Samstag, 10. Dezember 2016
15.01.2016
 
 

Nach dem Terroranschlag von Istanbul: So kann Reisen noch sicher sein

Markus Mähler

Die schlechte Nachricht: Dem Islamischen Staat gelang der erste »deutsche« Terroranschlag. Ein syrischer Flüchtling sprengte in Istanbul zehn Urlauber in die Luft. Damit stehen wir offiziell auf der Bomberliste des Kalifats – als einer der »Kreuzfahrerstaaten«. Die gute Nachricht: Offenbar schaffen es die Dschihadisten noch nicht, auf deutschem Boden zuzuschlagen. Darf man jetzt noch wegfahren, oder bleiben wir lieber zu Hause im Bett?

 

Die Flucht ins Bett ist leider auch kein Ausweg, denn dort wartet ein viel wahrscheinlicherer Tod. Pro Jahr fallen etwa 200 Deutsche aus ihrem Nachtlager und überleben das nicht. Immerhin noch 106 Menschen stürzten letztes Jahr von der Leiter und segneten dabei das Zeitliche. Schon das Treppensteigen ist gefährlicher als der ganze Islamische Staat. 2014 forderte unser alltäglicher Kampf mit den Stufen wieder 1071 Todesopfer. Fahren Sie Fahrstuhl – zur gleichen Zeit starben dort bloß fünf Menschen. Rückzug in die Badewanne? Auch das ist gefährlich: 55 Menschen kamen letztes Jahr nicht mehr raus.

Damit aber genug Auflockerung für ein trauriges und ernstes Thema: Seit Montagabend hat sich die statistische Wahrscheinlichkeit drastisch erhöht, als Deutscher beim Urlauben in die Luft gesprengt zu werden – und damit stellt sich natürlich auch die Frage, wie sicher Reisen noch sein kann. Wegfahren oder nicht? Die gefühlte Unsicherheit wächst.

 

Nicht erst seit den zweiten Pariser Terroranschlägen am 13. November. Schon damals sagte der Tourismusprofessor (auch so etwas gibt es) Torsten Kirstges: Mit Paris hat »die Terrorgefahr die Heimat erreicht«. Nach dem ersten massiven Terrorangriff des IS auf Deutsche ist unsere Angst größer als je zuvor. Es trifft Landsleute, überall, auch in Istanbul.

 

Meiden Sie symbolische Orte (auch die für »westliche Dekadenz«)

 

Kirstges verbringt seine Urlaube im eigenen Ferienhaus an der französischen Atlantikküste, mitten im Weinbaugebiet des Médoc. Tiefste Provinz, wo Terroristen nicht einmal aus Versehen hinfinden. Will er damit ein Vorbild für die anderen sein? Nein, er ruft nicht dazu auf, dass die Deutschen besser daheim bleiben und damit auf ihr liebstes und teuerstes Hobby verzichten. Immerhin verdient er sein Geld mit der Marketingforschung für Reisekonzerne.

 

Wer auf das Reisen nicht verzichten will, für den gibt es hier viele Tipps, die Fernweh wieder zu einem halbwegs sicheren Wagnis machen: vorher informieren, informieren, informieren. Das Auswärtige Amt warnt vor der wachsenden Terrorgefahr an symbolischen Orten. Religiöse Stätten, Bahnhöfe, berühmte Hotels, überfüllte Märkte (Touristenfallen) und eben auch Konzerthallen oder Fußballstadien – also Zeichen westlicher Dekadenz für spaßabstinente Terrorbomber. Wenn es sich doch nicht vermeiden lässt, dann bitte nur möglichst kurz an solchen Orten aufhalten.

 

Wie Terroristen ihre Ziele auswählen

 

Die zehn Deutschen wurden zwischen zwei Istanbuler Touristenmagneten in die Luft gesprengt. Links die Hagia Sophia, rechts die Blaue Moschee, dazwischen 500 Meter Sultan-Ahmed-Platz, der Hotspot und eine Warterampe für Touristen. Meiden Sie solche Orte. Dieser Tipp ist natürlich schwer zu beherzigen, da sich damit eine Reise in viele Gebiete überhaupt nicht mehr lohnt. Aber so sieht unsere neue Zeit eben aus. »Der Terrorismus wendet sich direkt und ohne Umschweife gegen Touristen. Das ist eine neue Dimension«, sagt Martin Lohmann vom Institut für Tourismusforschung in Kiel.

 

Terrorismus gehört technisch betrachtet zur psychologischen Kriegführung. Er ist das Mittel für Mächte, die für echten Krieg nicht mächtig genug sind. Terroristen folgen einer durchschaubaren Formel, nach der sie ihre Ziele wählen. Die größtmöglich sprengbare Masse, der Bodycount, und das bitte an Orten mit größtmöglicher Bedeutung. Das ist die Logik des Terrors: Nachher soll ein hysterischer Fluss eindrucksvoller Nachrichtenbilder um den Erdball gehen. Es geht darum, mit minimalem Einsatz maximale Angst und Hysterie zu säen. Erst dann hat sich der Anschlag »gelohnt« – nicht nur mit einem Platz im Paradies und 72 Jungfrauen zur persönlichen Verwendung. Immerhin ist für jeden Bomber die Premiere auch gleichzeitig eine Abschiedsvorstellung.

 

Warum man manchmal doch auf Behörden hören sollte

 

»Das Auswärtige Amt warnt.« Sie haben diesen Satz in letzter Zeit sicherlich oft gelesen. Die Liste der »aktuellen Reisewarnungen« wird immer länger. Es gibt sogar eine App für das Smartphone mit Reise- und Sicherheitshinweisen. Wer die liest, reist auch nicht aus Versehen in den Jemen, wie das etlichen Deutschen in den letzten Jahren immer wieder passierte. Sie wurden entweder Terroropfer von al-Qaida oder verschwanden nach einem Picknick für immer. Falls kein Internetzugang im Reiseland besteht: Das Auswärtige Amt betreibt eine international erreichbare Hotline unter der Telefonnummer 030 – 1817 2000. Nach einer Reisewarnung vom Auswärtigen Amt müssen die Veranstalter ihre Gäste nach Deutschland ausfliegen – aber dann ist es meist schon zu spät.

 

Die getöteten Deutschen in Istanbul waren inmitten einer 33-köpfigen Reisegruppe der Berliner Lebenslust Touristik unterwegs. Dieser Firmenname erscheint im Nachhinein makaber. Es ist aber kein Geheimnis mehr: Solche Gänseherden exponieren Sie und sind bei Terrorbombern unfassbar beliebt. Bisher gab es noch keinen Terroranschlag auf einen einsamen Rucksacktouristen, der sich durch den indonesischen Dschungel oder das australische Outback schlägt. Individualtourismus bietet zwar ganz eigene Gefahren, aber auch den Vorteil, ziemlich klein und unwichtig zu sein.

 

Reisekonzerne: Symbolischer Aktionismus, wenn es zu spät ist

 

Eine Kündigung wegen Gefährdung durch höhere Gewalt wird schwierig. Ganz allgemein kommen Sie kaum aus einem Reisevertrag – nur mit Stornokosten. Gerade jetzt, nach dem Anschlag in Istanbul und dem aktuellen Mediendruck, zeigen sich die Reiseveranstalter aber ungewohnt kulant. Nach Auffassung des Reiserechtlers Ernst Führich gibt es zwar ein Kündigungsrecht wegen Gefährdung durch höhere Gewalt. Diese Gefährdung müssten Sie aber nachweisen können – und das geht nur, wenn es bereits zu spät ist. Die Reisekonzerne bieten jetzt kostenlose Umbuchungen für Städtetrips nach Istanbul an. Solche Angebote sind zeitlich aber alle sehr begrenzt, teilweise nur bis zum 18. Januar.

 

Erst Bedenken haben, dann Reisen buchen

 

Außerdem ist das nicht mehr als symbolischer Aktionismus. Der Anschlag ist bereits geschehen, die Sicherheitsmaßnahmen extrem erhöht. Dass Terroristen gleich zweimal an einer Stelle bomben, scheint unwahrscheinlich. Wer also eine Reise bucht, bevor er Bedenken hat, kommt mindestens um einen finanziellen Schaden nicht herum. Ein allgemeines Rücktrittsrecht wegen Terrorangst gibt es nicht. Reiserücktrittsversicherungen springen bei höherer Gewalt nicht ein. Schlecht sieht es für Selbstbucher sogar gerade in Istanbul aus. »Wer nur einen Flug gebucht hat, trägt das Katastrophenrisiko allein und ist auf die Kulanz der Fluggesellschaft angewiesen«, schreibt der Bundesverband Verbraucherzentrale auf seiner Webseite.

 

Es gibt Null-Risiko-Reisen: Sie führen uns wieder zurück zum Tourismusprofessor Torsten Kirstges (der mit dem eigenen Ferienhaus im Médoc): »Es gibt Reiseformen, die für terroristische Anschläge uninteressant sind, weil sie keine große Aufmerksamkeit mit sich bringen.«

 

Zu den garantiert bombenfreien Zielen gehören laut Kirstges die Alm im Allgäu, ein Ferienhaus an der Côte dʼAzur oder die österreichischen Alpen. Frei nach dem Bonmot: keine Menschen, keine Probleme mit Terroristen. Rechnen Sie auch nicht immer mit der größtmöglichen Gefahr. Terroranschläge sind selten. Oft sind die kleinen Angriffe die größere Gefahr. Zwei junge Männer haben vor wenigen Tagen im beliebten ägyptischen Badeort Hurghada Touristen mit einem Messer angegriffen und verletzt. Berichtet hat darüber kaum jemand.

 

Weil es überall gut, zu Hause aber am besten ist, bietet sich natürlich auch ein Kurzurlaub vor der eigenen Haustür an – natürlich nur bestens ausgerüstet.

 

 

 

 

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