Mittwoch, 26. April 2017
02.05.2016
 
 

EU-Kommission spielt Brüssel-Roulette mit Glyphosat

F. William Engdahl

Die EU-Kommission ist offenbar entschlossen, einen »wahrscheinlichen Krebserreger« beim Menschen, Glyphosat, trotz überwältigender Beweise für seine Toxizität zu genehmigen. Sie ist offensichtlich einverstanden, sich auf die Seite von Monsanto, der Lobby für chemische Unkrautvernichtungsmittel der Agrarindustrie und Washingtons gegen die Gesundheits- und Sicherheitsbedenken der EU-Bürger zu stellen. Juristisch gedacht könnte man das ein kriminelles fahrlässiges Verhalten nennen. Es geht um die anstehende Erneuerung der Lizenz für den Einsatz des wahrscheinlichen Krebserregers Glyphosat, dem Hauptbestandteil in Monsantos weit verbreitetem Unkrautvernichtungsmittel Roundup®. Die Intensität der Lügen und Betrugsversuche seitens gesichtsloser EU-Bürokraten in Bezug auf das umstrittene Glyphosat gibt einen Hinweis darauf, weshalb immer mehr EU-Bürger einen völligen »Opt-out« (Ausstieg) aus der Europäischen Union fordern.

 

Zu Beginn dieses Jahres hatte die EU-Kommission die erneute Verlängerung der Lizenz um weitere 15 Jahre für das umstrittene Glyphosat empfohlen. Sie erklärte, ihre »Ja«-Entscheidung beruhe auf dem Beschluss der Europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde (EFSA), dass kein Grund für die Annahme bestehe, dass Glyphosat ein Karzinogen sei.

 

Dieser Beschluss wird nicht einmal durch die Offenlegung der relevanten Gesundheits- und Sicherheitsstudien bestätigt, auf die sich die EFSA zu berufen vorgibt. Er steht im völligen Gegensatz zu einer Entschließung der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) der Weltgesundheitsorganisation aus dem Jahr 2015.

 

Danach ist Glyphosat, das weltweit in fast allen Kulturen von genveränderten Organismen (GVO) und in den meisten anderen Anbaugebieten und sogar in Hausgärten als Unkrautvernichtungsmittel eingesetzt wird, »wahrscheinlich beim Menschen krebserregend«. i

 

Das bedeutet, für den Laien ausgedrückt, eine Chance größer als 50 Prozent, dass es bei Menschen, die ihm ausgesetzt sind, Erkrankungen an Krebs auslöst. Es wurde im gewöhnlichen Trinkwasser oder in Nahrungspflanzen, die mit Roundup und anderen auf Glyphosat basierenden Unkrautvertilgungsmitteln besprüht worden sind, nachgewiesen.

 

Die EFSA stützt ihre Ansicht ausschließlich auf einen Bericht des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) in Deutschland, den das Institut wiederum einem klar voreingenommenen Bericht von Monsanto und anderen agrochemischen Industrie-Gruppen entnommen hat. Danach sei es »unwahrscheinlich«, dass Glyphosat ein Krebsrisiko darstellt.

 

Die IARC verwendet nur Daten, die bereits veröffentlicht worden sind, aber das korrupte deutsche BfR stützte seinen Bericht auf geheime Industriestudien, deren Freigabe an die IARC oder die Öffentlichkeit es verweigert. ii

 

Der öffentliche Druck, die Einwände von mehreren EU-Staaten und eine EU-weite Petition, die von über einer Million EU-Bürgern unterzeichnet wurde, fordern eine Beendigung der Anwendung von Glyphosat. Dazu kommt noch ein Protestschreiben an den Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit der EU (auch als »DG SANTE« bekannt),

 

Vytenis Andriukaitis, das fast 100 führende Wissenschaftler unterschrieben haben. Das hatte Andriukaitis Anfang April zu einer Erklärung veranlasst, die auf eine neue Sensibilität für den klaren Wunsch der Bevölkerung hindeutete, nicht mutwillig einem Krebserreger in der Nahrung oder im Trinkwasser dadurch ausgesetzt zu werden, dass weit und breit mit Glyphosat gespritzt wird. iii

 

Heute, nur zwei Wochen später, ist der gleiche unvernünftige Gesundheits-Bürokrat der EU, Andriukaitis, wieder umgeschwenkt. Am 26. April traf sich der DG- SANTE- Kommissar mit Führern des Blocks der Sozialisten und Demokraten im Europäischen Parlament. Bei der Sitzung stellte Andriukaitis seine kaltschnäuzige Missachtung aller Vorschläge zur Beschränkungen des gefährlichen Unkrautvernichtungsmittels zur Schau und machte seinen Plan bekannt, Glyphosat für weitere zehn Jahren erneut und ohne besondere Auflagen zu genehmigen. iv

 

Washingtons brutales taktisches Vorgehen gegenüber der EU-Kommission

 

Bemerkenswert ist, dass der Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Andriukaitis, im Dezember 2015 nach Washington gefahren ist, wo er sich mit dem US-Handelsbeauftragten Michael Froman getroffen hat. Laut interner Dokumente der EU-Kommission über dieses Treffen in Washington, die mehrere NGOs aufgrund des Gesetzes zur Informationsfreiheit erhalten hatten, hat Washington Andriukaitis stark bedrängt, Pflanzen und Tiere, die aufgrund von »Gen-Editing« (Genbearbeitung) und anderen neuen Techniken zustande gekommen sind, von den bestehenden GVO-Regeln der EU auszunehmen.

 

Die EU-Greenpeace- Direktorin für Nahrungsmittelpolitik, Franziska Achterberg, sagte dazu: »Die Kommission muss erkennen, dass Genbearbeitung dasselbe wie Gen-Engineering (Genmanipulation) ist.« Die Änderung der Bezeichnung ist nur ein weiterer Täuschungsversuch Washingtons und der GVO-Kabale, um die strengen Sicherheitstests und die Kennzeichnungspflicht zu umgehen. v

 

Die Dokumente zeigen, dass Washington von der EU verlangt, alle Gesundheits- und Umweltschutzmaßnahmen mit Bezug auf GVOs fallen zu lassen, um den Weg für das transatlantische Handelsabkommen (TTIP) zu ebnen. Die nächste Runde der TTIP-Verhandlungen begann am 25. April in New York. Die Eile, die EU-Gesundheitskommissar Andriukaitis an den Tag legt, um die Lizenzverlängerung für Glyphosat noch im Mai durchzudrücken, spiegelt wieder einmal den immensen Druck Washingtons auf die verantwortungslose EU-Bürokratie wider. Er ist als ihr »Demokratiedefizit« bekannt. vi

 

Es ist also kein Wunder, wenn Andriukaitis von der GD SANTE den Mehrheitsbeschluss des Parlaments über vermehrte Auflagen bei Glyphosat aufgrund des »Vorsorgeprinzips«, der Anfang April mit 374 Stimmen bei 225 Gegenstimmen gefasst worden war, völlig ignoriert. Das Vorsorgeprinzip besagt, wenn irgendeine ernsthafte Frage besteht, dass Mensch oder Tier gefährdet sein könnten, soll man sich auf die Seite der Vorsicht schlagen. Eine Mehrheit der beratenden Mitglieder des Europäischen Parlaments hat beschlossen, eine Kürzung der Neuzulassungsdauer von 15 Jahren auf sieben Jahre zu empfehlen. Zusätzlich forderte sie erhebliche Beschränkungen bei der Verwendung von Glyphosat:

• Keine Anwendung bei nicht-professioneller Handhabe

• Keine Anwendung in oder in der Nähe von öffentlichen Parks / Spielplätzen / Gärten

• Keine Anwendung, wenn integrierte Schädlingsbekämpfungssysteme für die notwendige Unkrautbekämpfung ausreichen

• Strenge Auflagen beim Einsatz vor der Ernte (zur Dehydrierung), die für nicht hinnehmbar gilt.

Nach Meinung von Gruppen wie der Soil Association UK (Vereinigung Ackerkrume in England) und der Gruppe zur Überwachung von GVO, Sustainable Pulse (nachhaltiger Impuls) verlangt die Resolution des EU-Parlaments die enge Einschränkungen der Anwendungen von Glyphosat auf Kulturpflanzen »vor der Ernte«.

 

Dies bezieht sich auf die Praxis, die Anbaufläche bis zu zwei Wochen vor der Ernte zu besprühen, um die Pflanzen zu dehydrieren (»desiccate«) und die Ernte zu erleichtern. Eine solche Anwendung von Glyphosat vor der Ernte ist ein Weg, um Menschen dem Glyphosat über das Erntegut auszusetzen.

 

Zurzeit sind Glyphosat-Rezepturen für eine breite Palette von Kulturpflanzen zugelassen, für Weizen, Gerste, Hafer, Raps (Canola), Leinsamen, Ackerbohnen und Erbsen. Diese Verwendung von Glyphosat gilt als Hauptquelle des toxischen Glyphosat-Herbizids und seiner Rückstände im Brot. vii

 

Dieses Votum des Europäischen Parlaments ist für die Kommission und die EU-Mitgliedsstaaten nicht bindend, sondern hat nur ein moralisches Gewicht. Nun liegt der moralische Ausgleich bei den verschiedenen EU-Mitgliedsstaaten. Die EU-Mitgliedsstaaten führen die endgültige Abstimmung über Glyphosat im Mai durch. viii

 

Es geht dabei um sehr viel. Ein EU-Verbot von Glyphosat könnte weltweit die Totenglocke für den landwirtschaftlichen Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen einläuten. Brächte dies nicht eine gesunde Umkehr?


Fußnoten

 

i Philip J. Landrigan, M. D., und Charles Benbrook, PhD., »GMOs, Herbicides, and Public Health« (GVO, Unkrautvernichtungsmittel und öffentliche Gesundheit), in: New England Journal of Medicine, 2015; 373, S. 693-695, 20. August 2015, DOI:10.1056/NEJMp1505660.

ii F. William Engdahl, »Das unglaubliche Brüsseler Glyphosat-Räudebad«

iii F. William Engdahl, »Dramatische Wende in Brüssels Schlacht um Glyphosat«

iv Sustainable Pulse, »Socialist MEPs Reject European Commission Proposal for Glyphosate Re-Approval« (Sozialistische Europaparlamentarier weisen die Empfehlung der Kommission zur Wiederzulassung von Glyphosat zurück), 26. April 2016,

v Sustainable Pulse, »European Commission Fails to Regulate New GMOs after Intense US Lobbying« (Die Europäische Kommission versäumt es nach intensiver Lobby-Arbeit aus den USA, die neuen GVO zu regulieren)

vi Ibid.

vii Ibid.

viii Sustainable Pulse, »Socialist MEPs Reject...«, Op. Ccit.

 

 

 

 

 

 

 

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