Friday, 1. July 2016
18.09.2013
 
 

Russisch-chinesischer Erdgasvertrag verändert die Landkarte Eurasiens

F. William Engdahl

China und der staatliche russische Erdgaskonzern Gazprom haben einen Vertrag unterzeichnet, der die beiden großen Länder Eurasiens wirtschaftlich und politisch einander näher bringen will – was Washington definitiv nicht gefällt.

Just in dem Moment, als Barack Obama gezwungen war, tief durchzuatmen, seinen Stolz hinunterzuschlucken und einen Vorschlag Wladimir Putins zu akzeptieren, um einen vollen Krieg mit Syrien zu vermeiden, haben China und Russland – die beiden Mitglieder des UN-Sicherheitsrats, die beharrlich bei ihrem Veto gegen ein militärisches Eingreifen der USA in Syrien geblieben waren – einen Vertrag über umfangreiche Erdgaslieferungen unterzeichnet.

Unter Dach und Fach gebracht wurde der Vertrag bezeichnenderweise genau am Tag des St. Petersburger Gipfeltreffens der G20-Staaten, bei dem Obama noch lauthals seine Absicht kundtat, die Regierungschefs der übrigen Länder von der Notwendigkeit eines Angriffs auf Syrien zu überzeugen. Putin steht jetzt an zwei Fronten als Sieger da: Einerseits wurde der Erdgasliefervertrag mit China unterzeichnet und andererseits wurde Putin durch Obama auf der internationalen Bühne zum obersten internationalen Friedensstifter.

 

Am 5. September unterzeichneten die Chefs der Gazprom und des chinesischen staatlichen Energiekonzerns CNPC den langfristigen Vertrag, wonach Russland China mit Erdgas von seinen Feldern in Ostsibirien versorgen wird. Dass Russlands Präsident Putin und Chinas Präsident Xi Jinping bei der Unterzeichnung zugegen waren, zeigt, wie strategisch bedeutend der Vertrag für beide Seiten ist. Gemäß der Vereinbarung wird die Gazprom jährlich 38 Milliarden Kubikmeter (bcm) Erdgas an China liefern. Zum Vergleich: An Westeuropa, hauptsächlich an Deutschland, liefert Gazprom in diesem Jahr 152 bcm.

Wie in einem früheren Artikel auf dieser Website beschrieben, sind die Auswirkungen enorm. Das russische Gas wird über die »östliche« Route der Erdgaspipeline Power of Siberia transportiert, deren erster Abschnitt 2017 den Betrieb aufnehmen wird. Die beiden Pipelines werden sehr groß; eine verläuft in den Nordwesten Chinas, wo sie an einen chinesischen Erdgas-Knotenpunkt angeschlossen wird. Die andere Linie wird Erdgas zum nordostchinesischen Industriegebiet liefern. Wenn beide Pipelines voll funktionieren, kann über sie mehr als die Hälfte des täglichen chinesischen Erdgasbedarfs gedeckt werden.

 

Gespräche über den Vertrag liefen bereits seit 2006, die Unterzeichnung war bislang jedoch an unterschiedlichen Preisvorstellungen gescheitert. Das ist nun vom Tisch. Mit Sicherheit hat die wachsende Spannung, der Russland und China vonseiten der USA und der NATO ausgesetzt sind, eine Rolle gespielt. Im März unternahm Chinas neuer Präsident Xi Jinping seine erste Auslandsreise als Staatsoberhaupt nicht nach Washington, sondern nach Moskau, ein klares Signal für die Absicht, die Beziehungen zu Russland zu vertiefen.

 

Eine strategische Allianz über die Energiefrage hinaus?

 

Die eigentliche Bedeutung des Vertrages geht über die Energiesicherung hinaus. Sie liegt in der engeren Beziehung, die er zwischen China und Russland, den ehemaligen Gegnern im Kalten Krieg, knüpft. Beim Gipfeltreffen in St. Petersburg sagte Putin: »China ist unser strategischer Partner. Das zeigt sich nicht zuletzt im Umfang unseres Handels. China ist für die Russische Föderation Handelspartner Nummer eins.«

 

Darüber hinaus investieren chinesische Firmen in Russland. Nach den jüngsten Zahlen des Handelsministeriums stiegen Chinas Direktinvestitionen in Russland 2012 im Vergleich zum Vorjahr um 120 Prozent. Im April unterzeichnete Chinas Vize-Ministerpräsident mit russischen Firmen insgesamt 27 Verträge im Gesamtumfang von 15 Milliarden US-Dollar, unter anderem mit dem weltgrößten Aluminiumhersteller RUSAL.

 

Während China gemeinsam mit Russland im UN-Sicherheitsrat Resolutionen von USA und EU für eine direkte Militärintervention in Syrien blockierte, einigten sich beide Länder auch auf eine Zusammenarbeit bei der Eisenbahn-Infrastruktur. Im vergangenen Monat wurde nach neunjähriger Unterbrechung der Eisenbahngüterverkehr auf einer neu fertiggestellten 100 Kilometer langen Strecke der Hunchun-Makhalino-Eisenbahn aufgenommen, die die chinesische Provinz Jilin mit dem russischen Grenzbezirk Primorje verbindet. Dabei wurde russische Kohle nach Jilin transportiert. Der Verkehr wurde wieder aufgenommen, nachdem eine ganze Reihe von Problemen, vornehmlich politischer Art, zwischen beiden Eigentümern und den Regierungen aus dem Weg geräumt waren. Die 81 km lange Strecke auf der chinesischen Seite gehört der Northeast China Railway Group aus Jilin, der 20,3 km lange russische Abschnitt dem russischen Unternehmen JSC Golden Link. Der größte Engpass war das zögerliche Vorgehen Chinas beim Aufbau des Russland-Handels. Das hat sich nun verändert. Durch die Eisenbahn wird die landeingeschlossene Region Jilin mit dem russischen Hafen Zarubin verbunden und der Gütertransport angekurbelt.

 

Eine chinesisch-russische Zusammenarbeit besteht jedoch nicht nur in den Bereichen Diplomatie und Wirtschaft. Auch die militärische Kooperation wird vertieft. Im Juli endete das gemeinsame chinesisch-russische Marinemanöver Joint Sea 2013. An der einwöchigen Übung waren sieben Schiffe der chinesischen Nordmeer- und Südmeerflotte sowie zwölf Schiffe der russischen Pazifikflotte beteiligt.

 

Die eine Konkurrenz, die Washington seit dem Kollaps der Sowjetunion aktiv zu verhindern sucht, ist die Bildung eines gemeinsamen, von US-Dollar und den USA unabhängigen eurasischen Wirtschaftsraums. Dieser wirtschaftlich integrierte eurasische Raum ist mit der Unterzeichnung des Erdgasvertrags zwischen Gazprom und CNCP einen großen Schritt näher gekommen.

 

 

 

 


 

 

 

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