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An diesem warmen Sommerabend des Jahres 1996 sollte sich das Leben für den jungen Briten Geraint Anderson komplett ändern. Er würde bald in eine ihm bis dahin völlig fremde Welt
eintauchen, hervorragend verdienen und Stress, sogar bisweilen aufkommende Skrupel, mit Drogen, Sex und Alkohol betäuben. Anderson stand am Beginn einer atemberaubenden Karriere im Londoner Finanzdistrikt. In den folgenden Jahren sollte er für einige der ersten Adressen der Finanzwirtschaft arbeiten, darunter die Bankkonzerne ABN Amro, Société Générale und Dresdner Kleinwort. Das Vorstellungsgespräch wurde in einer von Zigarrenrauch geschwängerten Bar an der Londoner Bishopsgate geführt. Schon nach wenigen Minuten war man sich einig und feierte bis in die frühen Morgenstunden mit reichlich Champagner. Es war ein ziemlich glamouröses Leben, das Geraint Anderson viele Jahre lang führte. Aber heute ist er sich sicher: Es war ein ziemlich kaputtes Leben. Doch das ahnte er nicht, als er an diesem Juliabend um kurz vor 19 Uhr die Bar The Moon Under Water betrat, um sich bei seinem künftigen Boss vorzustellen.
Was dann folgte, hat Geraint Anderson später als Kolumnist in thelondonpaper und danach in seinem Buch Cityboy – Beer and Loathing in the Square Mile beschrieben. Die deutsche Ausgabe ist unlängst als Taschenbuch erschienen. Wer 9,95 Euro investiert und die fast 350 Seiten starke Beichte des einstigen Staranalysten einer großen Investmentbank liest, schwankt zwischen Amüsement und Entsetzen.
Zu den amüsanten Erkenntnisgewinnen, die der Leser aus diesem Buch zieht, gehören die frappierenden Antworten auf die Frage, wie man zu einem gutbezahlten und mit reichlich Boni verwöhnten Analysten aufsteigt, obgleich man anfangs gar keine Ahnung von der Börse hat. »Das, was Aktienkurse in die Höhe treibt, sind Wechselkursschwankungen, wachsendes Bruttosozialprodukt, der Ölpreis und so weiter – alles Dinge, die man kaum vorhersagen kann. Alles, was man tun muss, ist, eine einigermaßen plausibel klingende Geschichte zu erfinden, die schwer zu widerlegen ist, sie aufzuschreiben und zu warten, bis die Idioten anbeißen«, schreibt Anderson in entwaffnender Offenheit. Er gibt zu, am Beginn seiner Karriere völlig ahnungslos gewesen zu sein und für das unkonventionelle Vorstellungsgespräch in der Bar ein paar Standardsätze über »Cashflow« und »Kurs-Gewinn-Verhältnis« auswendig gelernt zu haben. Dass er dennoch schon bald jährlich umgerechnet über 140.000 Euro plus sechsstellige Boni verdienen sollte, verdankt er – wie der Autor selbst schreibt – einem Talent der besonderen Art: »Ich glaube, ich habe einen natürlichen Hang dazu, andere zu verarschen …« Das sei wichtiger als Sorgfalt und analytische Fähigkeiten.
Für seine Blitzkarriere in der Londoner City hatte Anderson eine Drogen- und Tabletten-»Karriere« in Asien beendet. Die Eltern sorgten sich um ihren Jungen und baten seinen Bruder, der als Fondsmanager tätig war, das »Schwarze Schaf« der Familie unter seine Fittiche zu nehmen und in
der Finanzbranche unterzubringen. Nach einem Gespräch von wenigen Minuten und vier Flaschen Champagner hatte der Ex-Hippie tatsächlich einen Job. Und innerhalb weniger Jahre machte er sich einen Namen als Star-Analyst.
Soweit die amüsante Seite der Story. Entsetzt ist der gutgläubige Bankkunde, wenn er von den Exzessen und Orgien der Financial Community erfährt. »Sie benehmen sich wie Jungs in der Pubertät mit 500.000 Pfund Taschengeld«, sagte Anderson später in einem Interview. Das kann mitunter weitreichende Folgen haben: Nach einem Absinth- und Koks-Gelage in einem Londoner Pub bescherte Anderson seiner Bank einen Verlust von 1,2 Millionen Pfund.
»Ich fing an, ziemlich regelmäßig zu koksen, und war bald bei einem Suchtstadium angelangt, das selbst ein Keith Richards als exzessiv bezeichnet hätte«, erinnert sich Geraint Anderson. »Wir gingen regelmäßig zu unseren Koksabenden in schmierige City-Bars und zogen Lines, als kämen sie bald aus der Mode …«
Seiner Karriere tat dies keinen Abbruch. Im letzten Jahr, bevor sich Geraint Anderson als Kolumnist im thelondonpaper outete und mit seinen kaputten Kollegen abrechnete, verdiente er allein 500.000 Pfund an Boni.
Bleibt die spannende Frage, ob die investierende Welt eigentlich Star-Analysten braucht. Die Antwort des Autors fällt ebenso deutlich wie ernüchternd aus: »Man kann alle angeblichen Experten getrost vergessen. Der gesamte Börsenmarkt ist ein Lotteriespiel und ungefähr so vernünftig wie meine Tante Beryl, wenn sie den ganzen Tag Sherry getrunken hat.«
Die ganze Beichte des Ex-Bankers lesen Sie hier:
Geraint Anderson: Cityboy – Geld, Sex und Drogen im Herzen des Londoner Finanzdistrikts, ungekürzte Taschenbuchausgabe, 347 Seiten, 2. Auflage, München 2011, 9,95 €
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