Sunday, 29. May 2016
29.01.2016
 
 

Pompöse Grabsteine sind die besseren Visitenkarten: Die Eitelkeiten unserer Alpha-Journalisten

Markus Mähler

Darauf muss man erst einmal kommen: Jürgen Jeske, bis 2002 Herausgeber der FAZ, ist noch quicklebendig. Wer auf den Frankfurter Hauptfriedhof geht, könnte aber anderes vermuten: Dort steht bereits Jeskes Grabmal, auf dem seine Titel und sein Leben abgefeiert werden. Selbst Medienprofis beobachten an sich selbst einen Trend: »Narzissmus […] und der Wille zur Selbstdarstellung«. Journalismus ist nicht umsonst als Chor der Eitelkeiten bekannt – und er wird noch viel eitler.

 

Wie eitel dürfen Journalisten sein? Sie sitzen am Tisch der Macht – doch immer nur auf dem Kinderstühlchen. Sie schreiben Geschichten auf – aber es sind die Geschichten anderer Menschen. Sie sind tagein, tagaus auf Tuchfühlung mit Egomanen – und können deren Eitelkeit mit Händen greifen. Journalisten enthüllen Skandale. Doch was bleibt in Erinnerung – der Skandal und nicht der Überbringer der Botschaft. Journalisten können Scheinwerfer an- und ausknipsen – doch sich nur ganz selten selber darunter stellen.

 

Der Journalist hat schon seine ganz speziellen Probleme: immer nur Beobachter, nirgendwo dazugehören, sich mit keiner Sache gemein machen dürfen. Das Sich-nicht-Gemeinmachen klappt zwar immer seltener, doch darum soll es jetzt nicht gehen. Was bleibt einem Journalisten, dem man das Letzte weggenommen hat; seinen Knopf für den Scheinwerfer? Wenn er das Selbstgespräch einer Gesellschaft nicht mehr moderieren darf und kein Publikum mehr hat?

 

Die solide Alternative zur Visitenkarte: Schon zu Lebzeiten ein Grabstein

 

Dafür gibt es gerade ein eindrückliches Beispiel: Jürgen Jeske, 80 und bis 2002 Herausgeber der FAZ, ist noch quicklebendig, macht mit seinem pompösen Grabstein aber Schlagzeilen. Der steht bereits auf dem Frankfurter Hauptfriedhof und funktioniert als Denkmal. In aller Titelverliebtheit ist dort alles aufgelistet: »DIPL. RER. POL. JOURNALIST«, »HERAUSGEBER DER FRANKFURTER ALLGEMEINEN«, »MITGLIED DER LUDWIG-ERHARD-STIFTUNG«, »9. PRÄSIDENT u. EHRENMITGLIED DER FRANKFURTER GESELLSCHAFT«. Andere haben Visitenkarten, Jürgen Jeske hat sein eigenes Grabmal für die Image-Pflege.

 

Ist es die Angst, vergessen zu werden? Ist es eine in Stein gemeißelte Anleitung, was bitteschön die Nachwelt von seinem Ruhm konservieren soll? Warum taucht dann Jeskes Bundesverdienstkreuz nicht auf dem Grabstein auf? Ist es der Trotz eines alten Menschen, der sich einst wichtig fühlte – und das Leben anderer Menschen in wenigen Sätzen zusammenfassen durfte? Ist es ein Kunstwerk darüber, was von der vergänglichen Macht eines vergänglichen Menschen übrig bleibt? Antworten darauf mag Jeske nicht geben.

 

Der FAZ-Grabstein – die letzte Episode der Eitelkeit?

 

Schon vor seiner Pensionierung soll er »unter der geringen Prominenz von Printjournalisten gelitten« haben. »Und dass er sich gegrämt habe, weil er eine Doktorarbeit nicht zu Ende gebracht hatte.« Das schreibt die Medienjournalistin Ulrike Simon. Sie war wie andere Journalisten über Jeskes Grabstein gestolpert, den die Frankfurter Lokalausgabe der Bild entdeckt hatte. Simon telefonierte sich eifrig durch – aber kein Journalist der FAZ wollte ihr sagen, warum sich Jeske bereits auf dem Frankfurter Hauptfriedhof verewigt hat, obwohl er noch gar nicht dort liegt.

 

Ist das bloß eine Episode aus dem FAZ-Biotop für Print-Dinosaurier? Sozusagen das letzte Aufbäumen der aussterbenden Eitelkeit? Das Internet hat dem Journalismus immerhin das sonnenkönigliche Zepter aus der Hand gerissen, den Menschen die Welt exklusiv erklären zu dürfen. Nein, der eitle Alpha-Journalist ist keine aussterbende Gattung. Es gibt genügend Exemplare, die sich auch noch in Jahrzehnten den Hintern breitsitzen werden. Aber Jeskes Grabstein-Visitenkarte wird Schule machen, denn der Journalisten-Nachwuchs wird gerade zu noch mehr Eitelkeit erzogen.

 

Kernkompetenzen: »Narzissmus, Eitelkeit und Wille zur Selbstdarstellung«

 

Rudolf Porsch, stellvertretender Direktor der Axel-Springer-Akademie, sagte dem Nachwuchs: »Zum Berufsstand des Journalismus gehört ein sehr ausgewachsenes Maß an Narzissmus, Eitelkeit und Willen zur Selbstdarstellung. Das […] ist in letzter Zeit deutlich wichtiger geworden.« Noch wichtiger? Ja, das Internet ist natürlich wieder mal schuld. Früher, das war zu der Zeit, als noch Zeitungsjungen schreiend durch die Straßen rannten, waren Journalisten wichtig, weil ihre Neuigkeiten neu waren. Inzwischen sind reine Neuigkeiten nur in einer inflationären Flut überhaupt noch einen lausigen Penny wert. Weil immer und überall verfügbar. Die Dogmen unserer Zeit sind die Echtzeit und das Dauergewitter. In Paris sind die IS-Terroristen mit dem Sprengen und Niedermetzeln noch gar nicht fertig – aber wir gucken bereits live dabei zu.

 

Journalismus im Internet funktioniert wie ein überfüllter Marktplatz, auf dem zu viele das Gleiche anbieten. Da gewinnt nur noch, wer unverwechselbar und am lautesten schreit. Von Rudolf Porsch vornehmer so ausgedrückt: »Um in diesem Ozean von Informationen und unterschiedlichen Strömungen zu bestehen, muss ich ein Profil entwickeln.« Und wenn es mit einem Grabstein als Visitenkarte ist! Die Axel-Springer-Akademie hat dafür sogar eine eigene »Profil-Agentin«. Die bringt den journalistischen Nachwuchs bei der digitalen Selbstdarstellung auf Touren – damit die Like-Knöpfe bei Facebook glühen.

 

Die Nachwuchsjournalisten werden fit für den Facebook-Kindergarten gemacht

 

In Zuckerbergs Universum überleben überhaupt nur noch Meinungen. Es ist nicht wichtig, was gesagt wird – sondern wer es wie sagt. Früher gab es unter Journalisten den sogenannten Küchenzuruf. Damit haben Journalisten simuliert, was eigentlich der Clou an ihrer Nachricht ist. Vater liest gerade in der Zeitung und ruft zu Muttern in die Küche: »Hast du schon gehört, dass…« Was wird er eher sagen? »Hast du schon gelesen? Der Artikel ist so unfassbar objektiv und erschöpfend. In alle Richtungen recherchiert und weiß deshalb selber nicht, was er sagen will.« Oder das: »Gut gebrüllt! Dieser Journalist hat genau meinen Nerv getroffen.« Der Küchenzuruf wurde vom Like-Knopf in den sozialen Netzwerken abgelöst – und der wird am besten mit eitler Selbstdarstellung geölt. Gefühle sind der Stoff, nach denen das Hirn giert, Fakten müssen reingeprügelt werden.

 

Inzwischen kann man sich sogar durch die Eitelkeit der Nachwuchs-Narzissten klicken. Das Lieblingsthema von Onlinejournalisten sind sie selbst. Kann das die Antwort einer Branche auf ihren eigenen Bedeutungsverlust sein? Die seit Jahren auf das »nächste große Ding« wartet, ein Erlös-Modell, mit dem Journalisten im Netz wieder das werden, was sie Dank der Druckerpresse waren, bevor das Publikum seine digitale Selbstbestimmtheit entdeckt hat.

 

Wenn Lautstärke ein Barometer für Verzweiflung ist, dann gibt es für Journalisten und ihre immer schriller werdende Selbstinszenierung kein Happy End. Gerade in einem Biotop, das auf steppende Pudel und Katzen im Superman-Kostüm abonniert ist.

 

Journalisten haben immer noch etwas Wertvolles zu bieten: Meinungen, Argumente, Enthüllungen, Analysen und das Talent, all das wort-wirksam zu verpacken. Der Rest ist bloß ein Kindergarten. Doch gerade dort wollen immer mehr Nachwuchsjournalisten mitspielen – ermuntert von ihren schlechten Vorbildern.

 

 

 

 

 

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