Wednesday, 23. May 2012
21.02.2012
 

Griechenland auf Dritte-Welt-Niveau: Euro-Retter werden zu Gläubiger-Rettern

Michael Brückner

Aufatmen allenthalben: Griechenland und der Euro wurden angeblich wieder einmal gerettet. Ein 130-Milliarden-Sparpaket und der 53,5-prozentige Forderungsverzicht privater Schuldner sollen die Krise entschärfen. Die Realitätsverweigerung der so genannten Euro-Retter wird immer teurer. Dabei gibt es mindestens sechs Gründe, weshalb Griechenland als Mitglied der Euro-Gruppe nicht mehr zu retten ist.

Wieder einmal feiern die Euro-Retter den angeblichen Durchbruch: Griechenland wird mit einem 130

Milliarden Euro schweren Paket unter die schwachen Arme gegriffen, private Gläubiger lassen sich auf mehr oder minder sanften Druck seitens der Regierungen auf einen Schuldenschnitt ein und schreiben einen erheblichen Teil ihrer Forderungen ab. Einmal mehr hat das für die europäische Öffentlichkeit geschriebene Drehbuch der griechischen Schuldentragödie bestens funktioniert: Athen drohte erneut mit der Staatspleite, die EU und vor allem Deutschland übernahmen die Rolle des strengen Sparkommissars, der den Hellenen als Voraussetzung für neue Hilfen drastische Sparmaßnahmen auferlegte. Das beruhigt die friedfertigen deutschen Steuerzahler – und die Medien jubeln über die »eiserne Kanzlerin«. In Athen darf derweil der Staatspräsident theatralisch ausrasten und den deutschen Finanzminister beschimpfen. Das wiederum kommt bei vielen Griechen gut an. Doch hinter den Kulissen wurde der nächste Akt der Insolvenzverschleppung bereits abgesprochen. Den Bürgern aber präsentiert man ein unwürdiges Schmierentheater.

 

Denn auch die jüngsten Brüsseler Beschlüsse werden Griechenland nicht retten. Allein diese Erkenntnis darf als gesichert gelten. Es wurde wieder einmal ein hoher Preis gezahlt, um Zeit zu gewinnen – zumindest bis nach den Wahlen in Griechenland und Frankreich. Hier sechs Wahrheiten, die den Steuerzahlern der Geberländer oft verschwiegen werden:

 

1. Die milliardenschwere Hilfe kommt nicht der griechischen Wirtschaft zugute, sondern den Gläubigern. Die angeblichen Euro-Retter sind in Wahrheit Gläubiger-Retter. Die griechischen Banken brauchen dringend frisches Kapital, um nach einem Schuldenschnitt nicht pleite zu gehen. Der geschätzte Aufwand beläuft sich auf mindestens 30 Milliarden Euro. Weitere 30 Milliarden Euro plus Zinsen sind erforderlich für neue EFSF-Anleihen im Rahmen des Schuldenschnitts. Mit der geplanten Einrichtung eines Sperrkontos soll sichergestellt werden, dass Staatseinnahmen weitgehend der Befriedigung von Gläubigeransprüchen dienen. Athen gibt damit faktisch einen Teil seiner Haushaltssouveränität ab.

 

2. Die beiden größten Parteien des Landes verlieren dramatisch an Zustimmung. Nach den Parlamentswahlen könnten die politischen Karten in Griechenland neu gemischt werden. Ob sich die dann Regierenden noch an die Sparzusagen halten werden, ist angesichts zunehmender innerer Unruhen mehr als zweifelhaft. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble ahnt das wohl auch. Weshalb sonst hat er den Griechen empfohlen, die Parlamentswahlen zu verschieben?

 

3. Griechenland hat viele Beamte, aber keine Verwaltung. Es bestehen keine belastbaren  staatlichen Strukturen. Was immer das Parlament beschließen mag – umgesetzt werden können bestenfalls Teile davon. Aus Gründen der politischen Korrektheit wird verschwiegen, was nicht nur für die Mitglieder der so genannten Troika aus EU-Kommission, EZB und IWF längst offenkundig ist: Griechenland ist auf dem Niveau eines Landes der Dritten Welt angelangt. Auf dem Korruptionsindex der Organisation Transparency International steht Griechenland zwischen Kolumbien und Peru.

 

4. Die Wirtschaftsstruktur des Landes war – abgesehen von ein paar Nischen wie dem Tourismus – schon vor der Krise schwach. Als Folge der bereits beschlossenen Sparmaßnahmen und Steuererhöhungen erodierte nun auch noch der schmale Mittelstand. Während die Bedeutung von Industrie und Dienstleistungen für die griechische Wirtschaft weiter sinkt, flüchten viele Städter aufs Land und bebauen ihre Äcker. Ein Euro-Staat, dessen ökonomischer Schwerpunkt sich zunehmend auf die Landwirtschaft verlagert, wird dauerhaft milliardenschwere Hilfen brauchen. Auch wenn es der griechische Staatspräsident nicht gern hört – sein Land ist in der Tat ein Fass ohne Boden. Zumindest so lange, wie es den Euro als Landeswährung behält.

 

5. Wenn die Wirtschaft eines Landes nicht mehr wettbewerbsfähig ist, bleibt nur der Ausweg einer Abwertung der Währung. Solange Griechenland den Euro hat, ist dies nicht möglich. Da aber die Euro-Retter Athen unbedingt in der Währungsunion halten wollen, kommt es in der Konsequenz zu einer deflationären Anpassung. Deshalb sinken die Mindestlöhne. Doch selbst dies hilft dem Land nicht weiter, weil der griechische Exportsektor extrem schwach ist. Denn was bringt es, die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen durch Lohnsenkungen zu erhöhen, wenn zumindest mittelfristig kein Markt da ist, auf dem sich die Güter verkaufen lassen? Die Inlandsnachfrage wiederum bleibt schwach, weil die Menschen deutlich weniger verdienen und auf privaten Schulden sitzen.

 

6. Selbst wenn sich alle positiven Prognosen der Euro-Retter erfüllten (es wäre das erste Mal), würde die griechische Schuldenquote von jetzt rund 170 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bis zum Jahr 2020 lediglich auf bestenfalls 120 Prozent sinken. Damit läge sie immer noch über der aktuellen Staatsverschuldung Italiens. Willem Buiter, Chefvolkswirt der Citibank, rechnet daher bald mit einem weitergehenden  Schuldenschnitt. Private und öffentliche Gläubiger dürften dann sehr viel mehr Geld verlieren.

 

Das alles geht in der aktuellen Euphorie der Euro-Retter wieder einmal unter. An den Börsen wird die angebliche Rettung der Banken gefeiert, aber nicht die Rettung Griechenlands. Der südeuropäische Patient hat nur außerhalb der Währungsunion eine Chance. Noch aber verweigert der Mainstream diese Erkenntnis. Lange wird dies nicht mehr gelingen.

 

 


 

 

Interesse an mehr Hintergrundinformationen?

 

Werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen der Macht – und erfahren Sie, was die Massenmedien Ihnen verschweigen!

 

Lesen Sie weitere brisante Informationen im neuen KOPP Exklusiv. KOPP Exklusiv wird grundsätzlich nicht an die Presse verschickt und dient ausschließlich zu Ihrer persönlichen Information. Jede Ausgabe ist gründlich recherchiert, im Klartext geschrieben und setzt Maßstäbe für einen kritischen Informationsdienst, der nur unter ausgewählten Lesern zirkuliert und nur im Abonnement zu beziehen ist.

 

In der aktuellen Ausgabe finden sie unabhängige Hintergrundinformationen unter anderem zu folgenden Themen:

  • Staat droht Steuersündern mit Gefängnis: »Operation kalte Füße«
  • Schock für Hauseigentümer: Schornsteinfeger als Unglücksboten
  • Menschenversuche mit Lebensmitteln
  • Todeszone Marseille: Immer mehr Maschinenpistolen

 

 

Das alles und viele weitere Kurzberichte im neuen KOPP Exklusiv, fordern Sie noch heute Ihr Probeabonnement an!

Ergänzende Beiträge zu diesem Thema

Griechenland: Das Kasperletheater der Insolvenzverschlepper

Michael Brückner

Wer keine Strategie hat, versucht es eben mit Aktionismus. Das jüngste Gipfeltreffen der Euro-Finanzminister brachte am Ende nur ein konkretes Ergebnis: die Vereinbarung des nächsten Gipfels in der kommenden Woche. Derweil könnte die griechische Schuldentragödie in ihr Endstadium eintreten. An eine Rettung glaubt ohnehin niemand mehr.  mehr …

Deutscher Manager warnt Deutschen Bundestag vor Griechenlandhilfe

Redaktion

Der frühere Vorstandsvorsitzende der Thyssen AG, Dieter Spethmann, ist zutiefst besorgt über Deutschland und seine Geberrolle für den Rest Europas. In einem Brief an die Abgeordneten des Bundestages warnt der Jurist jetzt vor den umfangreichen Griechenlandhilfen, die Deutschland, selbst klamm, den Hellenen immer wieder großzügig gewährt: »Ich hege  mehr …

Wer diesen Artikel gelesen hat, hat sich auch für diese Beiträge interessiert:

Die Vatikan-Verschwörung: Der Glaube und das liebe Geld

Michael Brückner

Im Kirchenstaat überschlagen sich die Ereignisse: Es gibt Gerüchte über ein Mordkomplott gegen den deutschen Papst, geheime Unterlagen gelangen an die Öffentlichkeit und der Vatikan wird der Geldwäsche verdächtigt. Ist das reiner Zufall? Oder gibt es eine Verschwörung?  mehr …

Gold: Auf der Suche nach einem Wertspeicher

Christine Rütlisberger

Seit 1997 war die Nachfrage nach Gold auf der Welt nicht mehr so groß wie in diesen Tagen. Die Menschen suchen nach einem Wertspeicher, um die Früchte ihrer Arbeit durch die Krise zu retten.  mehr …

Kriegsvorwand? Anschläge in Indien, Thailand und Georgien sollen Iran in die Schuhe geschoben werden

Finian Cunningham

Wurden die amerikanischen und israelischen Bemühungen, den Iran für den internationalen Terrorismus verantwortlich zu machen, jetzt auf die ganze Welt ausgedehnt? Eine Reihe von Bombenanschlägen auf israelische Diplomaten in Indien und Georgien wird jetzt mit Explosionen in der thailändischen Hauptstadt Bangkok in Beziehungen gebracht. Berichten  mehr …

Joachim Gauck: Präsident der Herzen oder Kandidat der Finanzindustrie?

Eva Herman

Immer dann, wenn sich alle Parteien, Wirtschafts- und Finanzgrößen, Promis und vor allem die Medien unseres Landes über eine bestimmte Sache oder Person einig sind, immer dann gibt es eigentlich schon genügend Grund, sofort stutzig zu werden. So, wie alle Beteiligten vor über sieben Wochen offenbar plötzlich einhellig beschlossen hatten, dass  mehr …

Aktuelle Videos

  • Wer errechnet den ESM? Was bedeutet die Schuldenunion für die Bürger? Wurde das Volk durch den ESM entmachtet?
  • Überlebt Ihr Vermögen das Ende des Euro? Exklusiv-Interviews mit Frank Schäffler und Hans-Olaf Henkel

Werbung

Newsletter – Jetzt kostenlos anfordern

E-Mail-Adresse

KOPP EXKLUSIV – Jetzt bestellen

Brisante Hintergrundanalysen wöchentlich exklusiv nur bei uns.

Katalog – Jetzt kostenlos bestellen

Bestellen Sie unseren Katalog kostenlos und unverbindlich.