Saturday, 1. October 2016
02.03.2015
 
 

Polen – unbewusste Todessehnsucht?

F. William Engdahl

Wer mit den Animositäten zwischen Polen und Russland in der Geschichte vertraut ist, versteht so manches, was Polen nach der Auflösung des Warschauer Pakts mit der Sowjetunion im Juli 1991 getan hat. Ich verstehe, warum sich Polen 2003 der wirtschaftlich stärkeren Europäischen Union anschließen wollte. Ich verstehe sogar, warum Polen 1999 als eine Art Versicherung gegen mögliche zukünftige Konflikte mit Russland der NATO beitreten wollte. Aber die neuesten militärischen Aktionen verstehe ich nicht. Für die jüngste finde ich nur ein Wort: lächerlich.

 

Am 23. Februar bestätigte das polnische Verteidigungsministerium den Plan, beim britischen Rüstungsproduzenten Lockheed Martin für mehrere Milliarden Euro mindestens 40 AGM-158-Luft-Boden-Marschflugkörper (Reichweite: 370 km) für die F-16-Kampfjet-Flotte zu kaufen. Zusammen mit dem Plan, ein Boden-Boden-Raketenartilleriesystem namens »HOMAR« mit einer Reichweite von 300 km zu entwickeln, plus dem geplanten Kauf von U-Boot-gestützten steuerbaren Raketen mit einer Reichweite von bis zu 800 km werde Polen damit eine »polnische Abschreckungs-Trias« erhalten, wie der Politikwissenschaftler Pawel Soroka formuliert.

 

Gegenüber der polnischen Nachrichtenagentur Newseria erklärte Soroka, die unabhängige Verteidigungsfähigkeit Polens werde durch das Programm deutlich gestärkt: »Die NATO verfügt über ein Abschreckungssystem, an dessen Spitze die USA stehen.

 

Meiner Ansicht nach müssen wir einerseits als Verbündeter in das Abschreckungssystem der NATO eingebunden sein, andererseits brauchen wir aber auch eigene Fähigkeiten.« Das System gebe Polen mehr Optionen für »unabhängiges Handeln in Krisenzeiten«.

 

Da nur Russland als Ziel für das anvisierte neue polnische U-Boot-gestützte System steuerbarer Raketen mit einer Reichweite von 370 km für die F-16-Kampfjet-Flotte oder das geplante Boden-Boden-Raketenartilleriesystem HOMAR mit von Lockheed Martin lizensierter Technik aus den USA infrage kommt, muss jeder rational Denkende diese Aktionen als lachhaft, wenn nicht sogar verrückt einstufen. Verrückt in dem Sinne, dass jeder Bezug zur Realität verlorengegangen ist.

 

Kein rational denkender Politiker des kleinen, unzureichend verteidigten Landes Polen würde solch provokative Schritte unternehmen. Denn damit steigt nicht nur die Wahrscheinlichkeit, dass Polen in einem möglichen zukünftigen heißen Krieg zwischen der NATO und Russland das erste Land ist, das durch Atomwaffen in Schutt und Asche gelegt wird. Offenbar haben aber einige Leute in der gegenwärtigen Pro-NATO-Regierung Polens nicht alle fünf Sinne beisammen. Ist es der Ausdruck einer unbewussten Todessehnsucht?

 

Die Schlachtordnung

 

Entgegen Radek Sikorskis früherem törichten Vergleich der deutsch-russischen Gaspipeline Nord Stream mit dem Molotow-Ribbentrop-Pakt zwischen Stalins Sowjetunion und Hitlerdeutschland werden Kriege im 21. Jahrhundert ganz anders geführt als 1939. Der Militäranalyst Dr. Richard Saunders schrieb kürzlich in einem Posting:

»Bei einem US-geführten Krieg gegen Russland und China könnte der Konflikt unvorstellbar heftig sein. Es liegt in der Natur der modernen hochtechnisierten Kriegsführung, dass der Konflikt auch unvorstellbar schnell sein könnte. Die Russen und Chinesen haben Silo-,Lastwagen- und Tunnel-gestützte Interkontinentalraketen (ICBM), U-Boot-gestützte Raketen (SLBM), luftgestützte atomare Marschflugkörper, seegestützte atomare Marschflugkörper, EMP-Waffen, Seeziel-Atomraketen, die Flugzeugträger ausschalten können, und noch viel mehr. Alle diese Waffen könnten abgeschossen werden und ihr Ziel in weniger als 30 Minuten erreichen.«

Nehmen wir nur zwei Beispiele der modernen Waffentechnologie, die Moskau einsetzen könnte.

 

Überschall-Marschflugkörper

 

Am 20. Februar gab die staatliche russische Nachrichten-Website Sputnik bekannt, Russland habe einen speziellen Treibstoff entwickelt, mit dem russische Überschall-Fluggeräte mit mehr als fünffacher Schallgeschwindigkeit fliegen könnten. Vize-Verteidigungsminister Armeegeneral Dmitri Bulgakow erklärte, Russland entwickle zurzeit den neuen Spezialtreibstoff für Überschallraketen, mit denen diese schneller als Mach 5 fliegen könnten.

 

Raketen, die eine Geschwindigkeit von Mach 5 erreichen (6125 km/h), werden als »hypersonisch« kategorisiert. Die Raketen können von einem feindlichen Luftabwehrsystem nicht leicht entdeckt werden, sodass sie schwerer abzufangen sind. Ein Marschflugkörper fliegt auf einer nicht-ballistischen, extrem niedrigen Flugbahn und umgeht so die Radar-Frühwarnsysteme. »Experten betonten, hypersonische Waffen könnten das militärische Machtgleichgewicht auf der Welt drastisch verändern.«

 

Russland und Indien haben mit BrahMos bereits den schnellsten Marschflugkörper der Welt entwickelt, der eine Geschwindigkeit von Mach 3 erreichen kann. Der neue, an russischen Militärforschungsinstituten entwickelte Top-secret-Treibstoff liefert genug Energie, sodass Raketen mit mehr als Mach 5 fliegen können. Darüber hinaus haben russische Militärforschungsinstitute einen neuen Dieseltreibstoff für die Streitkräfte in der Arktis entwickelt, der bis minus 65 Grad kältefest ist. Weitere Projekte russischer Wissenschaftler betreffen synthetisches Öl, neues Flugbenzin und kohlenstoffbasierte Treibstoffe, um nur einige zu nennen.

 

Unter Putin ist Russland für Washington nicht mehr der Schwächling, der es noch unter Jelzin war. Das ist einer der Gründe, warum ihn Neokonservative wie Victoria Nuland oder der neue liberale, neokonservative Verteidigungsminister Ashton Carter hassen.

 

Eine lächerliche Entscheidung Polens

 

Indem sie Polen unabhängig mit einem solch offensiven Arsenal ausstattet, hat die Regierung ihr Land de facto zum vorrangigen Ziel Russlands in der ersten Minute eines Krieges gemacht. Wie kann so etwas eine Option sein? Welche Art von Krise stellt sich die Regierung vor?

 

Entgegen der Darstellung der militärischen Schlagkraft Russlands in den westlichen Medien, die es als veralteten Schrotthaufen aus Sowjetzeiten darstellen, hat die russische Rüstungsindustrie modernste Waffentechnologien entwickelt, nachdem Washington in der Ära Bush-Cheney-Rumsfeld deutlich zu erkennen gab, dass die NATO bis an die Kremlmauern vorgeschoben werden sollte.

 

Durch die Wahl Polens zum NATO-Mitglied im Jahr 1999, gemeinsam mit Ungarn und der Tschechischen Republik, dann 2004 Estland, Lettland und Litauen, Slowenien, der Slowakei, Bulgarien und Rumänien signalisierten die NATO-Mitgliedsländer, Deutschland eingeschlossen, einem überraschten Russland, dass der Kalte Krieg keinesfalls vorüber war. Während Putins erster Amtszeit als Präsident begann Russland mit dem Wiederaufbau der militärischen Schlagkraft als Schutzmaßnahme vor zukünftigen neuen Feindseligkeiten.

 

Als die Regierung Bush im Februar 2007 erklärte, sie habe mit den Regierungen Polens und der Tschechischen Republik Verhandlungen über das so genannte Ground-Based Midcourse Defense System, die berühmte Raketenabwehr, aufgenommen,bei dem Raketen in Polen in Reichweite Moskaus stationiert würden, erklärten Präsident Putin und die russische Militärführung dies zu einem Akt der Vorbereitung für einen atomaren Erstschlag. Damit erhalte das Pentagon ein nukleares Primat oder die theoretische Fähigkeit, einen atomaren Erstschlag gegen Russland zu richten und mit vernachlässigbar geringen Verlusten für das eigene atomare Arsenal zu überleben. Genau das war seit den 1950er Jahren der feuchte Traum bestimmter Militärplaner in Washington.

 

Unter der sehr proamerikanischen Regierung von Präsident Lech Kaczyński und seinem Zwillingsbruder, Ministerpräsident Jarosław Kaczyński, und dem neokonservativen Verteidigungsminister Radek Sikorski spürten die Bürger in Polen das Desaster, das Washingtons Raketenabwehr bedeutete, und organisierten Demonstrationen.

 

57 Prozent der Bevölkerung waren dagegen, Polen de facto zur Zielscheibe in einem zukünftigen Atomkrieg zu machen. 2009 änderte die Obama-Regierung Bushs Plan in einen scheinbar weniger bedrohlichen, obwohl das nicht wirklich eindeutig ist.

 

Mit der neuesten »unabhängigen« militärischen Entscheidung hat die Regierung der ehemaligen Gesundheitsministerin und heutigen Ministerpräsidentin Ewa Kopacz einen eindeutig ungesunden Schritt für die Zukunft ihrer Landsleute getan, falls die Neokonservativen in Washington in den nächsten Jahren das militärische Vorgehen gegen Moskau eskalieren.

 

 

 

 

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Leser-Kommentare (63) zu diesem Artikel

05.03.2015 | 20:20

benaco

Als Pole hätte ich auch Angst Truppeneinmärsche sind für Russland Routine: Berlin 1953, Budapest 1956, Prag 1968, Kabul 1979, Grosny 1994, Georgien 2008.


03.03.2015 | 21:01

Naivchen

Hallo an Wikianer, danke für den Ratschlag. ... Umschalt und Enter drücken, dann hast Du einen Absatz und brauchst nicht mehr von Ungleichberechtigung sprechen.... ...... Leider klappt es bei mir. Ich bin eben zu naiv. ............................ Zum Thema: Möge doch die Wahrheit endlich mal ans Licht kommen. Deshalb müssen wir alle bestrebt sein, aufzuwachen!


03.03.2015 | 16:23

Tiberias

02.03.2015 | 14:46 preusse "Jedenfalls werden sie jetzt wohl die ersten sein, die im Zweifel richtig rasiert werden. Aus der Zange Kaliningrad, Karelien und Weißrussland heraus. Haben diese Länder wohl völlig ausgeblendet" Nicht nur Polen soll zu einer Fallout-Todeszone mit 400-600 A-Einschlägen werden, sondern die Deutschen sind bei der Verdampfungsparty mit dabei ;-) ---> Oberst Ryszard Kukliński hatte die Pläne schon in der 80er der CIA geliefert. Die Deutsche...

02.03.2015 | 14:46 preusse "Jedenfalls werden sie jetzt wohl die ersten sein, die im Zweifel richtig rasiert werden. Aus der Zange Kaliningrad, Karelien und Weißrussland heraus. Haben diese Länder wohl völlig ausgeblendet"

Nicht nur Polen soll zu einer Fallout-Todeszone mit 400-600 A-Einschlägen werden, sondern die Deutschen sind bei der Verdampfungsparty mit dabei ;-) ---> Oberst Ryszard Kukliński hatte die Pläne schon in der 80er der CIA geliefert.

Die Deutsche Bevölkerung (damals auch die Ostdeutsche) wurde bei den Plänen genau so als Kollateralschaden abgetan - zig Millionen in der ersten Phase) @Preusse, da hilft auch keine Wohnung am Aachener Stadtrand. Der Ostwind wird Jeden auch in Westendeutschland lebendig Häuten.


03.03.2015 | 13:07

dvvoid

Wie im kleinen so im Großen - und umgekehrt. Sagt man - und ist oft auch so. Ein Erlegnis gestern Abend: Ich betrete die Kneipe, setze mich an die Theke, bestelle ein Bier - und der Fernseher mit dem Fußballspiel geht aus. ausgerechnet von dem, der die Fernbedienung in der Hand hat, werde ich angemacht "Ey warum machst du das Fernsehen aus". Es war kein Spaß, der hat das tatsächlich ernst gemeint. Was will ich damit sagen? Der Irrsinn und die Beklopptheit in der...

Wie im kleinen so im Großen - und umgekehrt. Sagt man - und ist oft auch so. Ein Erlegnis gestern Abend: Ich betrete die Kneipe, setze mich an die Theke, bestelle ein Bier - und der Fernseher mit dem Fußballspiel geht aus. ausgerechnet von dem, der die Fernbedienung in der Hand hat, werde ich angemacht "Ey warum machst du das Fernsehen aus". Es war kein Spaß, der hat das tatsächlich ernst gemeint. Was will ich damit sagen? Der Irrsinn und die Beklopptheit in der Bevölkerung ist real - und nimmt rasend schnell zu. Über den Grund sollte man sich Gedanken machen, denke an GVO oder Trinkwasserzusätze oder ..... den Grund von Chemtrails (?)


03.03.2015 | 01:30

Manfred Friedmann

shalom... @WURZEL, wenn du dich austauschen möchtest mit mir; nicht hier, in diesem sumpf/kloake des buchstabenchaos, sondern über privat- also email, dann hinterlasse mir deine email und ich schreibe dich an. gruß


03.03.2015 | 01:11

Grzegorz Brzęczyszczykiewicz

Ich glaube den Deutschen kein wort mehr. Meinem Opa haben sie gesagt, er geht nur duschen...

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