Saturday, 1. October 2016
30.04.2013
 
 

Die Krise in Griechenland und verborgene Ölkriege

F. William Engdahl

In der Griechenlandkrise und der jüngsten Krise in Zypern gibt es einen höchst bedeutsamen Faktor, über den jedoch nicht geredet wird: Beide Länder sitzen auf riesigen unerschlossenen Erdgas- und auch Erdölreserven.

Genauso wie großen Gasvorkommen, die in Syrien, im Libanon und in Israel gefunden wurden, sind die kürzlich entdeckten, noch nicht erschlossenen Gasreserven eine wesentliche, wenn nicht sogar die entscheidende Motivation für den NATO-geführten Krieg in Syrien. Dort soll Baschar al-Assad vertrieben und durch eine den USA wohlgesonnene Marionette der Muslimbruderschaft oder, falls das nicht gelingen sollte, durch internes Chaos wie in Libyen ersetzt werden.

Bereits wenige Monate vor den von Washington unterstützten Aufständen, die »Arabischer Frühling« genannt wurden, zeichnete sich ab, dass neu entdeckte Erdgas- und Erdölfelder im östlichen Mittelmeer ein neues »Großes Spiel« um die Herrschaft über diese riesigen Energiereserven auslösen würden. Seit mehr als zehn Jahren wusste man im Iran und in Katar, dass beide Länder auf benachbarten riesigen Erdgasfeldern im Persischen Golf saßen. Katar hatte sich zu einer führenden Exportnation von LNG (Flüssig-Erdgas) entwickelt, der größte Teil ging nach Asien. Dann gab Syrien Anfang 2011 – als die Destabilisierungsoperation der NATO auf Hochtouren gebracht wurde – die Unterzeichnung eines Vertrags zum Bau einer Pipeline vom iranischen South-Pars-Gasfeld bekannt, die durch den Irak und Syrien führen sollte. Von dort konnte das Gas entweder über den syrischen Hafen Tarsus oder über den Libanon den rasant wachsenden europäischen Gasmarkt erreichen. Damit wurde Syrien zu einer tödlichen Bedrohung für Katar. Katar war nicht zufällig der wichtigste heimliche finanzielle Unterstützer der al-Qaida und anderer Terrorgruppen, die in Syrien Unruhe stifteten und Chaos anrichteten.

 

Israel als neuer Player im Bereich Energie

 

Der verborgene Energiekrieg zwischen Iran und Syrien auf der einen und Katar auf der anderen Seite war jedoch nur der Beginn einer neuen geopolitischen Konstellation. Ende 2009 kam aus Israel eine Meldung, die das gesamte Spiel veränderte. Seit der Staatsgründung im Jahr 1948 verfügte Israel über keine eigenständige Energieversorgung. Doch dann entdeckte Noble Energy, Israels texanischer Erkundungspartner, das Tamar-Feld im Levantinischen Becken, ungefähr 80 km vom israelischen Hafen Haifa entfernt. Mit geschätzten 240 Milliarden Kubikmetern Erdgas von bester Qualität war es die größte Entdeckung von Erdgas im Jahr 2009.

 

Gemeinsam mit Noble Gas entdeckte Israel riesige Gasvorkommen im Levantinischen Becken. Quelle: Karte von Noble Energy

 

Im Oktober 2010 entdeckte Israel dann ein »Super-Giant-Feld« vor der Küste, in einem Gebiet, das es als Ausschließliche Wirtschaftssonderzone (AWZ) betrachtet. Das neue Feld lag etwa 140 km westlich der Hafenstadt Haifa in einer Tiefe von ungefähr fünf Kilometern. Es wurde auf den Namen »Leviathan« getauft, nach dem biblischen Seeungeheuer. Gemeinsam mit Noble Energy aus Houston veröffentlichten drei israelische Energieunternehmen vorläufige Einschätzungen, wonach das Feld rund 450 Milliarden Kubikmeter Gas enthielt – und damit die weltweit größte Entdeckung eines Unterwasser-Gasfelds seit zehn Jahren darstellte. Übrigens verloren damit die Theorien vom »Peak Oil« weiter an Glaubwürdigkeit.i

 

Doch das war anscheinend nur der Anfang. Umgehend ging Noble Energy den unterseeischen Spuren nach und traf mit Zypern eine Vereinbarung zur Exploration, um vor der Küste zu suchen, wo sich allem Anschein nach ebenfalls riesige unentdeckte förderbare Gas- und sogar Erdöllager befinden. Plötzlich eröffnete sich für Israel, das bislang 40 Prozent seines Gases von Ägypten – damals noch unter Mubarak – beziehen musste, die Aussicht auf Selbstversorgung. Ägypten war für die Energieversorgung Israels nicht mehr lebenswichtig.

 

Der Faktor Griechenland

 

Angesichts der Entdeckungen in den Nachbarländern und inmitten der verheerenden Finanzkrise begann auch die griechische Regierung ernsthaft mit der Suche nach Öl und Gas. Seitdem führt das Land einen merkwürdigen Tanz mit dem IWF und Regierungen der EU auf, eine Art »Energie-Sirtaki« über die Frage, wer die riesigen entdeckten Ressourcen nutzen und von ihnen profitieren soll. Bislang hat die Regierung von Griechenland die staatliche Gasgesellschaft noch nicht privatisiert.

 

Im Dezember 2010, als es so aussah, als könne die Griechenlandkrise noch ohne riesige Bailouts und Privatisierungen gemeistert werden, bildete das griechische Energieministerium ein Sonder-Expertengremium, das die Perspektiven für Öl und Gas im griechischen Seegebiet erkunden sollte. Die Energean Oil & Gas investierte in Bohrungen vor der Küste, wo schon 2009 ein kleines Ölfeld entdeckt worden war. Es gab umfangreiche geologische Erkundungen. Vorläufigen Schätzungen zufolge lagern vor der Küste Griechenlands im Ionischen Meer mehr als 22 Milliarden Barrel Erdöl, weitere vier Milliarden in der nördlichen Ägäis.ii

 

Die südliche Ägäis und das Kretische Meer sind bisher noch nicht erkundet, die Zahlen könnten also noch deutlich steigen. In einem früheren Bericht des griechischen Nationalrats für Energiepolitik hatte es geheißen: »Hinsichtlich des Potenzials an Kohlenwasserstoffen (Öl und Gas – W.E.) zählt Griechenland zu den am wenigsten erkundeten Ländern in Europa.« Nach Ansicht des griechischen Analysten Aristoteles Vassilakis haben »bisher unternommene Erkundungen über die Menge an Erdgas einen geschätzten Wert von rund neun Billionen Dollar ergeben«. Selbst wenn nur ein Bruchteil davon verfügbar ist, würde es die Finanzlage Griechenlands und der gesamten Region grundlegend verändern.

 

David Hynes, Ölexperte der Tulane University, erklärte kürzlich vor Zuhörern in Athen, Griechenland könne durch die Entwicklung der neu entdeckten Gas- und Ölvorkommen potenziell die gesamte Krise bei der Staatsverschuldung lösen. Konservativ geschätzt meinte er, die Nutzung der bereits entdeckten Vorkommen könnte dem Land für 25 Jahre mehr als 302 Milliarden Euro einbringen. Die Regierung von Griechenland wurde stattdessen gerade zu massiven Entlassungen von Angestellten im Öffentlichen Dienst sowie zu Lohn- und Rentenkürzungen gezwungen. Sie waren die Bedingung für einen zweiten Kredit von EU und IWF, der das Land nur weiter in den wirtschaftlichen Niedergang treiben wird.iii

 

IWF und Regierungen der EU-Staaten, darunter auch Deutschland, verlangen von Griechenland zum Abbau der Staatsverschuldung den Verkauf der wertvollen Häfen und staatlichen Unternehmen, die Energieunternehmen selbstverständlich eingeschlossen. Selbst unter günstigsten Bedingungen würde ein solcher Ausverkauf dem Land allenfalls 50 Milliarden Euro einbringen. Laut vorliegenden Plänen soll das staatliche griechische Erdgasunternehmen DEPA 65 Prozent seiner Anteile privatisieren, um Schulden abzubauen. Die Käufer würden vermutlich aus dem Ausland kommen, denn nur wenige griechische Unternehmen sind in der Krise zum Kauf in der Lage. Wer auch immer am Ende in Griechenland gewinnt, es wird enorme geopolitische Auswirkungen für die Zukunft der EU, Russlands und der Rolle der USA in inneren Angelegenheiten der EU bedeuten. Die russische Gazprom gehört zurzeit zu den wichtigsten Bietern, doch Griechenlands neue konservative Regierung, die Merkels CDU in Berlin nahestehen soll, legt sich bislang quer. Gazprom hat kürzlich einen Exklusivvertrag zur Übernahme von Gas aus dem israelischen Tamar-Feld unterzeichnet und Israel hat formell Griechenlands Ausschließliche Wirtschaftssonderzone anerkannt.

 

In der griechischen Ausschließlichen Wirtschaftssonderzone (in rot) werden riesige Gas- und Ölvorkommen vermutet, angrenzend an die Ausschließliche Wirtschaftszone Zyperns und an die Türkei


Fußnoten:

 

i F. William Engdahl, »The New Mediterranean Oil and Gas Bonanza – Part 1: Israel’s Levant Basin – a new geopolitical curse?«, VoltaireNet.org, 20. Februar 2012, aufgerufen unter: http://www.voltairenet.org/article172827.html

ii Ioannis Michaletos, »Greek Companies Step Up Offshore Oil Exploration – Large Reserves Possible«, balkanalysis.com, 8. Dezember 2010.

iii Chris Blake, »Drilling for oil in the Aegean may help ease Greece’s debt crisis«, hellenext.org, 7. Juli 2011.

 

 

 


 

 

 

 

Interesse an mehr Hintergrundinformationen?

 

Werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen der Macht – und erfahren Sie, was die Massenmedien Ihnen verschweigen!

 

Lesen Sie weitere brisante Informationen im neuen KOPP Exklusiv. KOPP Exklusiv wird grundsätzlich nicht an die Presse verschickt und dient ausschließlich zu Ihrer persönlichen Information. Jede Ausgabe ist gründlich recherchiert, im Klartext geschrieben und setzt Maßstäbe für einen kritischen Informationsdienst, der nur unter ausgewählten Lesern zirkuliert und nur im Abonnement zu beziehen ist.

 

In der aktuellen Ausgabe finden sie unabhängige Hintergrundinformationen unter anderem zu folgenden Themen:

 

  • Unrecht: Wenn Staatsanwälte wegschauen
  • Sparer im Würgegriff der Euro-Retter
  • Rosmarin hilft, wenn das Gedächtnis nachlässt
  • Operation Mars: Einmal und nie wieder?

 

 

Das alles und viele weitere Kurzberichte im neuen KOPP Exklusiv, fordern Sie noch heute Ihr Probeabonnement an!

Ergänzende Beiträge zu diesem Thema

Indien will trotz der Sanktionen weiterhin iranisches Erdöl importieren

Redaktion

Indien hat bekräftigt, es werde seine Erdölimporte aus dem Iran trotz der von den USA gegen die Erdölindustrie der Islamischen Republik durchgesetzten Sanktionen nicht einstellen, heißt es in einem Bericht der Economic Times.  mehr …

Griechenland ist nicht arm – es verfügt über umfangreiche, aber bisher unerschlossene Vorkommen an Gold, Erdöl und Erdgas

Michael Snyder

Es zeigt sich, dass Griechenland, das zwischenzeitlich zum Paradebeispiel für die europäische Schuldenkrise geworden ist, in Wirklichkeit durchaus über gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Wohlstand verfügt. Denn das Land sitzt auf bisher unerschlossenen Vorkommen wichtiger Rohstoffe wie Gold, Erdöl und Erdgas. Gingen die Griechen daran,  mehr …

USA stehen gleichzeitig vor drei Herausforderungen: Zerstörung iranischer Raketen, Verteidigung des saudischen Erdöls und der Straße von Hormus

Redaktion

Es zeichnet sich immer deutlicher ab, dass es Anfang Oktober zu einem israelischen Angriff auf den Iran kommen könnte. Vor einigen Wochen zeigten sich Saudis überzeugt, es werde Anfang Oktober zu einem Angriff auf den Iran kommen.  mehr …

Wer diesen Artikel gelesen hat, hat sich auch für diese Beiträge interessiert:

Großkapital macht Kasse: Börsen vor dem Absturz

Michael Brückner

Die Börsen werden noch in diesem Jahr massiv einbrechen. Davon gehen zahlreiche Insider in Frankfurt und an anderen Finanzplätzen aus. Die institutionellen Anleger wollen Kasse machen und satte Gewinne mitnehmen. Umstritten ist nur das Timing: Droht der Crash schon im Frühjahr – oder erst im Herbst nach den Bundestagswahlen? Private Anleger  mehr …

Griechenland ist nicht arm – es verfügt über umfangreiche, aber bisher unerschlossene Vorkommen an Gold, Erdöl und Erdgas

Michael Snyder

Es zeigt sich, dass Griechenland, das zwischenzeitlich zum Paradebeispiel für die europäische Schuldenkrise geworden ist, in Wirklichkeit durchaus über gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Wohlstand verfügt. Denn das Land sitzt auf bisher unerschlossenen Vorkommen wichtiger Rohstoffe wie Gold, Erdöl und Erdgas. Gingen die Griechen daran,  mehr …

USA stehen gleichzeitig vor drei Herausforderungen: Zerstörung iranischer Raketen, Verteidigung des saudischen Erdöls und der Straße von Hormus

Redaktion

Es zeichnet sich immer deutlicher ab, dass es Anfang Oktober zu einem israelischen Angriff auf den Iran kommen könnte. Vor einigen Wochen zeigten sich Saudis überzeugt, es werde Anfang Oktober zu einem Angriff auf den Iran kommen.  mehr …

Massaker-Inszenierung: Jede Menge Blut aus der Blutpumpe

Gerhard Wisnewski

Im Internet tobt eine heiße Diskussion um die Boston-Attentate: Wurden diese inszeniert oder nicht? Eine große Rolle spielen dabei auch die Verletzten – könnte man solche Verletzungen wirklich simulieren? Kein Problem: Die Illusions-Industrie von Hollywood hat die Antwort längst gegeben. Hollywood-Filialen versorgen Militär und Sicherheitsbehörden  mehr …

Werbung

Newsletter-
anmeldung!
Hier erhalten Sie aktuelle Nachrichten und brisante Hintergrundanalysen
(Abmeldung jederzeit möglich)

KOPP EXKLUSIV – Jetzt bestellen

Brisante Hintergrundanalysen wöchentlich exklusiv nur bei uns.

Katalog – Jetzt kostenlos bestellen

Bestellen Sie unseren Katalog kostenlos und unverbindlich.