Tuesday, 23. December 2014
27.06.2013
 
 

Bewaffnet Obama die al-Qaida, um Assad zu stürzen?

F. William Engdahl

Präsident Obama hatte zwei Jahre lang gezögert – nun kündigte er die Lieferung von Waffen an die syrischen Rebellen an. Er berief sich dabei auf unbestätigte »Beweise«, wonach die Truppen der Regierung Baschar al-Assad gegen die Kämpfer der so genannten Opposition das Giftgas Sarin eingesetzt haben sollen.

Obamas schwankende Haltung lässt einen Präsidenten erkennen, der unter enormem Druck steht, einen Krieg in Gang zu setzen, in dessen Verlauf die Welt in einen Dritten Weltkrieg stürzen könnte.

 

 

Eine Allianz Clinton-Netanjahu

 

Laut einem Bericht der New York Times war es eine Kombination von Druck durch Ex-US-Präsident Bill Clinton und einigen sehr negativen Initiativen von Israels Premierminister Netanjahu und Kriegshetzern der US-Republikaner wie John McCain, die Obama zum aktiven Eingreifen bewog. Selbst der ehemalige Nationale Sicherheitsberater des Präsidenten, Zbigniew Brzeziński – alles andere als eine Friedenstaube –, spottete im amerikanischen Fernsehen über Obamas Entscheidung: »Ich finde unsere Haltung verwirrend, es gibt keinen strategischen Plan, sondern nur leere Slogans«, erklärte er am Freitag in der Sendung Morning Joe des Fernsehsenders MSNBC. »Hier zeichnet sich eine Tragödie ab, ein riesiger Schlamassel. Ich kann nicht erkennen, was die USA erreichen wollen.«. Und weiter: »Wir laufen Gefahr, in einen weiteren Krieg in der Region hineingezogen zu werden, der Jahre dauern könnte, und ich erkenne keine klare strategische Orientierung in dem, was wir tun. Ich höre eine Menge Rhetorik, viel Emotionen und viel Propaganda.«

 

Derselbe Brzeziński hatte sich in einem Interview mit einer Pariser Zeitung damit gebrüstet, es sei seine Politik gewesen, die muslimischen Salafisten der Mudschaheddin – unter ihnen ein damals junger Saudi namens Osama bin Laden – zu bewaffnen, um die sowjetische Invasion von 1979 nach Afghanistan zu provozieren.

 

Nach Angaben zuverlässiger Quellen aus dem Umfeld des Pentagon ist das US-Militär nach dem Debakel in Afghanistan und dem Irak gegen einen weiteren Krieg in der islamischen Welt.

 

Warum jetzt?

 

Es fragt sich deshalb, warum Obama jetzt, nach zwei Jahren minimaler Unterstützung, darangeht, die Streitkräfte der syrischen Opposition zu bewaffnen. Eine Antwort könnte sein, dass die Assad-Regierung durch die wichtigen militärischen Erfolge der vergangenen zwei Monate, die mit beispielloser Unterstützung durch Tausende von Hisbollah-Kämpfern aus dem Libanon – der einzigen Kraft, die die israelischen Streitkräfte in die Knie zwingen könnte – und mithilfe militärischer Berater aus Russland und dem Iran erreicht wurden, den Vormarsch des zusammengewürfelten Haufens von Söldnern, Terroristen und Dschihadisten aus Libyen, Saudi-Arabien und Afghanistan zurückschlagen konnte.

 

Manche sind der Ansicht, Amerikas Ansehen als unbezwingbare Militärmacht der Welt würde Schaden nehmen, wenn die USA untätig blieben und in Syrien nicht eingriffen. Es könnte andere Länder dazu verleiten, sich amerikanischen Forderungen zu widersetzen.

 

Das Paradox ist jedoch, dass im Moment die stärkste und bestorganisierte Kraft der »Opposition« in Syrien nicht die von Washington unterstützte Freie Syrische Armee ist, sondern ein Zweig der Al-Qaida-Organisation. Genau derselben al-Qaida, die Amerika den Heiligen Krieg erklärt hat und der – zu Recht oder Unrecht – die Zerstörung der Zwillingstürme des World Trade Center und der Angriff auf das Pentagon am 11. September 2001 zur Last gelegt werden.

 

Jetzt werden die USA den syrischen Rebellen Waffen und Munition liefern. Das bedeutet, wie Obama sehr wohl weiß, dass Waffen an die al-Qaida gehen. Die syrische An-Nusra-Front, die mit der al-Qaida in Verbindung steht, ist mit saudischem Geld zur stärksten und bestorganisierten »Oppositions«-Gruppierung geworden, die gegen die Regierung in Damaskus kämpft.

 

Die An-Nusra-Front in Syrien steht mit einem weiteren Al-Qaida-Ableger im Irak in Verbindung, der den Irak zu destabilisieren und zu »balkanisieren« versucht. »In einer Audio-Botschaft im Internet betont ein Sprecher, der als Bürger von Bagdad identifiziert wurde, nachdrücklich, der im April angekündigte Zusammenschluss mit der syrischen An-Nusra-Front, auch bekannt als Schabhat an-Nusra, zur Bildung einer grenzüberschreitenden Bewegung namens ›Islamischer Staat in Irak und Levante‹, werde fortgesetzt. An-Nusra ist ein Zweig von al-Qaida, der zu einer der stärksten Fraktionen unter den Rebellen in Syrien geworden ist.«

 

Washington unterstützt jetzt eindeutig einen internen islamischen Krieg zwischen Sunniten (gelb) und Schiiten (rot), der ganz Eurasien ins Chaos stürzen wird

 

Schiitischer versus sunnitischer weltweiter Dschihad

 

Mit der Entscheidung des US-Präsidenten, die syrischen Rebellen ganz offen mit Waffen zu versorgen, stellt sich Washington eindeutig auf die Seite einer dschihadistisch-sunnitischen muslimischen Front, die von Saudi-Arabien, Katar, der Türkei und jetzt auch Ägypten unter der Regierung Mursi gebildet wird, gegen die pro-schiitischen oder von der Schia beherrschten Länder Iran und Syrien, den Irak und die Hisbollah, die direkt oder indirekt von Russland und China unterstützt werden. Syriens Präsident Baschar al-Assad gehört der Religionsgruppe der Alawiten an, einem Zweig des schiitischen Islam. Ein Blick auf die Landkarte offenbart, wie weit sich dieser islamische »Bürgerkrieg« ausweiten würde – ein Konflikt, der wahrscheinlich Jahrzehnte dauern und die gesamte Weltwirtschaft ins Chaos stürzen könnte.

 

Obamas Chefberaterin in Fragen des Islam ist Dalia Mogahed, eine in Ägypten geborene Unterstützerin der Bewegung des türkischen Sunniten Fetullah Gülen, die das Osmanische Reich wiederherstellen und ein allgemeines Kalifat etablieren will. Mogahed wird mit den Worten zitiert: »Meiner Meinung nach kann die Gülen-Bewegung den Menschen als Modell dafür dienen, was möglich ist, wenn entschlossene Menschen zum Wohl der Gesellschaft zusammenarbeiten. Ich betrachte sie auch als Quelle der Inspiration für andere Menschen und Muslime für das, was zu erreichen ist.« Über ihre Verbindung zum Council on American-Islamic Relations (CAIF) und zur Islamic Society of North America (ISNA) hängt Mogahed mit der geheimen Muslimbruderschaft des ägyptischen Präsidenten Mursi zusammen. Es gibt Verbindungen zwischen den beiden genannten amerikanischen Gruppen und der Muslimbruderschaft. Offenbar unterstützt Obama Mogaheds Position, zumindest im Moment.

 

Vor einigen Tagen hat Ägyptens Präsident Mohammed Mursi – der seinen Posten der Obama-Regierung verdankt – die diplomatischen Beziehungen Ägyptens zu Damaskus abgebrochen und dem Vernehmen nach zum Dschihad oder Heiligen Krieg gegen die islamische Religionsgemeinschaft der Schiiten aufgerufen. Ungefähr 40 Prozent der muslimischen Bevölkerung im Nahen und Mittleren Osten gehören dieser Religion an. Mursi bezeichnete die Schia-Muslime als »unrein« und rief de facto zur Vernichtung der Mehrheit der Bevölkerung des Irak und Iran, großer Teile Kuwaits, Aserbaidschans, des Jemen, Nigerias, Ghanas, des Libanon, Bahrains, Saudi-Arabiens und vieler anderer Länder auf. (Siehe Landkarte.)

 

Obamas Entscheidung, die syrische Opposition mit Waffen zu versorgen, die sechs der G8-Staaten bei einem kürzlichen Treffen unterstützt haben – nur Putin widersetzte sich entschieden –, hat Russland zu der Ankündigung provoziert, Syrien moderne Defensivwaffen zu liefern. Wie Außenminister Sergei Lawrow erklärte, hat Russland bereits einige moderne S-300-Boden-Luft-Raketen geliefert, weitere würden bald folgen.

 

Darüber hinaus sind nach Angaben von Quellen im israelischen Militär zwei russische Kriegsschiffe mit 600 Soldaten, 20 Panzern und 15 gepanzerten Truppentransportfahrzeugen oder Lastwagen auf dem Weg nach Syrien, um dort »russische Bürger zu schützen«. Auch der erforderliche Geleitschutz durch die Luftwaffe werde gewährt. Zurzeit leben ungefähr 20 000 russische Bürger in Syrien.

 

Im russischen Fernsehen sagte Lawrow: »Wir respektieren alle unsere Verträge und halten unsere vertraglichen Verpflichtungen ein.« Sowohl Russland als auch die Vereinigten Staaten liefern für die entscheidende Schlacht zwischen der von der Hisbollah unterstützten syrischen Armee und den hochmobilen Streitkräften der Rebellen um die Stadt Aleppo weitere Waffen nach Syrien.

 

Neue unbestätigte Berichte deuten darauf hin, dass auch das modernere S-400-System an Assads Syrien geliefert wird, als Antwort auf die Entscheidung Saudi-Arabiens, der syrischen Opposition auf Fahrzeuge montierte Panzerabwehrsysteme zu liefern. Das S-400-Raketensystem hat eine Reichweite von über 600 Kilometern und gilt als dem modernsten amerikanischen Gegenstück um zehn Jahre voraus. Das Gleiche gilt für die hochmodernen Raketenwerfer mit 64 Werferrohren und einer Reichweite von sechs Kilometern, die als modernste Artilleriewaffen ihrer Art gelten. Außerdem hat Russland angekündigt, 400 russische Mehrfach-Raketenwerfer des Typs »Buratino« TOS-1, der thermobarische Waffen verschießt, zu liefern, die, auf Panzerchassis montiert, feindliche Soldaten in befestigten Stellungen, im offenen Gelände, in leicht gepanzerten Fahrzeugen und Transportern im Umkreis von sechs Kilometern ausschalten können.

 

Von 1936 bis 1939 wurde Spanien durch einen Bürgerkrieg verwüstet, in dem sich Republikaner, die die spanische Republik verteidigten, und aufständische Nationalisten unter Führung des ultrakonservativen Generals Francisco Franco gegenüberstanden. Francos Rebellen erhielten Unterstützung von Nazi-Deutschland, dem faschistischen Italien und Portugal, während die Sowjetunion und Mexiko auf der Seite der »Loyalisten« oder Republikaner eingriffen. Bei Licht betrachtet war es die erste Schlacht des späteren Zweiten Weltkriegs.

 

Syrien wirkt heute wie eine groteske Kopie dieses spanischen Bürgerkriegs, bei dem sich die USA, Großbritannien, Frankreich, die Türkei, Saudi-Arabien, Israel und Katar auf der einen Seite potenziell Syrien, dem Iran, der Hisbollah, dem Irak, Russland und China auf der anderen Seite gegenüberstehen.

 

 

 


 

 

 

 

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