London: Toter Agent zerstückelt in Reisetasche
Udo Schulze
Der mysteriöse Mordfall an einem Agenten beschäftigt derzeit die Polizei in London. Der etwa 30 Jahre alte, noch nicht zweifelsfrei identifizierte Mann soll Mitarbeiter des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6 gewesen sein. Seine zerstückelte Leiche wurde in einer Reisetasche gefunden. Er ist nicht der einzige Agent, der in den vergangenen Jahren einen gewaltsamen Tod an der Themse starb.
.jpg)
Nach Angaben von Scotland Yard stand die Tasche mehrere Wochen im Badezimmer eines Appartements im vornehmen Londoner Viertel Pimlico, wenige Meter von der MI6-Zentrale entfernt. Anwohnern zufolge verhielt sich der Mann zu Lebzeiten äußerst konspirativ, hielt die Fenster seiner Wohnung geschlossen und zog die Vorhänge zu. Kaum jemand sah ihn kommen oder gehen. Nur wenige Nachbarn wechselten belanglose Worte mit ihm, wobei sein walisischer Akzent aufgefallen sein soll. Der mutmaßliche Agent war vor wenigen Tagen von seiner eigenen Behörde als vermisst gemeldet worden. Wer seine Leiche entdeckte, wollte die Polizei nicht sagen. Ob der Tod des Mannes mit einer Geheimdienstaktion in Zusammenhang steht oder andere Ursachen hat, sei noch völlig offen. Noch am Mittwoch wurde in London ein 21-Jähriger verhaftet, der in Zusammenhang mit einer an den MI6 gerichteten Paketbombe stehen soll. Der MI6 führt für die britische Krone im Ausland Spionageaufträge durch und galt im Kalten Krieg als einer der effektivsten Geheimdienste der Welt. In seiner Aufgabenstruktur entspricht er in etwa dem deutschen Bundesnachrichtendienst (BND).
London – neben Wien und Paris eine der wichtigsten »Agentenstädte« der Welt – wurde bereits mehrfach zum Grab von Geheimdienstlern. Der spektakulärste Fall dieser Art ereignete sich im Jahr 2006. Der ehemalige russische Geheimdienstler Alexander Litwinenko hatte zum Ende der 1990er-Jahre den KGB-Nachfolger SWR der Anstiftung zum Mord bezichtigt, war daraufhin verhaftet worden und im Jahr 2000 mit seiner Familie nach London gekommen, wo er politisches Asyl erhielt. Anschließend soll der Russe ebenfalls für den MI6 gearbeitet haben. In mehreren öffentlichen Äußerungen beschuldigte Litwinenko den früheren Geheimdienstchef Wladimir Putin, an den Machenschaften des SWR beteiligt gewesen zu sein. Im November 2006 soll der Agent in einem Londoner Hotel durch mit radioaktivem Polonium-210 versetzten Tee vergiftet worden sein und verstarb wenige Wochen später an den Folgen.
Ein Jahr danach wurde ein mutmaßlicher Mossad-Agent in London Opfer eines unnatürlichen Todes. Es handelte sich dabei um den Ägypter Ashraf Marwan, Schwiegersohn des ehemaligen ägyptischen
Präsidenten Gamal Abdel Nasser. Marwan, der vielfacher Millionär war, soll einen Großteil seines Vermögens durch Waffengeschäfte gemacht haben. Der Mann wurde tot im reichen Londoner Vorort Myfair aufgefunden. Die Hintergründe sind bis heute nicht geklärt.
Ähnlich ominös verhielt es sich mit dem Mord an dem bulgarischen Dissidenten Georgi Markov, der den Anfang seines Endes auf einer belebten Londoner Straße bei regnerischem Wetter erfuhr. Markov wurde im Jahr 1978 von einem bulgarischen Agenten »versehentlich« angerempelt und dabei von dessen Regenschirm getroffen. Wie die Behörden später rekonstruierten, befand sich in der Spitze des Schirms eine mit langsam wirkendem Gift präparierte, winzige Kugel, die dem Dissidenten in den Oberschenkel geschossen wurde. Drei Tage später starb der Bulgare an der ihm verabreichten Dosis. Da war sein Mörder schon längst außer Landes.
© 2010 Das Copyright dieser Seite liegt, wenn nicht anders vermerkt, beim Kopp Verlag, Rottenburg
Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Meinung des Verlags oder die Meinung anderer Autoren dieser Seiten wiedergeben.