Saturday, 1. October 2016
07.03.2010
 
 

MI6-Agent will zwei Millionen Pfund für Top-Secret-Akten

Andreas von Rétyi

Während gegenwärtig der Handel mit Steuersünder-CDs blüht, versuchte in Großbritannien ein junger Geheimagent, sensitives Material für gutes Geld an den Mann zu bringen und wurde bei der Übergabe in einem Hotel verhaftet. Ein Fall mit Parallelen aus geheimdienstlichen Annalen.

 

Daniel Houghton sieht nicht gerade aus wie der Archetyp eines Geheimagenten, eher schon wie ein ganz normaler Schüler. Er ist jung, lässig gekleidet und hat ein offenes, freundliches Wesen. Jedenfalls scheint er keiner zu sein, der schwerwiegende Geheimnisse mit sich herumschleppt. Doch der junge Mann führte tatsächlich ein Doppelleben. Und er wollte möglichst schnell zu Geld kommen. Die Chancen dafür schienen nicht schlecht zu stehen, denn Houghton saß eigentlich schon seit einiger Zeit an einer guten Quelle. Nein, keine Bank, aber das landeseigene Lager einiger der bestgehüteten Geheimnisse: der britische Auslandsgeheimdienst MI6.

Der 25-jährige Houghton steht derzeit wegen Diebstahls klassifizierter Informationen vor Gericht. Immerhin wollte er das Material an gegnerische Dienste verkaufen, für rund zwei Millionen britische Pfund. Er tappte allerdings in die Falle, ging Ermittlern einer verdeckten Operation auf den Leim. Sie waren als vermeintliche Käufer aufgetreten und gaben vor, sich in einem Londoner Hotel mit Houghton zur Übergabe der Akten treffen zu wollen. Dort schnappte die Falle dann zu. Der hoffnungsvolle Geheimdienstler und Millionär in spe führte verschiedene elektronische Datenträger mit sich, darunter USB-Sticks und die Festplatte eines Notebooks, die unter anderem auch nachrichtendienstliche Techniken des MI5 enthüllte. Houghton hatte die diversen sensitiven Informationen in seiner aktiven Zeit zwischen September 2007 und Mai 2009 aus MI6-Archiven auf DVDs und CDs kopiert, um sie anschließend aus den »heiligen Hallen« herauszuschmuggeln. Das Material soll laut offiziellen Angaben die Klassifizierungen »Top Secret« und »Secret« getragen haben.

Für eine gerichtliche Anhörung schlurfte der junge Ex-Agent in ausgefransten Jeans und einem übergroßen T-Shirt in den Gerichtssaal, also ziemlich passend zu seinem permanenten Unauffälligkeits-Image. Daniel Houghton gilt als hochintelligent. An der Universität Birmingham schloss er mit Bestnoten in Computerwissenschaften ab und fiel damals wegen seiner herausragenden Leistungen auch dem britischen Geheimdienst auf. Nach seiner Rekrutierung führte er ein verschwiegenes Dasein, niemand ahnte etwas von seinem Doppelleben. Nach den Enthüllungen zeigte sich seine Familie entsprechend überrascht und geradezu schockiert. Nach außen hatte Houghton stets vorgegeben, bei einer Bank tätig zu sein. Nun, möglicherweise betrachtete er den MI6 ja als Geldinstitut, wenn auch der besonderen Art!

Aber vielleicht wäre Houghton die leidvolle Erfahrung bei seinem versuchten Tauschgeschäft erspart geblieben, hätte er sich auch ein wenig mit geheimdienstlicher Geschichte auseinandergesetzt. Vielleicht wäre er dabei über den Fall des umstrittenen amerikanischen CIA-Mannes und Desinformations-Agenten Oswald LeWinter gestolpert, dem es bereits vor vielen Jahren ähnlich erging, als er Mohammed Al-Fayed geheimdienstliche Beweisdokumente übergeben wollte, die angeblich klar belegten, dass dessen Sohn Dodi sowie die Prinzessin of Wales 1997 in Paris keineswegs bei einem »Autounfall« ums Leben kamen, sondern Opfer eines kaltblütigen Mordanschlags wurde.

LeWinter wollte dieses Material zusammen mit einigen Geheimdienstkollegen für einen hohen Betrag an Al-Fayed übergeben. Doch dessen Sicherheitschef John McNamara war sich der damit verbundenen Gefahr völlig bewusst. Der Multimillionär würde sich durch den Ankauf dieser offiziellen, weiterhin klassifizierten US-Geheimakten eines Verbrechens schuldig machen. Also informierte McNamara FBI und CIA, die ihn anwiesen, jene dubiosen »geschäftlichen Verhandlungen« einfach weiterzuführen, gleichzeitig aber die US-Behörden bis zur Übergabe ständig auf dem Laufenden zu halten. Als LeWinter das brisante Beweismaterial in einem Wiener Hotel übergeben wollte, erfolgte der Zugriff. Und das war es dann auch. LeWinter behauptete später, es habe sich lediglich um Fälschungen gehandelt, erklärte dies aber nur, um nicht wegen Landesverrats angeklagt zu werden. So kam er eher glimpflich davon, wurde zu vier Jahren Haft verurteilt. Zweieinhalb Jahre saß er wirklich. Dann entließen ihn die Behörden plötzlich und eher unerwartet. Mohammed Al-Fayed höchstpersönlich holte ihn mit seinem Rolls-Royce vor den Pforten des Gefängnisses ab. Ob Daniel Houghton auch soviel Glück im Unglück hat? Über sein Schicksal werden die Richter wohl am 11. März entscheiden.

 

Ergänzende Beiträge zu diesem Thema

Britische Geheimdienste: Schon wieder geheime Daten abhanden gekommen …

Udo Ulfkotte

Es ist noch nicht einmal eine Woche her, dass wir an dieser Stelle über die vielen Pannen bei den britischen Diensten berichtet haben. Man gelobte Besserung – und nun sind schon wieder geheime Daten abhanden gekommen. Dieses Mal fehlen sie dem Inlandsgeheimdienst MI5 ...  mehr …

Britischer Geheimdienst sucht Muslime – als Spione …

Udo Ulfkotte

Sie trinken ganz bestimmt keinen geschüttelten Martini. Sie passen nicht in das Klischee-Bild eines James Bond. Und genau deshalb sucht der britische Geheimdienst MI5 nun Muslime – als unauffällige Spione.  mehr …

Britischer Top-Spion von Russen vergiftet?

Udo Ulfkotte

Alex Allan gilt als der britische »Superspion« dieser Tage. Der Mann ist Londons oberster Geheimdienst-Koordinator. Er hat im Leben viele Hürden gemeistert. Als es in der 1980er-Jahren immer wieder Streiks im öffentlichen Nahverkehr gab, da nutze er ein Surfbrett, um auf der Themse im Anzug und mit Dienstkoffer ins Büro zu kommen. Er hat immer  mehr …

Wer diesen Artikel gelesen hat, hat sich auch für diese Beiträge interessiert:

Britischer Top-Spion von Russen vergiftet?

Udo Ulfkotte

Alex Allan gilt als der britische »Superspion« dieser Tage. Der Mann ist Londons oberster Geheimdienst-Koordinator. Er hat im Leben viele Hürden gemeistert. Als es in der 1980er-Jahren immer wieder Streiks im öffentlichen Nahverkehr gab, da nutze er ein Surfbrett, um auf der Themse im Anzug und mit Dienstkoffer ins Büro zu kommen. Er hat immer  mehr …

Ärzteteam des Weißen Hauses fordert Obama dazu auf, weniger Alkohol zu trinken

Udo Ulfkotte

US-Präsident Obama raucht. Und er trinkt offenbar sehr viel Alkohol. In der Öffentlichkeit war das alles bislang nicht bekannt. Nun fordern die Ärzte des Weißen Hauses den Präsidenten dazu auf, endlich seinen Alkohol- und Zigarettenkonsum einzuschränken.  mehr …

Reichlich Wasser und ein Loch im Mond

Andreas von Rétyi

Nach langer Unsicherheit ist endgültig bewiesen: Es gibt Wasser auf dem Mond, und zwar eine ganze Menge! Schon seit einiger Zeit haben sich die Hinweise darauf gemehrt. Als kürzlich die LCROSS-Sonde auf den Mond stürzte, erzeugte sie eine Einschlagswolke, die eindeutig auch Wasser enthält. Das kostbare Nass ist enorm bedeutsam für die Errichtung  mehr …

Grenzenlose Korruption im Land der unbegrenzten Möglichkeiten

Thomas Mehner

Die Vereinigten Staaten von Amerika gelten als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Diese Unbegrenztheit wird vor allem deutlich, wenn man sich mit den kriminellen Machenschaften bestimmter Personen und Organisationen auseinandersetzt. Ein besonders interessanter Fall erschüttert seit einigen Tagen den US-Bundesstaat New Jersey.  mehr …

Britische Geheimdienste: Schon wieder geheime Daten abhanden gekommen …

Udo Ulfkotte

Es ist noch nicht einmal eine Woche her, dass wir an dieser Stelle über die vielen Pannen bei den britischen Diensten berichtet haben. Man gelobte Besserung – und nun sind schon wieder geheime Daten abhanden gekommen. Dieses Mal fehlen sie dem Inlandsgeheimdienst MI5 ...  mehr …
Newsletter-
anmeldung!
Hier erhalten Sie aktuelle Nachrichten und brisante Hintergrundanalysen
(Abmeldung jederzeit möglich)

Werbung

KOPP EXKLUSIV – Jetzt bestellen

Brisante Hintergrundanalysen wöchentlich exklusiv nur bei uns.

Katalog – Jetzt kostenlos bestellen

Bestellen Sie unseren Katalog kostenlos und unverbindlich.