
Deutschland als Gewinner der Weltrezession, alle Signale stehen auf Aufschwung, die Wirtschaftsleistung wird steigen und die Arbeitslosigkeit sinken. Schon preisen die Mainstreammedien das »deutsche Wirtschaftssommermärchen«. Hurra, alles ist gut! Das Volk ist ruhig und bei Brot und Spielen (Fußball-WM) kann man klammheimlich seine »Erfolgspolitik« so weiter betreiben wie bisher. Und das Beste: Die meisten glauben das auch noch!
Nur wenige Menschen fragen sich: Halt, da war doch noch was? Ach ja, die riesige Verschuldung, aber das ist ja kein Problem, denn wir machen ja nicht noch mehr Schulden. Und allein das reicht aus, um es als riesigen Erfolg zu feiern. Kein Wort davon, dass wir die jetzigen Schulden erst in etwa 700 Jahren abbezahlt haben, kein Wort von den maroden Sozialversicherungssystemen, dem drohenden Kollaps der Krankenkassen und den Milliardenzuschüssen für die Rentenkasse … Nein, das passt nicht rein, die Medien wollen ein Sommermärchen, und deshalb wird es auch so propagiert – und zwar ohne Rücksicht auf die Wirklichkeit. Aber die sieht alles andere als märchenhaft aus. Hier nur vier Beispiele:
1. Deutsches Bankenrettungspaket wird verlängert
Im Jahr 2008 beschloss die damalige schwarz-rote Bundesregierung ein 480 Milliarden Euro schweres Rettungspaket für Banken, um »eine beträchtliche Störung im Wirtschaftsleben Deutschlands zu beheben«, das jetzt auslaufen sollte. Es sah Garantien, Eigenkapitalspritzen und die Übernahme risikoreicher Wertpapiere durch den Staat vor. Jetzt hat die EU-Kommission die Erlaubnis für das deutsche Bankenrettungspaket bis Ende 2010 verlängert. Wieso das, wenn doch alles gut ist?
2. Die Angst vor der Pleite Griechenlands kehrt zurück
Die Kosten, um sich gegen einen Ausfall von griechischen Anleihen zu versichern, sind auf ein neues Rekordhoch gestiegen. Für eine Kreditversicherung (CDS) mussten erstmals höhere Beträge gezahlt werden als Anfang Mai. Damit liegen sie auch nach den Griechenland- und Euro-Rettungspaketen über dem Höchststand. Die Rendite von zehnjährigen Anleihen stieg auf 10,4 Prozent. Diese Höhe hatten sie zuletzt vor dem 10. Mai erreicht, dem Tag vor dem Rettungspaket. Die Angst vieler Anleger vor der Zahlungsunfähigkeit oder einem möglichen Kapitalschnitt ist zurückgekehrt. Aber warum, wenn doch alles gut ist?
3. Die Lage für Portugals Banken wird immer schwieriger
Portugals Banken machen sich immer abhängiger von der Europäischen Zentralbank (EZB). Die Kreditsumme bei der EZB verdoppelte sich nun auf Monatsbasis. Demnach haben sich portugiesische Banken im Mai rund 35,8 Milliarden Euro bei der Zentralbank geliehen, weil sie wegen der hohen Schulden des Landes und des enormen Misstrauens an den Kapitalmärkten kaum noch Geld auf dem Interbankenmarkt bekommen. Aber weshalb ist das so, wenn doch alles gut ist?
4. Der Immobilienmarkt in den USA ist in sich zusammengefallen
Der Absatz von Eigenheimen in den Vereinigten Staaten ist im Mai um 32,7 Prozent eingebrochen. Grund dafür ist das Auslaufen einer Steuervergünstigung. Einen so starken Rückgang hat es noch nie gegeben. Diese Entwicklung deutet darauf hin, dass der Immobilienmarkt trotz staatlicher Stützungsmaßnahmen immer noch nicht auf eigenen Beinen stehen kann. Aber warum, wenn doch alles gut ist?
Die Antwort ist banal: Das vermeintliche Sommermärchen bleibt das, was es im wahrsten Sinne des Wortes ist – ein Märchen.
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Quelle:
Handelsblatt vom 24.06.2010
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