Tuesday, 31. May 2016
23.11.2015
 
 

NSA und Überwachungsstaat: Die Snowden-Doku, die es nie geben sollte

Markus Mähler

Heute zeigt die ARD Citizenfour, eine Oscar-prämierte Abrechnung mit dem amerikanischen Überwachungssystem. Die Dokumentation begleitet den Whistleblower Edward Snowden hautnah dabei, wie er die »größte Waffe der Unterdrückung in der Menschheit« enthüllt. Apropos NSA: Die Veröffentlichung des Films – immerhin ein Stück Zeitgeschichte – wurde massiv torpediert.

 

Kann ein Mensch ein ganzes System verändern? Edward Snowden hat es probiert – und ist gescheitert: Aus einem Systemadministrator im Auftrag der NSA wurde der Whistleblower. 2013 ging er an die Öffentlichkeit und enthüllte mit brisanten Dokumenten das wahre Ausmaß der globalen Überwachung durch amerikanische und britische Geheimdienste.

 

Heute, zwei Jahre später, geht die Massenüberwachung ungehindert weiter. Snowden ist nach Moskau geflüchtet, Deutschland hat seinen Asylantrag abgelehnt – im Gegensatz zu vielen anderen, die gerade »ohne Obergrenze« kommen. Gerade machte der CIA-Chef John Brennan den Whistleblower für das Massaker von Paris mitverantwortlich, der frühere CIA-Direktor James Woolsey setzte sogar noch eins drauf: An Snowdens Händen klebe das Blut vieler Franzosen.

 

Ein kleiner, schmächtiger Jedermann schreibt Zeitgeschichte

 

Was hat den Mann angetrieben, der jetzt als Staatsfeind Nummer eins um sein Leben fürchtet? »Es geht mir um die Macht des Staates im Vergleich zu den Möglichkeiten des Volkes, sich dieser Macht zu widersetzen.« Die ernüchternde Antwort lautet: Die Ignoranz der Massen ist der beste Freund der Mächtigen.

 

Was aber Hoffnung macht: Jetzt wissen Millionen und Abermillionen, was bis dahin nur Snowden sah: »Die größte Bedrohung der Demokratien in aller Welt« ist ein digitaler Überwachungsstaat, der jeden Bürger ausspioniert.

 

Am Montag können die deutschen Zuschauer in der ARD in den Sommer 2013 zurückreisen. Hautnah dabei sein, wenn der Whistleblower mit den Geheimdiensten, dem Militärapparat und der Regierung Obama abrechnet.

 

Die Filmemacherin Laura Poitras reiste gemeinsam mit dem Enthüllungsjournalisten Glenn Greenwald nach Hongkong. Erst dort erfuhren sie, wer der mutige Mensch hinter dem Pseudonym »Citizenfour« ist: Edward Snowden – ein kleiner, schmächtiger Jedermann, der auf einem ungemachten Bett im Zimmer 1014 des Mira Hotel saß.

 

Für das »Staatswohl«: Snowden bekommt in Deutschland kein Asyl

 

Die Oscar-prämierte Enthüllungs-Doku über den Whistleblower ist echt – im wörtlichen Sinn: Nichts ist gespielt, der Zuschauer bekommt hier eine konservierte Realität in der Zeitkapsel. Wichtige Szenen spielen in Berlin. Dort kämpfte ein internationales Team von Anwälten zusammen mit den Machern der Enthüllungsplattform WikiLeaks darum, dass Snowden nicht an die US-Justiz ausgeliefert wird. Der verstaut im Dokumentarfilm bereits seine Sachen in der Plastiktüte ein und sagt: »Wenn ich verhaftet werde, dann werde ich eben verhaftet.«

 

Seinen Mut haben ihm bisher wenige gedankt. Ganz besonders die Bundesregierung nicht. Als deutsche Politiker im NSA-Untersuchungsausschuss unser Kapitel im globalen Abhörskandal aufdecken wollten – auch die Verstrickungen deutscher Geheimdienste darin –, sollte Snowden dazu vernommen werden.

 

Das Kanzleramt und sämtliche beteiligten Ministerien verhinderten aber seine Einreise. Die Gründe dazu fanden sich in einer 27-seitigen Stellungnahme: Es ging um das »Staatswohl«, es ging um die Beziehungen zu den USA, die herausragend wichtig seien, es ging um Drohungen von US-Geheimdiensten. Die wollten jede Zusammenarbeit beenden. Um unsere Bürgerrechte ging es dabei nicht.

 

Diese Doku ist Zeitgeschichte – sie zeigt, wie schwer es die Wahrheit hat

 

Apropos Geheimdienste: Der Ex-Navy-Offizier und Staatsbedienstete Horace B. Edwards verklagte Snowden und die Filmmacher schon vor der Veröffentlichung – übrigens »im Namen des amerikanischen Volkes«. Der Film missbrauche »gestohlene Informationen, die ausländischen Feinden offenbart wurden«. Neben einer Klage vor dem Bundesgerichtshof des US-Staates Kansas beschwerte sich Edwards auch bei der Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS), die die Oscars vergibt.

 

Er forderte den Ausschluss von Citizenfour aus dem Wettbewerb und fand – angeblich selbst – eine raffinierte Lücke im Regelwerk: Dokumentationen dürfen bis zur Oscar-Vergabe nicht öffentlich außerhalb des Kinos gezeigt werden. Der Guardian hatte jedoch ein Gespräch mit Snowden auf seiner Webseite veröffentlicht, das so auch im Film zu finden ist.

 

Die Academy ging nicht darauf ein und verlieh den Oscar trotzdem. Damit war der Spießrutenlauf aber noch lange nicht vorbei. Die öffentliche Aufführung wurde hinterher mit allen Kräften unterbunden. So zeigten ganze 40 Kinos in den USA Citizenfour am 25. Januar 2015. Eine Woche später waren es bloß noch 25. Später stellte die amerikanische Aktivisten-Website Cryptome.org den Film kostenlos ins Netz. Diese Aktion war wohl mit den Filmemachern abgesprochen. Damit wurde die Doku selbst ein Stück Zeitgeschichte – wie schwer es unbequeme Wahrheiten haben.

 

Citizenfour, 23. November, 22.45 Uhr, ARD

 

 

 

 

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