Tuesday, 27. September 2016
04.07.2013
 
 

Henry Kissinger: Ein »balkanisiertes« und zerschlagenes Syrien wäre das »bestmögliche Ergebnis«

Jurriaan Maessen

Vor wenigen Tagen, am 19. Juni dieses Jahres, äußerte sich der frühere amerikanische Nationale Sicherheitsberater und Außenminister Henry Kissinger zur derzeitigen Situation in Syrien und gab zu erkennen, dass er ein auseinanderbrechendes und balkanisiertes Syrien dem derzeit von Assad kontrollierten Staat vorziehe.

So sagte er: »Am Ende läuft es auf drei mögliche Ergebnisse hinaus: ein Sieg Assads, ein Sieg der Sunniten oder ein staatliches Gebilde, in dem die unterschiedlichen Nationalitäten sich

darauf verständigen, in mehr oder weniger autonomen Regionen zusammen zu leben, so dass sie sich nicht gegenseitig unterdrücken können. Ein solches Ergebnis würde ich bevorzugen, aber das entspricht nicht der allgemeinen Auffassung.«

 

Nachdem er von der Moderatorin als der »ehrenwerte Dr. Kissinger« vorgestellt worden war, hielt der 90-jährige machtpolitische Strippenzieher einen interessanten geschichtlichen Vortrag. Kissinger legte ausführlich dar, wie der heutige Staat Syrien, wie auch sein Nachbar Irak, von europäischen Mächten geschaffen worden war:

»Syrien ist zunächst einmal kein historisch gewachsener Staat. In seiner heutigen Form wurde es 1920 geschaffen und erhielt diese Gestalt, um nach dem Mandat des Völkerbundes, das bis zum April 1946 andauerte, die Kontrolle des Landes durch Frankreich zu ermöglichen. Auch seinem Nachbarn Irak wurde eine Form gegeben, die die weitere Kontrolle durch England sicherte. Zudem wurden beide Länder so gestaltet, dass es für jedes einzelne schwer sein würde, die Vorherrschaft in der Region an sich zu reißen.«

Als Folge dieser nicht geschichtlich gewachsenen Ursprünge wurde, so Kissinger weiter, das heutige Syrien als mehr oder weniger künstliche nationale Einheit betrachtet, die sich aus unterschiedlichen Stämmen und ethnischen Gruppen zusammensetzte. Vor dem Hintergrund der sich aufgrund der derzeitigen »Revolution« immer chaotischer entwickelnden Zustände erläuterte Kissinger das Wesen der gegenwärtigen Lage so:

»In den amerikanischen Medien wird die derzeitige Lage als Konflikt zwischen Demokratie und Diktatur bezeichnet – der Diktator ermordet seine eigene Bevölkerung, und wir müssen ihn dafür bestrafen. Aber darum geht es bei den gegenwärtigen Ereignissen nicht. Dieser Prozess wurde vielleicht von einigen Demokraten in Gang gesetzt, aber er hat sich nun im Ganzen gesehen in einen ethnischen und religiösen Konflikt verwandelt.«

»Heute handelt es sich um einen Bürgerkrieg zwischen verschiedenen religiösen Gruppen«, fuhr Kissinger fort. »Und ich muss einräumen, dass wir das Ganze von Anfang an missverstanden haben. In den Medien war zu lesen: Wir müssen Assad loswerden. Und wenn wir Assad einmal gestürzt haben, müssen wir eine Koalitionsregierung einsetzen. Das ist unvorstellbar. Ich bin durchaus dafür, Assad zu stürzen, aber im Konflikt zwischen den Russen und uns in dieser Frage vertreten die Russen die Auffassung: Zuerst wollt ihr Assad und andere stürzen, das ist aber nicht das entscheidende Problem. Dann zerstört ihr die Zentral- Regierung, und dann werdet ihr wie im Irak die staatlichen Institutionen zerstören – und es gibt nichts mehr, was das Land zusammenhält. Und dann wird es zu einem noch schlimmeren Bürgerkrieg kommen. Aus dieser Problematik heraus hat sich die derzeitige chaotische Situation entwickelt.«

 

Bereits zuvor hatte sich Kissinger dahingehend geäußert, dass es durchaus erstrebenswert wäre, als Gegner eingeschätzte Nationen in kleinere Teile aufzuspalten. Später könnte das dann entstehende Chaos den Prozess der Eingliederung in eine globale Ordnung erleichtern. Im Kern handelt es sich um das alte Prinzip von »Teile und herrsche«. Diese jüngsten Äußerungen Kissingers stehen im Einklang mit vorangegangenen Erklärungen, in denen er das Konzept vertrat, soziale Umwälzungen und großangelegte Unruhen könnten dazu benutzt werden, verschiedene Nationen (darunter auch die USA) zu einem »internationalen System« zu verschmelzen.

 

»Die Vereinigten Staaten müssen Teil eines internationalen Systems werden, wie wir es zu Hause bereits eingerichtet haben«, erklärte Kissinger 2012 gegenüber The Harvard Crimson. Auf die Frage, welchen drängendsten Problemen sich die amerikanische Gesellschaft derzeit gegenübersehe, antwortete Kissinger damals:

 

»Auf internationaler Ebene wird die Lage durch Umwälzungen erschwert, die überall auf der Welt stattfinden, die aber nicht immer auf die gleichen grundlegenden Ursachen zurückzuführen sind. Daher müssen die USA Teil eines internationalen Systems werden, wie wir es zu Hause bereits eingerichtet haben.«

Diese Vorstellung, Krisen und Umwälzungen, deren Ursachen sich von Land zu Land durchaus unterscheiden können, dazu zu benutzen, eine neue Weltordnung aufzubauen, passt sich nahtlos in die immer schon von den Eliten bevorzugte Regel ein, eine neue Weltordnung lasse sich am besten mithilfe und inmitten chaotischer Zustände errichten. Darüber hinaus erlaubt uns Kissinger mit seiner Äußerung, man müsse gesellschaftliche Unruhen, seien sie nun wirtschaftlicher, politischer oder allgemein gesellschaftlicher Natur, dazu nutzen, Nationen in die angestrebte »Weltordnung« einzugliedern, einen kurzen Einblick in die zugrunde liegenden Absichten, die er und seine Bilderberger-Freunde verfolgen und immer wieder darlegen.

 

Im Dezember 2008 berichtete Steve Watson in einem Artikel auf der Internetseite Prisonplanet.com, Kissinger habe in einem Interview mit dem den Bilderbergern nahestehenden Charlie Rose, »das Chaos, das sich aufgrund der Finanzkrise und der Verbreitung terroristischer Gefahren weltweit ausbreite, als Chance bezeichnet, eine neue Weltordnung zu errichten«.

 

»Meiner Meinung nach wird die neue Regierung, wenn sie die allgemeine Lage beurteilt, der sie sich gegenübersieht, eine immense Krise und schreckliche Probleme erkennen. Aber zugleich könnte sie meiner Ansicht nach darin auch die Keimzelle für die Errichtung einer neuen Weltordnung entdecken«, sagte Kissinger vor einigen Jahren gegenüber Rose.

 

Diese Vorstellung, Krisen und Umwälzungen als ein weiteres länderspezifisches Mittel für die Errichtung der angestrebten zentralisierten Weltordnung anzusehen, verweist auf einen zugrunde liegenden Plan – ein finsteres Vorhaben, das den Regeln der klassischen hegelianischen Dialektik folgt, nach der ein reales oder vermeintliches Problem zu einer Reaktion führt, die es dann wiederum der Elite erlaubt, eine Lösung praktisch auf dem Silbertablett zu servieren. Kissingers Worte erinnern mich unheilverkündend an Äußerungen Alexander Wendts von der Universität Chicago 2003 in seinem Aufsatz »Warum ein Weltstaat unvermeidlich ist: Teleologie und die Logik der Anarchie« (in englischer Sprache). Dort hieß es:

»Nationalistische Auseinandersetzungen um Anerkennung sind mitnichten vorbei, und weitere neue Staaten – und damit ›mehr Anarchie‹ – könnten noch entstehen. Eine weitere Zersplitterung ist zwar in einer Hinsicht ein Rückschritt, zugleich aber auch eine Vorbedingung für Weiterentwicklung. Denn nur, wenn Unterschiede anerkannt werden, kann sich auf höherer Ebene eine stabile Identität herausbilden… Ein Weltstaat ist nur möglich, wenn er die verschiedenen Nationalismen einbezieht, ohne sie zu unterdrücken.«

Gedanken wie diese erhellen möglicherweise Äußerungen wie die Kissingers und seiner supranationalistischen Mitstreiter. Im Kern allerdings enthüllen sie, dass man sich durchaus bewusst ist, dass sich ein Weltstaat nicht allein aufgrund eines bloßen Vorschlags durchsetzen lässt und möglicherweise sogar ein herber Rückschlag droht, wenn man ihn zu direkt fordert. Das gleiche Ziel ließe sich aber aus ihrer Sicht über eine Balkanisierung und Aufsplitterung von im Westen oder im Osten gelegenen Nationalstaaten leichter erreichen, um diese Teilstücke dann in ein weltumfassendes Konstrukt einzugliedern, das man in der Regel als »die Neue Weltordnung« bezeichnet.

 

 

 

 

 


 

 

 

 

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