Thursday, 30. June 2016
23.07.2015
 
 

SZ, FAZ & Bild: Unglaubliche Reichweiten-Rückgänge

Peter Harth

Die Bild verliert in nur einem Jahr eine Million Leser – bei diesem Tempo dürfte bald Schluss mit den vier großen Buchstaben sein. Aber nicht nur die Boulevard-Blätter rutschen tief ins Minus, auch der deutsche Qualitätsjournalismus erlebt mit den neuen Reichweiten-Zahlen der AGMA sein Waterloo. Dabei erscheinen selbst diese Minusrekorde noch geschönt: Die AGMA-Schätzungen sind absurd hoch.

 

Deutschlands größtes Boulevardblatt ist Deutschlands größter Verlierer. Die Bild verliert in nur einem Jahr 970 000 Leser. Die Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse (AGMA) legte am Mittwoch ihre neuesten Reichweiten-Daten vor, die nur einmal pro Jahr erhoben werden. Laut diesen Zahlen befindet sich aber nicht nur die Leserschaft der Boulevard-Medien in munterer Auflösung, auch überregionale Qualitätszeitungen erleben ihr Waterloo.

 

Eine Jahresbilanz des Grauens: Bild minus 8,6 Prozent, Süddeutsche Zeitung minus 12,4 Prozent, Frankfurter Allgemeine Zeitung minus 10,5 Prozent, Die Welt minus 4,3 Prozent, Handelsblatt minus 12,5 Prozent, taz minus 16,7 Prozent. In vielen deutschen Verlegerbüros servierten Sekretärinnen die neuen AGMA-Zahlen wohl nur mit einer Extraportion Tabletten gegen Magengeschwüre.

 

Tabletten oder Alkohol: Wie ertragen Journalisten diese Zahlen?

 

Ähnlich dramatisch dürfte es in den Redaktionen der regionalen Boulevard-Blätter zugegangen sein. Die Bild als Flaggschiff des deutschen Verblödungs-Journalismus ist die größte Verliererin, aber mit ihr gehen auch all die kleinen Bild-Nachahmer im Land unter. Offenbar ein Trend: Immer weniger Deutsche wollen manipuliert und obendrein noch für dumm verkauft werden.

 

Die Hamburger Morgenpost verliert dramatische 21,5 Prozent ihrer Reichweite. Der tz aus München kommen 18,2 Prozent ihrer Leser abhanden. Die Morgenpost für Sachsen reiht sich mit minus 15,2 Prozent hervorragend ein.

 

Die Abendzeitung aus München lässt ihre Reichweite lieber gar nicht mehr messen. Nicht ganz so gerupfte Boulevard-Verlierer sind die Berliner B.Z. (minus 8,9 Prozent) und der Kölner Express (minus 6,8 Prozent).

 

Die AGMA-Reichweiten sind absurd hoch

 

Erstaunlich ist aber, wie unbedeutend die anderen Medien im Vergleich zur Bild sind. Springers Schlachtschiff soll laut AGMA immer noch 10,35 Millionen Leser haben. Die anderen Boulevard-Blätter und die überregionalen Qualitätszeitungen kommen nicht einmal gemeinsam auf diese Zahl.

 

Wird bei der Bild-Schätzung getrickst? Die Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW) bescheinigt dem Springer-Blatt im zweiten Quartal 2015 nur eine täglich verkaufte Auflage von 2,1 Millionen Exemplaren.

 

Die verkaufte Auflage ist eine harte und nachprüfbare Währung. Stimmt das 10,35-Millionen-Leser-Märchen der AGMA, müsste jede verkaufte Bild im Schnitt viermal weitergereicht werden, bevor sie im Papierkorb oder beim Fischverkäufer landet. Die AGMA schätzt die Reichweiten durch Befragungen. Eine wachsweiche Methode. Außerdem fällt auf, dass die AGMA bei vielen weiteren Titeln aus dem Hause Springer genauso wohlwollend schätzt.

 

Springer-Realität: Wie ein einziges Heft 21 Mal gelesen wird

 

Die Computer-Bild wird angeblich von 2,96 Millionen Menschen gelesen, obwohl sie nur 280 000 Exemplare pro Woche verkauft. Ein Heft hat also mehr als zehn Leser. Sagt zumindest die AGMA. Noch absurder: 70 000 Menschen kaufen die Computer-Bild Spiele, aber sie hat 1,5 Millionen geschätzte Leser. Wenn das Heft wirklich an 21 andere Leser weitergereicht wird, halten die Letzten wohl nur noch eine Fetzen-Ruine in den Händen.

 

Die AGMA schätzt nicht nur beim Springer-Konzern unlogisch. Burdas Nachrichtenmagazin Stern verkauft 740 000 Hefte, hat aber 6,5 Millionen Leser. Vom Spiegel werden 822 000 Exemplare verkauft und auch hier soll es 6,1 Millionen Leser geben.

 

Der Phantom-Schokoriegel und das Gedächtnis der Deutschen

 

In Fachkreisen sind Marktstudien, die auf Umfragen basieren, absolut umstritten. Hier wird nicht der Konsum abgefragt, sondern nur die Bekanntheit einer Marke. Wie hirnrissig die Ergebnisse werden können, beweist der Schokoriegel Banjo. Er wurde 2009 nach einem Lebensmittelskandal vom Markt genommen. Durch einen Fehler fragte man die Deutschen 2014 aber trotzdem nach genau diesem Riegel.

 

Die gemeinsame Marktstudie »best for planning« von Bauer, Gruner + Jahr, Burda und Springer machte das Unmögliche möglich: 2,68 Millionen sind laut dieser Umfrage noch überzeugte Banjo-Esser, obwohl Mars den Riegel seit fünf Jahren nicht mehr herstellt. Und nein: Deutschland hat hier nicht gehamstert. Es gibt keine geheimen Banjo-Depots. Danke an das Mindesthaltbarkeitsdatum.

 

Die Medien-Marken verlieren rasant an Bekanntheit

 

Dieser Fehler verrät viel. Erstens: Umfragen haben ein Glaubwürdigkeitsproblem. 10,35 Millionen Deutsche glauben, dass sie die Bild lesen. Darunter sind vermutlich auch die 2,68 Millionen, die noch Banjo essen. Zweitens: Die großen Pressekonzerne – also Burda, Gruner, Bauer & Springer – mischen selbst im Marktstudien-Geschäft mit. Durch dieses Know-how wissen sie, wie man die eigenen Medien-Marken nach oben trickst. Bekannte Beispiele sind etwa Gratisexemplare im Warteraum der Praxis oder an Bord von Flugzeugen. Nicht umsonst kommt ausgerechnet Springer als größter deutscher Medienkonzern auf eine absurd hohe Leserschaft.

 

Die AGMA-Reichweiten mögen zwar viel zu hoch geschätzt sein und sind marketing-technisch nach oben geschummelt – die prozentualen Verluste bleiben aber real. 2014 glaubten noch 11,32 Millionen Deutsche, dass sie die Bild lesen. 2015 sind es 970 000 weniger. Das zeigt, in welch atemberaubendem Tempo die klassischen Medien-Marken aus dem Bewusstsein der Menschen verschwinden.

 

 

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Leser-Kommentare (42) zu diesem Artikel

05.11.2015 | 07:51

alfred

Ich habe gestern meine Tageszeitung abbestellt...Im Sommer war es oft gut, alte Zeitungen
für das Lagerfeuer oder als Not.Toilettenpapier parat zu haben, aber Toilettenpapier ist doch wesentlich
günstiger....
schönen Tag auch


25.07.2015 | 19:47

Toulouse

Ich hatte bis vor 2 Jahren noch regelmaessig FAZ und Welt gelesen, bis mir auffiel wie zu wichtigen Themen unverschaemt geschoente Artikel publiziert wurden, sehr zum Schaden meiner Einschaetzung und Urteilskraft zu politischen und wirtschaftlichten Themen. Ein Beispiel hierzu ist die jahrelange geschoente Berichterstattung in der FAZ zu der angeblich brillanten wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland mit einem langfristig enormen Bedarf an gut qualifizierten (deutschen)...

Ich hatte bis vor 2 Jahren noch regelmaessig FAZ und Welt gelesen, bis mir auffiel wie zu wichtigen Themen unverschaemt geschoente Artikel publiziert wurden, sehr zum Schaden meiner Einschaetzung und Urteilskraft zu politischen und wirtschaftlichten Themen. Ein Beispiel hierzu ist die jahrelange geschoente Berichterstattung in der FAZ zu der angeblich brillanten wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland mit einem langfristig enormen Bedarf an gut qualifizierten (deutschen) Arbeitskraeften. Nach der Rueckkehr aus dem Ausland nach Deutschland hatte ich feststellen muessen das die FAZ zum Thema ´Arbeitskraefte Bedarf Deutschlands´ eine klare Luegenpropaganda betrieben hatte. Sowohl kurzfristig als auch langfristig duerfte es in Deutschland keinen Mangel and gut ausgebildeten deutschen Arbeitskraeften geben. Die Wirtschafts-Propaganda der FAZ diente also nur dazu die Stimmung ´politisch-korrekt´ aufzuhellen, und der Leserschaft eine Situation vorzugaukeln die so real nicht existiert. Fuer dieses Metier der Gaukelei ist eigentlich der derzeitige Bundespraesident besser geeignet, wie er schon mehrfach bewiesen hatte, dazu brauchte es keine Gazette die den falschen Anspruch erhebt ein Qualitaetsblatt zu representieren. Qualitaet ist mit Wirtschaftspropaganda und Verfaelschung von Tatsachen und Trends nicht vereinbar. Good bye FAZ, sterbe rasch!


24.07.2015 | 15:56

caesar4441

Wenn die BLÖD und andere Schmierblätter Käufer verlieren,dann ist das eine sehr ,sehr positive Nachricht.Das bedeutet der kraut läßt sich nicht länger mit Lügen abspeisen und das kann dazu führen,daß er auch die SED 2.0 nicht mehr wählt.Und das kann dazu führen,daß die NWO-Oberen die Nerven verlieren und die Diktatur offen errichten,was dann auch den letzten Schläfer aufwecken wird.


24.07.2015 | 13:55

EU-Gegner

@frieda am 23.07.2015 um 12:48 Uhr: Genau so, wie Millionen neuproduzierte Autos versteckt auf Halden verrotten. Ressourcen werden sinnlos verbraten und auch der Nichtkäufer bezahlt fleißig mit. Ein geniales Geschäftsmodell.


24.07.2015 | 12:05

lümrod

@geneigter Leser: Für allen politischen Unrat ob in der Vergangenheit oder Gegenwart sind die jeweilig handelnden Politiker verantwortlich! Vergangenheitsbewältigung wird aber stets von eben diesen der Bevölkerung, die immer selbst Opfer übler politischer Entwicklungen ist verordnet und als Ausbeutungsinstrument massenpsychologisch in Stellung gebracht. Es betreiben die Falschen Vergangenheitsbewältigung! Das ist der Grund weshalb aus der Geschichte nichts gelernt wird. Unseren...

@geneigter Leser: Für allen politischen Unrat ob in der Vergangenheit oder Gegenwart sind die jeweilig handelnden Politiker verantwortlich! Vergangenheitsbewältigung wird aber stets von eben diesen der Bevölkerung, die immer selbst Opfer übler politischer Entwicklungen ist verordnet und als Ausbeutungsinstrument massenpsychologisch in Stellung gebracht. Es betreiben die Falschen Vergangenheitsbewältigung! Das ist der Grund weshalb aus der Geschichte nichts gelernt wird. Unseren Kindern wird möglicherweise in Zukunft Vergangenheitsbewältigung für die Verbrechen der gegenwärtigen Politikergeneration auferlegt und die politische und finanzielle Ausbeutung kann wiederum beginnen.


24.07.2015 | 11:27

matze61

Vor vielen Jahren war ich auch einmal ein Bildzeitungsleser.Jeder Cent tut mir leid, die ich in dieses Drecksblatt gesteckt habe.

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