Brechen die USA auseinander?
Torsten Mann
Der ein oder andere Leser mag sich angesichts der derzeitigen Finanz- und Wirtschaftskrise noch an die Ankündigungen der russischen Wirtschaftswissenschaftlerin Tatyana Koryagina erinnern, die im Sommer 2001 mehrfach davor gewarnt hat, dass der Dollar und die Vereinigten Staaten in den folgenden Wochen kollabieren würden. Wie allgemein bekannt ist, kam es kurz darauf zu den Anschlägen des 11. September auf das Welthandelszentrum in New York. Als Koryagina anschließend erneut interviewt wurde, sagte sie, es würden neue Schläge folgen, sowohl finanzieller als auch anderer Natur. Man werde, so sagte sie, Amerika in den Rücken treffen und so zu Boden bringen. Acht Jahre später ist die westliche Finanzordnung nun tatsächlich zusammengebrochen, und wieder sagt ein ranghoher Mitarbeiter des russischen Außenministeriums, Professor Igor Panarin, ein für die USA katastrophales Ereignis voraus, nämlich den Beginn eines Bürgerkriegs und das Auseinanderbrechen der USA in mehrere Teilstaaten.

Im Juni 2010, so Panarin, würden die USA »entlang ethnischer Grenzen« in sechs Teile zerfallen: die Pazifikküste würde ein Teil von China oder gerate unter chinesischen Einfluss, der Süden gehe an Mexiko, der Norden schließe sich Kanada an, der Osten könnte sich mit der EU verbinden, Alaska würde unter die Kontrolle Russlands geraten und Hawaii gehe an Japan oder China. Anschließend würden Russland und China das Rückgrat einer Neuen Weltordnung bilden und eine neue Währung schaffen, die den Dollar ersetze. Russland würde dann die Vormachtstellung in »Eurasien« einnehmen. Als Gründe für diese Entwicklung gab er die Masseneinwanderung und den wirtschaftlichen sowie moralischen Niedergang der USA an.
Wer diese Prognose nun für eine Reaktion auf die aktuelle internationale Finanzkrise hält, der irrt, denn Panarin vertritt diese These schon seit einem Jahrzehnt. Sie stammt auch nicht von irgendwem, denn Panarin weiß als früherer Analyst des KGB und als Experte für Informationskrieg, also für psychologische Kriegsführung mittels Medienmanipulation und Desinformation, zweifellos sehr genau, wovon er spricht. Er selbst behauptet, er habe dieses Szenario basierend auf geheimen Unterlagen des russischen Geheimdiensts FAPSI für die Regierung von Boris Jelzin ausgearbeitet.
Wenn ein so hochrangiger Vertreter der Moskauer Nomenklatura solch eine Prognose aufstellt, dann darf man getrost davon ausgehen, dass es sich dabei nicht nur um eine schlichte Lageeinschätzung handelt, sondern, dass diese Entwicklung vorsätzlich genau so geplant wurde. Tatsächlich ist das Schüren bürgerkriegsähnlicher Zustände zur Destabilisierung der westlichen Staaten ein fester Bestandteil der seit 1958 bestehenden Langzeitstrategie Moskaus zur Errichtung einer sozialistischen Neuen Weltordnung, was mehrere Überläufer östlicher Geheimdienste unabhängig voneinander bestätigten. Beispielsweise berichtete der tschechoslowakische General Jan Sejna bereits zu Beginn der 1980er-Jahre von einem entsprechenden Plan, die Volksrepublik Jugoslawien nach dem Tod ihres langjährigen Präsidenten Josip Tito entlang ethnischer Grenzen in verschiedene Staaten auseinanderzubrechen, um dadurch einen Anschluss ganz Jugoslawiens an das westliche Lager zu verhindern. Dieser Plan wurde offensichtlich seit der Mitte der 1980er-Jahre in die Tat umgesetzt und führte dazu, dass der Balkan seither nicht mehr zur Ruhe kommt.

Ein Vorort der bosnischen Stadt Sarajevo. Droht Amerika das gleiche Schicksal wie Jugoslawien?
Wie der amerikanische Experte für die sowjetische Langzeitstrategie Jeff Nyquist berichtete, erfuhr ein in Bosnien stationierter US-Soldat von einem russischen Spetsnaz-Offizier weitere Details hierüber. Der Russe, der nicht nur fließend englisch sprach, sondern sogar einen für Nebraska typischen Akzent aufwies, gab im Gespräch freimütig zu, dass das Auseinanderbrechen Jugoslawiens lediglich eine Generalprobe für die zukünftige Teilung der USA gewesen sei, Bosnien sei für russische Spezialeinheiten lediglich das Übungsfeld. (1) Inzwischen ist die Beteiligung russischer Spezialeinheiten in Bosnien und ihre Verwicklung in zahlreiche Kriegsverbrechen eine erwiesene Tatsache. Vertreter des Den Haager Kriegverbrechertribunals sprachen von etwa 700 Russen, die auf der Seite Serbiens am Krieg teilgenommen haben. Als einer dieser russischen »Freiwilligen« von einem Reporter gefragt wurde, wofür seine Landsleute auf dem Balkan kämpften, antwortete er: »Sie verteidigen dort natürlich in erster Linie Russland und dann erst Serbien. Wir werden bald fronterfahrene Offiziere brauchen. Die besten Bedingungen für die Ausbildung dieser Männer bietet gegenwärtig Serbien. Im Grund genommen ist das, was in Serbien geschieht, der Beginn des Dritten Weltkrieges.« (2)
Vor dem Ausbruch der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise hätte ein Revoluzzer weder in den USA noch andernorts in der westlichen Welt geeignete Bedingungen für die Entfachung von Bürgerkriegen und Sezessionen vorgefunden. Jetzt aber, nachdem der Wohlstandskit zu bröckeln beginnt, der die überfremdeten und innerlich völlig zersetzten westlichen Staaten bislang zusammengehalten hatte, werden Unruhen und bürgerkriegsähnliche Zustände erstmals zu einer realistischen Gefahr. Doch erst, wenn man auch die Aktivitäten solcher Spezialeinheiten voraussetzt, wird es denkbar, dass Teile der USA, wie von Panarin prophezeit, in naher Zukunft tatsächlich unter chinesische bzw. russische Kontrolle geraten. Die Aufgabe dieser Spezialeinheiten wäre es, durch Terroranschläge und Gewalttaten einen Bürgerkrieg zu schüren, in welchem die staatliche Ordnung vollständig zusammenbricht, woraufhin sich ein Revolutionskomitee zur legitimen Regierung des betreffenden Gebietes erklärt und russische bzw. chinesische Streitkräfte zur Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung herbeiruft. Auf diese Weise ließen sich die USA militärisch besetzen, ohne das Risiko eines offenen Dritten Weltkrieges in Kauf nehmen zu müssen. Dann stünde jener russisch-chinesischen Neuen Weltordnung, von der Igor Panarin sprach – und deren Gesellschaftsform laut dem ehemaligen KGB-Major Anatoliy Golitsyn der Weltkommunismus sein wird – nichts mehr im Wege.
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(1) J.R. Nyquist, »The Hijackers«, in SierraTimes.com, 2. Januar 2003
(2) Botho Kirsch, »Die entthronten Kommunisten suchen neue Wege zur Macht«, in konservativ.de
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