Tuesday, 26. July 2016
22.09.2011
 
 

Steht der große Knall bevor? Experten diskutieren Währungsreform-Szenarien

Michael Brückner

Eine Währungsreform? Das schien vor gar nicht allzu langer Zeit allenfalls ein Stoff zu sein, aus dem Verschwörungstheorien wurden. Plötzlich aber nehmen selbst renommierte Wirtschaftswissenschaftler das »W-Wort« in den Mund. Bankmitarbeiter berichten über sonderbare Vorgänge hinter den Kulissen, Edelmetallhändler kommen der Nachfrage kaum noch nach. Weltweit decken sich die Notenbanken mit Gold ein. Steht der große Knall möglicherweise unmittelbar bevor?

Ein scheinbar ganz normaler Vormittag in der Frankfurter Zentrale einer führenden deutschen Privatkundenbank. Hier wird nicht das große Rad des Investmentbanking gedreht. Das Institut verdient sein Geld vielmehr mit Spareinlagen, Krediten, Girokonten, Baufinanzierungen und dem Wertpapiergeschäft für private Anleger. Der Dax ist gerade wieder um drei Prozent abgestürzt, aus Athen kommen neue Hiobsbotschaften. Ein großes Nachrichtenmagazin schockt seine Leser mit der Titelstory »Ist unser Geld verloren? Milliarden für nichts, Merkel in Not«.

Nein, es gebe keine Hinweise auf eine baldige Währungsreform, heißt es bei den Bankern. Allerdings: Immer mehr Kunden melden sich bei ihren Bankberatern und stellen exakt diese Frage: »Wann kommt die Währungsreform – und was passiert mit meinen Ersparnissen?« Manche wollen

sogar von einem konkreten Termin gehört haben. An einem Wochenende im Oktober oder November soll es angeblich passieren. Auch ein führender Goldhändler berichtet von völlig verunsicherten Menschen, die ihr Papiergeld noch rechtzeitig in Gold und Silber tauschen möchten.

 

Alles nur Panikmache? Tatsache ist: Mit Europa, den USA und Japan versinken die führenden Wirtschaftsmotoren im Schuldensumpf. Die ersten Staatsbankrotte stehen unmittelbar bevor. Merkwürdig: Immer mehr Zentralbanken kaufen tonnenweise Gold. Allein im ersten Halbjahr 2011 soll Russland rund 48 Tonnen des gelben Edelmetalls erworben haben, berichtete unlängst das Handelsblatt. Die Zentralbank von Kasachstan will die gesamte Goldproduktion des Staates aufkaufen – das könnten in diesem Jahr rund 40 Tonnen sein. Mexiko erwarb im ersten Halbjahr 2011 über 99 Tonnen Gold am Weltmarkt. Und erst vor wenigen Tagen kündigte der Präsident Venezuelas, Hugo Chávez, an, alles Gold, das auf nationalem Territorium als Folge von Bergbautätigkeiten gefördert werde, kaufe fortan ausschließlich der Staat. Die Goldreserven Venezuelas werden auf rund 366 Tonnen geschätzt. Thailand kaufte allein im Juni nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) 19 Tonnen Gold, Korea sogar 25 Tonnen.

Jenseits dieser Milliardentransfers gibt es nicht zuletzt die vielen scheinbaren Kleinigkeiten, die manchem aufmerksamen Bankmitarbeiter zu denken geben. Sie berichten über merkwürdige Software-Updates, die plötzlich wieder die D-Mark auf die Monitore gezaubert hätten, zusammen mit einem neuen Wechselkurs gegenüber dem siechen Euro. Und im Nachrichtenmagazin Focus (Ausgabe 38/11) liefert Dirk Meyer, Volkswirtschaftsprofessor an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg, sogar ein detailliertes Szenario, wie die Wiedereinführung der D-Mark konkret umgesetzt werden könnte. Er geht davon aus, dass speziell gekennzeichnete Euro-Scheine vorerst als D-Mark-Ersatz im Umlauf bleiben, bis die neuen Münzen und Scheine verfügbar sind.

Natürlich werden Regierungen und Notenbanken eine bevorstehende Währungsreform bis zur letzten Minute energisch dementieren. Zum einen, weil man des eigenen politischen Überlebens willen immer noch nach Auswegen sucht, zum anderen, weil man Panik und eine massive Flucht aus dem Euro verhindern möchte. Eine Währungsreform bedarf – gerade in den Tagen und Wochen vor ihrer Umsetzung – der strengsten Geheimhaltung.

Rückblende: Im Frühjahr 1948 machten Überseeschiffe aus den USA in Bremerhaven fest. Es wurden zahlreiche Kisten entladen, die angeblich nach Barcelona weitertransportiert werden sollten. Gerade einmal sechs Leute sollen gewusst haben, um welche Fracht es sich tatsächlich handelte. Jedenfalls wurden die 23.000 Boxen nicht nach Barcelona gebracht, sondern auf Militärlastern nach Frankfurt am Main. In einem streng bewachten Keller in einem Gebäude in der Taunusanlage wurde die brisante Fracht bis zum Tag X aufbewahrt. Es war das neue Geld der Deutschen.

Trotz aller Geheimhaltung gab es auch damals Gerüchte. Viele Menschen spürten, dass etwas »in der Luft lag«. Ähnlich wie heute. Bemerkenswert: In den Jahren 2010/2011 haben bei Google fast ebenso viele Nutzer die Stichwortkombinationen »Währungsreform 2010« und »Währungsreform 2011« eingegeben wie »Währungsreform 1948«, meldete Spiegel online schon Ende August.

Neben der Ahnung zahlreicher Menschen, dass etwas passieren wird, weil die Probleme selbst mit immer größeren Rettungsschirmen nicht mehr lösbar erscheinen, gibt es volkswirtschaftliche Signale, die auf die Gefahr einer Währungsreform hindeuten. Ökonomen nennen in diesem Zusammenhang meist drei Indikatoren: außer Kontrolle geratene, exorbitant hohe Staatsschulden, drastisch steigende Goldpreise und nahezu unverkäufliche Staatsanleihen hochverschuldeter Staaten. Das klingt wie eine exakte Beschreibung der aktuellen Situation.

Die Gefahr einer Währungsreform ist real, manche Ökonomen halten sie sogar für unvermeidbar. Wann es soweit sein wird, vermag niemand zu sagen. Vielleicht schon in drei oder vier Wochen, vielleicht aber erst in drei oder vier Jahren. Jedenfalls sollte der weitsichtige Anleger vorbereitet sein. Die Aufstockung der Silber- und Goldbestände im Portfolio ist trotz der vergleichsweise hohen Preise sicher keine schlechte Idee.

 

 


 

 

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