Sonntag, 22. Januar 2017
22.06.2016
 
 

Eurasische Steppe findet Anschluss an die Neue Seidenstraße

F. William Engdahl

Syrien, Ukraine, Venezuela, Nigeria … überall auf Welt werden momentan Menschen ermordet. Überall wird momentan viel Infrastruktur zerstört. Deshalb möchte ich heute zwei aktuelle Projekte vorstellen, die darauf abzielen, einer der am wenigsten entwickelten Regionen der Erde mit Hilfe von Infrastrukturmaßnahmen Wirtschaftswachstum und Wohlstand zu bringen. Die Rede ist von der eurasischen Steppe, der gewaltigen Landschaft zwischen Russland und China.

 

Bei zwei Vorhaben wurden gerade Fortschritte gemeldet. Das eine ist die Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke, die von Moskau über Kasan nach China führt, das andere eine große Eisenbahnbrücke, die den Amur an der chinesischen Grenze überquert. Für sich genommen weist keines der Projekte transformativen Charakter auf.

 

Doch im Rahmen der mehrere tausend Milliarden Dollar schweren Infrastrukturinitiative »One Belt, One Road«, die eine Seidenstraße des 21. Jahrhunderts erschaffen soll, stellen die beiden Projekte wichtige Bausteine dar. Sie tragen dazu bei, das nächste globale Zentrum für Wirtschaftswachstum entstehen zu lassen, und zwar mindestens für die nächsten 100 Jahre.

 

Am 3. Juni erklärte Alexander Mischarin von der russischen Staatseisenbahn, dass die im Jahr 2015 gegründete Neue Entwicklungsbank (NDB) der BRICS-Staaten den Antrag der Russischen Bahn geprüft und dann zugestimmt habe, bis zu 500 Millionen Dollar für den Bau der Hochgeschwindigkeitstrasse Moskau–Kasan bereitzustellen.

 

Die Strecke ist Teil eines viel größeren Projekts, nämlich einer Hochgeschwindigkeitsverbindung zwischen Moskau und Peking im Rahmen von »One Belt, One Road«. China hatte kürzlich mitgeteilt, für den Bau des russischen Teilstücks zwischen Moskau und Kasan ein Darlehen über 400 Milliarden Rubel (sechs Milliarden Dollar) bereitzustellen. China ist zudem mit einer Beteiligungsfinanzierung in Höhe von 52 Milliarden Rubel und einer zusätzlichen Milliarde Dollar an der Fertigstellung des Projekts beteiligt.

 

Die Zustimmung der BRICS-Bank NDB sei von grundlegender Bedeutung, sagte Mischarin. Es gibt eine zweite neue asiatische Infrastrukturbank, die auf Anregen Pekings im vergangenen Jahr gegründete Asiatische Infrastruktur-Investmentbank AIIB. Sie soll helfen, Asiens Infrastrukturdefizit zu finanzieren. Das Ausmaß des Defizits wird für die kommenden Jahre auf 7000 Milliarden Dollar geschätzt. Die AIIB darf nicht als erster Kreditgeber agieren. Insofern war die NDB-Entscheidung so wichtig.

 

Dass sich die NDB am Bau der Strecke Moskau–Kasan beteiligt – und damit an einem wichtigen Baustein des Projekts »Neue Seidenstraße« –, spricht stark dafür, dass die Regierungen Chinas und Russlands das Projekt im Laufe des Jahres auf höchster Ebene endgültig absegnen werden. Im Mai 2015 hatten sich die Staatsbahnen der beiden Länder auf den Bau der Verbindung Moskau–Kasan verständigt. Für die Bauarbeiten hat sich das chinesische Bauunternehmen China Railway Group mit zwei russischen Firmen zu einem Konsortium zusammengeschlossen. Durch die Hochgeschwindigkeitstrasse soll die Reisezeit von Moskau nach Kasan ab 2018 von 14 auf 3,5 Stunden sinken, und es werden sich völlig neue wirtschaftliche Möglichkeiten eröffnen.

 

Als Mischarin im Jahr 2009 das Projekt anstieß, herrschten wirtschaftlich und politisch komplett andere Bedingungen. China hatte das »One Belt, One Road«-Konzept noch nicht ins Leben gerufen. Und der Westen hatte mit seinen Wirtschaftssanktionen Russland noch nicht gezwungen, sich seinen östlichen Nachbarn im Allgemeinen und China im Speziellen zuzuwenden.

 

Strategische Bankenallianz

 

Unterdessen wird eine weitere Entwicklung dazu führen, dass die neue Bank der BRICS-Staaten beträchtlich an Erfahrung, finanzieller Unterstützung und Professionalität gewinnt. Am 8. Juni vereinbarte die Neue Entwicklungsbank eine strategische Zusammenarbeit mit der China Construction Bank (CCB), Chinas zweitgrößter staatlicher Bank. Geplant ist eine Kooperation unter anderem bei der Wertpapierausgabe, bei Finanzierungsprojekten und beim Informationsaustausch.

 

Die CCB wird die BRICS-Bank zudem mit Kreditlinien versorgen und hat zugesagt, in die ersten Umweltanleihen der Neuen Entwicklungsbank zu investieren. Die CCB ist eng eingebunden in die Finanzierung von Chinas gewaltigen Bauprojekten rund um Hochgeschwindigkeitsbahnstrecken und andere große Infrastrukturmaßnahmen. Für die NDB bedeutet die Zusammenarbeit, dass sie als Kreditgeber deutlich mehr Schlagkraft entwickelt.

 

Brückenschlag

 

Russland hat zudem angekündigt, mit dem Bau einer Brücke über den wunderschönen Amur zu beginnen. Der Grenzfluss zwischen Russland und China ist der zehntlängste Fluss der Welt. Durch die neue Brücke wird es möglich sein, in Tongjiang in der chinesischen Provinz Heilongjiang einen Anschluss an Chinas Hochgeschwindigkeitsbahn herzustellen. Auf der russischen Seite wird die Brücke nach Nischneleninskoje in der Oblast Jüdische Autonome führen.

 

Als Erstes vorgeschlagen wurde die Brücke im Jahr 2007 von Waleri S. Gurewitsch, dem stellvertretenden Vorsitzenden der Oblast. Dass die russische Seite offiziell mit dem Bau der Brücke begonnen hat, stellt einen Durchbruch dar, denn bislang war die Fertigstellung immer wieder aufgehalten worden.

 

Es zeigt zugleich, wie sehr sich Russland neu in Richtung Osten orientiert, während die Verbindungen Russlands zur EU als Folge der Wirtschaftssanktionen immer schwächer werden. Der Gouverneur der Jüdischen Autonome, Alexander B. Lewintal, sagte mir diesen Monat auf dem internationalen Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg in einem persönlichen Gespräch, dass die Brücke binnen zwei Jahren fertiggestellt und betriebsbereit sein werde.

 

Über die 2197 Meter lange Brücke dürfte zunächst Eisenerz nach China transportiert werden, das aus Kimkan stammt, wo das Unternehmen Petropavlovsk im Tagebau Erz abbaut. Das Unternehmen wird sich an den Kosten für die Brücke beteiligen. Als Präsident Putin im Mai 2014 China besuchte, unterzeichneten Vertreter Russlands und Chinas eine Vereinbarung zum Bau der Brücke. Die Gleise, die über die Brücke führen, werden sowohl die russische Spurweite (1520 Millimeter) als auch eine Standard-Spurweite (1435 Millimeter) aufweisen.

 

Auf der chinesischen Seite sind die Vorbereitungen abgeschlossen. Geplant ist die endgültige Fertigstellung der Eisenbahnbrücke für Juni 2018. Dann soll sie als zentraler Wirtschaftskorridor für den Austausch zwischen China, Russland und der Mongolei dienen sowie eine wichtige Rolle in der Neuen Seidenstraße spielen, die auch durch die Provinz Heilongjiang verläuft.

 

Mit diesen wenig bekannten Maßnahmen wird Schritt für Schritt die Grundlage zu neuem wirtschaftlichem Wohlstand in der Welt gelegt. Die gesichtslosen Bürokraten in Brüssel tun so, als würde das zigtausend Milliarden Dollar schwere Projekt der Neuen Seidenstraße überhaupt nicht existieren. Ein schwerer Fehler, den Europa da begeht. Das wird sich wirtschaftlich rächen.

 

 

 

 

 

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