Schweizer Vabanque-Spiel: Mindestkurs für Franken könnte Hunderte von Milliarden kosten
Michael Brückner
»Koste es, was es wolle« – diese ebenso trotzig wie fatalistisch klingende Maxime scheint zum letzten Mittel der Regierungen und Notenbanken im Währungskrimi rund um den Euro zu werden. Jetzt hat auch die Schweizer Nationalbank (SNB) die Schleusen geöffnet. Ab sofort soll ein Euro mindestens 1,20 Franken kosten. Die eidgenössischen Währungshüter wollen diesen Kurs mit »aller Konsequenz« durchsetzen und seien bereit, »unbeschränkt Devisen zu kaufen«. Offenkundig hat die SNB den letzten Rest an Zuversicht aufgegeben, die Euroländer könnten ihre Währungskrise doch noch in den Griff bekommen. Zur Rettung ihrer Wirtschaft gehen die Schweizer enorme Risiken ein.
Weil immer mehr Anleger angesichts des Euro-Desasters in den Schweizer Franken flüchten, wertete die Währung des Nachbarlandes in den vergangenen Monaten deutlich auf. Gegenüber dem Euro legte das »Fränkli« allein seit Jahresbeginn um rund zehn Prozent zu. Für Schweizer, die im benachbarten Deutschland einkaufen können, eine höchst willkommene Entwicklung. Für die eidgenössische Wirtschaft aber ein Problem von erheblicher Brisanz. Produkte aus der Schweiz verteuerten sich im Ausland erheblich – zumal der Franken auch gegenüber dem US-Dollar kräftig zulegte. Die exportorientierte Industrie schlug Alarm, ebenso wie die Tourismusbranche, denn ein Urlaub im Nachbarland drohte für Euro-Ausländer zum Luxus zu werden. Selbst die erfolgsverwöhnte Schweizer Uhrenindustrie reagierte sorgenvoll. »Unsere Preise für den Euroraum müssen wir heute faktisch schon 1:1 kalkulieren«, sagte uns ein Baseler Uhrenfabrikant vor wenigen Tagen.
In der Exportwirtschaft und Tourismusbranche mag man den Mindestkurs für den Euro daher begrüßen. Auch die meisten Medien spendeten – wenngleich schon etwas zurückhaltender – Beifall. Als »Ultima ratio« wurde der Schritt der SNB kommentiert. Und in der Tat war es in den vergangenen Wochen weder mit einer Nullzinspolitik noch mit einer Ausweitung der Liquidität gelungen, die bedrohliche Stärke der Schweizer Währung einzudämmen. Jedes fünfte Schweizer Exportunternehmen bange um seine Existenz, heißt es in einer Studie des Dachverbands Economiesuisse.
Die SNB zog also in letzter Minute die Notbremse, weil sie offenbar nicht mehr glaubt, dass die Verantwortlichen in der Eurozone ihre Schuldenkrise entschärfen können. Genau das aber könnte diese Notoperation extrem teuer machen. Nationalratsmitglied Ruedi Noser von der Schweizer FDP bringt es auf den Punkt: »Wir binden die Schweiz temporär an die Geldpolitik der Eurozone. Im Prinzip eine Wette auf Sarkozy, Merkel und Berlusconi.« Bei einer absehbaren weiteren Verschärfung der Euro-Krise wird eher mehr als weniger Kapital in den Schweizer Franken fließen. Und für die SNB würde es somit immer teurer, den Mindestkurs durchzusetzen. Bei geringsten Zweifeln an der Konsequenz der Schweizer Notenbanker dürfte überdies eine gewaltige Spekulationswelle einsetzen. Am Ende bliebe der SNB nur die Kapitulation oder die Inkaufnahme sehr hoher Inflationsraten, die im Grunde nichts anderes wären als eine Enteignung der Sparer. »Wir müssen diesen Krieg gewinnen«, sagt denn auch der SVP-Politiker Christoph Blocher martialisch.
Der ehemalige Banker und SVP-Nationalrat Hans Kaufmann hat schon einmal ausgerechnet, was es kosten wird, einen Mindestkurs mit glaubwürdiger Konsequenz zu halten. Er rechnet mit sage und schreibe Hunderten von Milliarden Franken in den nächsten Monaten. Niemand wisse zur Zeit, wie teuer das Experiment letztlich werde, sagt Thomas Flury vom Schweizer Bankkonzern UBS. »Vielleicht 70 Milliarden, vielleicht 700 Milliarden Franken.« Manche gehen sogar von einer Billion aus.
Die Verantwortlichen der SNB standen geradezu vor einer schizophrenen Herausforderung: Die Notoperation hätte möglicherweise einen Sinn ergeben, wenn es gute Aussichten gäbe, dass zumindest mittelfristig das Euro-Desaster entschärft würde. Weil damit in der Schweiz aber niemand rechnet, sondern – im Gegenteil – ein noch stärkerer Franken aufgrund eines weiter zunehmenden Stroms an Fluchtkapital befürchtet wird, stemmt sich die SNB gegen den Markt. »Solange die Eurozone die Schuldenkrise nicht bewältigt, wird es für die Nationalbank keine Ruhe geben«, fürchtet der Analyst Flury. Und das könne noch Jahre dauern.
Kurzfristig ist davon auszugehen, dass die Märkte die Konsequenz der Schweizer mehreren Härtetests unterziehen werden. Sobald der Kurs unter 1,20 Franken pro Euro fällt, setzen computergesteuerte Euro-Käufe ein. Die Entscheidung der SNB bleibt ein gefährliches Vabanque-Spiel.
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