Friday, 29. July 2016
28.07.2014
 
 

Der türkische Ministerpräsident Erdoğan betreibt Annäherung an Russland

F. William Engdahl

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan ist ein echter politischer Überlebenskünstler. Er hat den jahrelangen Versuchen Washingtons widerstanden, ihn abzusetzen, weil er sich weigerte, die Türkei zum Aufmarschplatz für einen Krieg zu machen, der zum Sturz von Baschar al-Assad im benachbarten Syrien führen sollte. Nun schaut sich Erdoğan, der Realpolitik wahrscheinlich noch intensiver studiert hat als den Koran, im Ausland nach neuen strategischen Verbündeten um.

 

Genau zu dem Zeitpunkt, wo die NATO, die Obama-Regierung und andere alles daran setzen, Russlands Präsidenten Putin wegen der Entwicklungen in der Ukraine zu verteufeln, bewegt sich Erdoğan deutlich näher an … raten Sie mal, welche führende Persönlichkeit in der Weltpolitik? Richtig, an Wladimir Putin und Russland. Die Implikationen einer grundlegenden geopolitischen Neurausrichtung der Türkei könnten weltweit Konsequenzen haben, die weit über Größe oder politisches Gewicht des Landes hinausgehen.

 

Die ersten Schritte in Richtung einer engeren Wirtschaftsallianz zwischen der Türkei und Russland wurden im vergangenen April unternommen, kurz nach dem illegalen, von den USA inszenierten Putsch in der Ukraine und nachdem das Parlament der Krim für einen Anschluss an Russland plädierte, was eine Flut antirussischer Propaganda aus dem Westen ausgelöst hatte. Am 21. April lud der türkische Energieminister Taner Yildiz den stellvertretenden Chef der Gazprom, Alexander Medwedew, nach Ankara ein, um Einzelheiten über größere Lieferungen von russischem Erdgas über die Blue-Stream-Pipeline in die Türkei zu klären.

 

Die Türkei ist schon jetzt nach der EU der zweitgrößte Importeur von russischem Erdgas und Erdöl. Beide Seiten vereinbarten, die Kapazität der Blue-Stream-Erdgaspipeline von 16 auf 19 Milliarden Kubikfuß jährlich zu erhöhen und damit die Wirtschaftsbeziehungen zwischen den ehemaligen Rivalen zu festigen.

 

Beitritt zur Eurasischen Wirtschaftsunion?

 

Jetzt nimmt Erdoğans Regierung mit Russland und anderen Mitgliedsstaaten der Eurasischen Wirtschaftsunion (EWU) Gespräche über die Schaffung einer Freihandelszone zwischen der Türkei und den EWU-Ländern Russland, Weißrussland und Kasachstan auf, wie der russische Minister für wirtschaftliche Entwicklung, Alexei Uljukajew, am 19. Juli bekanntgab.

 

An dem Tag lief die Kampagne von NATO und Washington gegen Putin und Russland auf vollen Touren, sie wurden beschuldigt, hinter dem Abschuss des malaysischen Passagierflugzeugs MH 17 über der Ostukraine zu stehen.

 

»Wir haben mögliche Formen der Kooperation besprochen, unter anderem die Schaffung einer Freihandelszone zwischen der Zollunion und der Türkei. Wir haben uns darauf geeinigt, eine Arbeitsgruppe zu bilden, im September sollen detailliertere Gespräche über die Möglichkeiten und Aussichten beginnen«, sagte Uljukajew am Rande des Treffens der Handelsminister der G20-Staaten in Sydney, Australien.

 

Für beide Seiten ergeben sich erhebliche wirtschaftliche Vorteile. Das Volumen des russisch-türkischen Handels lag 2013 bei 32,7 Milliarden Dollar. Russland ist nach der EU der zweitgrößte Handelspartner der Türkei; die Türkei liegt auf Platz acht der Außenhandelspartner Russlands. Außerdem wolle die Türkei in Russland ein Transport- und Logistik-Drehkreuz errichten, mit Anbindung an Häfen, Flughäfen, Eisenbahnen und Autobahnen, erklärte der türkische Wirtschaftsminister Zeybekçi.

 

Zwei Tage vor den Gesprächen der Eurasischen Union hatte die Türkei einen weiteren wichtigen Vorschlag unterbreitet, der die Tendenz anderer Länder bestärkt, den Dollar, eine wichtige Säule der globalen Macht Amerikas, zu umgehen: Im Handel mit Russland solle die jeweilige Landeswährung eingesetzt werden. »Die Türkei bietet Russland an, bei gegenseitigen Zahlungen auf die Landeswährung umzustellen«, gab die Pressestelle des Ministeriums nach dem Treffen zwischen Uljukajew und seinem türkischen Amtskollegen Zeybekçi bekannt. Seit der Ukraine-Krise und den verschärften US-Wirtschaftssanktionen ist Russland bemüht, seine Handelsgeschäfte unabhängig vom Dollar abzuwickeln.

 

Darüber hinaus hat Erdoğan großes Interesse an einer Mitgliedschaft der Türkei in der entstehenden BRICS-Organisation von Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika bekundet. Die BRICS-Länder haben sich gerade auf die Schaffung einer wichtigen Alternative zu Washingtons IWF und Weltbank für die Finanzierung unter anderem von Infrastrukturprojekten in den aufstrebenden Märkten geeinigt, um von den harten Auflagen Washingtons unabhängig zu werden. Letztere fungierten in der Geschichte als verdeckter neokolonialistischer Hebel, mit dem die aufstrebenden Volkswirtschaften für US-amerikanische und EU-europäische multinationale Konzerne und Banken geöffnet wurden.

 

Alles addiert sich zu einer potenziell signifikanten geopolitischen Veränderung für die Türkei, die 1952 gemeinsam mit Griechenland von Washington in die NATO gelockt wurde. In den darauffolgenden 60 Jahren war die Türkei nicht nur ein Posten zur Beobachtung der Sowjetunion und später Russlands. Seit dem Zusammenbruch der UdSSR im Jahr 1991 arbeiten NATO und ganz besonders CIA und State Department daran, die Türkei zu benutzen. Insbesondere der von der CIA geführte »ehemalige Imam« Fethullah Gülen, der jetzt in Saylorsburg, Pennsylvania, im Exil lebt, soll fundamentalistisch-islamistische Dschihad-Organisationen in Usbekistan, Kirgistan, Tschetschenien und anderen islamischen Regionen der ehemaligen Sowjetunion aufbauen.

 

Eine Richtungsänderung Erdoğans, der mit Gülen und Gülens einflussreichem Block innerhalb der türkischen Polizei und des Justizsystems der Türkei in blutigem Streit liegt, könnte für Washingtons neokonservativen Kriegsfalken und deren derzeitigen Feldzug, im gesamten Nahen und Mittleren Osten, in Eurasien und anderen Regionen Konflikte zu schüren, einen schweren Schlag bedeuten. Seit die Briten Mitte des 19. Jahrhunderts den Krimkrieg manipulierten, um Spannungen zwischen dem russischen Reich und dem osmanisch-türkischen Reich anzuheizen, war und ist es angloamerikanische Politik, dafür zu sorgen, dass die geostrategisch wichtige Türkei ein Feind Russlands bleibt. Diese Ära könnte schon bald enden.

 

 

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Leser-Kommentare (16) zu diesem Artikel

29.07.2014 | 14:48

H.seyin

1. In dem Text werden die Gezi-Proteste "glücklicher Zufall" genannt. Der OTPOR-Mensch freut sich über diese Art der Wahrnehmung. 2) Da spricht der Autor über Subjektivität, weiß aber ohne objektive Beweise, dass Erdogan an Magenkrebs leidet. 3) Über Gülen und Gülenisten herrschen in der Türkei ganz andere Erkenntnisse. 4.) Die Korruptionsvorwürfe gegen Erdogan, inkl. der angeblich prall mit Geld gefüllten Schuhkartons werden in türkischen Medien ebenfalls nicht ernst...

1. In dem Text werden die Gezi-Proteste "glücklicher Zufall" genannt. Der OTPOR-Mensch freut sich über diese Art der Wahrnehmung. 2) Da spricht der Autor über Subjektivität, weiß aber ohne objektive Beweise, dass Erdogan an Magenkrebs leidet. 3) Über Gülen und Gülenisten herrschen in der Türkei ganz andere Erkenntnisse. 4.) Die Korruptionsvorwürfe gegen Erdogan, inkl. der angeblich prall mit Geld gefüllten Schuhkartons werden in türkischen Medien ebenfalls nicht ernst genommen. Dieser "Skandal" wurde ZUFÄLLIG von den Gülen-Medien aufgedeckt. Ohnehin sind die Operationen "17.12. und 24.12." das Produkt der Gülenisten.


29.07.2014 | 13:40

Andreas Lotter

Die hier wiedergegebenen Erkenntnisse decken sich zu 100 % mit meinen eigenen Beobachtungen vor Ort in diesem Frühjahr, welche ich hier festgehalten habe: http://stupormundiorient.wordpress.com/2014/04/25/vom-stuttgarter-schlossgarten-zum-taksim-uber-gezi-und-wieder-zuruck/


29.07.2014 | 12:47

Ulrich

Dies Bestreben scheint es ja schon zu geben, vielleicht haben wir gerade deshalb so viele anscheinend gezielte Destabilisierungen von Staaten. Putin spricht immer von Multipolarer Weltordnung. Dazu gehört wohl auch eine multinational kontrollierte Leitwährung. Wäre vielleicht auch gut, wenn diese Währung durch Gold oder andere reale Werte gedeckt wäre und nicht von einer privaten Bank gekauft und mittels Kriegen "durchgeboxt" werden müsste.


29.07.2014 | 11:32

H.seyin

Vorschlag: Man nehme den Amerikanern die Gewalt über den Dollar (Weltgeld auf Abruf) und internationalisiere Diesen.


29.07.2014 | 10:51

Ulrich

H.seyin, ich habe mir OTPOR angeschaut und kann jetzt glaube ich, besser verstehen was Sie meinen. Leider wurde meine erste Antwort vom Kopp-Verlag zensiert und obwohl ich einige Begriffe rausgenommen habe, nicht mehr freigeschaltet, sodass ich Ihnen hier nicht mehr mitteilen kann. Bin mal gespannt, ob dieser harmlose Kommentar erlaubt ist!


29.07.2014 | 09:06

H.seyin

Hallo Ulrich, Sie finden ich habe recht, und trotzdem beharren Sie auf Ihren Erdogan-Hass? schauen Sie mal auf Youtube was Sie unter OTPOR finden. Und ich verspreche Ihnen: Ihr Hass gegen Erdogan wird sich relativieren. (denken Sie dabei an die Orangene Revulition und an Klitschko und die Proteste in der Ukraine vor nem Jahr, an Iran, an den arabischen Frühling, an ....) Und jetzt stellen Sie sich mal vor, was noch alles nötig ist, damit die westliche Interessengemeinschaft...

Hallo Ulrich, Sie finden ich habe recht, und trotzdem beharren Sie auf Ihren Erdogan-Hass? schauen Sie mal auf Youtube was Sie unter OTPOR finden. Und ich verspreche Ihnen: Ihr Hass gegen Erdogan wird sich relativieren. (denken Sie dabei an die Orangene Revulition und an Klitschko und die Proteste in der Ukraine vor nem Jahr, an Iran, an den arabischen Frühling, an ....) Und jetzt stellen Sie sich mal vor, was noch alles nötig ist, damit die westliche Interessengemeinschaft bekommt, was Sie auf Teufelkommraus haben will... Ja, genau DAS werden die durchziehen. Unter diesen Umständen: So lange Erdogan beim Schauspielern seine Versprechen einhält, möge er um Gottesillen weiterhin an der Macht bleiben. Das sehen etwa 56% der Türken wohl ähnlich.

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