Kork als Rettungsring für Portugals Wirtschaft?
Edgar Gärtner
Was Investoren längst aufgefallen ist, wurde unlängst beim Generalstreik im öffentlichen Dienst Portugals nicht nur auf den Flughäfen festsitzenden Touristen bewusst: Portugal ist wegen der Schuldenkrise in einer noch schlimmeren Lage als Griechenland und könnte Irland, dessen Not leidende Banken und Staatsfinanzen derzeit an den Börsen und bei der EU in Brüssel für so viel Aufregung sorgen, sogar noch beneiden. Denn in Portugal begann die Krise nicht erst mit dem Platzen der internationalen Immobilienblase im Jahre 2007, von der Portugal nicht betroffen war, sondern schon mit der Einführung des Euro im Jahre 2001. Die Portugiesen haben es bis heute nicht geschafft, mit der europäischen Einheitswährung zurechtzukommen.
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Das gilt vor allem für die Privathaushalte, die sich wegen der niedrigen Zinsen im Euro-Raum so hoch verschuldet haben, dass Portugal heute trotz einer geringeren Staatsverschuldung als Griechenland (9,4 Prozent im Vergleich zu 15,4 Prozent des BSP) heute Schulden in Höhe von 300 Prozent seines BSP abzutragen hat, während es in Griechenland »nur« 240 Prozent sind. Die sozialistische Minderheitsregierung unter José Sócrates möchte die Staatsverschuldung im kommenden Jahr mithilfe der Anhebung der Mehrwertsteuer von 21 auf 23 Prozent, einer Gehaltskürzung im öffentlichen Dienst und einer Gewinnsteuer auf 4,9 Prozent senken. Ob das gelingen wird, steht dahin, denn die Rating-Agentur Standard & Poors erwartet für Portugal im kommenden Jahr einen Rückgang der Wirtschaftsleistung von fast zwei Prozent. Deshalb gilt Portugal nach Griechenland und Irland als nächster Kandidat, der unter den europäischen »Schutzschirm« schlüpft.
Über das ganze Jahrzehnt blieb das Wachstum der portugiesischen Wirtschaft fünf Prozentpunkte unter dem europäischen Durchschnitt und näherte sich der Null-Linie. Das weist auf tiefer liegende Probleme in der Struktur der portugiesischen Industrie hin. Es gelingt den Portugiesen nicht, ihre traditionellen Industrien wie vor allem die Textil- und Lederindustrie international wettbewerbsfähig zu machen. Selbst im Tourismus ist das Land in diesem Jahrzehnt zurückgefallen. Führend auf dem Weltmarkt ist nur die portugiesische Korkenindustrie. Ihr Weltmarktanteil liegt über 50 Prozent. Portugal exportiert zurzeit jährlich Flaschenkorken und andere Korkprodukte im Wert von etwa 900 Millionen Euro. Das sind 3,5 Prozent des gesamten Exportwertes des Landes. Kein Wunder, dass der Kork in der portugiesischen Wirtschaftspolitik nun die Rolle des Strohhalms spielt, an den sich Ertrinkende klammern.
Aber gerade bei Flaschenverschlüssen droht der portugiesischen Wirtschaft Gefahr – und zwar durch den Vormarsch von Plastikstopfen und Aluminiumschraubverschlüssen bei Weißweinen der unteren Preisklassen. Zurzeit werden auf der Welt jährlich etwa 18 Milliarden Weinflaschen abgefüllt. Davon werden etwa 12 Milliarden mit Stopfen aus Naturkork oder Agglomerat verschlossen, 2,3 Milliarden mit Plastikstopfen und 3,7 Milliarden mit Aludrehkapseln. Während der Marktanteil von Kunststoffverschlüssen in den letzten Jahren eher zurückging, sind Aludrehverschlüsse weiter im Vormarsch. Sie gelten als komfortabler Verschluss für preisgünstige Weißweine, die zum sofortigen Verzehr bestimmt sind.
Deshalb fährt die portugiesische Korkindustrie, unterstützt von der EU und Umweltverbänden wie dem WWF und dem NABU, zurzeit eine PR-Kampagne, um das Image des Flaschenkorken im Vergleich zum Schraubverschluss aufzuwerten. Die Wirtschaftsprüfer von Pricewaterhouse Coopers bescheinigten in einer Ökobilanz, dass bei der Herstellung eines Naturkorkens 24-mal weniger CO2 frei wird als bei einem Aluschraubverschluss und dass Korkeichenwälder obendrein fast fünf Tonnen CO2 je Hektar binden. Ob das reicht, um den Vormarsch der Aluminiumkapseln aufzuhalten, steht dahin. Denn es steht bei Weinkennern ohnehin außer Frage, dass Naturkorken als Flaschenverschluss am besten geeignet sind, weil sie die gewünschte Nachreifung beziehungsweise Alterung guter Weine durch Mikro-Oxidation ermöglichen. Sie bieten aber keinen Vorteil bei Weinen für den täglichen Bedarf, die gar nicht altern sollen.
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