Wednesday, 25. May 2016
10.06.2013
 
 

China baut Eurasischen Wirtschaftsraum auf

F. William Engdahl

Ohne große Fanfare errichtet China die Eckpfeiler eines neuen Wirtschaftsraums, der völlig neue Märkte und Zentren wirtschaftlichen Wachstums schaffen wird. Während die Regierungen der EU sich immer mehr in dem selbst verschuldeten Sumpf von Schulden und extremer Sparpolitik verheddern – die in der EU unter anderem eine verheerende Jugendarbeitslosigkeit zur Folge hat –, baut China Eisenbahnverbindungen nach Zentralasien und, über Russland, nach Europa. Zu den interessantesten Projekten gehört Chinas Plan für den Bau einer neuen Stadt … in Weißrussland.

China will in Weißrussland eine neue Stadt für rund 150.000 Einwohner bauen – genau in dem Land also, das die USA in der Ära Bush als »Außenposten der Tyrannei« bezeichneten. Die Regierung von Weißrussland hat gerade den Bau des weißrussisch-chinesischen Industrieparks bewilligt. Die Kosten für die neue Stadt, deren Bau 2011 im Rahmen von Gesprächen zwischen

China und Weißrussland vereinbart wurde, belaufen sich auf über 30 Milliarden Dollar. Bis zur endgültigen Fertigstellung werden 30 Jahre vergehen.

 

 

Bei der Bekanntgabe der Vereinbarung erklärte der chinesische Botschafter in Weißrussland, Gon Jianwei: »Es ist ein einmaliges Projekt. Niemand ist in der Lage, irgendwo in Europa etwas Ähnliches wie diesen Industriepark zu errichten.« Damit hat er Recht, denn solange wie die politische Elite der EU am gegenwärtigen Euro-Irrsinn festhält, wird wohl kein Großprojekt in Europa diesem Plan Konkurrenz machen können.

 

Die neue Stadt wird eine Art weißrussisches »Silicon Valley« mit Hightech-Firmen im Bereich Biomedizin und Elektronik, die die Hauptnutzer des Parks bilden werden. Ausländischen Unternehmen, die mehr als fünf Millionen Dollar beisteuern, werden Steuervorteile gewährt. Die Stadt wird auf einem knapp 80 Quadratkilometer großen Gelände in der Nähe des wichtigsten Flughafens von Weißrussland gebaut, ungefähr 25 Kilometer von der Hauptstadt Minsk entfernt. Sie liegt an der Autobahn M1 von Moskau nach Berlin. Die Entfernung zu den EU-Mitgliedsländern Polen und Litauen beträgt nicht einmal 250 Kilometer. Die wichtigsten Märkte für die in dem Industriegelände hergestellten Waren sind neben den EU-Staaten die Staaten der ehemaligen Sowjetunion. China wird die neue Stadt auch als Sprungbrett für die eigenen Firmen nutzen, die nach Europa exportieren.

 

Der vielleicht wichtigste Aspekt der neuen Hightech-Stadt in Weißrussland ist jedoch die dadurch geschaffene Verbindung zwischen Russland, China und Weißrussland. Das Projekt gehört zu 40 Prozent der Regierung von Weißrussland und zu 60 Prozent einer Tochterfirma des staatlichen Konzerns China National Machine Industry Corporation. Chinesische Banken gewähren zinsgünstige Kredite, als Gegenleistung sind 50 Prozent des investierten Geldes für chinesische Arbeitskräfte, Technik und Waren vorgesehen. Russland erhält einen Zehn-Milliarden-Dollar-Vertrag zum Bau eines Kernkraftwerks, das die Region mit Energie versorgt. Die chinesische Beteiligung lenkt die Aufmerksamkeit auf ein wichtiges Thema, das Russlands Präsident Wladimir Putin im Wahlkampf ins Spiel gebracht hatte: die Schaffung eines Gemeinsamen Eurasischen Marktes.

 

Eurasische Wirtschaftsunion

 

Russland, Weißrussland und Kasachstan haben die Zollunion des Gemeinsamen Wirtschaftsraums gegründet, den ersten geplanten Schritt zu einer zukünftigen Eurasischen Wirtschaftsunion. Für Russland bedeutet es die wichtige Erkenntnis, dass die eigene wirtschaftliche Zukunft im Osten und nicht mehr in Europa und den USA liegt. Die Schaffung einer Eurasischen Wirtschaftsunion läuft mit Unterbrechungen seit dem Zusammenbruch der UdSSR. Es ist der Versuch, die früheren wirtschaftlichen Verbindungen der alten Sowjetstaaten auf eine neue Basis zu stellen. Im Jahr 2000 unterzeichneten Weißrussland, Kasachstan, Kirgistan, Russland und Tadschikistan den Vertrag zur Errichtung der Eurasischen Wirtschaftsgemeinschaft. Ein wichtiger Bestandteil dieser Vereinbarung ist der visafreie Reiseverkehr zwischen den Mitgliedsländern. 2010 wurde dann der Gemeinsame Eurasische Wirtschaftsraum gestartet, der auch »Eurasische Wirtschaftsgemeinschaft« genannt wird.

 

Ziel der Eurasischen Wirtschaftsgemeinschaft ist die Schaffung eines einheitlichen Zolltarifs und einheitlicher nichttariflicher Bestimmungen, die Einigung auf gemeinsame Regeln für den Warenhandel und Dienstleistungen und den Zugang zu den inneren Märkten, die Einführung eines einheitlichen Verfahrens für Devisenkontrollen, einheitliche Zollbestimmungen, die Bildung eines gemeinsamen Marktes für Transportdienstleistungen und ein einheitliches Transportsystem sowie schließlich der Aufbau eines gemeinsamen Energiemarktes. Das sind die wichtigsten Ziele – ähnlich denen des gemeinsamen europäischen Marktes 30 oder 40 Jahre vor der verhängnisvollen Einführung des Euro.

 

Jetzt hat auch die Ukraine, die noch vor wenigen Jahren von einem NATO-freundlichen Präsidenten regiert wurde, die ersten Schritte unternommen, um die Vollmitgliedschaft der Eurasischen Wirtschaftsgemeinschaft zu beantragen. Die Ukraine, die bis in die jüngste Zeit Illusionen über einen Beitritt zur EU hegte, scheint mittlerweile zu erkennen, dass es dazu in den nächsten Jahrzehnten wohl kaum kommen wird, und wendet sich jetzt gen Osten. Dass China nun ebenfalls dabei ist, birgt das Potenzial zu einer dramatischen Umgestaltung des gesamten Projekts.

 

Die entscheidende Bedeutung der Eisenbahninfrastruktur

 

Entgegen dem Dogma Milton Friedmans und der neoliberalen Ökonomen sind Märkte niemals »frei«, sondern stets menschengemacht. Das entscheidende Element beim Aufbau neuer Märkte ist der Bau von Infrastruktur. Für die gewaltige Landmasse Eurasiens bedeutet das vor allem Eisenbahnlinien, idealerweise Hochgeschwindigkeitsverbindungen. Sie sind für die neuen Märkte unerlässlich und bedeuten für alle Beteiligten den schnellsten Weg zu wirtschaftlichem Wohlstand.

 

Mit dem Ende des Kalten Krieges im Jahr 1990 war der riesige unterentwickelte Raum Eurasiens wieder offen. Eurasien, das sind rund 40 Prozent des gesamten Landes der Welt, ein großer Teil davon unberührtes landwirtschaftliches Gebiet, es beherbergt drei Viertel der gesamten Weltbevölkerung, stellt also einen unermesslichen Reichtum dar. Eurasien umfasst etwa 88 der Länder der Welt und dort lagern drei Viertel der bekannten Energieressourcen der Welt sowie alle bekannten Rohstoffe, die für die Industrialisierung gebraucht werden. Im Vergleich dazu erscheint Nordamerikas wirtschaftliches Potenzial bei allem Reichtum eher dürftig.

 

China ist dabei, ein ausgedehntes Netz von Eisenbahnverbindungen über den gesamten eurasischen Kontinent zu bauen. Das Ziel ist die Schaffung des größten Wirtschaftsraums der Welt und damit eines riesigen neuen Marktes, nicht nur für China, sondern für alle eurasischen Länder, den Nahen und Mittleren Osten und Westeuropa. Die direkte Lieferung per Eisenbahn ist schneller und billiger als per Schiff oder Lastwagen und viel billiger als per Flugzeug. Für chinesische Industriegüter und andere eurasische Produkte bietet die Eisenbahn-Landbrücke die Grundlage für enorme neue Handelsmöglichkeiten entlang der Eisenbahnlinie.

 

Zwei Faktoren haben dazu geführt, dass diese Aussichten erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg realisiert werden können. Zum einen hat der Zusammenbruch der Sowjetunion das Land in Eurasien neu geöffnet, Gleiches gilt für die Öffnung Chinas gegenüber Russland und seinen eurasischen Nachbarn. Jahrzehnte des Misstrauens waren damit vorbei. Dazu kommt die Osterweiterung der Europäischen Union auf die Länder des ehemaligen Warschauer Pakts.

 

Der Bedarf für schnelleren Eisenbahntransport über die riesigen Entfernungen in Eurasien ist offensichtlich. Der Transport zwischen den Containerhäfen in China und den europäischen und amerikanischen Zielhäfen erreicht die Grenzen seiner Kapazität, denn der Containerverkehr verzeichnet zweistellige Zuwachsraten. Erst kürzlich hat Singapur Rotterdam beim Warenumschlag als größten Hafen der Welt verdrängt. Die Zuwachsrate des Umschlags in den chinesischen Containerhäfen lag 2006, vor dem Ausbruch der Weltfinanzkrise, bei circa 25 Prozent jährlich. 2007 wurden rund 28 Prozent des Containerverkehrs über chinesische Häfen abgewickelt. Es gibt jedoch noch einen weiteren Aspekt für die Landbrücken-Strategie Chinas und teilweise auch Russlands. Die Handelsströme über Land zu leiten, ist sicherer angesichts der wachsenden militärischen Spannungen zwischen den Mitgliedsländern der Shanghai Cooperation Organization – insbesondere China und Russland – auf der einen und der NATO auf der anderen Seite. Der Seetransport führt über höchst verwundbare enge Passagen oder Engpässe wie die Straße von Malakka in Malaysia.

 

Die Ankündigung des neuen Städteprojekts durch China und Weißrussland bedeutet deshalb weit mehr als nur einen neuen Ort billiger Arbeitskraft in Europa. Es ist Baustein eines völlig neuen eurasischen Wirtschaftsgebäudes, das Deutschland und die EU schon bald werden zur Kenntnis nehmen müssen.

 

 

 


 

 

 

 

Interesse an mehr Hintergrundinformationen?

 

Werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen der Macht – und erfahren Sie, was die Massenmedien Ihnen verschweigen!

 

Lesen Sie weitere brisante Informationen im neuen KOPP Exklusiv. KOPP Exklusiv wird grundsätzlich nicht an die Presse verschickt und dient ausschließlich zu Ihrer persönlichen Information. Jede Ausgabe ist gründlich recherchiert, im Klartext geschrieben und setzt Maßstäbe für einen kritischen Informationsdienst, der nur unter ausgewählten Lesern zirkuliert und nur im Abonnement zu beziehen ist.

 

In der aktuellen Ausgabe finden sie unabhängige Hintergrundinformationen unter anderem zu folgenden Themen:

 

  • Wie James Bond Kroatien in die EU führte
  • Lebensversicherungen: Die Kunden müssen bluten
  • Krankheit und Schmerzen durch Mikrowellen?
  • Warum werden Europäer immer dümmer?

 

 

Das alles und viele weitere Kurzberichte im neuen KOPP Exklusiv, fordern Sie noch heute Ihr Probeabonnement an!

Ergänzende Beiträge zu diesem Thema

Pentagon: China hat unsere neuesten Waffensysteme geklaut

Redaktion

Sprecher des amerikanischen Verteidigungsministeriums räumen in einem vor Kurzem erstellten vertraulichen Bericht ein, China sei es gelungen, die Entwicklungsunterlagen von etwa zwei Dutzend größeren Waffensystemen, die von den amerikanischen Streitkräften eingesetzt werden, zu stehlen.  mehr …

Wird die Infrastrukturbank der BRICS-Staaten die Herrschaft des IWF brechen?

F. William Engdahl

Schon vor mehreren Jahren begannen die regelmäßigen Beratungen zwischen den aufstrebenden Ländern Brasilien, Russland, Indien, China und später auch Südafrika über Fragen wirtschaftlicher Zusammenarbeit. Niemand kümmerte sich groß darum, bis die BRICS-Staaten – wie sie sich selbst nennen – die Gründung einer Bank beschlossen, die dem von den USA  mehr …

China überholt die USA als weltgrößte Handelsnation

Redaktion

Hinsichtlich des Umfangs der Exporte und Importe hat China die USA 2012 als weltgrößte Handelsnation überholt. Die USA standen mehr als 60 Jahre an dieser Spitzenposition.  mehr …

Wer diesen Artikel gelesen hat, hat sich auch für diese Beiträge interessiert:

Soldatenmord in London: Passanten sprachen von »Filmszene«

Gerhard Wisnewski

Am 22. Mai 2013 sollen zwei dunkelhäutige Männer im Londoner Stadtteil Woolwich nahe einer Kaserne einen Soldaten angefahren und anschließend enthauptet haben. Danach sprach einer der Killer seelenruhig in eine Kamera – während sich Passanten langweilten und auf die nächste »Filmszene« warteten...  mehr …

Wie der nimmersatte Staat Milliarden versenkt

Michael Brückner

Ungeniert langt die politische Klasse zu, wenn es gilt, sich die Taschen zu füllen. Und wenn unfähige Regierungsbeamte Milliarden an Steuermitteln versenken, droht ihnen nicht einmal ein Disziplinarverfahren. Eine kleine Reise durch die Republik der staatlichen Verprasser, Vergeuder und Selbstbediener.  mehr …

Wird die Infrastrukturbank der BRICS-Staaten die Herrschaft des IWF brechen?

F. William Engdahl

Schon vor mehreren Jahren begannen die regelmäßigen Beratungen zwischen den aufstrebenden Ländern Brasilien, Russland, Indien, China und später auch Südafrika über Fragen wirtschaftlicher Zusammenarbeit. Niemand kümmerte sich groß darum, bis die BRICS-Staaten – wie sie sich selbst nennen – die Gründung einer Bank beschlossen, die dem von den USA  mehr …

Die Bilderberger, Google und die G-8: Das neue weltweite Steuerregime ist bereits in Vorbereitung

Patrick Henningsen

Einige die Agenda der diesjährigen Konferenz prägende Aspekte zeichnen sich bereits ab und könnten nicht nur große international agierende Konzerne wie Google, sondern auch das alltägliche Leben auf der Erde beeinflussen.  mehr …

Werbung

Newsletter-
anmeldung!
Hier erhalten Sie aktuelle Nachrichten und brisante Hintergrundanalysen
(Abmeldung jederzeit möglich)

KOPP EXKLUSIV – Jetzt bestellen

Brisante Hintergrundanalysen wöchentlich exklusiv nur bei uns.

Katalog – Jetzt kostenlos bestellen

Bestellen Sie unseren Katalog kostenlos und unverbindlich.