Samstag, 10. Dezember 2016
03.06.2014
 
 

Bilderberg-Nachlese 2014: Das Ende der Privatsphäre

Redaktion

Die geheime Konferenz in Kopenhagen ist beendet, alle Teilnehmer sind mittlerweile wieder abgereist. Was bleibt haften von der Bilderberg-Jubiläumstagung 2014? Das Umfeld war ungewöhnlich, einiges schien neu, paradox oder sogar erschreckend. Die etablierten Medien übten mit ihrer »Berichterstattung« äußerste Zurückhaltung, doch unabhängige Journalisten erhielten einige bemerkenswerte Einblicke.

Seltsam war sie offenbar schon, diese 62. Tagung der Bilderberg-Gruppe in Kopenhagen. Demonstranten und Aktivisten, alternative Berichterstatter und unabhängige Journalisten waren diesmal Zeugen eher ungewöhnlicher und auch verstörender Szenen. Schon die Lokalität war ziemlich unüblich: ein exponiertes Hotel inmitten einer Großstadt. Üblicherweise zieht sich die Gruppe in abgelegene Nobelresorts zurück, meidet Blicke neugieriger Zaungäste und will ungesehen bleiben.

 

Jetzt war das anders. Zwar blieb jeder Zutritt zum Hotel traditionsgemäß verwehrt, auch wurden entsprechende Maßnahmen getroffen, die Sicht einzuschränken – so auch durch dunkle Fensterfolien oder Sichtschutz-Zäune. Dennoch konnten Filmteams und Fotografen das Treffen besser denn je dokumentieren. Denn Mitglieder der heimlichen Gruppe saßen oft wahrlich mitten auf dem Präsentierteller – in Gestalt der Hotelveranda.

 

Dort sah man einige der »Global Players« in breiten Korbstühlen die heiße Sonne und kühle Drinks genießen. Das schöne Wetter, das übers Wochenende in Kopenhagen herrschte, arbeitete den wachsamen Journalisten verschiedener alternativer Medien auf diese Weise entscheidend zu und trieb ihnen die Bilderberger vor die Kameralinse.

 

Zeitweilig hatte es den Anschein, als ob die Stadtlage des Hotels und die Möglichkeit, sich in seiner unmittelbaren Nähe aufzuhalten, kaum von Vorteil für die investigativen Journalisten wäre. Vieles schien die Möglichkeiten für Fotografen einzuschränken. Zur Überraschung der versammelten Beobachter zeigten sich die geladenen Gäste insgesamt weniger lichtscheu als bei den vorausgegangenen Treffen.

 

Leute wie Ex-CIA-Chef David Petraeus oder Milliardär Peter Thiel von Thiel Capital verließen das Hotelgebäude in Freizeitkleidung und ohne jeden »Schatten«. Sie gingen spazieren oder joggten um das Hotelgelände. Keiner schien sich Sorgen vor gefährlichen Aktivisten und noch gefährlicheren Attacken zu machen. Wollte Bilderberg »Flagge zeigen«, Macht und Furchtlosigkeit demonstrieren? Einige Szenen des diesjährigen Treffens kontrastierten jedenfalls stark zur sonstigen Scheu.

 

Doch die teils überbordenden Sicherheitsvorkehrungen früherer Tagungen wiederholten sich auch in Kopenhagen. Polizeikräfte und Spezialteams befanden sich ständig im Einsatz, wobei die Aggressivität sich zuweilen von Festnahmen bis hin zu tätlichen Angriffen auf Journalisten steigerte. Kein Zweifel – im Falle des Falles wird nicht lange gefackelt, sondern radikal durchgegriffen.

 

Einige Konferenzteilnehmer scheinen eine neue Philosophie entwickelt zu haben: sich nicht den schönen Tag durch die überall mit Kameras lauernden Quertreiber verderben lassen! Bilderberg gibt doch selbst bekannt, wer eingeladen ist. Nichts daran ist geheim. Geheim ist die ausgetauschte Information – ihr gilt die Abschirmung, sie darf den Kreis nicht verlassen. Oder nicht einmal den innersten Zirkel.

 

Zwar macht Bilderberg in den sparsamen Pressemitteilungen jeweils eine Agenda bekannt. Doch auch sie ist knapp gefasst und bietet weiten Raum für Interpretation und Spekulation. Wer garantiert außerdem dafür, dass die genannten Themen tatsächlich Kernaspekte der Diskussion betreffen? Wenn ja, was sagt das über Inhalte und Abmachungen?

 

Bilderberg-Beobachter Daniel Estulin ist überzeugt davon, dass die wahre Agenda eine andere ist und die Öffentlichkeit wiederum belogen wird. Seine Behauptung äußert er natürlich nicht ohne Grund. In der vergangenen Woche sei ihm die authentische Agenda zugespielt worden, von einem Insider. Insgesamt neun Punkte der Bilderberg-Tagesordnung. Sieben davon gab er preis:

  1. Nuklear-Diplomatie und eine bereits in Vorbereitung befindliche Vereinbarung mit dem Iran. Aufgrund von Befürchtungen hinsichtlich einer Allianz zwischen Russland, China und dem Iran soll der westliche Druck auf das iranische Atomprogramm gemindert werden, um hier Einfluss zu nehmen. Ein doppeltes Spiel wäre allerdings gut möglich.

  2. Gasabkommen zwischen Russland und China. Die ernste politische Krise in der Ukraine bedroht die Erdgasversorgung europäischer Staaten – China könnte die EU als primären Energie-Handelspartner für Russland ersetzen.

  3. Das Aufkommen einer nationalistischen Stimmung in Europa. Dieser Punkt wurde bereits vor den Wahlen für das Europaparlament formuliert. Euro-skeptische Parteien legen quer durch Europa zu, ein Rückschlag für die europäische Einigung. Ein von nationaler Stimmung beherrschtes Europa würde der Globalisierung entgegenwirken.

  4. EU-Regulierung der Privatsphäre im Internet. Europäische Politiker müssen nach den Snowden-Enthüllungen auf öffentlichen Protest hin mit klaren Maßnahmen reagieren.

  5. Cyber-Krieg und seine möglichen Auswirkungen auf die Internetfreiheit. Dessen zerstörerisches Potenzial wächst in dem Maße, in dem Menschen sich in allen Lebensbereichen auf das Internet verlassen oder sogar davon abhängig sind. Die Bedrohung staatlich gestützter Hacker-Attacken könne von einigen Regierungen als Vorwand genutzt werden, entschlossen gegen das Internet vorzugehen und damit um der Sicherheit willen seine Rolle als modernes Medium zu unterminieren.

  6. Von der Ukraine nach Syrien – Barack Obamas Außenpolitik. Kritiker tadeln den US-Präsidenten dafür, Amerikas Führungsrolle in Übersee zu verraten, und führen Missgriffe bei der Verteidigung von US-Interessen in Syrien sowie auch der Ukraine als Beispiele an. Obamas neu verlautbarte Doktrin fordert, sich weniger auf Militärgewalt zu verlassen und stattdessen Diplomatie sowie kollektive Aktionen zu nutzen. Bei Bilderberg 2014 sollte diskutiert werden, ob diese Politik dem Untergang geweiht sein müsse.

  7. Klima-Änderung. Dieser verwirrende Tagungspunkt bezieht sich höchstwahrscheinlich nicht auf die Erderwärmung, sondern wird – vor allem von Kritikern der Treffen – interpretiert als Euphemismus für eine geplante Deindustrialisierung einiger Staaten, mit dem Ziel, die Weltwirtschaft unter die Kontrolle transnationaler Gesellschaften stellen zu können. Es ist interessant, dass bei Bilderberg bereits bei früherer Gelegenheit die Rede von der globalen Abkühlung war.

Gerade der Aspekt einer sich im Nichts auflösenden Privatsphäre stand bei Bilderberg im Diskussionsfokus, wie auch Mikael Thalen von InfoWars überzeugt sagt. Schon die personelle Konstellation des diesjährigen Meetings legt dies nahe und verstärkt außerdem Befürchtungen einer noch dramatischeren Entwicklung in naher Zukunft. Thalen nennt das Kind beim Namen, wenn er von einigen Teilnehmern konkret als den »Architekten des modernen Überwachungsstaates« spricht. Zu ihnen zählt der vormalige NSA-Chef Keith Alexander. Dessen Motto »Sammelt alles« umreißt die Philosophie klar: Über die Legalität einer Aktion sollte man sich erst dann Gedanken machen, wenn die Arbeit getan ist. Alexander habe mehrfach zu möglichem Fehlverhalten der NSA und ihrer Mitarbeiter gelogen – wobei seine Moral dem Berufsbild eines Top-Geheimdienstlers kaum zuwiderlaufen dürfte.

 

An der US-Militärakademie drückte Keith Alexander die Schulbank zusammen mit David H. Petraeus, später hochdekorierter Vier-Sterne-General und CIA-Chef, erklärter Befürworter maximaler Überwachung. Der 2012 vom GQ Magazine als einer der »50 einflussreichsten Leute in Washington« bezeichnete Petraeus frohlockte sogar in aller Öffentlichkeit darüber, dass die Zahl der ans Internet angebundenen Haushaltsgegenstände fortwährend zunehme. Dieses »Internet der Dinge« habe der CIA ermöglicht, Menschen in zuvor unvorstellbarer Weise auszuspionieren.

 

Kein Wunder also, wenn der wegen seiner außerehelichen Affäre bald vom hohen CIA-Posten zurückgetretene Petraeus manchmal auch »General Betray Us« genannt wird – »der General, der uns verrät«. Und nicht umsonst lautete letztes Jahr ein Bilderberg-Thema: »Wie die großen Daten beinahe alles ändern«. Petraeus wohnte übrigens auch dieser Konferenz im britischen Watford bei. Nicht zuletzt dürften bei der diesjährigen Tagung auch PayPal- und Facebook-Mitbegründer Peter Thiel sowie Eric Schmidt von Google entscheidende Impulse gegeben haben. Schmidt hält die Privatsphäre für ein veraltetes Konzept. Und in einem Gespräch mit InfoWars bestätigte NSA-Whistleblower Kirk Wiebe: »Die Privatsphäre steht von allen Seiten unter Beschuss«. Wie er weiter ausführt, arbeitete die NSA seit ihrem Bestehen zu rund 60 Prozent der verfügbaren Zeit außerhalb der US-Verfassung. Seine nüchterne Bilanz lautet: »Es ist wirklich nichts übrig geblieben, das noch privat wäre.« Dennoch sorgen sich die Bilderberger offenkundig um ihre Privatsphäre – oder zumindest jene private Sphäre der ausgetauschten Information. Letzten Endes könnte die moderne Technologie natürlich auch zum Bumerang werden, wenn die Reservate nicht öffentlicher Information ganz generell in sich zusammenstürzen.

 

Auch Bilderberg kann nicht völlig ins Nichts abtauchen. Manchmal genügt wenig, um viel zu bewirken. Wie gesagt, trieb vor allem das schöne Wetter so manchen erholungsbedürftigen Bilderberger an die frische Luft und direkt vor die Augen der Kameras. Die Veranda des Marriott wurde so zu einer praktischen Plattform. Dies galt für Bilderberger-Gespräche ebenso wie für Beobachter, die vor dieser Kulisse nun endlich einmal verfolgen konnten, wer sich zu wem gesellte. Hier wurden sie direkt Zeuge jener Momente, wo Bilderberg-Teilnehmer sich in kleinem Kreis versammeln oder zu Gesprächen unter lediglich vier Augen begegnen.

 

Da erhielt der schwedische Außenminister Carl Bildt ganz offenbar etliche weise Ratschläge von Goldman-Sachs-Berater Professor Victor Halberstadt. Am nächsten Tisch warf IWF-Chefin Christine Lagarde einige mächtige Falten in die Stirn, als sie sich ins Gespräch mit dem Ökonomen und UPS-Vorstand Kevin Warsh vertiefte. Neben ihr Paul Achleitner, Deutsche Bank, der auch Aufsichtsratsmandate bei Bayer, Daimler und RWE übernommen hat. In einer anderen ruhigen Ecke sprach der britische Schatzkanzler George Osborne mit dem führenden Bilderberger Sir John Kerr, Mitglied im Lenkungsausschuss der Gruppe. Nicht gerade ein echter Dialog: Im Lauf der von Charlie Skelton und seiner Frau Hannah Borno dokumentierten, rund 25-minütigen Unterredung kam Osborne kaum zu Wort. Vielmehr lauschte er sehr aufmerksam seinem Gegenüber. Sir John redete großzügig gestikulierend auf ihn ein und schien seinen Landsmann wirkungsvoll zu indoktrinieren.

 

Skelton, der in wenigen Jahren vom Saulus zum Paulus wurde und sich hinsichtlich Bilderberg merklich vom Mainstream abwandte, verfasste für den Londoner Guardian einen sehr lesenswerten Bildbericht, zentriert auf die Person Kerrs als federführender Kraft innerhalb von Bilderberg.

 

Ansonsten schwieg die Presse in diesem Jahr völlig still. Bilderberg dürfte das Unthema des Jahres sein, wenigstens in den etablierten Medien, jenen Informationsquellen einer aufgeklärten Gesellschaft, die nicht an Verschwörungstheorien »glauben« will. Hier kann sie ihren Wissensdurst wirklich »stillen«, in aller Ruhe. Kein Rauschen im Blätterwald, während sonst jede Belanglosigkeit ans Licht gezerrt und »aufgedeckt« wird. Das uniforme Schweigen der Medien spricht Bände. Es beweist wahre Abhängigkeit und demonstriert vorrangig die Funktion als Meinungsmacher. Neutrale Nachrichtenorgane hätten viel zu berichten gehabt. Aber sie berichteten nicht.

 

Immerhin, mittlerweile existiert Bilderberg seit genau 60 Jahren. Zeit genug, um einige Worte zu dieser Tatsache zu verlieren. Bilderberg macht sprachlos. Man sollte »Macht« eigentlich groß schreiben. In den vergangenen Jahren hatte die Berichterstattung zu Bilderberg in den Massenmedien zugenommen, doch war das wohl bereits zu viel der öffentlichen Aufklärung. Offenbar haben sich einige Journalisten und Redakteure diesbezüglich schon zu weit aus dem Fenster gelehnt. Die Situation 2014: Keine der vier großen Fernsehgesellschaften der USA berichtete aktuell über Bilderberg. Bei uns nicht anders. Verschwörung – lächerlich! Kommentar – überflüssig!

 

 

 

 


 

 


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