Dienstag, 6. Dezember 2016
13.06.2010
 
 

Selbstmordserie bei »Foxconn« in China: eine traurige Rechnung

Wang Xin Long

Es ist in der westlichen Medienwelt angekommen, dass es eine Selbstmordserie im Chinesischen Foxconn-Betrieb gibt. Dieser Artikel dient einmal mehr dazu, es nicht der westlichen Systempresse zu überlassen, chinesische Gegebenheiten unter Verwendung von Fehlinformationen und Halbwahrheiten aufzuarbeiten.

Foxconn ist ein taiwanesischer Elektronikkonzern, der auf dem chinesischen Festland in der Provinz Shenzhen mehr als 400.000 Mitarbeiter in zwei großen Betrieben beschäftigt. Es heißt, die Arbeitsbedingungen seien hart – und die Löhne niedrig. Was die Arbeiten angeht, so handelt es sich größtenteils um Fertigungsarbeiten am Fließband; dieses kann ohne Weiteres bestätigt werden. Es heißt aber weiter, dass 15-stündige Arbeitstage die Regel seien. Ein (Wirtschafts-) Journalist kann solch eine Meldung nicht geschrieben haben, es sei denn, er hat die ersten beiden Semester an der Uni verpennt, oder er schreibt, um den Funktionären der Systempresse zu gefallen.

Ein Tag hat nun einmal nur 24 Stunden, und weil Fließbänder niemals stillstehen sollten, ist der menschliche (Kosten-) Faktor – frei nach Marx und Schröder – dem Arbeitsablauf anzupassen. Teilen wir also den Tag in Schichten ein: aus rechnerischer Sicht ergeben nur Schichten von acht, zwölf oder 16 Stunden am Tag einen Sinn, weil diese den Arbeitstag am effektivsten aufteilen. Da aber zwölf- bzw. 16-stündige Schichten am Fließband aus arbeitsphysiologischer und somit wirtschaftlicher Sicht keinen Sinn ergeben, ist die nächst kleinere Einheit von acht Stunden die wohl wahrscheinlichste Option. Auch bei Foxconn. Selbstverständlich werden auch dort die Mitarbeiter Überstunden machen, genauso wie in den anderen Unternehmen der Welt.

Des Weiteren wird berichtet, die Mitarbeiter bei Foxconn müssten für Hungerlöhne arbeiten; Durchschnittslöhne von umgerechnet 250 Euro im Monat seien für Fließbandarbeiter die Norm. Wo die deutsche Systempresse diese Zahlen her hat, ist nicht nachzuvollziehen. Denn tatsächlich sind die Foxconn-Gehälter, wie sie in den deutschen Medien propagiert werden, sogar zu hoch: Offiziell liegen die Löhne nach der jüngsten Erhöhung derzeit im Schnitt bei umgerechnet knapp 120 Euro. Trotzdem kann das allerhöchstens eine gute Nachricht sein: Ein Dozent an einer in derselben Provinz ansässigen chinesischen Universität verdient gerade einmal umgerechnet 300, im besten Falle 500 Euro. Der Lohn, der an die ungelernten und unqualifizierten Mitarbeiter ausgezahlt wird, ist zugegebenermaßen nicht hoch, aber im Vergleich angemessen. Reinigungskräfte z.B. werden für weniger als 90 Euro im Monat in Vollzeit angestellt; und diese leisten sich Miete, öffentlichen Transport und Nahrung. Alles im Vergleich zum Westen wohlgemerkt.

Beleuchten wir nun einmal die Selbstmordrate bei Foxconn. Innerhalb der letzen fünf Jahre haben sich insgesamt elf Mitarbeiter des Konzerns das Leben genommen. Bei einer – großzügig nach unten korrigierten – Mitarbeiterzahl von 400.000, ergibt sich der Faktor 0,0000275 (0,0275 Promille) Selbstmorde der Gesamtbelegschaft. Wenn man sich im Vergleich die Selbstmordrate bei der Französischen Telekom allein im Jahr 2009 anschaut, kommt man bei 180.000 weltweit tätigen Mitarbeitern und einer Serie von 25 Selbstmorden auf 0,00014 (0,14 Promille). Bei der französischen Telekom nahmen sich also innerhalb eines Jahres um den Faktor fünf mehr Menschen das Leben, weil sie mit den Umständen nicht mehr zurecht kamen.

Verstehen Sie es bitte nicht falsch: Jeder Mensch, der sich das Leben aufgrund äußerer Umstände nimmt, ist ein Mensch zu viel. Aber gerade deswegen sollte vermieden werden, dass mit zweierlei Maß gemessen wird: das Leben des einen Menschen darf nicht mehr oder weniger wert sein, als das des anderen.

Menschenunwürdige Arbeitsbedingungen finden sich nicht nur in Entwicklungsländern, sondern auch – und gerade – im Westen. Es herrscht ein Klima von Stress und Angst – einschließlich der Angst um den Arbeitsplatz. Mittlerweile lassen Unternehmen in Deutschland und Europa ihre Mitarbeiter professionell bespitzeln, sei es über die Telekommunikation, durch gezieltes Ausfragen mittels beauftragter Kollegen, oder sogar durch sogenannte Schulungen, in deren Rahmen die Mitarbeiter mittels Rollenspielen und anderer Techniken von Psychologen ausgeforscht und »klassifiziert« werden. Darüber hinaus werden solche »Schulungen« auch dazu genutzt, um auf die Mitarbeiter konditionierend einzuwirken, um diese also auf »Linie« zu bringen.

In diesem Zusammenhang spielt die »Gesinnung« der Mitarbeiter in deutschen Unternehmen eine Rolle von zunehmender Wichtigkeit. Denn das »Auf-Linie-Bringen« bedeutet auch, dass die elitäre Mitte um sich herum nichts duldet, als eben eine Gesinnung der Mitte auch unter den Mitarbeitern. Oben genannte Techniken werden in diesem Kontext erfolgreich eingesetzt, und wer erst einmal als Abweichler identifiziert ist, sollte schon einmal anfangen, Bewerbungen zu schreiben – so er sich denn seiner Situation bewusst ist. Es fällt aber nur wenigen Mitarbeitern auf, dass diese Rollenspielchen und Plaudereien mit den lieben Kollegen der innerbetrieblichen Aufklärung dienen.

Das alles erinnert zwar sehr an die altbekannten Methoden der Stasi, was aber die entsprechenden Unternehmen nicht davon abhält, sich dieser Praktiken zu bedienen; die steigende Zahl der »Dienstleister« im Bereich psychologischer Mitarbeiterbespitzelung und -führung spricht hier für sich. Jeder mit einem Diplom in Psychologie scheint sich heutzutage als Unternehmensberater emporschwingen zu wollen – das Internet ist mit Anbietern dieser schäbigen Dienstleistungen gepflastert. Der Neoliberalismus, wie er sich hinter der Maske des Humanismus versteckt, ist flexibel genug, sich auch totalitärer Techniken zu bedienen.

Es geht aber noch weiter. Im Zuge der sogenannten »Krise« nutzen viele Unternehmen die Gunst der Stunde, um langjährige Mitarbeiter über die Kurzarbeit und letztendlich »betriebsbedingte« Kündigungen in die Altersarmut zu entsorgen. »Gesundschrumpfen« wird diese menschenverachtende Vorgehensweise im Jargon der elitären Managerkaste verklärt. Es wird von Fällen berichtet, in denen die völlig geschockten und aufgelösten Menschen nach erhaltener Kündigung ihre Vorgesetzten weinend um den Arbeitsplatz anbetteln, um schließlich vom Sicherheitsdienst kurzerhand vor die Tür gesetzt zu werden.

Langgediente Mitarbeiter, die über Jahre hinweg den Wohlstand und die Stabilität der Unternehmen erarbeitet haben, werden von diesen über Nacht in eine finanzielle Ungewissheit entlassen. Nicht jeder kann damit umgehen, und wenn die Angst vor dem Leben zu groß wird, erscheint der Tod als die bessere Option. Aber auch hier greifen die oben genannten Dienstleistungen: Schließlich werden in nicht wenigen Unternehmen Schulungen abgehalten, in den die Mitarbeiter – spielerisch – auch im Umgang mit Kündigungen »auf Linie« gebracht werden: »Bloß keine Überreaktion, liebe Kolleginnen und Kollegen. Das Leben geht schließlich weiter!« Die Unternehmen zahlen diese nicht gerade preiswerten Veranstaltungen, um der schlechten Publicity vorzugreifen. Immerhin sind Suizide nicht gerade ein förderlicher Teil der unternehmerischen Öffentlichkeitsarbeit. Im Ergebnis jagen sich die Betroffenen halt nicht mehr die Kugel in den Kopf, sondern am Kiosk um die Ecke einen Flachmann hinter die Binde. Die europaweit rückläufigen Suizidzahlen scheinen der neoliberalen Lenkung der Massen erneut Recht zu geben, und die verantwortlichen Manager waschen ihre Hände wieder einmal in Unschuld.

Es ist egal, in welchem Land und in welchen Unternehmen die Mitarbeiter aufgrund untragbarer Umstände Suizid begehen. Und es ist wichtig und richtig, über diese Dinge zu berichten, um Besserungen herbeizuführen. Verwerflich wäre es aber, eine solche Berichterstattung für politische Zwecke zu missbrauchen, um in altbekannter Manier Propaganda gegen welches Land oder Unternehmen auch immer zu betreiben. Denn dieses würde nichts anderes als eine Verhöhnung der Opfer bedeuten. Den Berichterstattern der Systempresse soll daher auch nicht unterstellt werden, dieses getan zu haben. Dieser Artikel hat lediglich das Bild wieder gerade gerückt, denn die ungefähre Richtung, in die die Systempresse im Falle Foxconn geht, ist diesmal durchaus akzeptabel.

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