Friday, 24. October 2014
07.05.2011
 
 

Wer war Osama bin Laden?

Prof. Michel Chossudovsky

Der im Folgenden wiedergegebene Artikel »Wer ist Osama bin Laden?« wurde am 11. September 2001 entworfen. Am Abend des 12. September 2001 wurde er erstmalig auf der Global-Research-Internetseite veröffentlicht. Seit 2001 wurde er von zahllosen Internetseiten übernommen. Der ursprüngliche Eintrag gehört zu den am meisten gelesenen Internetartikeln im Zusammenhang mit al-Qaida.

Nur wenige Stunden nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon kam die Regierung Bush ohne stichhaltige Beweise zu dem Schluss: »Osama bin Laden und seine Organisation al-Qaida sind die Hauptverdächtigen«. CIA-Direktor George Tenet erklärte, bin Laden sei in der Lage, »mehrere Anschläge mit nur geringer oder gar keiner Vorwarnung« zu planen. Außenminister Colin Powell bezeichnete die Anschläge als einen »kriegerischen Akt«, und Präsident Bush machte in einer am Abend vom Fernsehen ausgestrahlten Rede an die Nation deutlich, er unterscheide »nicht zwischen den Terroristen, die diese Verbrechen begehen, und denjenigen, die ihnen Unterschlupf gewähren«. Der frühere CIA-Direktor James Woolsey bezog sich explizit auf »staatliche Unterstützung«, was die Komplizenschaft eines oder mehrerer Staaten nahelegte. Und der frühere Nationale Sicherheitsberater Lawrence Eagleburger formulierte: »Meiner Ansicht nach werden wir beweisen, dass wir schreckliche Vergeltung üben, wenn wir so wie jetzt angegriffen werden.«

In der Zwischenzeit begannen die westlichen Medien, die offiziellen Stellungnahmen gebetsmühlenartig zu wiederholen und billigten »Strafaktionen« gegen zivile Ziele im Mittleren Osten. Oder um es mit den Worten von William Saffire in der New York Times zu sagen: »Wenn wir hinreichende Erkenntnisse über die Lage der Lager und Stützpunkte unserer Angreifer besitzen, müssen wir sie pulverisieren – und dabei das Risiko von Kollateralschäden minimieren, aber eingehen –, und offen oder verdeckt vorgehen, um die Länder zu destabilisieren, die den Terroristen Unterschlupf gewähren.«

Im Folgenden gehen wir auf die Geschichte Osama bin Ladens und die Verbindungen des islamischen »Dschihad« zur Ausrichtung der amerikanischen Außenpolitik während des Kalten Krieges und danach ein.

Der in Saudi-Arabien geborene Osama bin Laden, der als Hauptverdächtiger im Zusammenhang mit den Terroranschlägen in New York und Washington gilt und vom FBI wegen seiner Beteiligung an der Bombenanschlägen auf die amerikanischen Botschaften in Afrika als »internationaler Terrorist« gebrandmarkt wird, wurde während des sowjetisch-afghanischen Krieges in einer verqueren Ironie unter Federführung der CIA als Kämpfer gegen die sowjetischen Invasoren« rekrutiert[1].

Im Jahre 1979 nahm »die größte verdeckte Operation in der Geschichte der CIA« als Reaktion auf die sowjetische Invasion Afghanistans, mit der die prokommunistische Regierung unter Babrak Kamal unterstützt werden sollte, ihren Anfang.[2] Mit aktiver Unterstützung der CIA und des pakistanischen Geheimdienstes ISI (Inter Services Intelligence), die den afghanischen Dschihad in einen weltweiten Krieg aller muslimischen Staaten gegen die Sowjetunion verwandeln wollten, schlossen sich etwa 35.000 radikale Moslems aus 40 islamischen Ländern auf afghanischer Seite zwischen 1982 und 1992 dem Kampf an. Weitere Zehntausende reisten nach Pakistan, um in den dortigen Madrasas (islamischen [Hoch-]Schulen) zu studieren. Insgesamt wurden mehr als 100.000 ausländische radikale Moslems direkt durch den afghanischen Dschihad beeinflusst.[3]

Dieser islamische »Dschihad« wurde von den Vereinigten Staaten und Saudi-Arabien unterstützt, wobei ein nicht unerheblicher Teil der Geldmittel aus dem Drogenhandel des Goldenen Halbmondes (Iran, Afghanistan und Pakistan, wobei der Iran eher Konsum- und Durchgangsland war) stammte:

»Im März 1985 unterzeichnete Präsident Reagan die National Security Decision Directive 166, … [in der] verstärkte militärische Unterstützung für die Mudschaheddin genehmigt wurde. Darüber hinaus wurde deutlich gemacht, dass der geheime afghanische Krieg ein neues Ziel verfolgte: Die sowjetischen Truppen in Afghanistan sollten mithilfe verdeckter Operationen besiegt und zum Abzug gedrängt werden. Die neue verdeckte amerikanische Hilfe begann mit einem dramatischen Anstieg der Waffenlieferungen – bis zum Jahre 1987 stiegen die Lieferungen auf schließlich 65.000 Tonnen jährlich an, … sowie einen ›unaufhörlichen Strom‹ von Spezialisten der CIA und des Pentagons, die über die Hauptstraße in der Nähe der pakistanischen Stadt Rawalpindi in das geheime Hauptquartier des pakistanischen ISI unterwegs waren ... Dort trafen die CIA-Spezialisten mit pakistanischen Geheimdienstoffizieren zusammen, um mit ihnen gemeinsam Operationen für die afghanischen Rebellen zu planen.«[4]

Die Central Intelligence Agency (CIA) benutzte dazu den pakistanischen Militärgeheimdienst Inter-Service Intelligence (ISI), der eine Schlüsselrolle bei der militärischen Ausbildung der Mudschaheddin spielte. Im Gegenzug wurde in die von der CIA unterstützte Guerilla-Ausbildung auch die Lehren des Islam eingebunden:

»Zu den vorherrschenden Themen gehörte, dass es sich beim Islam um eine vollständige sozio-politische Ideologie handele, dass der heilige Islam von den atheistischen sowjetischen Truppen verletzt worden sei und dass die islamische Bevölkerung Afghanistans sich ihre Unabhängigkeit durch den Sturz des von Moskau gestützten linken afghanischen Regimes zurückholen solle.«[5]

 

Der pakistanische Geheimdienstapparat

Der pakistanische ISI wurde dabei als Mittler genutzt. Die verdeckte CIA-Unterstützung für den »Dschihad« wurde über den pakistanischen ISI abgewickelt, d.h., die CIA trat nicht direkt als Unterstützer gegenüber den Mudschaheddin in Erscheinung. Anders gesagt, damit diese verdeckten Operationen »erfolgreich« verliefen, musste Washington alles vermeiden, was das eigentliche Ziel des »Dschihad«, die Zerschlagung der Sowjetunion, enthüllt hätte. Milton Beardman von der CIA formulierte es so: »Wir bildeten keine Araber aus.« Doch Abdel Monam Saidali vom Al-Aram-Zentrum für Strategische Studien in Kairo zufolge wurde bin Laden und den »afghanischen Arabern« mit Zustimmung der CIA »eine hochentwickelte Ausbildung« zuteil. Beardman bestätigte in diesem Zusammenhang, dass bin Laden keine Ahnung hatte, welche Rolle er im Interesse Washingtons spielte.[6] Der CIA-Agent zitiert bin Laden mit den Worten: »Weder ich noch meine Brüder sahen Beweise für amerikanische Hilfe.«[7] Angetrieben durch Nationalismus und religiösen Eifer waren sich die islamischen Krieger nicht bewusst, dass sie die sowjetische Armee im Interesse von Uncle Sam bekämpften. Die wesentlichen Kontakte liefen auf der höheren Ebene der Geheimdiensthierarchie ab, die islamischen Rebellenführer auf den Kriegsschauplätzen hatten keine Verbindung zu Washington oder der CIA.

Mit Rückendeckung der CIA und massiver amerikanischer Militärhilfe hatte sich der pakistanische ISI in eine Art »Parallelstruktur entwickelt, die in allen Bereichen der Regierung über enormen Einfluss verfügte«.[8] Der ISI verfügte über einen Stab von Militär- und Geheimdienstoffizieren, Verwaltungsangestellten, verdeckt arbeitenden Agenten und Informanten, der auf 150.000 Personen geschätzt wird.[9] Zugleich stärkte das Vorgehen der CIA auch das pakistanische Militärregime unter General Zia-Ul-Haq:

»›Die Beziehungen zwischen der CIA und dem ISI wurden nach dem Sturz Bhuttos durch [General] Zia und dem Amtsantritt des Militärregimes immer enger.‹ … Während der meisten Zeit des Afghanistankrieges vertrat Pakistan eine noch aggressivere antisowjetische Einstellung als selbst die Vereinigten Staaten. Kurz nach Beginn der sowjetischen Invasion Afghanistans 1980 befahl Zia [-Ul-Haq] seinem ISI-Chef die Destabilisierung der sowjetischen zentralasiatischen Teilrepubliken. Erst im Oktober 1984 stimmte die CIA seinem Plan zu. ›... die CIA war zurückhaltender als die Pakistans.‹ Sowohl Pakistan als auch die Vereinigten Staaten setzten im Zusammenhang mit Afghanistan auf Täuschungsmanöver: Öffentlich setzten sie sich für eine Verhandlungslösung ein, während sie insgeheim übereinstimmend auf eine militärische Eskalation als den besten Weg setzten.«[10]

 

Der Goldene Halbmond

Die Geschichte des Drogenhandels in Zentralasien ist auf das engste mit den verdeckten Operationen der CIA verwoben. Vor dem sowjetisch-afghanischen Krieg belieferte die Opiumproduktion in Afghanistan und Pakistan lediglich die kleineren regionalen Märkte. Auf lokaler Ebene gab es keine Heroinproduktion.[11] Alfred McCoy bestätigt in seiner Untersuchung, dass »das pakistanisch-afghanische Grenzland« innerhalb von zwei Jahren nach Beginn der CIA-Operationen in Afghanistan »zum weltweit größten Heroinproduzenten geworden war und 60 Prozent der amerikanischen Nachfrage lieferte. In Pakistan stieg die Zahl der Heroinabhängigen von fast null 1979 … auf 1,2 Millionen 1985 – ein steilerer Anstieg als in irgendeiner anderen Nation«.[12]

»Es waren wieder CIA-Handlanger, die diesen Heroinhandel kontrollierten. Als die Mudschaheddin-Guerillas Gebiete innerhalb Afghanistans eroberten, befahlen sie den Bauern, Opium als eine Revolutionssteuer anzubauen. Jenseits der Grenze in Pakistan betrieben afghanische Führer und örtliche Syndikate unter dem Schutz des pakistanischen Geheimdienstes hunderte Heroinlabors. In diesen Jahren des praktisch ungehinderten Drogenhandels gelang es der amerikanischen Drogenbekämpfungsbehörde DEA in Islamabad nicht, größere Beschlagnahmungen oder Verhaftungen vorzunehmen. … Amerikanische Beamte weigerten sich, gegen ihre afghanischen Verbündeten wegen des Verdachts auf Heroinhandel zu ermitteln, ›weil sich die amerikanische Drogenpolitik in Afghanistan dem Krieg gegen den dortigen sowjetischen Einfluss unterzuordnen hatte‹. 1995 räumte der frühere Leiter der Afghanistan-Operation, Charles Cogan, ein, dass die CIA tatsächlich den Krieg gegen Rauschgift geopfert habe, um den Kalten Krieg zu gewinnen. ›Unsere Aufgabe bestand darin, den Sowjets so viel Schaden wie möglich zuzufügen. Wir verfügten damals wirklich nicht über die erforderlichen Mittel und das Personal und nicht die Zeit, um eine Untersuchung des Drogenhandels durchzuführen.‹ … ›Ich glaube nicht, dass wir uns dafür entschuldigen müssten. In jeder Situation kommt es zu Kollateralschäden. … Es gab sicherlich in Bezug auf Rauschgift Kollateralschäden, ja. Aber das Hauptziel wurde erreicht. Die Sowjets zogen sich aus Afghanistan zurück.‹«[13]

 

Im Gefolge des Kalten Krieges

Im Gefolge des Kalten Krieges hat Zentralasien nicht nur aufgrund seiner umfangreichen Erdölreserven an Bedeutung gewonnen, es produziert auch drei Viertel des weltweiten Opiums mit einem Wert von mehreren Hundert Milliarden Dollar, die den Geschäftssyndikaten, Finanzinstitutionen, Geheimdiensten und der Organisierten Kriminalität zugutekommen. Die Einkünfte des Drogenhandels im Goldenen Halbmond (zwischen 100 und 200 Mrd. Dollar) machen schätzungsweise ein Drittel des weltweiten Umsatzes im Drogenhandel aus, der sich nach Schätzungen der Vereinten Nationen auf ca. 500 Mrd. Dollar beläuft.[14]

Mit dem Niedergang der Sowjetunion stieg die Opiumproduktion erneut massiv an. (Nach UN-Schätzungen erreichte die Opiumproduktion in Afghanistan im Zeitraum 1998 bis 1999 – parallel zu sich anbahnenden bewaffneten Aufständen in den früheren sowjetischen Teilrepubliken – eine Rekordhöhe von 4.600 Tonnen.[15] Einflussreiche Konzerne der früheren Sowjetunion, die sich mit der Organisierten Kriminalität verbündet hatten, stritten um die strategische Kontrolle der Heroin-Handelswege.

Trotz des Endes des Kalten Krieges wurde das ausgedehnte nachrichtendienstlich-militärische Netzwerk des ISI nicht abgebaut. Die CIA hielt weiterhin an ihrer Unterstützung des islamischen »Dschihad« aus Pakistan heraus fest. In Zentralasien, dem Kaukasus und dem Balkan wurden neue verdeckte Operationen eingeleitet. Der pakistanische Militär- und Geheimdienstapparat diente dabei »als Katalysator des Zusammenbruchs der Sowjetunion« und trug dazu bei, dass in Zentralasien sechs neue moslemische Republiken entstanden.[16]

In der Zwischenzeit hatten sich islamische Missionare der Wahhabiten-Sekte aus Saudi-Arabien in den moslemischen Republiken sowie in der Russischen Föderation festgesetzt und breiteten sich unkontrolliert in den säkularen staatlichen Institutionen aus. Trotz seiner antiamerikanischen Ideologie diente der islamische Fundamentalismus überwiegend den amerikanischen strategischen Interessen in der früheren Sowjetunion.

Auch nach dem Abzug der sowjetischen Truppen 1989 aus Afghanistan hielt der Bürgerkrieg in diesem Land unvermindert an. Die Taliban wurden von den pakistanischen Deobandis [Bei der Dar ul-Ulum Deoband handelt es sich um eine 1866 gegründete islamische Hochschule der sunnitischen Hanafiten] und ihrer politischen Partei, der Jamiat Ulema-e-Islam (»Vereinigung der islamischen Kleriker«, JUI) unterstützt. 1993 war die JUI an der Koalitionsregierung unter Ministerpräsidentin Benazir Bhutto beteiligt. Es bildeten sich nun engere Verbindungen zwischen der JUI, der Armee und dem ISI. Nach dem Sturz der afghanischen Regierung Gulbuddin Hektmatjars, die von der Hizb-i-Islami (»Islamischen Partei«) getragen worden war, setzten die Taliban nicht nur eine fundamentalistische islamische Regierung ein, sondern »legten auch die Kontrolle über die Ausbildungslager in die Hände der JUI-Gruppen«.[17] Die JUI spielte mit der Unterstützung der saudischen Wahhabiten-Bewegung auch eine Schlüsselrolle bei der Rekrutierung freiwilliger Kämpfer für den Balkan und in der früheren Sowjetunion. [Das renommierte sicherheitspolitische Fachmagazin] Jane Defense Weekly bestätigte in diesem Zusammenhang, dass »die Hälfte der Talibankämpfer und ihrer Ausrüstung aus Pakistan vom ISI bereitgestellt wurde.«[18] Tatsächlich wurden offenbar nach Abzug der Sowjets beide Seiten des afghanischen Bürgerkrieges weiterhin verdeckt über den pakistanischen Geheimdienst ISI unterstützt.[19]

Mit anderen Worten diente der islamische Talibanstaat mit Unterstützung des pakistanischen Militärgeheimdienstes ISI, der wiederum von der CIA kontrolliert wurde, weitgehend amerikanischen geopolitischen Interessen. Mit den Erlösen aus dem Drogenhandel im Goldenen Halbmond wurden auch die Bosnische Moslemische Armee (etwa seit Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts) sowie die Kosovo-Befreiungsarmee (UÇK) finanziert und ausgerüstet. In den vergangenen Monaten kamen Hinweise ans Licht, nach denen Mudschaheddin-Söldner in den Reihen der UÇK-Terroristen an Angriffen in Mazedonien beteiligt waren.

Dies erklärt zweifelsohne, warum Washington beide Augen vor der Terrorherrschaft der Taliban verschließt, die u.a. durch die krasse Verletzung der Rechte der Frauen, die Schließung von Schulen für Mädchen sowie die Entlassung von Frauen aus dem Staatsdienst und die Einführung der Scharia gekennzeichnet ist.[20]

 

Der Krieg in Tschetschenien

Was nun die Entwicklungen in Tschetschenien angeht, so wurden die beiden wichtigsten Rebellenführer Schamil Salmanowitsch Bassajew und Samir Saleh Abdullah Al-Suwailem alias »Emir Khattab« in von der CIA unterstützten Lagern in Afghanistan und Pakistan ausgebildet und indoktriniert. Yossef Bodansky, Direktor der Arbeitsgruppe für Terrorismus und nichtkonventionelle Kriegsführung des amerikanischen Kongresses, erklärte dazu, der Krieg in Tschetschenien sei 1996 auf einem geheimen Gipfeltreffen der Hizballah International in der somalischen Hauptstadt Mogadischu geplant worden.[21] An diesem Treffen nahmen auch Osama bin Laden und hochrangige iranische und pakistanische Geheimdienstoffiziere teil. Die Verstrickung des pakistanischen ISI in Tschetschenien geht damit »weit darüber hinaus, die Tschetschenen mit Waffen und Fachkenntnissen zu versorgen: Der ISI und seine radikalen islamischen Ableger haben in diesem Krieg das Heft in der Hand«.[22]

Russlands wichtigste Pipelinerouten durchqueren Tschetschenien und Pakistan. Ungeachtet der routinemäßigen Verurteilung des islamischen Terrorismus durch Washington gehören die angloamerikanischen Erdölkonglomerate, die um die Kontrolle über die Erdölressourcen und Pipelinekorridore [der erdölreichen Region des] Kaspischen Meeres wetteifern, zu den indirekten Nutznießern des Tschetschenienkrieges.

Die beiden wichtigsten tschetschenischen Rebellenarmeen (die jeweils von Schamil Salmanowitsch Bassajew und Emir Khattab geleitet werden) umfassen etwa 35.000 Kämpfer und wurden vom pakistanischen ISI unterstützt, der eine wichtige Rolle bei der Organisierung und Ausbildung der tschetschenischen Rebellenarmee spielte:

»[1994] ermöglichte der pakistanische Geheimdienst Inter Services Intelligence für Bassajew und seinen engsten Führungsstab eine intensive islamische Indoktrinierung und Ausbildung in Guerillakriegführung im Lager Amir Muawia in der afghanischen Provinz Chost [in der hauptsächlich Paschtunen leben]. Dieses Lager war Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts von der CIA und dem ISI aufgebaut worden und wurde von dem berühmten afghanischen Kriegsherrn Gulbuddin Hekmatyar geleitet. Nachdem Basajew im Juli 1994 sozusagen seine Ausbildung im Amir Muawia abgeschlossen hatte, wurde er ins Feldlager Markaz-i-Dawar nach Pakistan verlegt, wo er in fortgeschrittener Guerilla-Taktik unterwiesen wurde. In Pakistan traf Bassejew mit hochrangigen pakistanischen Militär- und Geheimdienstoffizieren zusammen: Verteidigungsminister General Aftab Schaban Mirani, Innenminister General Naserullah Babar und dem ISI-Abteilungsleiter General Jawed Schraf, der für islamische Angelegenheiten verantwortlich war (alle nunmehr außer Dienst). Diese Verbindungen in höchste Kreise erwiesen sich für Bassejew als sehr nützlich.«[23]

Nach Abschluss seiner Ausbildung und Indoktrinierung sollte Bassajew die Führung des Angriffs gegen die russischen Bundestruppen im ersten tschetschenischen Krieg 1995 übernehmen. Seine Organisation hatte auch intensive Verbindungen zu Syndikaten des organisierten Verbrechens in Moskau und Albanien sowie zur UÇK aufgenommen. Nach Angaben des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB (Föderaler Sicherheitsdienst der Russischen Föderation) begannen die »tschetschenischen Kriegsherrn« im Zeitraum 1997 bis 1998 damit, »über Immobilienunternehmen, die zur Tarnung in Jugoslawien registriert waren, Immobilien im Kosovo zu erwerben«.[24]

Bassajews Organisation war auch an zahlreichen illegalen Geschäften wie Drogenhandel, dem Anzapfen und der Sabotage russischer Erdölpipelines, Entführungen, Prostitution, Handel mit gefälschten Dollarnoten und Schmuggel nuklearen Materials beteiligt (zu den Mafiaverbindungen im Zusammenhang mit den zusammengebrochenen [Finanz-]Pyramiden siehe Anmerkung 25; Neben ausgedehnter Wäsche von Drogengeldern wurden die Einkünfte aus anderen illegalen Aktivitäten zur Rekrutierung von Söldnern und Waffenkäufen benutzt).

Während seiner Ausbildung in Afghanistan kam Schamil Bassajew auch mit dem in Saudi-Arabien geborenen erfahrenen Mudschaheddin-Kommandeur »Emir Khattab« in Verbindung, der als Freiwilliger in Afghanistan gekämpft hatte. Nur wenige Monate nach Bassajews Rückkehr nach Grosny wurde Khattab Anfang 1995 eingeladen, einen Armeestützpunkt in Tschetschenien aufzubauen, in dem Mudschaheddin-Kämpfer ausgebildet werden sollten. BBC-Berichten zufolge wurde Khattabs Einsatz in Tschetschenien »über die in Saudi-Arabien ansässige [Internationale] Islamische Hilfsorganisation arrangiert. Diese militante religiöse Organisation wurde von Moscheen und vermögenden Einzelpersonen finanziert und leitete Gelder nach Tschetschenien.«[26]

 

Schlussbemerkung

Seit der Zeit des Kalten Krieges hat Washington Osama bin Laden wissentlich unterstützt, während er gleichzeitig auf die FBI-Liste der weltweit »meistgesuchten Terroristen« gesetzt wurde. Während die Mudschaheddin damit beschäftigt sind, im Interesse Amerikas auf dem Balkan und in der früheren Sowjetunion Kriege zu führen, ist die amerikanische Bundespolizei FBI dabei, in den USA selbst einen »Krieg gegen den Terror« zu führen, wobei sie in gewisser Hinsicht unabhängig von der CIA operiert, die seit dem sowjetisch-afghanischen Krieg den internationalen Terrorismus über verdeckte Operationen unterstützt.

Derweil in einer zynischen Weise der islamische Dschihad – den die Regierung Bush als »Bedrohung Amerikas« bezeichnete – für die Terroranschläge auf das World Trade Center und das Pentagon verantwortlich gemacht wird, stellen die gleichen islamischen Organisationen ein wichtiges Werkzeug amerikanischer militärischer und geheimdienstlicher Operationen auf dem Balkan und in der früheren Sowjetunion dar.

Nach den Terroranschlägen in New York und Washington muss die Wahrheit aufgedeckt werden, um zu verhindern, dass die Regierung Bush zusammen mit ihren NATO-Partnern ein militärisches Abenteuer lostritt, das die Zukunft der Menschheit gefährdet.

 

Anmerkungen:

[1] Hugh Davies, »International: ›Informers‹ point the finger at bin Laden; Washington on alert for suicide bombers«, in: The Daily Telegraph, London, 24. August 1998

[2] Siehe Fred Halliday, The Un-great game: the Country that lost the Cold War, Afghanistan, New Republic, 25. März 1996

[3] Ahmed Rashid, »The Taliban: Exporting Extremism«, in: Foreign Affairs, November-Dezember 1999

[4] Steve Coll, in: Washington Post, 19. Juli 1992

[5] Dilip Hiro, »Fallout from the Afghan Jihad«, in: Inter Press Services, 21. November 1995

[6] Weekend Sunday (NPR); Eric Weiner, Ted Clark; 16. August 1998

[7] Ibid.

[8] Dipankar Banerjee, »Possible Connection of ISI With Drug Industry«, in: India Abroad, 2. Dezember 1994.

[9] Ibid.

[10] Siehe Diego Cordovez und Selig Harrison, Out of Afghanistan: The Inside Story of the Soviet Withdrawal, Oxford University Press, New York, 1995. Dazu auch die Rezension zu Cordovez und Harrison, in: International Press Services, 22. August 1995.

[11] Alfred McCoy, »Drug fallout: the CIA's Forty Year Complicity in the Narcotics Trade«, in: The Progressive, 1. August 1997

[12] Ibid.

[13] Ibid.

[14] Douglas Keh, Drug Money in a changing World, Technical document No 4, 1998, Wien UNDCP, S. 4. Dazu auch Report of the International Narcotics Control Board for 1999, E/INCB/1999/1 United Nations Publication, Wien 1999, S. 49-51, und Richard Lapper, »UN Fears Growth of Heroin Trade«, in: Financial Times, 24. February 2000

[15] Report of the International Narcotics Control Board, op cit, S. 49-51, dazu auch: Richard Lapper, op. cit.

[16] International Press Services, 22. August 1995

[17] Ahmed Rashid, »The Taliban: Exporting Extremism«, in: Foreign Affairs, November-Dezember, 1999, S. 22

[18] Zitiert in: The Christian Science Monitor, 3 September 1998

[19] Tim McGirk, »Kabul learns to live with its bearded conquerors«, in: The Independent, London, 6. November 1996

[20] Siehe K. Subrahmanyam, »Pakistan is Pursuing Asian Goals«, in: India Abroad, 3. November 1995

[21] Levon Sevunts, »Who's calling the shots?: Chechen conflict finds Islamic roots in Afghanistan and Pakistan«, in: The Gazette, Montreal, 26. Oktober 1999

[22] Ibid.

[23] Ibid.

[24] Siehe Witalij Romanow und Viktor Jadukha, Chechen Front Moves To Kosovo Segodnia, Moskau, 23. Februar 2000

[25] The European, 13. Februar 1997, dazu auch: Itar-Tass, 4. bis 5. Januar 2000

[26] BBC, 29. September 1999

 

 


 

 

Interesse an mehr Hintergrundinformationen?

 

Werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen der Macht – und erfahren Sie, was die Massenmedien Ihnen verschweigen!

 

Lesen Sie weitere brisante Informationen im neuen KOPP Exklusiv. KOPP Exklusiv wird grundsätzlich nicht an die Presse verschickt und dient ausschließlich zu Ihrer persönlichen Information. Jede Ausgabe ist gründlich recherchiert, im Klartext geschrieben und setzt Maßstäbe für einen kritischen Informationsdienst, der nur unter ausgewählten Lesern zirkuliert und nur im Abonnement zu beziehen ist.

 

In der aktuellen Ausgabe finden sie unabhängige Hintergrundinformationen unter anderem zu folgenden Themen:

 

  • Aufbruch an der Oder: Eine Million Polen wollen nach Deutschland
  • Zwangskredite für sozial Schwache: Staatlich verordnete Finanzkrise
  • Wasserkraft: Tödliche Gefahr alternativer Energie
  • Frankfurter Terroranschlag: Das Märchen vom »einsamen Wolf«

 

 

Das alles und viele weitere Kurzberichte im neuen KOPP Exklusiv, fordern Sie noch heute Ihr Probeabonnement an!

Ergänzende Beiträge zu diesem Thema

Der zweite Tod des Osama bin Laden: eine logische Analyse

Oliver Janich

Es gibt einen schönen Ausdruck dafür, wenn Menschen die naheliegendsten Schlussfolgerungen nicht ziehen können: Sie sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht. Nun, dann wird es Zeit, die Axt an den Fall Osama bin Laden anzulegen. Für mein Buch Das Kapitalismus-Komplott habe ich eine Methode entwickelt, um Behauptungen, seien es offizielle oder  mehr …

Gefangennehmen und töten (»capture and kill«) – eine Präsidentenorder im Widerspruch zum Menschenrecht

Wolfgang Effenberger

Nachdem US-Präsident Barack Obama mit seiner Außenministerin Hillary Clinton und weiteren Mitarbeitern am späten Sonntagabend des 2. Mai die Operation im pakistanischen Abbottabad live verfolgt hatte, trat Obama eloquent vor die Kameras und den Teleprompter. Über zehn Minuten verkündete er in einer wortgewandten und bilderreichen Rede die Tötung  mehr …

US-Präsident: Osama bin Laden ist tot!

Andreas von Rétyi

Zu später Nachtstunde gab US-Präsident Barack Obama der Welt bekannt: Terrorist Nummer 1, Osama bin Laden, wurde in einer von den USA ausgeführten Operation getötet. Man sei auch seines Leichnams habhaft geworden, so war aus informierten Kreisen zu vernehmen. Die Nachricht leuchtete wie ein Feuerwerk über dem nächtlichen Washington auf. Schon kurz  mehr …

Wer diesen Artikel gelesen hat, hat sich auch für diese Beiträge interessiert:

Führender Regierungs-Insider: Bin Laden starb 2001 – die Anschläge vom 11. September waren eine »False-Flag-Operation«

Paul Joseph Watson

Einer der führenden Kenner der amerikanischen Regierung, Dr. Steve R. Pieczenik, der unter drei Präsidenten zahlreiche einflussreiche Funktionen innehatte und heute mit dem Verteidigungsministerium zusammenarbeitet, ließ diese Woche in der Alex-Jones-Show eine Bombe platzen, als er erklärte, Osama bin Laden sei bereits 2001 gestorben, und er sei  mehr …

Das Weiße Haus in Erklärungsnot

Redaktion

Nur wenige Tage, nachdem der amerikanische Präsident Barack Obama triumphal den Tod Osama bin Ladens verkündet hatte, sieht sich das Weiße Haus einem ernsten Glaubwürdigkeitsproblem gegenüber: Es sind zahlreiche Fragen und Widersprüche dazu zu klären, wie und warum die amerikanischen Spezialkräfte Navy Seals den weltweit meistgesuchten Menschen am  mehr …

Hello, Mr. President! – Glauben Sie eigentlich selbst, was Sie in Bezug auf Osama bin Laden erzählen?

Thomas Mehner

Manche Leute sterben zweimal – vor allem dann, wenn sie Osama bin Laden heißen. Schon im Dezember 2001 meldeten einige Medien, der »Top-Terrorist« und »böseste Mensch der Welt« sei dahingeschieden. Doch scheinbar extistierte er, für Untote typisch, weiter. Nun wurde er, der von einigen Totgesagte – wohl zur Sicherheit – nochmals erschossen und  mehr …

Der zweite Tod des Osama bin Laden: eine logische Analyse

Oliver Janich

Es gibt einen schönen Ausdruck dafür, wenn Menschen die naheliegendsten Schlussfolgerungen nicht ziehen können: Sie sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht. Nun, dann wird es Zeit, die Axt an den Fall Osama bin Laden anzulegen. Für mein Buch Das Kapitalismus-Komplott habe ich eine Methode entwickelt, um Behauptungen, seien es offizielle oder  mehr …

Schuldenkrise – wie geht es weiter?

Michael Grandt

Erst Griechenland, dann Irland und jetzt Portugal. Immer mehr Länder müssen unter den EU-Rettungsschirm. Die anhaltende und sich verschärfende Schuldenkrise in Europa weckt zunehmend Ängste bei den Bürgern. Zurecht fragen sie sich, wie es kurz- bis mittelfristig weitergehen wird …  mehr …
Newsletter-
anmeldung!
Hier erhalten Sie aktuelle Nachrichten und brisante Hintergrundanalysen
(Abmeldung jederzeit möglich)

Werbung

KOPP EXKLUSIV – Jetzt bestellen

Brisante Hintergrundanalysen wöchentlich exklusiv nur bei uns.

Katalog – Jetzt kostenlos bestellen

Bestellen Sie unseren Katalog kostenlos und unverbindlich.