Nun ist sogar Spiegel online so weit, den verheerenden Status seelischer Erkrankungen aufgrund der neuen internationalen Studie wenigstens ins Auge zu fassen. Und auch das ZDF kommt nicht mehr darum herum, zum Beispiel die epidemische Zunahme der Depressionen ins Blickfeld zu rücken und die jährlichen Ausgaben für deren Behandlung in Deutschland mit 22 Milliarden Euro zu beziffern. Es lässt sich einfach nicht mehr verleugnen, dass wir eine seelisch kranke, eine süchtige, unruhige, von Angststörungen geplagte Gesellschaft geworden sind.
Durch volle 40 Jahre hindurch wurde die unausweichlich sich vollziehende Pathologisierung der Menschen in den technizistischen Gesellschaften Europas leichtfertig verdrängt. Das hatte eine horrende Einbuße an Arbeits-, Ehe- und Fortpflanzungsfähigkeit, eine letztlich alle Möglichkeiten überschreitende behandlungsnotwendige Hilfsbedürftigkeit von Millionen von Menschen zur Folge.
Das hat eindeutige Ursachen, die psychologisch zwar rechtzeitig erkennbar waren; aber fachliche Warnungen wurden von den Medien – vor allem vom Spiegel – nicht nur in den Wind geschlagen, sondern als unangemessene Übertreibungen verhöhnt.
Ab 1970 habe ich zum Beispiel mit einer erheblichen Quantität per Taschenbuch, Radiosendungen und Zeitungsaufsätzen vor diesem existenziell bedrohlichen Krankwerden unserer Gesellschaft gewarnt. In dem Herder- Taschenbuch Wunschtraum und Wirklichkeit, Lernen an Irrwegen und Illusionen stellte ich 1972 die von Stund zu Stund wachsende Gefahr als Prognose folgendermaßen dar:
»Wir können es uns nicht erlauben, den Menschen nach eigenem Ermessen den Erfordernissen der Industriegesellschaft anzupassen, indem wir argumentieren, der Mensch sei das absolut lernfähige Wesen, er müsse von uns für die Erfordernisse der durch die Technik geprägten Welt gemacht werden. Das geht immer nur unter Beachtung bestimmter Naturgesetze, bestimmter Entfaltungsbedingungen.
Wir sind mithilfe der Kinderpsychotherapie keineswegs auf menschliche Autonomie, sondern gerade auf die Begrenztheit der Menschen, auf die Beschränktheit menschlicher Möglichkeiten gestoßen.
Wenn man zum Beispiel eine riesige Kampagne startet, und die Frauen von ihren Säuglingen fort in die Berufe drückt, die Kinder, statt ihre urtümlichen Bedürfnisse zu befriedigen, nach allen Regeln der Kunst durch die Kindheit hindurch verwöhnt, so züchtet man ein Heer von seelischen Erkrankungen. Wir kämen ja auch nicht auf die Idee, zum Mond zu fahren, ohne die Gravitationsgesetze genau zu beachten. Wir tun das nicht, weil wir wissen, dass wir mit Sicherheit Schiffbruch erleiden würden.
Ein positiver Beitrag tiefenpsychologischer Erkenntnisse könnte im Aufgeben der Fehlvorstellung von der schrankenlosen Machbarkeit des Menschen bestehen. Wir können nachweisen, dass der Mensch, je jünger er ist, umso leichter verformbar ist.
Wir können die unverantwortbaren krankmachenden Folgen beschreiben, die in all ihrer eisernen Konsequenz eintreten, wenn unumgängliche lebens- und arterhaltende Bedingungen außer Acht gelassen und manipuliert werden. Dass der Mensch seine Grenzen überschreitet, wenn er meint, er könne sich alles je nach Lust und Laune erlauben, das lässt sich anhand der Psychopathologie beweisen. Willkür in der Erziehung – nach welchem ideologischen Konzept auch immer – kann seelische Entfaltung behindern, ja in schlimmen Fällen die Seele verstümmeln.«
Und als der Krankenstand immer mehr zunahm und die statistischen Jahrbücher den Verlust allgemeiner Beeinträchtigung und Gesundheit bestätigten, sodass die Schuldenlast sich gigantisch hochwölbte, schrieb ich gemeinsam mit dem Hamburger Wirtschaftswissenschaftler H. D. Ortlieb 1982 in dem Herdertaschenbuch Die ruinierte Generation – wie man junge Menschen heute und unsere Gesellschaft morgen lebensunfähig macht:
»Wer die alarmierenden Symptome einer unruhig und labil werdenden Gen
eration mit angstverdrängenden beifallheischenden Sprüchen in unserer Situation immer noch unter den Teppich zu kehren sucht, macht sich schwerer Unterlassungssünden schuldig. Das Problem kann sich nicht von allein zurechtziehen, weil es sich um wesentlich schwerere Krankheitszeichen handelt. Das ist beweisbar. Es zeigt sich sogar in der verheerenden Zunahme sogenannter negativer Sozialindikatoren, die in den statistischen Jahrbüchern belegt sind.
Hätten wir nur den Mut, die verdrängten Probleme als ein Existenzproblem ersten Ranges zu erkennen, hätten wir den Mut, die schädigenden Ursachen wirklich und nachhaltig auszuräumen, so wäre das auch praktisch realisierbar. Eine Menschheit, die zum Mond fliegen kann, könnte sich gewiss auch diejenigen Bedingungen wirksam schaffen, die zu einem seelisch gesunden Lebensaufbau nötig sind. Es gilt lediglich, das als existenzielle Priorität zu erkennen.
Die Chance aber, dass das durch diejenigen geschieht, die in den abbröckelnden Seelenhäusern selbst zu hausen haben und denen infolgedessen die Angst im Nacken sitzt, ist größer, als wenn der Anstoß von denen kommt, die in wohlrenovierten und beschützten Palästen residieren. Das soll heißen: Auf das Bewusstsein der Wähler kommt es in unserer liberalen Demokratie an, damit die verdrängungsbereiten Politiker endlich handeln. Die Prognosen sind eingetroffen.«
Zwar sind die Prognosen eingetroffen.
Einsicht und Handlungsbereitschaft hingegen stehen aus.
Längst droht Unbezahlbarkeit.
Die Angst wächst......
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