Monday, 29. August 2016
14.04.2014
 
 

Von den USA und der NATO in Afghanistan zurückgelassene Sprengkörper töten und verstümmeln zahlreiche Kinder

Redaktion

Nach 13 Jahren Krieg werden das amerikanische Militär und seine Verbündeten Afghanistan weitgehend verlassen und dabei Gebiete in der Größenordnung von einigen Tausend Quadratkilometern zurücklassen, in denen sich massenweise so genannte »Abandoned Explosive Ordnance«, also zurückgelassene Sprengkörper, befinden. In den letzten Jahren wurden vor allem Kinder durch diese unbeaufsichtigten Sprengkörper verletzt und sogar getötet, berichten die Vereinten Nationen.

Die USA und die NATO unterhielten 240 Übungsplätze und Schießstände für hochexplosive Sprengkörper, berichtete die Washington Post. Einer der wichtigsten Übungsplätze besitzt eine Größe von 310 Quadratkilometern und ist damit doppelt so groß wie die amerikanische Hauptstadt Washington. Wie amerikanische Regierungsvertreter gegenüber der Post erklärten,

seien die USA für die Säuberung und Entsorgung des hochgefährlichen »Mülls« von 73 dieser Anlagen, die sich über ein Gebiet von mehr als 2000 Quadratkilometern erstrecken, verantwortlich. In jeder dieser Anlagen befinden sich Tausende nichtexplodierter und vermutlich weit verstreuter Sprengkörper. Die Kosten für die Säuberung werden mit 250 Mio. Dollar beziffert.

 

 

Die Hälfte der insgesamt 240 Übungsplätze und Schießstände wird an die afghanische Armee übergeben, 40 weitere wurden von Streitkräften der internationalen Koalition betrieben, so dass diese Länder für die Reinigung und Entsorgung verantwortlich sind.

 

In der Zwischenzeit wird die Anzahl der Unfälle, die durch diese nicht gekennzeichnete und wahllos verstreute Munition ausgelöst werden, aller Wahrscheinlichkeit nach zunehmen, da die USA bisher nur drei Prozent ihres Verantwortungsgebietes durchkämmt haben.

 

Seit 2012 hat das Koordinationszentrum des United Nations Mine Action Service für Afghanistan, sozusagen die Organisation der Vereinten Nationen, die den Kriegsmittelräumdienst in Afghanistan sicherstellen soll und der Hauptabteilung Friedenssicherungseinsätze des UN-Sekretariats untersteht, 70 Zwischenfälle mit schwerwiegenden Folgen für die Opfer dokumentiert, zu denen es auf Truppenübungsplätzen oder Schießständen der USA oder der NATO gekommen war. Und Zahl und Häufigkeit der Explosionen nehmen zu. In 88 Prozent der Unfälle waren Kinder betroffen, die oft Tiere geweidet, Feuerholz gesammelt oder nach Metallschrott gesucht hatten.

 

Allerdings führte die Post noch weitere 14 Zwischenfälle auf, die in den Aufzeichnungen der Vereinten Nationen noch gar nicht enthalten waren. Dies deutet darauf hin, wie schwierig es ist, die korrekte Zahl der Unfälle zu ermitteln und abzuschätzen, wie oft es noch zu ähnlichen Unfällen kommen könnte, wenn jetzt die ausländischen Truppen bis zum Jahresende Afghanistan verlassen werden. »Wir sind sehr besorgt darüber, dass die Probleme gerade jetzt so offenkundig werden, da die internationale Sicherheitsunterstützungstruppe ISAF (International Security Assistance Force) dabei ist, das Land zu verlassen«, erklärte Abigail Hartley, Leiterin des Mine Action Programme of Afghanistan (MAPA). »Es wäre sehr viel sinnvoller gewesen, sich diesem Problem bereits während der vergangenen acht Jahre zu widmen.«

 

Selbst wenn der amerikanische Kongress die Geldmittel bereitstellen würde, um diese Sprengkörper aufzustöbern und zu entsorgen, wäre diese Aufgabe ohne die ISAF-Truppenpräsenz sehr kompliziert. Die USA haben bereits die Hälfte ihrer 880 Stützpunkte und Einrichtungen im Land aufgegeben und geräumt. »Es sind immer weniger Menschen verfügbar, um die einzelnen Anlagen ausfindig zu machen«, erklärte ein namentlich nicht genannter amerikanischer Regierungsvertreter gegenüber der Post, »und selbst wenn man sich dazu entschlösse, das Richtige tun zu wollen, und diese Kriegsmittel dort herauszubringen, wie soll man das machen? Und wer soll diese Leute schützen?«

 

In den vergangenen Monaten war bereits eine amerikanische Expertengruppe damit befasst, herauszufinden, in welchen Einrichtungen vermutlich die meisten Sprengkörper vorhanden sind und wo es zu den meisten Zwischenfällen gekommen ist. Aber bisher halten sich hochrangige amerikanische Regierungsvertreter mit Äußerungen in dieser Sache sehr zurück. »Es wird sehr zeitintensiv und kostspielig sein, diese Arbeiten abzuschließen. Aber dies ist für die Sicherheit der afghanischen Bevölkerung unabdingbar. Und es gehört sich auch so«, erklärte Edward Thomas, ein Sprecher von General Martin Dempsey, dem Vorsitzenden des amerikanischen Generalstabes.

 

Im vergangenen Jahr wurden allein 32 000 nichtexplodierte Sprengkörper aus einer einzigen, 155 Quadratkilometer großen Anlage entfernt – der einzigen Anlage, die die USA bisher von Kriegsmitteln geräumt haben. »Bisher hat man immer gedacht: ›Wir stehen im Krieg und haben jetzt keine Zeit dazu‹, sagte Hauptmann Michael Fuller, Chef des Zentrums für Kriegsmittelräumung des Luftwaffenstützpunktes Bagram.


Amerikanische Regierungsvertreter wiesen gegenüber der Post darauf hin, dass Afghanistan nicht zu den Unterzeichnern der Konvention über das Verbot oder die Beschränkung des Einsatzes bestimmter konventioneller Waffen der Vereinten Nationen gehöre und die USA daher völkerrechtlich nicht verpflichtet seien, sich um die tödlichen Sprengkörper zu kümmern, die sie in Afghanistan zurückließen.

 

Zusätzlich zu den Sprengkörpern, die Streitkräfte der USA und der ISAF im ganzen Land verstreuten, hinterließen in den 1980er Jahren auch die Sowjets nach ihrer ein Jahrzehnt andauernden Besatzung und dem Krieg etwa 20 Millionen Sprengkörper in dem Land. »Es wird praktisch unmöglich sein, die Munition zu finden, da niemand genau weiß, wo sie gelandet ist«, erklärte ein amerikanischer Regierungsvertreter gegenüber der Post.


Die Afghanen werden daher wohl mit der Last aus den vergangenen Kriegen noch in absehbarer Zeit leben müssen. Ein Bericht der UN-Hilfsmission für Afghanistan stellte fest, dass 2013 das bisher schlimmste Jahr für Frauen und Kinder war. Im letzten Jahr wurden 561 Kinder getötet und weitere 1195 verletzt. Viele wurden Opfer von Sprengfallen, die am Straßenrand angelegt worden waren, oder gerieten bei Gefechten mit Aufständischen ins Kreuzfeuer. Auch die amerikanischen Drohnenangriffe haben die Zahl der Opfer noch weiter erhöht.

 

Im vergangenen Monat etwa verließen zwei afghanische Jugendliche, Mohammed Jusuf und Sajed Dschawad, ihre Häuser und begaben sich auf ein nahegelegenes Übungsgelände, das von amerikanischen und polnischen Soldaten genutzt worden war. Da dieses Gelände nach dem Abzug der ausländischen Soldaten nicht mehr genutzt wurde und keine Explosionen mehr zu hören waren, fühlten sich die beiden Jugendlichen sicher und suchten dort nach Metallschrott.

 

Dschawads Vater, Sajed Sadeq, berichtete später, er habe eine Explosion gehört und sei auf das Gelände geeilt, wo er nur noch den zerfetzten Körper seines Sohnes fand, beide Jugendlichen waren tot. »Seine linke Körperseite war aufgerissen, und ich konnte sein Herz sehen. Beide Beine fehlten«, sagte er weiter. Einer der Jugendlichen war offenbar auf eine 40-Millimeter-Granate getreten, die so ausgelegt ist, dass sie alles Leben im Umkreis von fünf Metern tötet. »Wenn die Amerikaner Menschenrechte für wichtig halten, wie können sie dann so etwas zulassen?«, habe Sadeq geklagt, wie die Post berichtete.

 

 

 

 


 

 

 

Interesse an mehr Hintergrundinformationen?

 

Werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen der Macht – und erfahren Sie, was die Massenmedien Ihnen verschweigen!

 

Lesen Sie weitere brisante Informationen im neuen KOPP Exklusiv. KOPP Exklusiv wird grundsätzlich nicht an die Presse verschickt und dient ausschließlich zu Ihrer persönlichen Information. Jede Ausgabe ist gründlich recherchiert, im Klartext geschrieben und setzt Maßstäbe für einen kritischen Informationsdienst, der nur unter ausgewählten Lesern zirkuliert und nur im Abonnement zu beziehen ist.

 

In der aktuellen Ausgabe finden sie unabhängige Hintergrundinformationen unter anderem zu folgenden Themen:

 

  • Gegrille Schlachtabfälle
  • Zukunft: So werden Autofahrer ausspioniert
  • Unterdrückte Nachrichten aus Polizeiberichten
  • Geldanlage: Wie entwickelt sich der Goldpreis?

 

 

Das alles und viele weitere Kurzberichte im neuen KOPP Exklusiv, fordern Sie noch heute Ihr Probeabonnement an!

Ergänzende Beiträge zu diesem Thema

Warum die Türkei eine Terroroperation unter falscher Flagge in Syrien plante

Nick Giambruno

Sie haben vermutlich auch von den vor einiger Zeit in die Öffentlichkeit durchgesickerten Gesprächen im Zusammenhang mit der Türkei gehört. Es war schon atemberaubend, zuzuhören, wie hochrangige türkische Regierungsvertreter so nebenbei darüber diskutierten, wie man einen Zwischenfall unter »falscher Flagge« provozieren könnte, der eine größere  mehr …

Der Einsatz von Heckenschützen ist eine übliche Taktik bei NATO-Regimewechseln

F. William Engdahl

Bei einer Schießerei auf der Krim am 18. März wurden ein ukrainischer Soldat und ein Mitglied der prorussischen Selbstverteidigungs-Miliz getötet. Der Vorfall ereignete sich in der Nähe einer kleinen militärischen Einrichtung, bei der hauptsächlich Frauen beschäftigt waren. Das selbst ernannte Regime in Kiew reagierte sofort. Unmittelbar nach der  mehr …

Pentagon vergibt in Afghanistan Aufträge an al-Qaida

Steve Watson

Dem jüngsten Vierteljahresbericht zufolge, den der US-Sonderinspekteur für den Wiederaufbau in Afghanistan (Special Inspector General for Afghanistan Reconstruction, SIGAR), John Sopko, am 30. Juli dem Kongress vorlegte, wurden lukrative Verträge mit militanten Gruppen in Afghanistan abgeschlossen, die über direkte Verbindung zu den Taliban und  mehr …

Wer diesen Artikel gelesen hat, hat sich auch für diese Beiträge interessiert:

Die drei wichtigsten Faktoren, die Sehkraft natürlich zu verbessern

Derek Henry

Zur Verbesserung der Sehkraft wird meistens Augengymnastik verordnet. Die ist auch sehr wichtig, aber es gibt noch weitere Faktoren, die Sie in Erwägung ziehen sollten, wenn Sie ernsthaft ihre Sehkraft stärken möchten.  mehr …

Vorsicht Döner: So kommt der Fuchs an den Spieß

Christine Rütlisberger

Beim Dönerfleisch hat man sich an Skandale gewöhnt. Trotzdem wird der Spieß im deutschsprachigen Raum immer beliebter. Das könnte sich nun schlagartig ändern.  mehr …

Geheime Elite-Netzwerke planen EU-Staatsstreich!

Michael Grandt

Jürgen Roth ist einer der bekanntesten investigativen Journalisten in Deutschland. In seinem neuen Buch analysiert er die Strategie der »Eurokraten« und kommt zu einer unglaublichen Schlussfolgerung: Ein konspirativer Club der Mächtigen will in Europa eine humanistische Katastrophe auslösen. Die Anfänge, sich auch unser Land unter den Nagel zu  mehr …

Im derzeit anlaufenden Kinofilm Noah sind die gefallenen Engel die »Guten«

Michael Snyder

In dem Kinofilm Noah, der jetzt in unsere Kinos kommt, sind die gefallenen Engel die »Guten«, die aus dem Himmel vertrieben wurden, weil sie der Menschheit gegenüber zu viel Mitgefühl und Erbarmen empfanden. Sie helfen Noah dabei, die Arche zu bauen, und sie steigen wieder gen Himmel auf, als sie bei dem Versuch sterben, die Arche gegen eine Bande  mehr …

Werbung

Newsletter-
anmeldung!
Hier erhalten Sie aktuelle Nachrichten und brisante Hintergrundanalysen
(Abmeldung jederzeit möglich)

KOPP EXKLUSIV – Jetzt bestellen

Brisante Hintergrundanalysen wöchentlich exklusiv nur bei uns.

Katalog – Jetzt kostenlos bestellen

Bestellen Sie unseren Katalog kostenlos und unverbindlich.