Panik an den Märkten: Zinsen für französische Staatsanleihen explodieren
Michael Brückner
Paris unter Druck: Das Schuldenvirus hat Frankreich infiziert. Selbst das eilig vorgestellte Sparpaket, das in der Bevölkerung auf heftigen Widerstand stößt, konnte ein Übergreifen der Krise nicht verhindern: In Italien und Frankreich explodieren die Zinsen für Staatsanleihen. Seit Tagen schon wächst das Misstrauen der Investoren gegenüber Sarkozy und seiner Regierung.

Am Ende blieben nur noch Hohn und Spott für den langjährigen italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi. Er werde mit einem Glas Chianti auf den angekündigten Rücktritt anstoßen, meinte ein Christdemokrat in Berlin. Und der designierte Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, nannte den ausscheidenden Regierungschef »das größte Standortrisiko eines
G-8-Staates«. Zunächst hatte die Demission Berlusconis die Aktienmärkte noch beflügelt, doch schon wenige Stunden später geriet die Situation völlig außer Kontrolle. Die Renditen für zehnjährige italienische Staatsbonds stiegen auf atemberaubende 7,47 Prozent, auch die Preise für CDS (Kreditderivate) schossen nach oben. Kopp Online warnte im Zusammenhang mit dem Berlusconi-Rücktritt und den auch in anderen Ländern anstehenden Neuwahlen frühzeitig vor zunehmender innenpolitischer Instabilität mit der Folge einer weiteren Verschärfung der Euro-Krise. Nach dem Rücktritt des italienischen Premiers äußerte sich das Investmenthaus Goldman Sachs ähnlich und bezeichnete Neuwahlen in Italien als Worst Case. Davon scheinen die Marktteilnehmer nun aber mehrheitlich auszugehen. Deshalb haben sie sich geradezu panisch von italienischen Staatsanleihen getrennt.
Außerdem warnten wir bereits vor einigen Wochen davor, angesichts der Krise in Italien das hohe Risikopotenzial Frankreichs zu übersehen. Nun haben die Märkte ganz offenkundig erkannt, dass die Grande Nation zum Teil vor größeren Problemen steht als Italien. Auf dem G-20-Gipfel von Cannes wurde festgestellt: Alle vier französischen Großbanken sind »systemrelevant«. Im Klartext: Droht ihnen die Pleite, muss der Steuerzahler einspringen. Die Gefahr ist groß, denn diese Institute stecken tief im griechischen Schuldensumpf. Die italienischen Banken hingegen gelten mehrheitlich als relativ solide. Auch die privaten Ersparnisse der Italiener sind höher als die der Franzosen. Nachdem der »Prügelknabe« Berlusconi seinen Rücktritt angekündigt hat, realisieren die Märkte die wahren Risiken des Nachbarlandes.
Schon seit Anfang November meiden Investoren französische Staatsanleihen. Einen Tag nach der
Rücktrittsankündigung Berlusconis griff das Virus nun endgültig auf Frankreich über. Der Risikoaufschlag für französische Staatspapiere mit zehnjähriger Laufzeit stieg im Vergleich mit den entsprechenden deutschen Anleihen auf 1,47 Prozent. Vor einem Jahr lag die Differenz noch bei 0,45 Prozent.
Während der deutsche Regierungssprecher das von der französischen Regierung angekündigte Sparpaket als »gutes Beispiel für verantwortliches Handeln« bezeichnete, sprechen die Märkte ein ganz anderes Urteil. Sie haben erhebliche Zweifel an der AAA-Bonität Frankreichs und gehen mehrheitlich von einer bald erfolgenden Herunterstufung aus. Spätestens im Januar könnte es so weit sein. »Das Wort Pleite ist nicht länger nur abstrakt«, warb mit drastischen Worten Premierminister François Fillon um die Zustimmung seiner Landsleute zum neuen Sparpaket der Regierung, das unter anderem eine Erhöhung der Mehrwertsteuer vorsieht. Schon in den nächsten Tagen könnte es in Frankreich zu neuen Massenprotesten der Gewerkschaften kommen. Spielräume hat die Regierung nicht, immerhin dürfte die französische Wirtschaft im nächsten Jahr um bestenfalls ein Prozent wachsen. Bis vor kurzem war die Regierung noch von 1,7 Prozent ausgegangen. Wenn kein Wunder geschieht, wird Sarkozy seinem Kollegen Berlusconi schon in wenigen Wochen in den Ruhestand folgen.
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