Tuesday, 21. October 2014
18.10.2010
 
 

Die Wall Street nimmt Irland aufs Korn. Die nächste Runde des Finanzkrieges gegen Europa beginnt

F. William Engdahl

Noch im November 2009 waren Devisenhändler und Mainstream-Ökonomen davon überzeugt, dass der Dollar kurz vor dem Absturz stehe. Das US-Haushaltsdefizit, das unter Präsident Obama für unabsehbare Zeit auf über eine Billion Dollar jährlich gestiegen ist, die allgemeine Schwäche der US-Wirtschaft und der historisch niedrige Zinssatz der Federal Reserve lasteten Ende 2009 schwer auf dem Dollar. Dagegen gewann der Euro als alternative Reservewährung an Format, eine Veränderung, welche die US-Macht in ihrem Kern bedrohte. Doch plötzlich war alles anders, als bekannt wurde, dass eine Ratingagentur die Kreditwürdigkeit Griechenlands herabgestuft hatte. Abrupt galt der Euro als schwache Währung. Die Player an den weltweiten Finanzmärkten werden häufig als Lemminge beschrieben, die stets dem allgemeinen Konsens hinterherrennen. Genau das geschah beim Euro. Jetzt, wo Stützungsmaßnahmen für Griechenland und andere gefährdete Länder der Eurozone – Irland, Portugal und Spanien – greifen, ist der Euro wieder erstarkt und der Dollar verliert erneut an Boden. Es gibt Grund zu der Annahme, dass die Wall Street eine erneute Attacke auf den Euro vorbereitet, dieses Mal gegen Irland.

Den irischen Banken geht es dieser Tage so schlecht, dass sich die Regierung in den vergangenen Tagen zu der Ankündigung veranlasst sah, zwei der größten Banken, der Anglo Irish und der Irish Nationwide, sowie einigen kleineren Banken werde mit 50 Milliarden Euro aus Mitteln des Staates aus der Patsche geholfen. Die Anglo Irish erhält von der irischen Regierung 25 Milliarden Pfund, andere Banken werden mit weniger hohen, aber immer noch bedeutenden Beträgen gerettet. Unter dem Strich unterstützen die Steuerzahler in Irland die Banken mit einem Betrag, der satten 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts entspricht.

Am 15. September 2008 hatte US-Finanzminister Henry Paulson, der ursprünglich von Goldman Sachs gekommen war, einen Bailout für die Wall-Street-Bank Lehman Brothers abgelehnt. Dadurch war aus der schwelenden Finanzkrise in den USA schlagartig eine weltweite Krise geworden, die das gesamte Finanzsystem bedrohte. Seither hat sich die irische Regierung verpflichtet, die Spareinlagen der Bürger in voller Höhe zu schützen, diese Verpflichtung wurde jüngst bis Ende 2011 verlängert. Diese Garantie gilt aber nur so lange, wie das Land selbst zahlungsfähig bleibt. Die irische Wirtschaft ist von der Krise besonders schwer betroffen: die Löhne sind um 13 Prozent gesunken, die Mieten in Städten wie Dublin sogar um 45 Prozent, nachdem 2008 eine Immobilienblase amerikanischen Ausmaßes geplatzt ist. Nominell ist das BIP in Irland um 20 Prozent geschrumpft, während die Zahlungsverpflichtungen weiter in voller Höhe bestehen. Die Staatsverschuldung einschließlich der 50 Milliarden Euro an Anglo Irish und andere Banken wird auf rund 115 Prozent des BIP steigen. Die entscheidende Frage ist, ob Irland über eine ausreichende Exportbasis verfügt, um sich den Weg zurück ins Leben zu bahnen. Noch gibt es keinen Hinweis darauf, dass Irland zahlungsunfähig werden könnte, aber in Finanzkreisen wird derzeit durchaus über das Thema diskutiert.

Vor dem letzten staatlichen Bailout hatte die US-Ratingagentur Standard & Poor’s Anglo Irish herabgestuft, was für die Bank wesentlich schlechtere Kreditbedingungen zur Folge hatte. In ähnlicher Weise hatte S&P im Frühjahr die griechischen Staatsanleihen auf »Ramsch«-Status herabgestuft und damit eine schwere Krise für Griechenland und den Euro ausgelöst. Die irische Regierung hat sehr schnell interveniert, aber das Thema einer möglichen Zahlungsunfähigkeit ist bereits auf dem Tisch. In der Presse richtet Hedgefonds-Boss George Soros aus New York einen offenen Angriff auf den deutschen Finanzminister Schäuble und die Regierung Merkel, weil sie die Druckerpressen nicht schneller stellten, um Irland und Griechenland zu »retten«.

Nach der Bankenrettung stufte eine weitere der drei US-Ratingagenturen, nämlich Fitch, das Rating für Irland von AA– auf A+ herunter, was die »außergewöhnlichen und höher als erwarteten« Kosten der Rekapitalisierung der irischen Banken widerspiegele, so Fitch. Es wird erwartet, dass Moody’s und S&P bald mit weiteren Herabstufungen folgen werden, ähnlich wie in Griechenland im Frühjahr dieses Jahres.

 

Währungskriege

Finanzspekulanten wenden sich dem erstaunlich starken Euro zu, der die Verluste von Anfang des Jahres wettgemacht hat und jetzt zum ersten Mal seit Februar, als die Griechenland-Krise in vollem Gange war, wieder das Niveau von 1,40 US-Dollar erreicht hat.

Die Europäische Zentralbank hat angekündigt, der Zinssatz werde nicht gesenkt, während die Federal Reserve neue Liquidität ins System pumpt, um einem neuerlichen Abschwung der US-Wirtschaft und -Aktienmärkte entgegenzuwirken. Das Ergebnis ist eine weitere Stärkung des Euro, denn nun fließt heißes Geld aus dem Dollar wegen der höheren Ertragsaussichten in den Euro. Ein hoher Eurokurs schadet dem deutschen Export, was der Wirtschaft in den kommenden Monaten Probleme bereiten wird.

Wie EZB-Präsident Claude Trichet soeben gesagt hat, ist die Haltung der Entscheidungsträger gegenüber dem Vormonat unverändert, man sei weiterhin entschlossen, das unbegrenzte Kreditprogramm auslaufen zu lassen. Im Klartext bedeutet das: Sparpolitik. Wie auf Stichwort richtet George Soros in der Londoner Financial Times Angriffe auf Deutschland, das hinter der konservativen Politik der EZB stecke. Die Bank Goldman Sachs, die bereits bei der Griechenland-Krise die Fäden gezogen hatte, warnt jetzt, der stärkere Euro schwäche schon jetzt die europäische Wirtschaft.

Brasiliens Finanzminister Guido Mantega hat vor einem weltweiten »Währungskrieg« gewarnt, da große Handelsnationen wie Japan, die USA und China eine Abwertung ihrer Währung erwögen, um ihre Exporte anzukurbeln. Offensichtlich können nicht alle Währungen gleichzeitig fallen. Brasilien, Russland, Indien und China haben sich zusammengetan, um sich gemeinsam allen Versuchen zu widersetzen, sie zu einer Änderung ihrer Politik zu bewegen. Die altbewährte Methode zur Ankurbelung von Handel und Wirtschaftstätigkeit besteht in der Abwertung der eigenen Währung, aber nicht alle Länder können ihre Währungen gleichzeitig abwerten – und das führt zu Spannungen.

Soros, Goldman Sachs, die Fed unter Bernanke und das US-Finanzministerium versuchen, die Instabilität, die sie ursprünglich durch die Deregulierung ihres Bankwesens Ende der 1990er-Jahre selbst ausgelöst hatten, zu nutzen: Sie fordern die Errichtung einer einheitlichen weltweiten Finanzordnung, in der die Wall-Street-Banken selbstverständlich die Götter des Geldes blieben würden. Es überrascht daher nicht, dass die übrige Welt nicht gerade darauf erpicht ist, sich dieser Forderung anzuschließen. Uns liegen keine vertraulichen Informationen über den gesundheitlichen Zustand von Finanzminister Wolfgang Schäuble vor, doch es ist auffällig, dass plötzlich aus der FDP und liberalen atlantischen Kreisen in Deutschland der Ruf nach seinem Rücktritt laut wird, aus gesundheitlichen Gründen, versteht sich. Immerhin war Schäuble die tragende Säule des deutschen Widerstands gegen den US-geführten Finanzkrieg gegen den Euro gewesen. Verbirgt sich noch mehr hinter der ganzen Sache? Die französische Finanzministerin Christine Lagarde fordert dagegen eine stärkere Koordination bei der Schaffung eines Weltwährungssystems. Bevor sie Finanzministerin in Frankreich wurde, war Lagarde bis 2004 Direktorin der Rechtsanwaltskanzlei Baker & McKenzie in Chicago, in die sie bereits 1981 eingetreten war. Wie sagte Henry Kissinger schon in den 1970er-Jahren: »Wer das Geld beherrscht, der beherrscht die ganze Welt …«

 

Spekulanten an der Wall Street bereiten neue Angriffe auf den Euro vor. Die Krise in Irland ist der Auslöser.

 

 


 

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