Saturday, 2. July 2016
11.03.2014
 
 

»Narkose mit dem Holzhammer« – Der Zusammenbruch des syrischen Gesundheitssystems

Redaktion

Der Krieg in Syrien hat nun auch das Gesundheitswesen des Landes zusammenbrechen lassen, wie ein neuer Bericht der Hilfsorganisation Save the Children enthüllt: Säuglinge sterben in Brutkästen, weil der Strom ausfällt, Gliedmaßen müssen aufgrund fehlender Ausstattung amputiert werden und die Fälle von Kinderlähmung steigen weiter an.

Der 13-seitige Bericht der Hilfsorganisation, der am Montag veröffentlicht wurde, beschreibt den verheerenden Zusammenbruch des syrischen Gesundheitswesens seit Ausbruch des Krieges vor drei Jahren. Vor Ausbruch der Kampfhandlungen befand sich das syrische Gesundheitswesen auf dem Stand eines »Landes mit mittlerem Einkommen mit einer entsprechend geringen Kindersterblichkeit«. Heute sind 60 Prozent der syrischen Krankenhäuser zerstört oder schwer

beschädigt, und fast die Hälfte der Ärztinnen und Ärzte des Landes haben Syrien verlassen. »In ganz Syrien wurden 60 Prozent der Krankenhäuser und 38 Prozent der Basis-Gesundheitseinrichtungen beschädigt oder zerstört, und die Arzneimittelherstellung ist um 70 Prozent eingebrochen. Fast die Hälfte der syrischen Ärztinnen und Ärzte haben das Land verlassen: In Aleppo, einer Stadt, in der etwa 2500 Ärzte gebraucht würden, gibt es nur noch 36 Ärzte«, heißt es in dem Bericht.

 

Die Auswirkungen des Krieges auf die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung sind »erschreckend«, berichtet Save the Children, da die verbleibenden Ärzte nicht in der Lage sind, allen denen helfen zu können, die medizinischer Hilfe bedürfen. »Das syrische Gesundheitswesen befindet sich in einem Zustand der völligen Auflösung. Uns liegen Berichte von Ärzten vor, die Altkleider als Verbände benutzen und den Patienten vorschlagen müssen, die Narkose praktisch mit dem Holzhammer vornehmen zu lassen, da es keine Narkosemittel mehr gibt«, vermerkt der Bericht lakonisch. »Das Fehlen sauberen Wassers führt auch dazu, dass die Sterilisation bei Verbänden praktisch unmöglich ist. Damit steigt die Gefahr von Infektionen und sich daraus ergebender möglicher Todesfälle an.«

 

Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sind seit Beginn der Kampfhandlungen mehr als 100 000 Menschen gestorben. »Kinder waren Zeuge extremer Gewalt und haben sie teilweise auch selbst erfahren. Mehr als 10 000 Menschen im Kindes- und Jugendalter sind als direkte Folge gestorben. Es sind nicht nur die Kugeln und Granaten, die Kinder töten und verstümmeln. Sie sterben auch deswegen, weil nicht einmal mehr grundlegende medizinische Versorgung möglich ist. Das syrische Gesundheitswesen liegt völlig am Boden«, heißt es weiter.

 

Save the Children schätzt, dass einige Tausend Kinder gestorben sind, weil »sie keinen oder nur einen stark eingeschränkten Zugang zu Behandlungen lebensbedrohlicher, chronischer Krankheiten wie Krebs, Epilepsie, Asthma, Diabetes, Bluthochdruck und Nierenversagen hatten«. Nach Ansicht der Hilfsorganisation ist die Lage sehr viel schwerwiegender als nur eine vorübergehende Krise. Vielmehr sei das gesamte Gesundheitswesen und damit Millionen von Menschenleben in Gefahr.

 

Zu den verheerendsten Folgen dieser Situation auf die medizinische Versorgung in Syrien gehört u.a., dass »Kindern Gliedmaßen amputiert werden müssen, weil die behandelnde Klinik nicht über die notwendige Ausstattung verfügt, sie angemessen zu behandeln; neugeborene Babys in ihren Brutkästen sterben, weil der Strom ausfällt [und] Eltern, die mit ihren Kindern ein Krankenhaus aufsuchen, dort kein medizinisches Personal vorfinden und dann versuchen, ihren Kindern selbst Infusionen zu geben«.

 

Andere Patienten sterben, weil sie Blutkonserven mit der falschen Blutgruppe erhalten haben, und Bluttransfusionen müssen wegen Stromausfalls oft direkt zwischen den betreffenden Personen stattfinden, berichtet die Hilfsorganisation. Unter Berufung auf Daten der Syrisch-Amerikanischen Medizinischen Gesellschaft, so der Bericht, sind Schätzungen zufolge schon 200 000 Syrer aufgrund fehlender medizinischer Versorgung an den Folgen chronischer Krankheiten gestorben.

 

Aber auch diejenigen, die noch in den Krankenhäusern behandelt werden, sehen sich tödlichen Gefahren ausgesetzt. »Das Gesundheitspersonal, das medizinische Personal und die Patienten, einschließlich der Kinder, müssen befürchten, entweder auf dem Weg ins Krankenhaus oder sogar innerhalb der medizinischen Einrichtung angegriffen zu werden. Häuser und Wohnungen werden als provisorische Krankenhäuser genutzt, und selbst in Wohnzimmern finden Operationen statt«, wird berichtet.

 

Gefahr der epidemischen Ausbreitung der Kinderlähmung wächst


Der Zusammenbruch des Impfprogramms stellt das Land vor weitere Probleme. Vor Ausbruch des Krieges lag die Impfrate bei etwa 91 Prozent. Ein Jahr später war sie bereits auf 68 Prozent gefallen, und nach heutigen Schätzungen liegt sie nun noch weit darunter.

 

Die sinkende Zahl der Impfungen hat zu einem Anstieg »tödlicher Verläufe bei Erkrankungen wie Masern und Meningitis« geführt – Erkrankungen, die vor dem Krieg praktisch kaum aufgetreten waren. Medizinexperten befürchten auch einen Anstieg der Erkrankungen an Kinderlähmung, die 1995 in Syrien praktisch ausgerottet war. Derzeit geht man von bis zu 80 000 infizierten Kindern im ganzen Land aus.

 

Dieser Anstieg an Krankheitsfällen hat auch Befürchtungen über die Ausbreitung des Virus weltweit geschürt. »Kinder, die nach 2010 geboren wurden, wurden seit zwei Jahren nicht mehr geimpft. Der Zugang zu Impfmöglichkeiten ist sehr stark eingeschränkt, und das Gesundheits- und medizinische Personal war oft nicht in der Lage, bedürftige Kinder zu erreichen«, vermerkt der Bericht.

 

Abschließend fordert Save the Children, es müsse dringend Zugang zu allen Teilen Syriens ermöglicht werden, um »Impfstoffe, Nahrungsmittel, Wasser, Medikamente und andere lebensrettende Unterstützung« bereitstellen zu können. Die Hilfsorganisation forderte ebenfalls, medizinisches Personal und Gesundheitspersonal dürften nicht zur Zielscheibe von Angriffen werden. Darüber hinaus schlug die Organisation die Bereitstellung von Finanzmitteln und den Zugang zu »speziell auf Kinder zugeschnittenen gesundheitlichen und medizinischen Dienstleistungen vor … um sicherzustellen, dass Kinder nicht an vermeidbaren und behandelbaren Verletzungen und Krankheiten sterben müssen«.

 

 

 

 


 

 

 

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