Monday, 20. May 2013
29.07.2012
 

Cyber-Krieg: Mit Computerviren in den stillen Ruin

Michael Brückner

Der digitale Angriff hat längst begonnen: Amerikaner und Israelis legten mit einem aggressiven Computervirus im Jahr 2010 Teile einer iranischen Atomanlage vorübergehend lahm. Doch das ist erst der Anfang. Unsere vernetzte Welt hat die Voraussetzungen für eine Kriegsführung der ganz besonderen Art geschaffen. Cyber-Krieger zerstören die lebenswichtige Infrastruktur der Menschen, manipulieren Börsenkurse, verbreiten Propaganda und können durch Sabotage einstmals mächtige Unternehmen in den Ruin treiben. Lesen Sie einen topaktuellen Report über die perfiden Kriege von morgen.

Vielleicht wird dieser Vorgang aus dem Jahr 2010 als Premiere für eine neue, höchst effektive  Kriegsführung einmal in die Geschichte eingehen: Damals setzte der berüchtigte Computerwurm Stuxnet in der iranischen Atomanlage Natanz etwa 1.000 von 5.000 Zentrifugen zur Urananreicherung vorübergehend außer Betrieb. Dahinter standen die USA und Israel, wie jetzt der Washingtoner Chefkorrespondent der New York Times, David E. Sanger, enthüllte. US-Präsident Obama selbst soll die Stuxnet-Attacke angeordnet haben.

 

 

Dieser Vorfall zeigt: Viren und Computerwürmer sind die »Krieger« der Zukunft. Sie können die Infrastruktur ganzer Nationen innerhalb weniger Stunden zusammenbrechen lassen und Völker in die Knie zwingen.

 

 

Der Cyber-Angriff auf die iranische Atomanlage, der unter Anspielung auf die israelischen Nationalfarben als »Aktion Blau-weiß« bezeichnet wurde, erscheint noch harmlos verglichen mit dem, was auf die Menschen zukommen könnte, wenn Staaten und ihre Militärs den Cyberwar gezielt einsetzen.

 

Der Wissenschaftler und Autor Sandro Gaycken beschreibt in seiner brisanten Recherche Cyberwar - Das Wettrüsten hat längst begonnen ein mögliches Szenario. Cyber-Attacken eignen sich nach seiner Meinung unter anderem für höchst effektive Shock-and-Awe-Kampagnen, die das Volk eines Staates möglichst schnell demoralisieren sollen. Eine Möglichkeit: ein landesweiter Stromausfall durch Cyber-Angriffe.

 

Ein wahrer Albtraum. Denn: »Notaggregate sind nur für wenige Tage mit Benzin ausgestattet, Tanksäulen funktionieren ohne Strom überhaupt nicht, und die inzwischen wenigen Handpumpen liefern nicht einmal annähernd genug Benzin für die notwendigen Kriegsvorbereitungen. Auch die Lieferketten für Nahrung fallen aus, und das Wasser kann nicht mehr mit ausreichendem Druck in die Leitungen und in das Abwasser gepumpt werden. Es gibt kein Licht, kein Fernsehen, kein Radio, kein Internet, kein Telefon, kein Handy... Wenige Tage nach einem flächendeckenden Stromausfall muss sich ein Land kampflos ergeben«, schreibt Gaycken.

 

Der international anerkannte Cyberwar-Experte enthüllt, dass schon im Irakkrieg der USA der Einsatz von Computerviren geplant war, um das irakische Bankensystem lahmzulegen. Das Ziel: Die Soldaten der Republikanischen Garden sollten keinen Sold mehr bekommen. Dass die USA auf diese Attacke verzichteten, hatte einen eher kuriosen Grund: Sie fürchteten, das Virus könnte mutieren und auch das Schweizer Bankensystem einfrieren.

 

Cyber-Attacken – auch eine Möglichkeit, um Banken, die bei der Verfolgung von Steuersündern nicht kooperieren, zur Räson zu bringen? Möglich ist vieles, wie Sandro Gaycken in seinem Buch ausführt. Der Cyberwar kennt viele Facetten:

 

Sabotage: Unternehmen könnten mithilfe von Schadprogrammen ihre Konkurrenten massiv schädigen, die Börsenkurse nach unten drücken und den lästigen Mitbewerber zu einem Schnäppchenpreis übernehmen.

Propaganda: Die US-Armee nennt es »Perception Management«. Darunter versteht sie »Aktivitäten, um einem ausgewählten Zielpublikum ausgesuchte Informationen zuzuspielen oder zu verweigern, um Emotionen, Motive und objektive Argumente zu beeinflussen...«

Spionage: Nachrichtendienste spielten im Cyberwar eine überragend wichtige Rolle, stellt Sandro Gaycken fest. Sie seien oft zuständig für die notwendige Aufklärung im Vorfeld und für das Anbringen des eigentlichen Angriffs.

Manipulation: Die Börse sei das Dorado eines jeden Hackers, schreibt der Autor. Und er erinnert an einen Vorfall im Jahr 2011, als Hacker in das Handelssystem für Emissionszertifikate der Europäischen Union eingebrochen waren. Sie stahlen Zertifikate im Wert von 30 Millionen Euro und verkauften sie ungestört einige Tage später wieder online.

Kriminalität: Ob Kleinkriminelle, marodierende Teenager, Banden des organisierten Verbrechens oder feindliche Armeen – sie verursachen schon heute Jahr für Jahr weltweit hohe Milliardenschäden durch Cybercrime.

 

Sandro Gaycken macht deutlich: Die weltweite Vernetzung und die Dominanz der Computer sind nicht nur Segen, sie können auch ein Fluch sein. Die digitale Diktatur – sie kann unser aller Wohlstand, Gesundheit und Sicherheit gefährden. Grundsätzlich lasse sich jedes Computersystem hacken, warnt der Autor. Selbst unsere wichtigsten Infrastrukturen seien Angriffen schutzlos ausgeliefert: Strom, Wasser, Straßenverkehr, Internet.

 

Daneben ist die vernetzte Welt anfällig für perfide Propaganda. »Beim Web 2.0, das seiner Gründungsidee entsprechend für jeden offensteht, kann absolut jede/r mitschreiben, sei es in Blogs, bei Wikipedia, in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Google+«, stellt Gaycken fest. Dies werde als Demokratisierung der Meinungsbildung gepriesen. »Doch eine ungeprüfte Offenheit in der Teilnahme bei der öffentlichen Meinungsbildung ist alles andere als demokratisierend«, schreibt der Autor.

 

Eine Spezialität des Internets sei das so genannte »Crowdsourcing«. Dieser Ausdruck setzt sich zusammen aus den Wörtern »outsourcing« (Auslagerung) und »crowd« (Menge) und bedeutet nichts anderes, als dass Informationen und Arbeitsaufgaben massenhaft und schnell über das Internet an meist freiwillige Teilnehmer verteilt werden. Als bekanntestes Beispiel für Crowdsourcing bezeichnet Gaycken die selbsternannte Online-Enzyklopädie Wikipedia.

 

Obwohl der Autor auch Beispiele für eine effiziente Cyber-Defensive nennt, beschreibt er am Ende seines Buchs ein düsteres Szenario. Er nennt es den »stillen Ruin«. Es werde keine großen Katastrophen, keine feurigen Explosionen und keine riesigen Börsenstürze geben. »Warum sollte man als Angreifer so etwas tun, wenn man völlig unbemerkt eine Fernsteuerung in einem Zielsystem eingebaut hat?«, fragt Gaycken. Die Menschen werden zu Marionetten jener, die solche Fernsteuerungen bedienen.

 

 

Sandro Gaycken: Cyberwar. Das Wettrüsten hat längst begonnen, München 2012, 256 Seiten, Paperback, 9,99 Euro.

 

 

 


 

 

 

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