Daniel Houghton sieht nicht gerade aus wie der Archetyp eines Geheimagenten, eher schon wie ein ganz normaler Schüler. Er ist jung, lässig gekleidet und hat ein offenes, freundliches Wesen. Jedenfalls scheint er keiner zu sein, der schwerwiegende Geheimnisse mit sich herumschleppt. Doch der junge Mann führte tatsächlich ein Doppelleben. Und er wollte möglichst schnell zu Geld kommen. Die Chancen dafür schienen nicht schlecht zu stehen, denn Houghton saß eigentlich schon seit einiger Zeit an einer guten Quelle. Nein, keine Bank, aber das landeseigene Lager einiger der bestgehüteten Geheimnisse: der britische Auslandsgeheimdienst MI6.
Der 25-jährige Houghton steht derzeit wegen Diebstahls klassifizierter Informationen vor Gericht. Immerhin wollte er das Material an gegnerische Dienste verkaufen, für rund zwei Millionen britische Pfund. Er tappte allerdings in die Falle, ging Ermittlern einer verdeckten Operation auf den Leim. Sie waren als vermeintliche Käufer aufgetreten und gaben vor, sich in einem Londoner Hotel mit Houghton zur Übergabe der Akten treffen zu wollen. Dort schnappte die Falle dann zu. Der hoffnungsvolle Geheimdienstler und Millionär in spe führte verschiedene elektronische Datenträger mit sich, darunter USB-Sticks und die Festplatte eines Notebooks, die unter anderem auch nachrichtendienstliche Techniken des MI5 enthüllte. Houghton hatte die diversen sensitiven Informationen in seiner aktiven Zeit zwischen September 2007 und Mai 2009 aus MI6-Archiven auf DVDs und CDs kopiert, um sie anschließend aus den »heiligen Hallen« herauszuschmuggeln. Das Material soll laut offiziellen Angaben die Klassifizierungen »Top Secret« und »Secret« getragen haben.

Für eine gerichtliche Anhörung schlurfte der junge Ex-Agent in ausgefransten Jeans und einem übergroßen T-Shirt in den Gerichtssaal, also ziemlich passend zu seinem permanenten Unauffälligkeits-Image. Daniel Houghton gilt als hochintelligent. An der Universität Birmingham schloss er mit Bestnoten in Computerwissenschaften ab und fiel damals wegen seiner herausragenden Leistungen auch dem britischen Geheimdienst auf. Nach seiner Rekrutierung führte er ein verschwiegenes Dasein, niemand ahnte etwas von seinem Doppelleben. Nach den Enthüllungen zeigte sich seine Familie entsprechend überrascht und geradezu schockiert. Nach außen hatte Houghton stets vorgegeben, bei einer Bank tätig zu sein. Nun, möglicherweise betrachtete er den MI6 ja als Geldinstitut, wenn auch der besonderen Art!
Aber vielleicht wäre Houghton die leidvolle Erfahrung bei seinem versuchten Tauschgeschäft erspart geblieben, hätte er sich auch ein wenig mit geheimdienstlicher Geschichte auseinandergesetzt. Vielleicht wäre er dabei über den Fall des umstrittenen amerikanischen CIA-Mannes und Desinformations-Agenten Oswald LeWinter gestolpert, dem es bereits vor vielen Jahren ähnlich erging, als er Mohammed Al-Fayed geheimdienstliche Beweisdokumente übergeben wollte, die angeblich klar belegten, dass dessen Sohn Dodi sowie die Prinzessin of Wales 1997 in Paris keineswegs bei einem »Autounfall« ums Leben kamen, sondern Opfer eines kaltblütigen Mordanschlags wurde.

LeWinter wollte dieses Material zusammen mit einigen Geheimdienstkollegen für einen hohen Betrag an Al-Fayed übergeben. Doch dessen Sicherheitschef John McNamara war sich der damit verbundenen Gefahr völlig bewusst. Der Multimillionär würde sich durch den Ankauf dieser offiziellen, weiterhin klassifizierten US-Geheimakten eines Verbrechens schuldig machen. Also informierte McNamara FBI und CIA, die ihn anwiesen, jene dubiosen »geschäftlichen Verhandlungen« einfach weiterzuführen, gleichzeitig aber die US-Behörden bis zur Übergabe ständig auf dem Laufenden zu halten. Als LeWinter das brisante Beweismaterial in einem Wiener Hotel übergeben wollte, erfolgte der Zugriff. Und das war es dann auch. LeWinter behauptete später, es habe sich lediglich um Fälschungen gehandelt, erklärte dies aber nur, um nicht wegen Landesverrats angeklagt zu werden. So kam er eher glimpflich davon, wurde zu vier Jahren Haft verurteilt. Zweieinhalb Jahre saß er wirklich. Dann entließen ihn die Behörden plötzlich und eher unerwartet. Mohammed Al-Fayed höchstpersönlich holte ihn mit seinem Rolls-Royce vor den Pforten des Gefängnisses ab. Ob Daniel Houghton auch soviel Glück im Unglück hat? Über sein Schicksal werden die Richter wohl am 11. März entscheiden.