Monday, 26. September 2016
26.08.2010
 
 

Katastrophenfall: Wirtschaft der USA, nicht der EU

F. William Engdahl

Als der Dollar zu Beginn dieses Jahres kurz vor dem freien Fall stand, weil die Zentralbanken Chinas und anderer Länder drohten, ihre Bestände an US-Schatzpapieren zu vermindern, starteten die Wall Street und Washington einen koordinierten Angriff auf den Euro – die einzige Währung, die dem Dollar den Rang als Weltreservewährung streitig machen könnte. Infolge dieses Angriffs sahen sich die Regierungen der EU-Länder zu der außergewöhnlichen Maßnahme gezwungen, für die Schulden der schwächsten Mitgliedsländer, besonders Griechenlands, Portugals und Spaniens, zu bürgen. Jetzt, nur sechs Monate später, richtet sich die Aufmerksamkeit erneut auf den Dollar als das eigentliche Problem – die sich abzeichnende Katastrophe der US-Wirtschaft rückt wieder ins Blickfeld.

Wenn sich interessierte Leser genauer mit der Rolle beschäftigen, welche die Wall-Street-Banken – insbesondere die politisch aktiven Banken Goldman Sachs – und die amerikanischen Rating-Agenturen – d.h. S&P, Moody‘s und Fitch – gespielt haben, dann werden sie erkennen, mit welcher Unverfrorenheit diese eine künstliche Krise in der EU inszeniert haben, um den Dollar aus der Schusslinie zu nehmen. Den Politikern in der EU war mehrheitlich überhaupt nicht bewusst, wie ausgeklügelt und rücksichtslos der Angriff geführt wurde, zu viele vertrauten noch immer auf den Mythos eines »freien Marktes« in Amerika. Die amerikanischen Märkte sind strikter zentral kontrolliert als alle anderen, die Märkte im kommunistischen China eingeschlossen. Aber da der Angriff ja scheinbar von privaten Firmen kommt, wird er nicht als koordiniert erkannt. Man sollte jedoch wissen, dass beispielsweise der US-Milliardär Warren Buffet zu den größten Aktionären von Moody’s zählt.

Nun jedoch richtet sich das Augenmerk erneut auf die rasant steigende Verschuldung in den USA: in den ersten zwei Jahren der Regierung Obama ist die Staatsverschuldung von zuvor bereits schwindelerregenden sieben Billionen auf kaum vorstellbare 13 Billionen geradezu explodiert. Wir haben an dieser Stelle bereits zuvor darauf hingewiesen, dass die Verkaufszahlen für neue Häuser nach dem Auslaufen der entsprechenden Förderungsprogramme im April dieses Jahres erneut eingebrochen sind. Jetzt erleben wir, wovor wir gewarnt haben: die beschleunigte Schrumpfung der US-Wirtschaft. In Obamas Weißem Haus bricht hinter den Kulissen Panik aus, denn aufgrund der riesigen Defizite hat man praktisch keine Handhabe mehr, das Wachstum anzukurbeln. Rapide werden die USA – nicht Griechenland – zum hoffnungslosen Fall.

Als der Bankrott der Wall-Street-Firma Lehman Brothers im September 2008 eine Systemkrise auslöste, haben die Federal Reserve Bank und die US-Regierung alles Erdenkliche in die Wege geleitet, um einen Zusammenbruch des Systems zu verhindern. Damit hatten sie zunächst zwar etwas Zeit gewonnen, doch keine der Maßnahmen der Regierung oder der Fed bewirkte auch nur die geringste Änderung an dem zugrundelegenden Problem der Wirtschaft. Es waren lediglich »lebensverlängernde Maßnahmen« für die Wirtschaft, die in der Annahme durchgeführt wurden, die Krise sei nur eine neuerliche Finanzkrise von der Art, wie es sie in der Nachkriegszeit schon wiederholt gegeben hatte,

In meinem Buch Der Untergang des Dollar-Imperiums beschreibe ich ausführlich, dass es sich bei der derzeitigen Krise keineswegs um eine typische Krise der Nachkriegszeit handelt. Wir erleben vielmehr den »letzten Tango« des nach dem Zweiten Weltkrieg vorherrschenden Dollar-Systems. Nachdem der Dollar im August 1971 vom Gold abgekoppelt wurde, haben die politischen Eliten der USA sich für ein hoch profitables Wirtschaftsmodell entschieden, bei dem Unternehmensgewinne »Trumpf«, d.h. wichtiger waren als das Wohlergehen der Volkswirtschaft des Landes. Ganze amerikanische Industriezweige wurden in den 1980er Jahren in Billiglohnländer verlagert. Mit der Gründung der Welthandelsorganisation (WTO) im Jahr 1994 nahm das so genannte Outsourcing sprunghaft zu, die Regierung Clinton erfand dafür den Namen »Globalisierung«. WTO-Vorschriften wurden erlassen um zu gewährleisten, dass große (d.h. hauptsächlich amerikanische und europäische) Konzerne in ausländische Fabriken investieren und riesige Profite mit nach Hause nehmen konnten. Mit der WTO kam eine Flut hoher Investitionen amerikanischer Konzerne in die Produktion in Billiglohnländern, vor allem nach China.

 

US-Infrastrukturdefizit

Das half zwar, die Aktienkurse von Unternehmen wie GE oder Nike in die Höhe schießen zu lassen, führte jedoch gleichzeitig zu einer Erosion der industriellen Basis in den Vereinigten Staaten selbst. Genauso wie England nach Margret Thatchers neoliberaler Revolution des »Freien Marktes« in den 1980er Jahren, ist auch die US-Wirtschaft mittlerweile zu einer kaum mehr funktionierenden Dienstleistungswirtschaft verkommen, deren industrielle Grundlage weitgehend zerstört ist. Nach Angaben der American Society of Civil Engineers (Berufsverband der Bauingenieure) besteht in der Infrastruktur der USA heute ein Defizit in Höhe von über 1,6 Billionen Dollar – Geld, das für Reparatur oder Wartung von Autobahnen, Brücken, Wasserleitungen, Stromnetzen usw. dringend gebraucht wird. Am schlimmsten betroffen sind die heruntergekommenen Straßen und Deiche, die verfallenen Abwasser- und Trinkwassersysteme sowie die schiffbaren Wasserstraßen. Seit 1990 hat die Menge der gefahrenen Meilen auf den Autobahnen des Landes um mehr als 35 Prozent zugenommen, doch da die einzelnen Bundesstaaten aufgrund der Krise zu Kürzungen gezwungen sind, werden die Mittel für Reparatur und Wartung drastisch gekürzt. Die Umweltschutzbehörde Environmental Protection Agency schätzt die Höhe der in den nächsten 20 Jahren erforderlichen Investitionen für die Wasser- und Abwassersysteme der einzelnen Städte auf 300 bis 500 Milliarden Dollar.

Nichts von dem von der Regierung Obama für die Ankurbelung der Wirtschaft bereitgestellten Geld ist dafür verwendet worden, dieses Defizit auszugleichen. Gefördert werden stattdessen Obamas Lieblingsprojekte Windräder und unwirtschaftliche alternative Energien. Da die Banken zurzeit Risiken scheuen und deshalb zögern, weitere Kredite zu vergeben, erleben wir seit Dezember eine Schrumpfung der Geldmenge. Im Regelfall folgt darauf mit einer Verzögerung von sechs bis neun Monaten auch eine Schrumpfung der Realwirtschaft. Genau das geschieht derzeit, und zwar in gewaltigem Umfang.

 

Neue Dollarkrise droht

Das ist keine kleine Sache. Alle Schätzungen über Staatsdefizit und Steueraufkommen in den USA oder über die Solvenz des Bankensystems gehen von einem zunehmenden wirtschaftlichen Aufschwung aus. Wenn nun das Gegenteil eintritt – ein neuerlicher Abschwung – so bedeutet das die beängstigende Aussicht auf neue Systemrisiken und den fehlenden Zufluss dringend erforderlichen frischen Kapitals ins System.

Neuesten Daten zufolge schrumpfen die Werte für so genannte Ausstehende Verbraucherkredite (Consumer Credit Outstanding) sowie Handels- und Industriekredite von Monat zu Monat. Das Wachstum des BIP in den vergangenen Monaten war hauptsächlich auf wachsende Lagerbestände nicht verkaufter Autos und anderer Produkte zurückzuführen, die in Erwartung des vielbeschworenen »Aufschwungs« angelegt wurden. Jetzt, wo sich diese Hoffnung in Luft aufgelöst hat, sind Unternehmen zu Einsparungen gezwungen, müssen die Produktion drosseln und Mitarbeiter entlassen. Es gibt keine Double Dip Recession, von der die Presse so gern spricht. Wir erleben die nächste Abwärtsbewegung in der schlimmsten Wirtschaftsdepression der amerikanischen Geschichte. Vergessen wir nicht, dass es während der Großen Depression in den 1930er Jahren in den USA praktisch keine Staatsverschuldung gab, so dass »mit Nachdruck« hohe Investitionen getätigt werden konnten, um durch den Bau von Dämmen und andere Infrastrukturprojekte produktive Arbeitsplätze zu schaffen. Heute hingegen nähert sich die Staatsverschuldung dem Wert von 100 Prozent des BIP, die Verschuldung der Haushalte liegt bei 300 Prozent des jährlichen Einkommens und das Bankensystem ist durch Billionen Dollar wertloser Immobilien und anderer Vermögenswerte belastet, deren inflationärer Wert reine politische Fiktion darstellt. Nach Aussage des Ökonomen John Williams nähert sich die tatsächliche Arbeitslosigkeit in den USA bereits der Marke von 23 Prozent der zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte.

Die jüngsten Verlautbarungen der Federal Reserve, sie sei darauf vorbereitet, alles Erforderliche zu unternehmen, sollte nicht als gute Nachricht missverstanden werden. Sie bedeutet vielmehr das Eingeständnis, dass die bisher getroffenen Maßnahmen wirkungslos geblieben sind. Jetzt droht eine neue Dollarkrise, die US-Regierung und die Wall Street werden verzweifelter darauf reagieren als je zuvor. In nächster Zeit müssen wir uns auf alles gefasst machen: von neuen Kriegen bis hin zu neuen Finanzattacken. China ist ein wahrscheinliches Ziel der US-Finanzeliten, sie werden alles daransetzen, den größten Käufer von Staatsanleihen unter Druck zu setzen, weitere Papiere zur Deckung des steigenden US-Finanzdefizits zu kaufen. Das Problem für das US-Finanzministerium und die Federal Reserve besteht jedoch darin, dass Peking – da man begreift, dass Washington 2008 und 2009 die treibende Kraft hinter den geopolitisch motivierten Attacken in Tibet und der Provinz Xinjiang war, um dadurch außenpolitischen Druck auf China auszuüben – auf stur schaltet und sich auf schwierige Beziehungen zu Washington gefasst macht. Das bedeutet aber, dass aus China weniger Geld fließen wird, um dem US-Finanzministerium aus der Patsche zu helfen. Mit anderen Worten: machen Sie sich auf eine baldige Dollarkrise gefasst.

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