Donnerstag, 17. August 2017
17.06.2016
 
 

Wegen der Sanktionen: Russland ist jetzt weltgrößter Getreideexporteur

F. William Engdahl

Russlands Volkswirtschaft sei viel zu stark von Energieexporten abhängig, heißt es bei westlichen Mainstream-Ökonomen immer wieder. Wenn es um andere Dinge als die simple Ausfuhr von Rohstoffen gehe, sei Russland schlicht nicht konkurrenzfähig. Aber während Öl- und Gasexporte weiterhin eine wichtige Einnahmequelle für den Staat darstellen, sind es beileibe nicht die einzigen. Nachdem die USA und die EU die Energiewirtschaft Russlands im Jahr 2014 mit Sanktionen belegten, ging der Kreml im August 2014 zum Gegenangriff über.

 

Er untersagte den Import zahlreicher Lebensmittel aus der EU und den USA. Nachdem die Türkei im November 2015 ein russisches Kampfflugzeug über Syrien abgeschossen hatte, verbot der Kreml auch die Einfuhr wichtiger Lebensmittel aus der Türkei, allen voran Tomaten und Gurken. Dass deutlich weniger Lebensmittel importiert wurden, hat im Zusammenspiel mit einigen staatlichen Anreizen im Agrarbereich dazu geführt, dass Russlands landwirtschaftliche Produktion dramatisch angestiegen ist.

Vor dem Einfuhrverbot machten Importprodukte gut und gerne 40 Prozent aller Lebensmittel aus, die im Einzelhandel verkauft wurden.

 

Alles von Tomaten bis hin zu Hühnchen stammte zumeist aus dem Ausland. Multinationale Konzerne wie Nestlé, Kraft oder Danone waren allgegenwärtig.

 

Wie ihre eigenen Lebensmittel schmeckten, hatten die Russen größtenteils vergessen. Die westlichen Agrarkonzerne waren auf dem besten Weg, qualitativ hochwertige heimische Lebensmittel mit Billigprodukten aus dem Feld zu schlagen. Doch innerhalb von nicht einmal zwei Jahren hat sich das enorm verändert. Inzwischen durchläuft Russlands Landwirtschaft eine stille, dramatische Renaissance, fast schon eine Neugeburt.

 

In seiner jährlichen Ansprache zur Duma erklärte Präsident Wladimir Putin am 3. Dezember 2015, Russland solle bis zum Jahr 2020 autark werden, was die Lebensmittelversorgung anbelangt. Das bedeutet, innerhalb von sechs Jahren Alternativen für stolze 40 Prozent des Lebensmittelkonsums zu finden. Und jetzt kommt es: Inzwischen erscheint dieses Ziel geradezu bescheiden.

 

Nachdem er im November 2015 die Einfuhr türkischer Lebensmittel untersagt hatte, erklärte Präsident Putin: »Russland ist imstande, der weltgrößte Produzent von gesunden, umweltverträglich hergestellten und qualitativ hochwertigen Lebensmitteln zu werden, die die westlichen Hersteller längst verloren haben.« Außerdem verkündete Russland vergangenes Jahr ein umfassendes Verbot für die Nutzung von genetisch verändertem Saatgut und für die Einfuhr von genetisch veränderten Lebensmitteln.

 

Was hat das für Folgen? Als Resultat der Einfuhrverbote und der Maßnahmen zur Steigerung der heimischen Lebensmittelproduktion hat Russland den Nahrungsimport seit 2013 um etwa 40 Prozent auf etwa 26,5 Milliarden Dollar (Stand Ende 2015) gesenkt.

 

Weltgrößter Getreideproduzent


Russland zählt heute zu den führenden Nationen weltweit, wenn es um den Export von Agrarprodukten geht. Im Jahr 2015 verkaufte das Land seine Produkte in rund 140 Länder und verdiente damit geschätzte 20 Milliarden Dollar, satte fünf Milliarden Dollar mehr als im Jahr 2014. Das ist eine Steigerung um ein Drittel. Und das in einem Jahr der Sanktionen. Das ist ein Viertel mehr als das, was Russland mit dem Waffenexport einnimmt, und es entspricht einem Drittel der Einnahmen aus dem Erdgasgeschäft.

 

In vielen Köpfen hält sich bis heute das Bild eines rückständigen, ineffizienten Lebensmittelsystems sowjetischer Prägung mit gewaltigen Kolchosen und Produzenten, die keinerlei Anreiz haben, effektiv zu arbeiten. Dieses Bild gehört größtenteils längst der Vergangenheit an. Heutzutage sind satte 70 Prozent des russischen Farmlandes in Privatbesitz. Während der Privatisierungswellen der 1990er-Jahre wurde das Land vor allem unter ehemaligen Mitarbeitern der staatlichen Kolchosen aufgeteilt. Seitdem sind weite Teile des Agrarlandes – vor allem die fruchtbaren Schwarzerderegionen in Südrussland – offiziell als in Privatbesitz befindlich festgeschrieben.

 

In der Nähe des Schwarzen Meeres verfügt Russland über einige der besten Schwarzerdeböden der Welt. Insofern war buchstäblich der Boden dafür bereitet, dass das Land mit den richtigen Anreizen dramatische Produktionssteigerungen würde schaffen können. In Russland findet sich einer von nur zwei Schwarzerdegürteln auf der Welt. Der sogenannte »Tschernosem-Gürtel« (nach dem russischen Begriff für »Schwarzerde«) erstreckt sich von Südrussland über die Oblaste Kursk, Lipezk, Tambow und Woronesch bis nach Sibirien. Schwarzerde enthält viel Humus, Phosphorsäuren, Phosphor und Ammoniak. Nach Westen hin findet man Schwarzerderegionen im Nordosten der Ukraine und entlang der Donau auf dem Balkan.

 

Im abgelaufenen Erntejahr zog Russland an den Vereinigten Staaten vorbei und stieg zum weltgrößten Getreideexporteur auf – ein historisches Ereignis. Auch bei Mais, Reis, Sojabohnen und Buchweizen meldete Russland Rekordernten. Zu den wichtigsten Abnehmern von russischem Weizen und Roggen zählen Ägypten, Saudi-Arabien, der Iran, Aserbaidschan, der Jemen, Libyen, Nigeria, Südafrika und Südkorea.

 

Seit Ende des Zweiten Weltkriegs erachten die USA ihre Agrarexporte als strategisch wichtig. Nach jahrzehntelanger Bombardierung mit starken Chemikalien und intensiver Nutzung droht erstklassigem Agrarland an Orten wie Kansas ernsthafter Bodenverlust und der Tod wichtiger Mikroorganismen. Die Ernteerträge ersetzen die Erntequalität nicht, was dazu führt, dass natürlich angebautes russisches Getreide sich als wichtigste Kraft auf dem Weltmarkt durchsetzt.

 

Russland erlaubt heutzutage auch ausländischen Interessen, Ackerland zu leasen. Die Regierung führt diesbezüglich Gespräche mit Lebensmittelkonzernen aus China und Thailand. Es geht um Investitionen und die Modernisierung zentraler Bereiche wie der Milchwirtschaft. Der staatliche Russian Direct Investment Fund hat mit China einen zwei Milliarden Dollar schweren Fonds aufgelegt, der in landwirtschaftliche Projekte investieren soll. Und mit der CP Group aus Thailand wurde kürzlich ein Gemeinschaftsunternehmen gegründet, das Russlands größten integrierten Agrarkomplex errichten will. Mit Ägypten arbeitet Russland daran, am Sueskanal ein Exportzentrum für russisches Getreide zu errichten.

 

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass viele russische Oligarchen ihren Wohlstand nicht nehmen, um sich in London Grundstücke, Fußballvereine oder andere Dinge zu kaufen, die nichts zum Aufbau der russischen Wirtschaft beitragen, sondern dass sie vielmehr große Summen in Russlands Agrarsektor stecken. Steuerliche und andere staatliche Anreize machen es für Russen ausgesprochen lohnenswert, in die heimische Landwirtschaft zu investieren. »Die beiden heißesten Anlagemöglichkeiten für reiche Russen sind Ackerland und europäische Hotels. Das ist ein ganz neuer Trend«, sagte kürzlich Jewgenija Tjurikowa der Nachrichtenagentur Bloomberg. Tjurikowa leitet die Abteilung für Private Banking bei Sberbank, der größten russischen Staatsbank.

 

Als Putin im Dezember erklärte, Russland müsse sich im Jahr 2020 selbst ernähren können, kaufte der Oligarch Wladimir Ewtuschenkow durch seine Holding AFK Sistema den gewaltigen Juschni-Agrarkomplex, der zwischen Schwarzem Meer und Kaspischem Meer Treibhäuser betreibt, die insgesamt eine Fläche von 2300 Fußballfeldern bedecken. Angebaut werden vor allem Tomaten und Gurken, die mit sauberem Schmelzwasser vom nahegelegenen Elbrus gewässert werden. Millionen Feldfrüchte werden vor allem nach Moskau geliefert, eine 18-stündige Reise. Sistema gab vergangenes Jahr etwa neun Milliarden Rubel für den Ausbau des Agrargeschäfts aus und will nun durch den Kauf weiteren Landes zu einem der fünf größten Milchproduzenten des Landes aufsteigen.

 

Der Zucker- und Fleischproduzent Ros Agro, ein Unternehmen des Milliardärs Wadim Moschkowitsch, hat drei Milliarden Rubel (46 Millionen Dollar) an staatlicher Unterstützung erhalten. Im Rahmen eines staatlichen Förderprogramms musste das Unternehmen seine Gewinne nicht versteuern, wodurch die Nettogewinnmarge auf 33 Prozent kletterte, ein Wert, der sogar noch besser als der des staatlichen Ölkonzerns Lukoil ist. Aber es gibt noch weitere Oligarchen, die sich stark daran beteiligen, eine moderne, organische und rentable Landwirtschaft aufzubauen. Dazu zählen der Tycoon Andrej Gurjew vom Düngemittelhersteller Phosagro OJSC, der Immobilienmogul Samwel Karapetjan und Oleg Deripaska von United Company Rusal.

 

In der nächsten Phase auf dem Weg zum Selbstversorger werden geschätzte 40 Millionen Hektar brachliegenden Agrarlandes wieder in Betrieb genommen. Das Land wurde größtenteils in den Jelzin-Jahren der 1990er aufgegeben, als die Wirtschaft zusammenbrach. Wir sprechen hier über Ackerland in der Größe des Irak! Putin hat den Staat gedrängt, Teile davon zu verschenken, um mehr Menschen in die Landwirtschaft zu locken – das Gegenteil von Stalins katastrophaler Kollektivierungspolitik. Die ersten Parzellen wurden diesen Monat im fernen Osten Russlands verschenkt.

 

Mit seinen ach so cleveren Sanktionen hat sich der Westen selbst ein Bein gestellt. Russland wendet sich nach Osten und nicht nach Westen, und die Landwirtschaft spielt bei dieser Neuausrichtung eine zentrale Rolle.




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