
China ist heute die zweitgrößte Volkswirtschaft auf der Erde, nachdem die Volksrepublik am Nachbarn Japan dieses Jahr vorbeigezogen ist. Ein solches Wachstum generiert gigantische Mengen an Geld, die als Überschuss auf Betätigung warten. Insofern wundert es nicht, dass China nun der fünftgrößte Investor der Welt ist. Die Unternehmen der Volksrepublik tragen ihre Überschüsse in andere Länder, um dort Beteiligungen zu erwerben und das Kapital weiter wachsen zu lassen. Knapp 57 Milliarden Dollar haben chinesische Firmen 2009 weltweit in Unternehmen gesteckt. Dabei ist besonders bemerkenswert, dass China 2009 den fünften Rang nicht aus der Nachbarschaft erklommen hat: 2008 war die Volksrepublik noch auf Platz 12!
Das rasante Wachstum und der ökonomische Wandel werden aber auch noch an einem anderen Beispiel offenbar: Im Jahr 2002 betrug das gesamte Investitionsvolumen Chinas im Ausland gerade einmal 2,2 Milliarden Dollar. Lassen Sie diese Gegebenheit ruhig einen Moment auf sich wirken.
Die chinesischen Investitionstätigkeiten konzentrieren sich größtenteils auf die direkten Nachbarn: Fast ¾ des chinesischen Kapitals befindet sich in Asien oder Ozeanien; die USA haben gerade einmal einen Anteil von knapp unter 3 Prozent ihrer eigenen Dollars resorbiert. Europa hat rund 6 Prozent der chinesischen Investitionen aufgenommen. Auch die direkten Auslandsinvestitionen in China sind beachtlich. Insgesamt wurden im letzten Jahr mehr als 100 Milliarden Dollar von ausländischen Firmen in chinesische Unternehmen investiert. Und die Tendenz ist steigend, sowohl was chinesische Investitionen im Ausland als auch Direktinvestitionen in China betrifft.
Das globale Finanzkapital wächst nicht zuletzt durch die Beteiligung Chinas stetig an. Dieses Kapital ist aufgrund der globalen Verstrickungen keiner Volkswirtschaft mehr zuzuordnen und keiner Nation mehr verpflichtet. Es ist weltweit auf der ständigen Suche nach weiterer Betätigung und vor allem nach Zins.
Jene Gelder, die die Chinesen nicht auf dem internationalen Investitionskarussell unterbringen können, werden in heimische Unternehmen investiert oder gehen im heimischen Konsum auf. Ein sehr gutes Beispiel hierfür sind die Verkaufszahlen aus der Automobilindustrie. Fast 14 Millionen Neuwagen wurden im letzten Jahr verkauft und die Produktionskapazitäten für Neufahrzeuge somit fast gänzlich ausgeschöpft. Dieser Umstand hat nun den Wunsch nach weiteren Investitionsvorhaben bei den Automobilherstellern geweckt, und man will die Produktionskapazitäten in den nächsten Jahren nahezu verdoppeln.
Solche Aussagen sind aber mit Vorsicht zu bewerten, denn diese Produktionsstätten entstehen nicht über Nacht, und auch die Mitarbeiter, die die Anlagen bedienen, müssen vorhanden und geschult sein. Weitere Herausforderungen liegen in der Logistik und in der Beschaffung von den Zulieferbetrieben, die ebenfalls auf dieses Wachstum eingestellt werden müssen.
Ein wirkliches Problem liegt aber im Wachstum selbst: Sollten die Produktionskapazitäten wirklich derart rasant wachsen (nicht nur in der Automobilindustrie, sondern generell), begibt sich die Volksrepublik in eine gefährliche, stetig wachsende Konsumabhängigkeit. In einer gesunden Volkwirtschaft stehen sich Angebot und Nachfrage im Gleichgewicht gegenüber. Und solange die Chinesen genug Geld haben, die Nachfrage aufrechtzuerhalten, ist dieses Gleichgewicht gegeben. Mit dem Geld ist es aber ebenfalls so eine Sache: Je umfangreicher die oben beschriebene Einbindung in das internationale Zinssystem vorangetrieben wird, umso weniger Geld werden die Haushalte zukünftig haben, denn der Zins wird den Wohlstand von der breiten Masse aufsaugen und statistisch nach oben verteilen. Sollten die Chinesen irgendwann einmal anfangen müssen zu sparen, könnte die geringere Nachfrage der Milliarden Haushalte ganz schnell eine Rezessionsspirale in Gang setzen, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Da werden sich die Finanz-Tsunamis der letzten Jahre anfühlen wie ein beschauliches Wellenbad am Sonntag.
Es sollte niemals vergessen werden, dass Chinas Wirtschaftswachstum alle bisher gekannten Rekorde gebrochen hat. Sollte sich das Blatt irgendwann wenden
(und wer die Geschichte kennt, weiß, dass es sich wenden wird), dann ist der Pendelschlag in die entgegengesetzte Richtung mit ungleich höherer Geschwindigkeit und unabschätzbaren Konsequenzen zu erwarten. Das wird zwar niemand wollen, aber die Wahrscheinlichkeit ist gegeben, und es sollte gewarnt werden. Einer muss es ja tun, denn die vielen westlichen Wirtschaftsberater, die in China für die Regierung tätig sind, scheinen ausschließlich im Heute der schnellen Gewinne zu leben. Für die Umwelt und für die Bevölkerung ist aber ein lebenswertes Morgen sogar noch wichtiger.
Wie sagt man so schön im Englischen: Don’t shoot the messenger!
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