Sunday, 28. August 2016
11.01.2016
 
 

Selbstmordwelle unter Italiens Sparern: Bankenrettung und Zwangsenteignung kosten 560 Menschenleben

Markus Mähler

So sieht Wachstum à la italiano aus: 560 »Wirtschaftsselbstmorde« – immer mehr Sparer verlieren alles, sogar ihr Leben. Im Dezember rettete der Staat vier Banken mit einem Bail-in: Bezahlt haben die Kunden mit 750 Millionen Euro. Viele Rentner und Kleinsparer verloren dabei ihr ganzes Anlagevermögen und sind jetzt am Ende. Das Enteignungsmodell mit Exitusgarantie hat auch in Deutschland Zukunft.

 

Selbstmordgrund Bank. Immer mehr Italiener sehen keinen Ausweg mehr. Luigino D’Angelo aus Civitavecchia bei Rom verlor beim ersten Bail-in sogar sein Leben. Vor dem Freitod klagte der 68-Jährige die Banca Etruria in einem Abschiedsbrief an: Seine Hausbank habe ihn um die Lebensersparnisse gebracht. 110 000 Euro, die der Rentner auf Anraten der Bankster in »nachrangige Anleihen« investierte. Nach der Bankenrettung war alles weg.

 

D’Angelos Zwangsenteignung ist kein Einzelfall: In den vergangenen Wochen wurden vier Volksbanken in der Toskana gerettet – bezahlt haben das die kleinen Sparer. Die Banca delle Marche, die Banca Popolare dell’Etruria, die Cassa di Risparmio di Ferrara und die Cassa di Risparmio di Chieti kamen unter Zwangsführung der italienischen Zentralbank. Ihre faulen Kredite wurden in eine Bad Bank abgeschoben, alle Geldinstitute sollen an Investoren verscherbelt werden.

 

Verloren haben in erster Linie aber über eine Million Kunden dieser vier Banken. 130 000 Aktionäre und etwa 12 500 Anleihegläubiger – darunter auch Kleinsparer und Rentner wie Luigino D’Angelo – sind jetzt um 750 Millionen Euro ärmer.

 

Das steckt hinter dem Bail-in: Kleinanleger bezahlen Bankenrettungen

 

Bisher wurden marode Banken mit gigantischen Geldspritzen und dem Griff in die Steuertöpfe gerettet. Das ist der sogenannte Bail-out (aus der Klemme helfen): eine milliardenschwere Umverteilung von der arbeitenden Bevölkerung hin zu wohlhabenden Investoren.

 

Weil immer mehr kaputte Geldinstitute aber immer größere Löcher in die Staatshaushalte reißen, liebäugeln Europas Staaten jetzt mit dem Bail-in (Sparer in die Klemme bringen). Dabei haften Bankkunden mit ihrem Anlagevermögen, um den finanziellen Schaden der Bankrotteure wegzurechnen.

 

Eine beispiellose Vernichtung von Vermögen, die jetzt zum ersten Mal in Italien und Portugal umgesetzt wurde. Aber auch in Deutschland ist die Massenenteignung möglich: Seit dem 1. Januar 2015 gilt die europäische Bankenabwicklungsrichtlinie (BRRD). Der Bail-in kann in der gesamten Eurozone angewendet werden.

 

Eine dem Untergang geweihte Bank verteilt mit Staatssegen Gift im Volk

 

Dabei sollen eigentlich Kleinanleger bis 100 000 Euro vor der Enteignung geschützt werden. Trotzdem peitschte die italienische Regierung den Bail-in der vier toskanischen Banken noch schnell im alten Jahr durch. Sie hatte die Abwicklungsrichtlinie noch nicht in nationales Recht umgesetzt. Skrupellos zeigten sich auch Behörden und Geldinstitute. Neben der italienischen Zentralbank segnete auch die Börsenaufsicht Anleiheprospekte der Banca Etruria ohne Widerspruch ab, obwohl sie bereits unter staatlicher Aufsicht stand und der Zusammenbruch bloß eine Frage der Zeit war.

 

Bis zum Ende wurden Kleinsparer mit Zinsversprechen von vier Prozent in »nachrangige Anleihen« und damit ihren Untergang getrieben. Im Falle eines Bail-in wird aus dem »nachrangig« ganz schnell der Totalverlust. Dann werden zuerst die »vorrangigen Anleihen« vieler Großanleger bedient, während Kleinsparer auf eine Entschädigung verzichten müssen.

 

Kleinsparer wie Luigino D’Angelo, die dabei ihre gesamten Lebensersparnisse verlieren, sehen oft keinen Ausweg mehr. Bereits 560 »Wirtschaftsselbstmorde« gab es seit 2012 in Italien. Die Dunkelziffer könnte viel höher sein, denn das Istituto Nazionale di Statistica zählt seit drei Jahren keine »Wirtschaftsselbstmorde« mehr.

 

Die Erfassung sei zu schwierig. Was aber auffällt: 2015 stieg die Zahl der Todesfälle seit Jahresbeginn um 11,3 Prozent. Ein rasanter Anstieg wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Der Statistikprofessor Gian Carlo Blangiardo von der Mailänder Universität schrieb:

 

»Es ist eine schockierende Zahl. […] Wir müssen bis 1943 zurückgehen oder sogar noch weiter, zu den Jahren zwischen 1915 und 1918, um ein ähnliches Muster zu finden.«

 

Bankenkrise: Italien wird zur Hochburg der Selbstmörder

 

Bankenkrise, Eurokrise, Schuldenkrise und die Austeritätspolitik – sie alle fordern Menschenleben. Italiens Selbstmordwelle trifft vor allem den Norden: die Lombardei, Venetien, die Toskana und das Piemont. Früher lief hier Italiens Wirtschaftsmotor, heute ist es eine Hochburg der Selbstmörder. 45 Prozent sind Geschäftsleute, erst dann kommen mit 42 Prozent Arbeitslose. Die Verzweifelten mit Familiengeschäft können ihre Steuern nicht mehr bezahlen, bekommen keinen Kredit bei ihrer Hausbank oder verlieren wie jetzt beim Bail-in alle Ersparnisse.

 

Allein 2015 gab es Hunderte Selbstmorde, darunter aufsehenerregende Selbstverbrennungen. Wie viele Leben die jüngste Bankenrettung in Italien gekostet haben mag, steht noch in keiner Statistik. Mittlerweile bietet die Organisation »Unternehmen halten durch« in mehreren Regionen sogar ein Netzwerk für psychologische Beratung – um das Schlimmste zu verhindern.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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