Thursday, 17. May 2012
03.10.2008
 

Die »Federal Reserve Bank« kämpft ums Überleben

Martin Siegel

Dass das Rettungspaket für die US-Banken in Höhe von 700 Mrd. Dollar die aktuelle Systemkrise im sich auflösenden Papiergeldsystem beheben kann, glauben wohl sogar diejenigen nicht, die das Paket selbst ausgearbeitet haben. Mit Steuergeldern im Umfang von 700 Mrd. Dollar will die US-Regierung den Banken faule Hypothekenkredite abkaufen. Vielleicht sollte man sich einmal die Mühe machen, den Weg des Geldes nachzuvollziehen, um zu verstehen, dass das Paket auf Dauer überhaupt nicht funktionieren kann.

1. Schritt: Der Steuerzahler (US-Finanzministerium) nimmt einen Kredit in Höhe von 700 Mrd. Dollar bei einer Bank auf. Dafür bezahlt er Zinsen und muss den Kredit wieder an die Bank zurückbezahlen.

2. Schritt: Mit den 700 Mrd. Dollar werden Löcher gestopft, die bei den Banken bei unsinnigen Buchungstransaktionen entstanden sind und für die sich z.B. Hedge-Fonds-Manager Gehälter und Provisionen in Höhe von vielen 1.000 Mrd. Dollar ausbezahlt haben.

3. Schritt: Da nur die Bilanzen der Banken, nicht aber die Steuerzahler saniert werden, werden die Immobilien trotzdem zwangsversteigert.

In der Zusammenfassung wird der Steuerzahler, der jetzt sein Haus verliert, mit einem Kredit belastet, den er nicht bedienen kann. Die Banken, die jetzt zu Lasten der Steuerzahler saniert werden, haben in Zukunft auch noch einen Zinsanspruch auf die Leistungen, die sie jetzt erhalten.

Im Prinzip steht das Papiergeldkreditsystem vor dem endgültigen Kollaps. Bereits in den letzten Jahren haben die Ratten das sinkende Schiff verlassen. Mit riesigen Gehältern, Bonuszahlungen und Abfindungen haben sie das bereits bankrotte Bankensystem geplündert und diese Mittel privat sicherlich auch in Sachwerte investiert. Selbst jetzt in der Abwicklungsphase der Pleite gelingt es ihnen nochmals, mit dem Geld der Steuerzahler, Löcher zu stopfen und das System und damit die Machtstrukturen zu erhalten.

Der Kollaps wird deutlich anhand von einigen Zahlen, die in der aktuellen Wirtschaftswoche veröffentlicht wurden. Die Höhe der gefährdeten Kredite wird bei JP Morgan mit 8.000 Mrd. Dollar, bei Bear Stearns (Übernahme durch JP Morgan) mit 2.700 Mrd. Dollar, bei Fannie Mae und Freddie Mac zusammen mit 8.300 Mrd. Dollar und bei der Citigroup außerhalb der Bilanz mit 1.800 Mrd. Dollar angegeben. Bitte beachten Sie in diesem Zusammenhang die Relation zum Welt-BIP von jährlich 50.000 Mrd. Dollar.

Inzwischen wird klar, warum die Fed (Marc Faber: »Gelddrucker-Irrenanstalt«) und Finanzminister Henry Paulson so aufs Tempo drücken. Einen Hinweis darauf gibt Simon Johnson, bis vor kurzem Chefvolkswirt beim IWF und jetzt Professor am MIT. Er schlägt vor, dass der Staat nicht die maroden Papiere der Banken aufkauft und stattdessen zu günstigen Konditionen Geld leiht. Im Gegenzug müssten die Banken dem Staat ihre Aktiva als Sicherheit übertragen. Dieser Vorschlag würde darauf hinauslaufen, dass tatsächlich die Häuslebauer und nicht die maroden Banken gerettet werden, und die Fed und das US-Finanzministerium wissen ganz genau, dass diese und noch viel vernünftigere Vorschläge (z.B. Abschaffung der Fed, Süddeutsche Zeitung vom 24.09.2008: »Schafft die Zentralbanken ab«) immer breiter diskutiert und Zugang zur Bevölkerung finden würden, so dass die jetzigen Pläne bald nicht mehr umsetzbar sein werden. In Wahrheit kämpft die Fed um ihr Überleben.

Ausblick: Das von der Fed und dem US-Finanzministerium erarbeitete 700-Milliarden-Dollar-Inflationspaket, das zur eigenen Rettung von der Bevölkerung finanziert werden soll, reicht im Hinblick auf die gesamte Höhe der gefährdeten Kredite nicht aus, um das bestehende System dauerhaft zu stabilisieren. Denkbar wäre dann, dass bei einem erneuten Aufbrechen der Kreditkrise oder einer sich beschleunigenden inflationären Entwicklung die Diskussion wieder aufbricht und der jetzige Betrug an den Kongressmitgliedern und der Bevölkerung offenbar wird. Die Kritik an den jetzigen Akteuren dürfte dann vernichtend werden.

Die Krise nimmt ihren Lauf. Die größte US-Sparkasse Washington Mutual wird am 26.09.2008 nach dem Kollaps für 1,9 Mrd. Dollar an JP Morgan verkauft. Die viertgrößte US-Bank Wachovia, die vor wenigen Tagen noch Morgan Stanley sanieren sollte, bricht am Freitag, den 26.09.2008 im Aktienkurs um 27 Prozent ein und wird am 29.09.2008 von der Citigroup übernommen, wobei der US-Einlagensicherungsfonds Verlustrisiken von 270 Mrd. Dollar aus Krediten übernehmen muss.

Am Montag, den 29.09.2008, schwappt die Krise nach Europa über. Der belgisch-niederländische Finanzkonzern Fortis muss mit Hilfen in Milliardenhöhe verstaatlicht werden. In Großbritannien wird die Hypothekenbank Bradford & Bingley verstaatlicht und in Deutschland muss die Hypo Real Estate, immerhin ein Dax-Wert, mit Bürgschaften über 35 Mrd. Euro gerettet werden.

Während der Chef des IWF, Jaime Caruana, sagt: »Das Rettungspaket verringert das Gesamtrisiko und baut Ängste ab«, veröffentlicht die Ratingagentur S&P eine Prognose, nach der bis 2010 fast ein Viertel aller schwachen Schuldner ausfallen könnten.

Geradezu witzig sind vor diesem Hintergrund die Anbieter von Zertifikaten mit 100-prozentiger Kapitalgarantie. Vom wem werden denn diese Garantien gegeben? Von Bear Stearns, Lehman, Merrill Lynch, Washington Mutual, Wachovia, Citigroup oder der weltgrößten Versicherung AIG?

Was meint eigentlich unser Finanzminister Peer Steinbrück wirklich, wenn er sagt, die Einlagen bei Banken und Sparkassen sind sicher, da sie zu 100 Prozent von der Einlagensicherung abgesichert sind. Wo sind denn die Mittel des Einlagensicherungsfonds angelegt? Wer hat sie versichert und wer garantiert für diese Versicherung? Das Prinzip ist ganz einfach: Im Zweifelsfall nimmt der Steuerzahler (Staat) einen Kredit auf (dies heißt dann z.B. in den USA 700-Milliarden-Dollar-Rettungspaket), mit dem seine Ansprüche aus den eigenen Einzahlungen bei den Banken ausbezahlt werden.

 

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Martin Siegel (Jahrgang 1964) erwarb bereits 1974 sein erstes Stück Silber. 1987 gründete er das Magazin Goldmarkt. In der Zeit von 1992 bis 1997 schrieb er zahlreiche Bücher über die Entwicklung des Goldmarktes sowie über die Investitionsmöglichkeiten in Goldminenaktien. Zwischen 1999 und 2008 war er Berater des PEH-Q-Goldmines Fonds (bester Goldminenfonds 2001 und 2007). Heute ist er Herausgeber des Börsenbriefes Goldmarkt, Berater des Stabilitas Pacific Gold+Metals Fonds und Betreiber der Edelmetallhandelsfirma Westgold.

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