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Nehmen wir zunächst einmal eine Person der Zeitgeschichte, deren Name beinahe täglich in den Medien erwähnt wird und die aus dem Blickwinkel eines durchschnittlichen Bürgers heute über alle Zweifel erhaben erscheint: den Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Frank
Schirrmacher. Wenn die Mächtigen unseres Landes im Kanzleramt zusammenkommen, dann ist mitunter auch Frank Schirrmacher dabei. So wie etwa beim 60. Geburtstag von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann 2009. Was sind das für Menschen, die es wie Schirrmacher nach ganz oben gebracht haben und die heute über jeden Zweifel erhaben zu sein scheinen? Wir können hier nicht alle seine Preise auflisten, nur einige aus der langen Liste: Lüdwig-Börne-Preis, Jacob-Grimm-Reis, Goldene Feder – ob jene, die die Auszeichnungen verliehen haben, auch die Vergangenheit des Mannes dabei mitgewürdigt haben?
Erwähnt wird heute nur noch die positive und strahlende Seite, die wir von dem Mann kennen. Doch die abwechselungsreiche Vita des heutigen Herausgeber des FAZ-Feuilletons, Frank Schirrmacher, wurde 1996 im Spiegel etwa mit folgenden Worten umschrieben:
»Die Grenzen zwischen Wahrheit, Ausschmückung und freier Erfindung sind bei dem hochbegabten Mann kongenialisch fließend. (…) So verblüffte er selbst enge Vertraute mit der Erzählung, er sei als Kind in Äthiopien entführt worden und unter den Augen von Männern aufgewachsen, die jederzeit bereit gewesen seien, ihn zu töten. Und hat ihr Herausgeber nun, rätseln die Redakteure, Zivildienst abgeleistet, wie er zunächst behauptete, oder war er doch Panzerfahrer, wie er zwischenzeitlich in Umlauf brachte?«
Sie holen gerade tief Luft und fühlen sich an den 1. April erinnert? Bitte nicht aufgeben und noch etwas weiterlesen, denn es geht in diesem Stil munter weiter:
»Manche Flunkereien entspringen offenbar einer Laune des Augenblicks. Anders ist nicht zu erklären, wieso Schirrmacher beim Blättern in einem Bildband mit hochherrschaftlichen Villen der Jahrhundertwende plötzlich auf ein besonders schönes Foto zeigt und dazu erklärt, in so einem Haus sei er aufgewachsen. Tatsächlich ist der kleine Frank in einem Reihenhaus in Wiesbaden groß geworden. Einige Fehlleistungen folgen allerdings auch klarem Kalkül. Offenbar um sich bei dem damals noch amtierenden Chef Fest einzuschmeicheln, berichtete er diesem eines Tages, er sei von der Society of Fellows an der amerikanischen Harvard-University gebeten worden, einen Vortrag über dessen Hitler-Buch zu halten. (…) Im Büro der Society of Fellows in Harvard kann sich niemand daran erinnern, dass die Rede jemals öffentlich gehalten wurde. Der angesehene Klub von Doktoranden und Förderern beschäftigt sich in der Hauptsache mit der Vergabe von Stipendien. ›Wir organisieren Essen, aber keine Vorträge‹, erklärt der zuständige Sekretär.«
Das sind nur einige von vielen skurrilen Auszügen eines Spiegel-Artikels über den Lebenslauf eines Mannes, der es mit der Wahrheit in seiner Vergangenheit offenkundig nicht so genau genommen hat. Trotz dieser Veröffentlichung wurde der von sich selbst überzeugte Schirmmacher beispielsweise Stellvertretender Vorsitzender des Stiftungsrats der Herbert-Quandt-Stiftung. Man ehrt den Mann. Man schätzt auch einen ehedem skurrilen Münchhausen-Nachfolger weiterhin in einer Zeit, in der unsere Eliten inzwischen reihenweise unter dem Verdacht stehen, bei ihren Lebensläufen oder Doktorarbeiten verfälscht oder plagiert zu haben. Auch da findet sich Schirrmacher übrigens in bester Gesellschaft. Die Details dazu, wie Schirrmacher bei seiner Doktorarbeit sich selbst
plagierte und seine Magisterarbeit in weiten Teilen nochmals an der Universität als Doktorarbeit vorlegte (das ist aus Schirrmachers Sicht so korrekt), finden sich ebenfalls im schon zitierten Spiegel-Artikel. Zur Klarstellung: Sein Verhalten findet auch Schirrmachers Umgebung offenkundig völlig normal.
So ist das halt in unserer vom Werteverfall gezeichneten Welt: Wo unsere Vorfahren wohl eher die Rote oder Gelbe Karte rausgeholt hätten, da verdrängen wir unschöne Flecken auf mutmaßlich blütenweißen Westen von Saubermännern, klatschen Beifall und verleihen Preise.
Man sieht auch gut am Beispiel der Sauberfrau Aygül Özkan (CDU), wie man heute trotz unschöner Flecken Karriere machen kann. Die Vorzeige-Muslima sollte der Bevölkerung mit ihrem neuen Amt als niedersächsische Landessozialministerin eigentlich als leuchtendes Beispiel dafür dienen, dass Muslime in unserem Land unser Wertesystem akzeptieren. Doch Aygül Özkan darf nach jedem neuen Skandal im Amt bleiben. Sie fiel vor ihrem Ministeramt dadurch auf, dass sie in der Vergangenheit als Juristin bei ihrem früheren Arbeitgeber viele Arbeitsverträge mit Bestimmungen am Rande der Legalität schloss. Und eine solche Frau machte man zur Ministerin. Kaum, dass sie im Amt war, forderte sie in Interviews ganz dreist: »Wir brauchen an unseren Gerichten dringend mehr Richter mit Migrationshintergrund. Damit die Betroffenen auch sehen, hier entscheidet nicht eine fremde Autorität, sondern wir gehören da auch zu.« Man muss sich diese Sätze einmal auf der Zunge zergehen lassen und den umgekehrten Fall betrachten: Üben in der Türkei etwa deutschstämmige Richter ihr Amt aus, damit in der Türkei lebende deutsche Rentner, die dort straffällig werden, die »fremde Autorität« der Türken bei der Urteilsfindung umgehen können? Bisher dürfte niemand davon gehört haben. In Deutschland jedoch darf man als Mensch mit Migrationshintergrund solche dreisten Forderungen stellen.
Etwas Gutes hat dieses Beispiel allerdings: Frau Aygül, die als Ministerin immerhin für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration zuständig ist, hatte die Katze aus dem Sack gelassen, noch bevor sie in Niedersachsen vereidigt wurde. Die politisch Verantwortlichen hätten gut daran getan, Integrationsfrau Aygül Özkan gleich wieder hinauszuwerfen: zum einen aus dem designierten Ministeramt und zum anderen aus der CDU, die die Reste ihrer deutschen Stammwähler offenkundig durch die Förderung von umstrittenen Personen wie Aygül Özkan mit Gewalt vergraulen will. Denn die Tochter eines türkischen Schneiders aus Ankara setzte gleich noch einen drauf: Sie forderte ein Verbot von Kruzifixen an staatlichen Schulen. Ihr neuer Chef, der damalige niedersächsische CDU-Ministerpräsident Wulff und heutige Bundespräsident, war verblüfft. Denn die Dame war ganz sicher eine »Bereicherung« für unsere Nation, zumindest in Hinblick auf die Unruhe, die sie hierzulande nicht nur in der CDU auslöste. Am 27. April 2010 wurde die Muslima vereidigt. Frau Özkan erklärte als Ministerin, sie wolle ein Vorbild für Migranten in Deutschland sein. Nun, das ist wohl auch dringend nötig, denn bis dahin war sie vor allem als Ausbeuterin aufgefallen. Im Jahr 2006 gründete sie die Initiative »Hamburg Plus« und beförderte sich selbst zur Geschäftsführerin. Von der Stadt Hamburg und aus den EU-Kassen floss viel Geld: 370.000 Euro für die Vermittlung von Migranten in Jobs. 29 von ihnen konnten tatsächlich
von Frau Özkan in Arbeit vermittelt werden, allerdings zu Dumpinglöhnen. Ethisch-moralisch bedenklicher ging es wohl kaum.
Die Dame hat sich seither zumindest in Hinblick auf ihre Vorbildfunktion offenkundig nicht geändert: Sie ließ einen Fahrer mehr als 288 Stunden im Monat für sich arbeiten. Nun muss er vor dem Arbeitsgericht um seinen Arbeitsplatz kämpfen. Man kannte die skurrile Vorgeschichte von Frau Özkan und machte sie dennoch zur Ministerin. Und nun schließt man die Augen und klatscht Beifall, wenn sie irgendwo eine Rede hält. Dabei ist sie eine jener Personen, der unsere Vorfahren wohl sicher längst schon die Rote Karte gezeigt hätten.
Man gewinnt generell leicht den Eindruck, dass bestimmte Werte heute hinderlich beim Aufstieg sind. Und zwar nicht erst seit der obskuren Vita des Joschka Fischer. Das alles zieht sich heute durch alle Führungsetagen und hat auch ganz sicher nichts mit einer bestimmten politischen Partei zu tun. Die Menschen mögen Theodor von Guttenberg oder Silvana Koch-Mehrin heißen, die Staatsanwälte können ermitteln, doch wirklich schuldig fühlen sich solche Menschen heute offenkundig nicht mehr. Wo endet das alles? Die da oben brauchen ja ständig neue Herausforderungen. Die einen stehlen bei anderen Teile ihrer Doktorarbeiten, damit sie nach oben kommen. Darüber ereifern sich die Linken. Doch auch in den Reihen der Linken täte man gut daran, mal wieder einen Vortrag etwa über das zu respektierende Eigentum anderer zu halten. Da hat doch in Stralsund gerade ein Linken-Politiker 200 Rollen Toilettenpapier geklaut. Ein reinlicher Saubermann eben. Was machen wir nun mit ihm? Wird er nächster Bundespräsident, Minister oder verleihen wir ihm erst einmal einen renommierten Preis? Ethisch-moralisch gesehen hat er jedenfalls nach heutigen Werten den weiteren steilen Aufstieg verdient, oder? Wir verzeihen eben allen alles. Wir sind für alles offen. Und vielleicht nicht mehr ganz dicht.
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