Tuesday, 22. May 2012
08.07.2010
 

KOPP Online im GESPRÄCH: »Die Täter müssen bereuen und sühnen«

Michael Grandt

Pater Franz Schmidberger von der Priesterbruderschaft St. Pius X. über den umstrittenen Bischof Williamson, Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche und homosexuelle Priester.

 

Hintergrund I: Priesterbruderschaft St. Pius X

Die Bruderschaft wurde am 1. November 1970 durch den Bischof von Freiburg, Genf und Lausanne, Mgr. Charrière, als Gemeinschaft der römisch-katholischen Kirche errichtet. Ihr Gründer ist der französische Erzbischof Marcel Lefebvre (1905-1991), ehemaliger Missionar und Apostolischer Delegat für das Französisch sprechende Afrika. Die Bruderschaft St. Pius X. ist eine Priestervereinigung mit Gemeinschaftsleben ohne Gelübde nach dem Vorbild der Missionsgesellschaften, die sich der Erneuerung des Priestertums widmet. Sie betreibt sechs Priesterseminare und bildet 14 Distrikte, z. B. in der Schweiz, Frankreich, Australien, USA, Argentinien und Deutschland, insgesamt unterhält sie 161 Priorate, 725 Messzentren und Kapellen, zwei Universitäts-Institute und 90 Schulen. Sieben Altersheime werden direkt von der Bruderschaft geführt. Sie ist in 31 Ländern ansässig und unterhält zudem Apostolate in weiteren 32 Ländern. Zu ihren Mitgliedern zählen 509 Patres, 215 Seminaristen, 41 Vorseminaristen, 117 Brüder und 82 Oblatinnen. Die Schwestern der Priesterbruderschaft St. Pius X. – eine Kongregation mit eigener Generaloberin – zählt 166 Schwestern. Nach eigenen Angaben hat die Bruderschaft weltweit rund 600.000 Anhänger.

 

Hintergrund II: Bischof Richard Williamson

Richard Nelson Williamson (*1940 in London) ist einer der vier Bischöfe der Priesterbruderschaft St. Pius X. Die Aufhebung seiner Exkommunikation durch Papst Benedikt XVI. löste Kontroversen aus, da Williamson den Holocaust geleugnet hatte. Er sagte vor einem Jahr im schwedischen Fernsehen, es gebe erdrückendes historisches Beweismaterial, das gegen die mutwillige Vergasung von sechs Millionen Juden während des Zweiten Weltkriegs spreche. Es seien vielleicht 200.000 bis 300.000 Juden in Konzentrationslagern umgekommen, aber kein Einziger von ihnen sei vergast worden. Dies hatte eine weltweite mediale Entrüstung zur Folge und Israel drohte Rom sogar mit dem Abbruch diplomatischer Beziehungen.

Die Staatsanwaltschaft Regensburg eröffnete daraufhin ein Ermittlungsverfahren wegen Volksverhetzung, denn die Leugnung des Holocaust ist seit 1994 ein eigenständiger Straftatbestand in Deutschland und wird mit bis zu fünf Jahren Gefängnis geahndet. Da das Fernsehinterview im Priesterseminar der Bruderschaft in Zaitzkofen aufgezeichnet worden sein soll, fiel das Ermittlungsverfahren auch in den Zuständigkeitsbereich der Regensburger Staatsanwaltschaft. Diese erließ einen Strafbefehl über 12.000 Euro, den Williamson nicht akzeptierte. Deshalb kam es am 16. April 2010 in Regensburg zu einer mündlichen Verhandlung. Der Prozess endete mit der Verurteilung zu 100 Tagessätzen je 100 Euro (insgesamt also 10.000 Euro). Williamson legte gegen das Urteil Berufung ein.

Die Priesterbruderschaft St. Pius X. in Deutschland distanzierte sich von den Aussagen von Richard Williamson und zog Konsequenzen: Der Bischof wurde von seinem leitenden Amt als Regens des Priesterseminars in Argentinien umgehend abberufen.

 

Michael Grandt: »Pater Schmidberger, wie gehen Sie mit der öffentlichen Meinung um, bei Bischof Williamson handele es sich um einen Volksverhetzer?«

 

Pater Franz Schmidberger: »Wie Sie vielleicht wissen, hat Bischof Williamson gegen das Urteil vom 16. April Berufung eingelegt; also ist er nicht rechtskräftig verurteilt, was auch immer die öffentliche Meinung sein mag. So sehr die Äußerung von Bischof Williamson zum Holocaust zu bedauern ist, kann man sich doch andererseits ernsthaft fragen, ob sie wirklich den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt: Er hat die Äußerung für das schwedische Fernsehen gemacht, nicht für das deutsche Publikum, und in Schweden ist die Rechtslage eine ganz andere. Vielleicht sollte man aber bedenken, dass der Holocaust kein Predigtthema für uns Priester ist, sondern dem Ressort der Historiker angehört. Im Übrigen ist die Piusbruderschaft durch den Medienrummel um Bischof Williamson in der Öffentlichkeit mehr bekannt geworden, als unseren Gegnern lieb sein kann. Der liebe Gott schreibt eben manchmal auch auf krummen Linien gerade.«

 

Michael Grandt: »Ein anderes Thema wird in der Öffentlichkeit gegenwärtig heftig diskutiert: Missbrauchsfälle durch Kirchenvertreter. Was sollte die Kirche Ihrer Meinung nach tun und wie soll mit den Opfern und den Tätern umgegangen werden?«

 

Pater Franz Schmidberger: »Nach dem Bekanntwerden der Missbrauchsfälle bedarf die Kirche dringend der Erneuerung, Reinigung und eines inneren Aufbruchs. Die Gläubigen müssen den Weg zurück zum Beichtsakrament finden, die Priester müssen dieses Sakrament mit Freude und Hingebung spenden, sie müssen darüber hinaus die heilige Messe zum Mittelpunkt ihres priesterlichen Lebens machen. Nur eine betende, anbetende und auch missionarische Kirche kann den Vertrauensschwund der letzten Monate wiedergutmachen.
Vor allem muss dem katholischen Volk und in erster Linie unserer Jugend wieder der ganze katholische Glaube einschließlich seiner sittlichen Forderungen gelehrt werden. Das religiöse Wissen ist beim ehemals gläubigen Volk praktisch auf den Nullpunkt gesunken.
Die Opfer brauchen Zuwendung; manchmal sind sie für ihr ganzes Leben geschädigt. Die Täter müssen, wie dies der Papst in seinem Brief an die Kirche in Irland klarmacht, ihr schweres Vergehen bereuen und sühnen.«

 

Michael Grandt: »Für Laien, die sich im Kirchenrecht nicht auskennen: Wie müsste das ›Bereuen‹ und ›Sühnen‹ in der Praxis aussehen?«

 

Pater Franz Schmidberger: »Man könnte sich vorstellen, dass sie sich mehrere Jahre in ein Kloster zurückziehen und sich insbesondere dem Gebet, dem Fasten und anderer Bußübungen und der inneren Erneuerung widmen. Darüber hinaus können sie nie mehr in einem besonderen Kinder- oder Jugendapostolat eingesetzt werden, etwa bei Ferienlagern oder bei Ministrantengruppen. Sind sie unkorrigierbar, so müssen sie aus dem priesterlichen Dienst entlassen werden.«

 

Michael Grandt: »Der Generalobere der Piusbruderschaft, Weihbischof Bernard Fellay befindet, wenn man den Missbrauch verhindern will, sollen Homosexuelle vom Priestertum ferngehalten werden. Wie soll das geschehen? Wie will man vor der Priesterweihe feststellen, ob jemand homosexuell ist oder nicht?«

 

Pater Franz Schmidberger: »Die wichtigste Tätigkeit der Kirche ist die Heranbildung der zukünftigen Priester. Im Priesterseminar leben der Regens und sein Lehrerkollegium unter dem gleichen Dach mit den Seminaristen und können sie somit jeden Tag beobachten, und das sechs Jahre lang: beim Gottesdienst, im Unterricht, bei Tisch, im Gemeinschaftsleben und im Umgang mit ihren Mitbrüdern. So ist fast in allen Fällen eindeutig festzustellen, ob jemand normal veranlagt und ausgeglichen ist und ob er sich im Verlauf seiner sechsjährigen Ausbildung wirklich entfaltet und reift. Natürlich wird man nie eine absolute Garantie haben, und immer wird es Schwachheit, aber auch Boshaftigkeit und Sünde geben. Doch muss eben das Menschenmögliche getan werden, um Homosexuelle vom Priestertum fernzuhalten. Nach diesem Grundsatz haben wir in der Priesterbruderschaft St. Pius X. stets gehandelt.«

 

Michael Grandt: »Pater Schmidberger, ich danke Ihnen für das Gespräch.«

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