Thursday, 29. September 2016
06.11.2014
 
 

»Dann arbeitet doch umsonst« – Rat des kanadischen Zentralbankchefs Poloz an junge Arbeitslose löst heftigen Unmut aus

Redaktion

Die Jugendarbeitslosigkeit in Kanada verharrt gegenwärtig auf einem zweistelligen Niveau. In dieser Situation musste der Zentralbankchef des Landes, Stephen Poloz, wegen seines Vorschlags, junge Arbeitslose sollten doch umsonst arbeiten, um ihren Lebenslauf etwas aufzupeppen und nicht faul herumzuhängen, harte Kritik einstecken. Nach seiner Ansicht sei unbezahlte Arbeit auch eine geeignete Methode, die Zeit bis zum Aufschwung nicht unnütz verstreichen zu lassen.

 

»Wenn im Lebenslauf auftaucht, dass man ohne Entgelt gearbeitet hat, ist das eine gute Sache, denn dies ist das einzige, was man als Arbeitsloser unternehmen kann, um dem Zermürbungseffekt entgegenzuwirken. Zudem sammelt man wirkliche Lebenserfahrung, auch wenn man vielleicht enttäuscht ist und man keinen Lohn erhält«, sagte Poloz gegenüber Journalisten.

Die Reaktionen fielen teilweise heftig aus. So twitterte Nicole Polish am 5. November: »Ich soll also einige Monate ohne Entlohnung arbeiten … und vielleicht verhungern? Ich nehme an, dass dies Ihre Probleme lösen würde.«

 

Gegenwärtig liegt die Jugendarbeitslosigkeit in Kanada bei 13,5 Prozent. In absoluten Zahlen ausgedrückt heißt dies, 200 000 junge Menschen sind ohne Arbeit. Seit der Rezession von 2008 hat sich diese Zahl kaum geändert.

 

Die allgemeine Arbeitslosigkeit im Land liegt bei 6,8 Prozent. Wie die Huffington Post berichtet, waren etwa in der Provinz Ontario im letzten Jahr nur 63,3 Prozent der Jugendlichen in Beschäftigung, in Toronto lag dieser Wert sogar nur bei 43,5 Prozent.

 

»Ich wette, dass praktisch jeder hier im Raum mindestens eine Familie kennt, bei der noch erwachsene Kinder leben«, erklärte Poloz am Montag in einer Rede in der kanadischen Hauptstadt Ottawa. »Und ich bin ziemlich sicher, dass diese Kinder keine Frührentner sind.«

 

Sein Vorschlag zur Lösung dieses drängenden Problems, welches das kanadische Wirtschaftswachstum negativ beeinflusst, fand von allen seinen Äußerungen allerdings die größte Beachtung.

 

So entgegnete C. Kenn ebenfalls am Mittwoch: »Man könnte einwenden, dass ein junger Mensch, der für einen Mindestlohn arbeitet, mehr zur wirtschaftlichen Erholung beiträgt als Sie, Herr Poloz.«

 

Aber Poloz, der im Jahr mehr als 435 000 Dollar verdient, war nicht bereit, seine Haltung zu verändern. Am Dienstag erklärte er vor dem Ständigen Finanzausschuss im Parlament, es sei für jugendliche Arbeitslose wichtig, »freiwillig und ohne Bezahlung Arbeiten zu übernehmen, die zumindest in irgendeiner Art und Weise mit ihrer Fachkompetenz zusammenhängen und aus denen sich ablesen lässt, dass man in der Zeit der Arbeitslosigkeit zusätzliche Lernerfahrungen gesammelt hat«.

 

»Ist Ihnen bewusst, dass unbezahlte Arbeit die Einkommensungleichheiten verschärft?«, fragte der liberale Abgeordnete Scott Brison, der argumentierte, dass es sich Kinder aus reichem Hause vielleicht leisten könnten, ohne Entgelt zu arbeiten, während dies vielen anderen nicht möglich sei.

 

Poloz entgegnete einem Bericht von Business in Canada zufolge: »Meiner Ansicht nach steckt in Ihrer Bemerkung ein Körnchen Wahrheit, aber wenn sich Arbeits-Gelegenheiten ergeben, sollten die Leute sie nutzen.«

 

Daraufhin reagierte Jazmin Lihou mit der Twitter-Mitteilung: »Meiner Meinung nach sollte Stephen Poloz auf sein Gehalt verzichten und es unter arbeitslosen Jugendlichen verteilen. Wenn wir nicht essen müssen, sollten Sie es auch nicht.«

 

Poloz‘ Vorschlag, arbeitslose Jugendliche sollten in Zeiten wirtschaftlicher Flaute auch unbezahlte Arbeit annehmen, wurde von vielen Seiten scharf kritisiert. »Das ist eine äußerst frustrierende Äußerung«, sagte Claire Seaborn, Gründerin und Präsidentin der Canadian Intern Association, die gegen Ausbeutung von Praktikanten kämpft, gegenüber der kanadischen Tageszeitung Globe and Mail. »Sie zeigt ein völlig falsches Verständnis unserer arbeitsrechtlichen Gesetze und Vorschriften für den Arbeitsplatz in Kanada… und wertet die Leistungsfähigkeiten junger Menschen und von Personen, die gerade ihre Ausbildung abgeschlossen haben, am Arbeitsplatz massiv ab.«

 

Die Zeitung zitiert darüber hinaus den Arbeitsrechtler Andrew Langille, der die Zahl unbezahlter Praktikanten und Praktikantinnen »auf etwa 100 000 Personen jährlich« schätzt. Ihre Zahl sei seit Beginn der Rezession deutlich angestiegen.

 

Verschiedene kanadische Verlage, darunter auch Toronto Life gerieten im vergangenen Jahr in die Kritik, als enthüllt wurde, dass sie unbezahlte Arbeitsplätze anboten. Das Arbeitsministerium in der kanadischen Provinz Ontario leitete sogar offizielle Ermittlungen ein, die dazu führten, dass Toronto Life und ein anderer Verlag, der das Magazin The Walrus herausgab, diese Praxis aufgaben.

 

Diese umstrittenen Praktika sind gegenwärtig weit verbreitet und werden von einer großen Bandbreite von Unternehmen von Telekommunikationsfirmen bis hin zum Einzelhandel und sogar Ingenieurbüros angeboten, erklärte Seaborn weiter. »Praktikanten müssen bezahlt werden, es sei denn, sie erhalten dafür Leistungspunkte für die Schule.«

 

 

 

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Leser-Kommentare (17) zu diesem Artikel

07.11.2014 | 21:12

g-248

Leider nur Unsachliches oder Resignatives, was auf meine Gedanken geantwortet wurde. Schade, so ändert man natürlich nie etwas. @07.11.2014 | 16:17 Kale: Vielen Dank für den Hinweis auf das Venus-Projekt. Fand ich interessant. Was ich dort aber unter anderem fand, könnte ich 1. den Unsachlichen und 2. den Resignierten entgegenhalten: 1. „Absolute Sicherheit ist ein Privileg von ungebildeten Geistern und Fanatikern.“ C. J. Kayser 2. "Die wissenschaftliche Methode: ...

Leider nur Unsachliches oder Resignatives, was auf meine Gedanken geantwortet wurde. Schade, so ändert man natürlich nie etwas. @07.11.2014 | 16:17 Kale: Vielen Dank für den Hinweis auf das Venus-Projekt. Fand ich interessant. Was ich dort aber unter anderem fand, könnte ich 1. den Unsachlichen und 2. den Resignierten entgegenhalten: 1. „Absolute Sicherheit ist ein Privileg von ungebildeten Geistern und Fanatikern.“ C. J. Kayser 2. "Die wissenschaftliche Methode: 1. Erkennen einer neuen Idee oder eines neuen Problems, welches gelöst werden muß. 2. Nutzen logischer Schlussfolgerungen, um eine Hypothese aufzustellen. 3. Überprüfen der Hypothese in der materiellen Welt durch Beobachtung."


07.11.2014 | 17:21

rolf

Wenn ich die Kommentare lese graust es mich ich habe nicht gedacht das es so viele Trolle gibt und Menschen die nicht nachdenken können oder es nicht wollen ! Die dem Zentralbankchef in den " Hintern " kriechen und an seinen "Lippen" hängen (ihn zustimmen). Frage wie wollt ihr für eure Wohnung die Miete aufbringen ? Wie eure Familie versorgen ? Meint ihr der "Sozialstaat kommt dafür auf ? oder kriecht ihr bei euren Eltern und Verwandten unter ? Denkt ihr...

Wenn ich die Kommentare lese graust es mich ich habe nicht gedacht das es so viele Trolle gibt und Menschen die nicht nachdenken können oder es nicht wollen ! Die dem Zentralbankchef in den " Hintern " kriechen und an seinen "Lippen" hängen (ihn zustimmen). Frage wie wollt ihr für eure Wohnung die Miete aufbringen ? Wie eure Familie versorgen ? Meint ihr der "Sozialstaat kommt dafür auf ? oder kriecht ihr bei euren Eltern und Verwandten unter ? Denkt ihr etwa das es alles ohne Geld vonstatten geht ? Unterhaltskosten , Lebensmittel usw. oder geht ihr dann klauen ? Habt ihr nichts aus der Vergangenheit gelernt? Wollt ihr wieder die Feudalherrschaft und die Sklaverei einführen und euch zum Herren darüber aufschwingen? Denkt mal nach und schaltet euer Gehirn ein !


07.11.2014 | 16:17

Kale

@ 07.11.2014 | 09:58 g-248, da haben "Spinner" mal eine ideale Welt erdacht, ohne Geld und ohne (Berufs-)Politiker. Suche nach Zeitgeist 3 - das Venus Projekt. Halte ich für eine erstrebenswerte Idee, glaube aber "die Etablierten" werden Wege finden - sollte Deine Idee umgesetzt werden - um so etwas zu unterbinden, wenn nicht gar verbieten. Wie z.B,. bei den Tauschringen.


07.11.2014 | 15:04

kalle

Der letzte Schritt vor der "echten" Sklaverei! Heute wird es offen ausgesprochen, morgen zur Pflicht!


07.11.2014 | 11:52

rolf

@g-248 Bitte schalte mal dein Gehirn ein und denke mal darüb er nach : 1. Das wird nicht funktionieren weil der natürliche Mensch von Natur aus ein hang zum Bösen hat , Geldgierig ist ,und dazu neigt andere Menschen zu übervorteilen. (Das sagt auch die Bibel (sie nennt es Sünde)) -- 2. ist es Wunchdenken von Menschen die andere Menschen versklaven und ausbeuten wollen.(Satanisten,Hochgradfreimaurer,Bilderberger.kath.Kirche).--- 3.Ohne Geld kann man keine Familie versorgen....

@g-248 Bitte schalte mal dein Gehirn ein und denke mal darüb er nach : 1. Das wird nicht funktionieren weil der natürliche Mensch von Natur aus ein hang zum Bösen hat , Geldgierig ist ,und dazu neigt andere Menschen zu übervorteilen. (Das sagt auch die Bibel (sie nennt es Sünde)) -- 2. ist es Wunchdenken von Menschen die andere Menschen versklaven und ausbeuten wollen.(Satanisten,Hochgradfreimaurer,Bilderberger.kath.Kirche).--- 3.Ohne Geld kann man keine Familie versorgen. Lebensmittel ,Kleidung ,und anderes Inventar gibt es nicht umsonst. Conclusio : Es kann nicht funktionieren !!!


07.11.2014 | 09:58

g-248

Ich frage mich ernsthaft, was passieren würde, wenn sich arbeitslose Menschen wirklich mal zusammenfinden würden und professionell, aber unentgeltlich arbeiten würden; eine Organisationsform (Firma o. ä.) entwickeln würden und den Firmen, die sie vom Arbeitsprozess ausschließen auf diesem Wege Konkurenz machen würden. Je enger dabei der Bereich der Wirtschaft, je kleiner das geografische Gebiet und je mehr Menschen sich an so einem Projekt beteiligen würden, desto größer wäre...

Ich frage mich ernsthaft, was passieren würde, wenn sich arbeitslose Menschen wirklich mal zusammenfinden würden und professionell, aber unentgeltlich arbeiten würden; eine Organisationsform (Firma o. ä.) entwickeln würden und den Firmen, die sie vom Arbeitsprozess ausschließen auf diesem Wege Konkurenz machen würden. Je enger dabei der Bereich der Wirtschaft, je kleiner das geografische Gebiet und je mehr Menschen sich an so einem Projekt beteiligen würden, desto größer wäre natürlich auch der anfängliche Effekt. Sobald der ausreichend groß geworden ist, könnte man die Aktion auf weitere Wirtschaftsbereiche und größere Gebiete ausweiten. Ich bin sicher, dass man damit großen Druck auf die Politik ausüben könnte. Die Frage ist natürlich auch hierbei wieder, wie man so etwas praktisch umsetzen kann. Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, oder? Ob das etwas bringt oder nicht, weiß man ja erst dann, wenn man es mal versucht hat. Mit Jammern, Fluchen oder Däumchendrehen bewirkt man jedenfalls gar nichts. Sieht man ja.

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