindest fehlt ein Konzept, eine Vision: Der leckgeschlagene Kahn soll sich jetzt durch Abwracken aus eigener Kraft über Wasser halten. Niemand möchte noch Geld nachschießen, denn insgeheim rechnet jeder mit dem Absaufen. Also darf der Segelmast kleingehackt werden, um das Leck unter Deck zu stopfen. Wachstum durch Sparen, lautet die Devise. Dabei wäre Kaputtsparen das journalistisch treffendere Wort. Wer sich das Säen auf dem Feld einspart, erntet bestenfalls Unkraut. Ohne Bewegungsspielraum kann auch jede Strategie gestrichen werden.

 

Also verpacken FAZ, Spiegel & Co den Irrsinn in versponnene Worthülsen, auf die sonst nur Unternehmensberater der Marke McKinsey abonniert sind. Die neue »Agenda 2018« beim Spiegel wimmelt davon: »Minimal« führt zum Erfolg, »schlanker«, »flexibler«, »effizienter«. Das fehlende Geld für Investitionen wird dort zusammengekratzt, indem 149 Menschen geopfert werden. Von dieser Spende aus dem eigenen Rückenmark werden elf Pilot-Projekte umgesetzt. Zum Beispiel kommen bei Spiegel Online Bezahlinhalte und das am besten über eine Flatrate. Die exklusiven Inhalte des gedruckten Heftes sollen nebenbei auch im Netz verscherbelt werden.

 

Bestandsschutz für das Sahnehäubchen: Die Privilegien der Alphas

 

Daneben gibt es im ersten Halbjahr 2016 eine digitale Abendzeitung und beim gedruckten Spiegel kommt ein Regionalteil für den Raum Nordrhein-Westfalen. Neben sechs redaktionellen Seiten lassen sich so auch zwei Extraseiten mit Anzeigen verkaufen. All diese Pläne müssen dann weniger Leute stemmen. Ähnliche Qualitätsoffensiven mit dem Rotstift haben die anderen Leitmedien bereits ausprobiert – keinem gelang damit die Rückkehr ins Goldene Zeitalter.

 

Die Leser merken eben, dass weniger kluge Köpfe nicht mehr intelligente Inhalte produzieren können; jedenfalls nicht auf Dauer. Der Chefredakteur Klaus Brinkbäumer hält nichts von dieser simplen Wahrheit: »Wir werden es schaffen, unsere journalistische Leistungskraft zu erhalten.«

 

Geschrumpft wird übrigens nicht gleichmäßig oder konsequent – an der Hamburger Ericusspitze wird bald ein großer Kopf auf dürren Beinchen stehen, denn das große Sparprogramm klammert die Hierarchie aus. Die Spitzenleute beim Spiegel haben sich dort ein paradiesisches Biotop aufgebaut. Es sind die Printredakteure, denen Sahne-Privilegien laut einem »Hausbrauch« zustehen: Taxifahrten auf Verlagskosten, Zuschüsse bei der Heirat, Geburtsbeihilfen oder eine gesponserte Brille. Die extra Jahresschlussvergütung darf nicht fehlen.

 

Dazu kommen Treueprämien, die jährliche Gehaltsrunde, erweiterte Gehaltszahlung im Krankheitsfall über die sechste Woche hinaus, zusätzlicher Jahresurlaub, Weihnachtsgeld, bessere Fahrgelderstattung und Sonderurlaube bei Umzug oder Todesfällen in der Familie.

 

Die Medienbranche bestraft ihren Nachwuchs fürs Jungsein

 

Die Jungen beim Spiegel werden hingegen für ihr Jungsein bestraft. Wer ab dem 1. März 2014 eingestellt wurde oder Online-Redakteur ist, gehört zur zweiten Klasse. Die bekommt kein einziges Sahnehäubchen serviert, dorthin werden nicht 50,5 Prozent des Jahresgewinns umgelenkt. Von diesem Geldregen profitieren nur die alten Printredakteure. Hier schlummert ein gewaltiges Einsparpotenzial ungestört weiter vor sich hin; stattdessen werden 149 Menschen auf die Straße gesetzt, um das eingesparte Geld in Vorzeigeprojekte zu schieben.

 

Sowas riecht nach blindem Aktionismus aber auch nach Klassenkampf. Die Alpha-Journalisten möchten beim Spiegel gerne weiter die Speerspitze sein. Offenbar nach dem eher selbstsüchtigen Motto: Wenn schon untergehen, dann aber bitte mit Festbeleuchtung, vollen Taschen und bitte ganz langsam.

 

Ein nicht genannter Geschäftsführer des Magazins soll den »Hausbrauch« einmal so zusammengefasst haben: »Wir sind wir, und der Rest sind Friseure.« Dazu passt, dass ein Ex-Chefredakteur den eigenen Laden in den Himmel lobte: »Die meisten der Besten« seien beim Spiegel. Solche Botschaften streute das Magazin in der Medienbranche gerne – als sich damit noch Neid ernten ließ und Kahlrasuren wie die »Agenda 2018« undenkbar waren. Inzwischen hat sich die Spiegel-Elite in eine Gruppe stiller Genießer verwandelt.

 

Mainstream-Journalismus ist eine beschädigte Ware

 

Wohl auch deshalb glaubt die Medienbranche nicht an die »Agenda 2018« beim besten aller Leitmedien. Der Deutsche Journalistenverband und die Gewerkschaften erklären sie zum Märchen vom Sparwachstum. Der Finanzjournalist Nils Jacobsen meint beim Branchendienst Meedia: Das Spiegel-Reförmchen sei »Aktionismus, um Zeit zu kaufen«, die das Magazin gar nicht mehr hat.

 

Sowohl Einsparungen als auch Erlöse aus neuen Projekten können kaum helfen, wieder die Umsätze vergangener Zeiten zu erreichen. Statt in guten Jahren ein Speckdepot zu bilden, wurden Gewinne mit vollen Händen verteilt. Die eine Hälfte floss an Gruner + Jahr und die Augsteinerben, die andere kassierten eben privilegierte Edeljournalisten, weil sie sich dort zu Gesellschaftern adeln konnten.

 

Abseits dieses Spiegel-Biotops geht es den Verlagseignern der Leitmedien aber nicht nur ums verbrannte Geld, sie haben den Glauben an die Zukunft des Mainstream-Journalismus verloren: Der Wert öffentlicher Meinungsmacht lässt sich nicht in Zahlen ausdrücken. Sowas ist ein immaterieller Wert, aber bei den Leitmedien bröckelt diese Macht gerade, weil die sich seit Jahren in einem Teufelskreis Richtung Abgrund drehen: Vertrauensschwund, Leserschwund, Auflagenschwund, Anzeigenschwund – und nach dem Geldschwund kommt das Ende.

 

Was bleibt von Massenmedien, denen die Masse fehlt?

 

Auch die Politik dürfte sich bei den lauten Hilferufen der Journalisten nach den staatlichen Rettungsschirmen denken: Welchen Sinn haben Massenmedien, die keine Massen mehr erreichen, denen keiner mehr glaubt? Mainstream-Journalismus ist inzwischen eine beschädigte Ware, weil eine immer stärkere digitale vierte Macht in den sozialen Netzwerken brüllt: »Lügenpresse – auf die Fresse« – oder inzwischen erkennt: Wenn Ihr nicht einmal die nackte Wahrheit liefert, seid Ihr überflüssig. Meinungen und auch Vorurteile können wir uns inzwischen wunderbar ohne Euch konstruieren.

 

Im Netz gibt es keine stille Masse mehr, für die einige wenige Journalisten stellvertretend die Meinungsdebatte führen. Was die als Netzpöbel abwerten, wird eine riesige Herausforderung für unsere repräsentative Demokratie. Ob es dann noch klassische Leitmedien gibt, wenn diese Veränderung einmal ihre ganze Wirkung entfaltet?

 

 

 

 

 

 

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