Saturday, 30. July 2016
21.12.2015
 
 

Streit unter Meinungsmachern eskaliert: Deutschlands Mietmäuler beklagen sich über die Mietschreiber

Markus Mähler

Jetzt platzt dem Bundesverband der Pressesprecher der Kragen. Die Manipulationselite im Auftrag von Politik, Wirtschaft und Lobbyisten beschwert sich über Deutschlands Journalisten: Die pfeifen auf Fakten und machen Meinungskampagnen inzwischen lieber auf eigene Rechnung – dabei bleiben die gesteuerten Botschaften aus der PR-Branche auf der Strecke. Hier streiten sich also Pest und Cholera gerade, wer die Meinungsfreiheit zuerst erdrosseln darf.

 

Wer in Deutschland die öffentliche Meinung erfolgreich manipulieren will, versteckt seine Meinungen, Vorurteile und Forderungen am besten im Trojanischen Pferd – und was wäre unverdächtiger als eine Studie mit dem Gütesiegel der Wissenschaft? Genau so hat es jetzt auch der Bundesverband der Pressesprecher gemacht. Er mietete sich die Journalistikforscher der Uni Hohenheim, die renommierte Professorin Claudia Mast gab ihren Namen dafür her und tausend Pressesprecher durften im Deckmantel der Wissenschaft die gleiche Botschaft wiederholen.

 

Am Ende wurde daraus eine Studie. Verpackt und verschnürt mit dem Titel »Thesenjournalismus statt ergebnisoffener Recherche? Erfahrungen von Pressesprechern mit Rechercheanfragen von Journalisten«. Die bandwurmlange Abrechnung der PR-Elite lässt sich so zusammenfassen: Blöd – Journalisten machen nicht mehr, was wir wollen.

 

Skandal: Journalisten nehmen PR-Profis die Kampagne aus der Hand!

 

Inzwischen kommt auf jeden Meinungsschreiber ein Meinungsmanipulator der PR-Branche. In Wahrheit sitzen aber auf beiden Seiten Journalisten. Viele springen wie durch eine Drehtür ständig hin und her, um sich auf der Karriereleiter nach oben zu wechseln. Sind sie aber gerade offiziell im Sold von Parteien, Unternehmen und Lobbyisten, haben sie nur einen Auftrag: ihre ehemaligen und Bald-wieder-Kollegen lautlos in die gewünschte Richtung zu schubsen. Das klappt immer weniger gut.

 

Würden sie darüber offen lästern, wäre es das Eigentor des Jahrzehnts für die PR-Profis. Also lenken tausend Pressesprecher von ihrem Teil der Schuld ab und lästern lieber über »zweifelhafte Recherchemethoden. Journalisten scheinen mehr und mehr mit vorgefertigten Storylines zu operieren. Die Recherche dient dann nur mehr dazu, die These einseitig zu stützen. Fakten und Auffassungen, die diesen Zweck nicht erfüllen, werden ausgeblendet«.

 

Wie bändigt man Journalisten? Jetzt kommt der Erste-Hilfe-Ratgeber

 

In Wahrheit ist diese Studie eine Ohrfeige für Journalisten, die der PR-Liga nicht nur die Arbeit schwer machen, sondern gleich ganz wegnehmen: Journalisten verdrehen inzwischen von Haus aus die Wahrheit. Dabei spitzen sie so lange zu, bis eine einseitige und hysterische Treibjagd übrig bleibt. Wurde erst einmal Blut verspritzt, nimmt das gesamte Mediendorf Witterung auf, versammelt sich und reitet in der wild gewordenen Jagdgesellschaft mit – weil es Auflage, Klicks und Renommee verspricht. Steuern lässt sich so etwas nicht mehr. Ein Albtraum für jeden Pressesprecher.

 

Zum Glück bekommen die nun einen Erste-Hilfe-Kasten geliefert. Die Journalistikforscher im Auftrag des Bundesverbands der Pressesprecher schrieben nicht nur die Studie, sondern liefern auch einen Überlebensratgeber mit. Der ist voller Strategien, wie man renitente Journalisten wieder in den Griff bekommt: »Thesenjournalismus - Umgang mit unfairen Recherchen«. Inzwischen kann die gesamte PR-Branche diese Servicebroschüre bestellen oder herunterladen.

 

Das Muster hinter dem Dauerskandal

 

Und das bekommt sie geliefert: Einen Leitfaden zur »erfolgreichen Gesprächsführung« mit Journalisten, die »passgenaue Vermittlung von Botschaften und Positionen« und »die Nachbereitung nach Eskalationen«. Eskalation meint hier Skandalberichterstattung, die übrigens gar nicht so wild ist.

 

Sie folgt stets dem gleichen Muster der Eskalation und wird zum GAU für die PR-Branche.

 

Diese gezielten Treibjagden wiederholen sich in immer schnellerer Folge: Flüchtlingskrise, Ukrainekrise, Abgaskrise bei Volkswagen, Fußballmärchen-Krise bei Beckenbauer, Blatter-Krise in der FIFA, Wulff-Krise in der BILD, Zumwinkel-Krise bei der Post. Nur ein einziges Mal gab es aber einen Stinkefinger als Höhepunkt, in der Grexit-Krise.

 

Stufe eins wird gezündet – der Skandal: Griechenland musste mit allen Mitteln aus dem Euro herausgeschrieben werden. Diese Trophäe wollte sich die BILD in ihre Opfersammlung hängen. Der Ton wurde bewusst auf einen maximalen Eklat hin zugespitzt. Sie forderte ihre Leser im Februar 2015 dazu auf, Nein zu sagen. »Keine weiteren Milliarden für die gierigen Griechen.« Die Leser sollten sich mit dieser Schlagzeile in einem Selfie fotografieren und das Bild an die BILD schicken. Damit die Springer-Journalisten ihre Macht auf Seite eins demonstrieren konnten; das »Volk« spricht in der »Volks«-Zeitung.

 

Stufe zwei wird gezündet – die Personalisierung: Jede Feindkampagne braucht ein Monster, das an allem schuld ist. Gab es da nicht diesen griechischen Sparminister, der mitten in der Krise nicht sparsam leben wollte der Marxist war, sich aber als Lebemann im französischen Klatschheftchen Paris Match ablichten ließ: am Klavier oder auf seiner pompösen Terrasse vor der Akropolis?. Yanis Varoufakis setzte sich sogar auf eine PS-starke Rennmaschine auf zwei Rädern – selbstverliebt und ganz lässig im modischen Hemd. Der Ökonomieprofessor gefiel sich sichtbar in seiner luxuriösen Rolle Euro-Monster der Medien. Vielleicht, weil der Grieche spürte, dass das der einzig stilvolle Abgang sein würde. Jeder andere Schuldenminister hätte in diesem überschuldeten Land über kurz oder lang auch gehen müssen.

 

Stufe drei wird gezündet – der GAU: Auf zum Höhepunkt der Kampagne. Das Positive wurde verschwiegen, es gab keine Nebengeräusche mehr, alles Negative steuerte auf einen großen Moment der Schande zu: den Stinkefinger von Varoufakis. Günther Jauch enthüllte das belastende Youtube-Video, während sich der griechische Finanzminister live um Kopf und Kragen redete.

 

Stufe vier wird gezündet – der Rücktritt: Varoufakis stahl sich aus dem Amt davon. Wenigstens war der polnische Abgang des Griechen ein Medientraum. Nicht heimlich durch die Hintertür, sondern mit Vollgas auf dem Motorrad. »Röhr«, titelte der Spiegel. Achten sie darauf. Journalisten wollen immer das von ihnen erschaffene Monster aus dem Amt jagen – so, als ob damit ein Reinigungseffekt eintritt und alles von selbst wieder gut wird. Jede Geschichte braucht ein Ende, denn nichts lässt sich endlos lange eskalieren. Der Rücktritt des Bauernopfers ist bloß die symbolische Ersatzhandlung, um alle anderen von der Schuld reinzuwaschen. Besser wird damit nichts, aber eine Kampagne ohne Knall siecht still und leise vor sich hin. Wenn das passiert, war sie ein Fehlschlag.

 

Ein braver Leser darf dabei eines nicht vergessen: Wenn sie wieder solch ein gesteuertes Schmierentheater wittern, dann spielen sie würdevoll schweigend mit. Bitte die verbreiteten Botschaften abnicken und auf der verbreiteten politischen Linie bleiben! Geben Sie weder Journalisten noch PR-Profis noch dem Parteibetrieb das Gefühl, Sie hätten diese Dauerschleife durchschaut. Ansonsten finden Sie sich als das nächste Opfer am Pranger der Meinungsmächtigen wieder. Aus der Schmach der Ertappten werden ganz schnell Hass und Wut. Und niemand möchte die Kampagne einer Wut-Elite gegen ein enttäuschtes »Volk« sehen, das nicht mehr mitspielen will. Hoppla, so weit sind wir ja schon.

 

 

 

 

 

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