Saturday, 27. August 2016
04.04.2014
 
 

Warum die Türkei eine Terroroperation unter falscher Flagge in Syrien plante

Nick Giambruno

Sie haben vermutlich auch von den vor einiger Zeit in die Öffentlichkeit durchgesickerten Gesprächen im Zusammenhang mit der Türkei gehört. Es war schon atemberaubend, zuzuhören, wie hochrangige türkische Regierungsvertreter so nebenbei darüber diskutierten, wie man einen Zwischenfall unter »falscher Flagge« provozieren könnte, der eine größere Militärintervention in Syrien rechtfertigen würde. Diese Angelegenheit hat deshalb so großes Gewicht, weil türkische Truppen in Syrien NATO-Truppen in Syrien Tor und Tür öffnen, was den Konflikt dramatisch ausweiten würde.

Da ich einige Jahre im Nahmittelosten gelebt und gearbeitet und mich auch oft in Syrien aufgehalten habe, ermunterten mich meine Kollegen beim Anlageberatungsunternehmen Casey Research, meine Meinung zu dieser Angelegenheit darzulegen.

 

Für den Fall, dass Sie mit dem Begriff »Operation unter falscher Flagge« nichts anzufangen wissen, unter einer »Operation unter falscher Flagge« versteht man eine Aktion, bei der man andere glauben machen will, dass die eigentlichen Akteure jemand ganz anderes sind.

 

Vielleicht erinnern Sie sich an den Film Fast Times at Ridgemont High [dt.: Ich glaub‘, ich steh‘ im Wald]. Dort geht es um einen jungen Mann, der im Footballteam seiner Highschool spielt und einen neuen teuren Sportwagen besitzt. Später fährt ein Freund seines jüngeren Bruders den Wagen zu Schrott. Da sie Angst davor haben, wie der große Bruder reagieren könnte, entwickeln sie den schlauen Plan, die Schuld jemand anderem zuzuschieben. Sie lassen es so aussehen, als hätte ein rivalisierendes Footballteam das Auto zerstört, indem sie es mit den Farben und den Schlachtrufen des anderen Footballteams versehen. Der Plan geht auf – der große Bruder ist überzeugt, dass das konkurrierende Footballteam, und nicht sein kleiner Bruder, für die Zerstörung seines Fahrzeugs verantwortlich ist.

 

Dies ist im Kern das Wesen einer Operation unter falscher Flagge, und die gleiche Taktik wird auch von den Militärs und Geheimdiensten weltweit eingesetzt, um einen ähnlichen Effekt zu erzielen. Viele glauben, dass es sich bei dem Reichstagsbrand im Februar 1933 in Deutschland, der es Hitler erlaubte, seine Machtbefugnisse im Rahmen der Notverordnung »Zum Schutze von Volk und Staat« massiv zu erweitern, um eine solche Operation unter falscher Flagge handelte.

 

Warum aber sollte die Türkei ein solches Vorgehen in Syrien vorschlagen?


Um diese Frage zu beantworten, müssen wir auf die komplexe Situation in Syrien eingehen. Zunächst einmal sind die syrischen Rebellen in zumeist salafistische Islamisten und säkulare Oppositionelle gespalten, wobei Letztere unter dem Namen »Freie Syrische Armee« (FSA) bekannt sind. So wie die Dinge jetzt stehen, spielt die säkulare Opposition kaum noch eine Rolle und verfügt vor Ort nur über geringen Einfluss – die Regierung Obama weigert sich störrisch, diese Realität zur Kenntnis zu nehmen.

 

Die salafistischen Islamisten halten die reale Macht in der Opposition in Händen und man kann sie grob in drei Gruppen aufteilen:

  1. Die Islamische Front: Diese meistens als »gemäßigt« oder »Mainstream« eingestufte Gruppe wird zum großen Teil von Saudi-Arabien, aber auch aus der Türkei und Katar unterstützt. Zahlenmäßig stellt sie die größte Gruppe, aber sie ist nicht notwendigerweise in militärischer Hinsicht die kampfstärkste oder effektivste Gruppe.

  2. Die Al-Nusra-Front ist der offizielle Al-Qaida-Ableger in Syrien. Diese Gruppe ist sehr viel radikaler und für ihre Enthauptungen und Selbstmordanschläge bekannt. Sie wird von reichen Einzelpersonen aus der Golfregion und angeblich in gewissem Maße aus Katar unterstützt. Die Al-Nusra-Front koordiniert ihre Aktivitäten weitgehend mit der Islamischen Front. Dies führt bei vielen Beobachtern zu der Frage, ob unter diesen Bedingungen eine sinnvolle Unterscheidung zwischen den beiden Gruppen möglich ist; es sei denn, man will der Islamischen Front das Etikett »Mainstream« anhängen, um potenzielle westliche Unterstützer nicht abzuschrecken.

  3. ISIL: Diese Abkürzung steht für »Islamischer Staat im Irak und der Levante«. Diese Leute sind so extrem, dass selbst al-Qaida sie verabscheut, und ihr brutales Vorgehen hat viele im Land abgeschreckt. Aber das bedeutet nicht, dass sie keine starken Kämpfer sind. Tatsächlich kontrollieren sie einen breiten Gebietsstreifen, der sich von Ostsyrien bis zur irakischen Stadt Falludscha erstreckt, die eigentlich zu einem eigenständigen, aber bisher noch nicht anerkannten politischen Gebilde geworden ist, das von diesen Leuten kontrolliert wird.

Aber nun zurück zur Lage in der Türkei.

 

Die Türkei besitzt eine sehr kleine Enklave in Aleppo in Syrien, dessen Zugehörigkeit zur Türkei bis in die Zeit des Osmanischen Reiches zurückreicht und im Vertrag von Ankara 1921 vereinbart wurde. Es handelt sich dabei um das Grab Süleiman Schahs, des mutmaßlichen Großvaters des Gründers des Osmanischen Reiches, Osman I. Es wird von 24 türkischen Soldaten bewacht und gilt als souveränes türkisches Territorium. Die Anwesenheit türkischer Soldaten in diesem Gebiet ist kein Gegenstand von Streitigkeiten, da die syrische Regierung vor langer Zeit zugestimmt hat.

 

Die Region, in der sich dieses Grabmal befindet, wird allerdings seit vielen Monaten schon nicht mehr von der syrischen Regierung kontrolliert. Gegenwärtig hat hier die extrem islamische ISIL-Gruppe das Sagen. Sie hat bereits Drohungen gegenüber den türkischen Soldaten ausgesprochen und sie zum Verlassen der Region aufgefordert. Die türkischen Soldaten haben dies verweigert, und aus diesem Grund reagiert die türkische Regierung so gereizt. Und in diesem Zusammenhang wurde der Inhalt des aufgezeichneten Gesprächs veröffentlicht.

 

Das Gespräch beginnt damit, dass man sich darüber unterhält, wie man dieses Grabmal vor den ISIL-Kämpfern schützen könnte. Daran gibt es auch nichts zu kritisieren. Ich bezweifle, dass sich die syrische Regierung für die Türken einsetzen und das Grabmal schützen würde, da dieses Gebiet im Moment ohnehin für sie verloren ist. Mehr noch, ich könnte wetten, dass die syrische Regierung es sogar nicht ungern sähe, wenn die Türkei militärisch gegen die ISIL vorgehen und sich dabei vielleicht eine blutige Nase holen würde. Denn sonst müsste sie sich mit den ISIL-Kämpfern auseinandersetzen.

 

Aber an dieser Stelle war das Gespräch noch nicht zu Ende. Vielmehr nahm es jetzt eine bedrohliche Wendung, als die hochrangigen türkischen Regierungsvertreter nun erörterten, wie einfach es wäre, im Zusammenhang mit dem Grabmal einen Zwischenfall unter falscher Flagge zu inszenieren, und dass sie diesen Zwischenfall dann benutzen könnten, um ein sehr viel umfangreicheres militärisches Eingreifen in Syrien zu rechtfertigen. Ein solcher Zwischenfall würde weitergehenden militärischen Aktivitäten in Syrien Tür und Tor öffnen und es den Türken ermöglichen, die von ihnen bevorzugten Rebellengruppen zu unterstützen, die in der letzten Zeit schwere Rückschläge hinnehmen mussten.

 

Ein solcher Schritt würde sie in eine direkte militärische Auseinandersetzung mit der syrischen Regierung führen und damit den Konflikt dramatisch ausweiten. Und wenn erst einmal die Türkei an den Kämpfen in Syrien beteiligt ist, würde das wiederum den Einstieg der NATO bedeuten. Die türkische Regierung hat mit der Unterstützung der syrischen Rebellen einen großen Teil ihres politischen Kapitals aufs Spiel gesetzt. Sie war davon ausgegangen, dass die von ihnen bevorzugten Rebellengruppen rasch gewinnen würden und sich als Folge dessen der geopolitische Einfluss der Türkei in einem Syrien nach Assad erhöhen würde. Aber so ist es nicht gekommen. Die von der Türkei favorisierten Rebellen stecken in großen Schwierigkeiten, und eine wachsende Zahl türkischer Wähler betrachtet die Einmischung ihrer Regierung und die sich daraus ergebenden negativen Folgen mit sehr kritischen Augen.

 

Ein Zwischenfall unter falscher Flagge im Zusammenhang mit dem Grabmal böte Erdoğan die Chance, seinen Einsatz noch einmal zu erhöhen und zu versuchen, mit einer verzweifelten Anstrengung die Lage in Syrien herumzureißen. Wer immer auch den Inhalt dieser Gespräche durchsickern ließ, wählte den Zeitpunkt gut, um dieser Strategie allen Wind aus den Segeln zu nehmen. Es gibt nur wenige Leute, die über die notwendigen Fähigkeiten und auch das notwendige Motiv verfügten, so vorzugehen. Als Verbündete der syrischen Regierung stehen russische Geheimdienste ganz oben auf dieser Liste. Sie haben mutmaßlich bereits zuvor schockierende private Telefongespräche in der Ukraine veröffentlicht. Aber auch Mitglieder der türkischen Armee, die der Politik Erdoğans ablehnend gegenüberstehen, könnten hinter dieser Aktion stehen.

 

Anstatt angemessen und mit einem gewissen Stil auf diese Niederlage zu reagieren, verhielt sich die türkische Regierung wie ein wütendes Kleinkind und versuchte, wenn auch vergeblich, die sozialen Netze Twitter und YouTube zu verbieten. In unserer heutigen digitalen Zeit werden die Einschränkung des Internetzugangs, die Ausspähungen und Speicherung digitaler Daten und andere Eingriffe in die digitale Präsenz einzelner Personen zu neuen Werkzeugen in der Hand verzweifelter Regierungen.

 

Glücklicherweise ist es relativ einfach, dieses Risiko zu umgehen, indem man seine digitale Präsenz international streut. In unserer Veröffentlichung Going Global findet sich ein Kapitel, in dem wir umfassend und leicht nachvollziehbar beschreiben, wie das geht. Dazu kann man etwa entweder einen E-Mail-Server im Ausland oder einen Cloud-Speicher einrichten, um so die einzelnen Komponenten der privaten und geschäftlichen Internetseiten – natürlich verschlüsselt – im Ausland zu speichern. Man kann aber auch ein so genanntes »virtuelles privates Netzwerk« (VPN) einrichten, um zu verschleiern, von welchem Land aus man Zugang zum Internet hat, und so die Blockade von Regierungen zu umgehen. Going Global erläutert alle diese Möglichkeiten.

 

Das aufgeblasene Vorgehen der türkischen Regierung hat zwar größtenteils seinen Zweck verfehlt, aber das bedeutet nicht, dass nicht andere Regierungen mit weitaus größeren technischen Möglichkeiten etwas Ähnliches versuchen. Wenn wir im vergangenen Jahr eines gelernt haben, so dieses: Die NSA und die amerikanische Regierung sind sehr engagiert, wenn es darum geht, die digitalen Rechte der Bevölkerung letztlich der ganzen Welt auszuhebeln.

 

Die einzige Lösung liegt in der Internationalisierung und Streuung der eigenen digitalen Präsenz. Auf diese Weise kann man seine Privatsphäre schützen und sicherstellen, dass keine Regierung den Stecker aus seinem digitalen Leben ziehen kann.

 

 

 


 

 

 

 

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